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This is London
von Katharina Horstmann | 5. Oktober 2011
Er lag wie ein dichtes graues Leichentuch über der Stadt, raubte die Sicht und brachte den Verkehr zum Erliegen: Londons berüchtigter Winternebel gab bis zu seinem Verschwinden in den fünfziger Jahren Anlass für vielerlei Erzählungen, und auch heute noch wird die britische Hauptstadt immer wieder mit dem meteorologischen Phänomen assoziiert. Der japanische Designer Nendo etwa wählte die Erscheinung für eine Installation, die er mit „City of Fog" betitelte. Sie setzt sich aus Hunderten Papierblättern zusammen, die mit Auszügen von Londoner Stadtplänen bedruckt sind und scheinbar willkürlich an der Wand angebracht eine undurchdringliche, räumliche Tiefe bilden.

„City of Fog" wurde Ende September im Rahmen von „My London", einer von Established & Sons initiierten Veranstaltungsreihe in deren Showroom gezeigt. Sie war Teil der Ausstellungen des London Design Festival 2011, das in diesem Jahr zum neunten Mal stattfand und neben der belanglosen Messe „100% Design" knapp 300 über die Stadt verteilte Randveranstaltungen umfasste. Das neuntägige Festival reicht zwar nicht an die grossen Möbelmessen in Mailand, Köln oder Paris heran, ist jedoch zu einer Plattform für junge Talente avanciert, die jedes Jahr im September Unternehmen, Einzelhändler und Sammler in die Stadt zieht, um ihnen neue Arbeiten der lokalen und internationalen Designszene zu präsentieren.

So inszenierten auch in diesem Jahr die Organisatoren des Festivals Vorträge, Debatten und Installationen im Victoria & Albert Museum in Kensington. Zu sehen war unter anderem „Textile Field", eine von Erwan und Ronan Bouroullec in Zusammenarbeit mit dem dänischen Stoffhersteller Kvadrat entworfene, dreissig mal acht Meter grosse Teppichlandschaft inmitten der Raphael Galerie. An der Royal Festival Hall in South Bank wiederum wurde im Rahmen von „Size & Matter" ein temporärer Glaspavillon präsentiert, der dieses Jahr von David Chipperfield gestaltetet worden ist. Und auch Christopher Wrens St Paul's Cathedral öffnete ihr südwestliches, turmartiges Treppenhaus mit einer Installation von John Pawson in Zusammenarbeit mit Swarovski: Inmitten des Raumes stand eine grossformatige Kristalllinse auf einem verspiegelten, halbkugelförmigen Sockel, die dank einer zweiten, an der Decke angebrachten Linse den spiralförmigen Treppenaufgang ins Unendliche spiegelte.

Doch es waren die kleinen, informelleren Veranstaltungen, die das London Design Festival sehens- und erlebenswert machten, Orte offenbarten, die in der Regel nicht zugänglich sind, und die Stadt von einer anderen, intimeren Seite zeigten. In South Kensington ging es abseits des Victoria &Albert Museums und der alteingesessenen Schauräume weniger pompös zu. Hier erschlossen sich im so genannten „Brompton District" schäbige Kellerwohnungen, ehemalige Restaurants, anonyme Grossraumbüros, verlassene Militärhallen oder alte Autoreparaturwerkstätten dank eines Eigentümers, der die Immobilien jungen Designern, vorrangig Absolventen des Royal College of Art, für die Festivaltage zur Verfügung stellte. Die Patronage gab den Kreativen die Möglichkeit, mit einem anderen Ansatz an ihre Werkschauen zu gehen. Anstatt einfach einen Einblick in ihre aktuellen Arbeiten zu geben, nutzten sie die Gelegenheit, eigene Ausstellungen zu kuratieren.

So illustrierte eine Designergruppe in einer Kellerwohnung das Leben einer fiktiven Person namens Vera, das auf dem Fund von Fotografien einer unbekannten Frau beruht. Der in London lebende Kanadier Philippe Malouin interpretierte ein Bild von Veras Mutter mit dem Entwurf von Betonschalen namens „1:4", die den mütterlichen Charakter darstellen sollen: steif und rigoros. Der Spanier Tomás Alonso hingegen wählte ein Foto mit Vera auf einem Pferd und entwarf eine Leuchte, ein Tablett und Regale aus ledernem Zaumzeug. In einem verlassenen China-Restaurant präsentierte Peter Marigold in der Gruppenausstellung „Methods of Imitation" eine „hölzerne" Vasenserie. Dank der Nutzung kleiner Holzstreifen hatte der britische Designer eine ihre Textur aufgreifende Form aus Wachs hergestellt, die er als Gussform für verschiedene Gefässe aus Gips oder Metall verwendete. In einem unauffälligen Bürogebäude in unmittelbarer Nähe zeigte ein weiteres Kollektiv Arbeiten, die auf der Beobachtung von Städten basieren. Der in London lebende Israeli Alon Meron hatte sich von den einfachen, in Grossbritannien üblichen Holzlattenzäunen anregen lassen und für die Ausstellung Holzjalousien mit dem Titel „Multiplicity" entworfen, die die Form des Astes bewahren, aus dem sie hergestellt werden.

Jedes Jahr sind es immer wieder diese frischen, von Designern und nicht den Organisatoren des London Design Festival initiierten Ausstellungen, die dank der lokalen und internationalen Mitwirkenden nicht nur eine perfekte Reflexion des vielseitigen Londons bilden. Vielmehr zeigen sie den Unterschied eines Designfestivals zu einer Messe – ein Erlebnis ohne Objektansammlungen, sondern mit durchdachten und weniger austauschbaren Erzählungen von Geschichten.

www.londondesignfestival.com
Aus der Ausstellung „Vera, Chapter One“, Betonschalen „1:4“ von Philippe Malouin
Temporärer Glaspavillon im Rahmen von „Size & Matter“ von David Chipperfield, Foto: Susan Smart
Aus der Gruppenausstellung „Methods of Imitation“
Aus der Gruppenausstellung „Methods of Imitation“: Vase „Wooden Forms“ von Peter Marigold
Ausstellung „Multiplicity“: Holzjalousie von Alon Meron
Ausstellung „Multiplicity“: Holzjalousie von Alon Meron
St. Paul’s Cathedral, Installation „Geometric Staircase“ von John Pawson
Established & Sons Showroom-Installation von Nendo
Established & Sons Showroom-Installation von Nendo
Established & Sons Showroom
Installation „Textile Field“ von Studio Bouroullec, Foto: Studio Bouroullec und V&A Images, Victoria and Albert Museum
Installation „Textile Field“ von Studio Bouroullec, Foto: Studio Bouroullec und V&A Images, Victoria and Albert Museum
Installation am V&A Museum von Amanda Levete Architects
St. Paul’s Cathedral, Installation „Geometric Staircase“ von John Pawson, Blick hinauf
John Pawson