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Viel Lärm um nichts
von Daniel von Bernstorff | 26. Juni 2009
In den letzten Wochen standen in Deutschland zwei bedeutende Persönlichkeiten im Fokus, die die deutsche Demokratie in der Nachkriegszeit entscheidend beeinflusst haben. Der Tod von Ralf Dahrendorf und der 80. Geburtstag des Philosophen Jürgen Habermas, der in der Nachfolge von Theodor W. Adorno Ansätze der Frankfurter Schule weiterführte, waren Anlass für eine Bestandsaufnahme der Diskussionskultur und des intellektuellen Diskurses in Deutschland, für den beide auf ihre jeweils ganz unterschiedliche Weise standen. Das Bild des FDP-Politikers Dahrendorf, der sich auf dem Höhepunkt der Studentenproteste einer Diskussion mit dem Studentenführer Rudi Dutschke stellte und die unzweifelhaft zentrale Rolle, die Habermas mit seinem Beharren auf dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments für die Entwicklung der Diskussionskultur nach dem Krieg gespielt hat, erscheinen uns heute aktueller und wichtiger denn je.

Zugegebenermaßen ist es von Dahrendorf und Habermas zur Designmesse „Design Miami Art Basel", die Anfang Juni zeitgleich mit der Art Basel stattgefunden hat, ein ebenso kühner wie gewagter Schritt. Doch wenn man den Mangel an Diskursfähigkeit und Offenheit beschreiben will, der auf dieser Veranstaltung zu beobachten war, darf ein Verweis auf die beiden Herren vielleicht doch erlaubt sein.

Denn was in der Welt des Designs immer noch nicht existiert, ist eine wirkliche Auseinandersetzung und Diskussion über ihr Wesen und ihre Stellung innerhalb und ihre Abgrenzung gegenüber den künstlerischen Disziplinen. Gerade in der direkten Auseinandersetzung mit der Kunst, wie sie auf der Art Basel so selbstbewusst und stark zelebriert wird, hätte hier eine große Chance gelegen, die leider - so darf ich vorwegnehmen - in keiner Weise genutzt wurde.

„The global forum for collecting, exhibiting, discussing and creating design" - so lautet der hochgesteckte Anspruch der Designmesse, die in diesem Jahr erstmals auf dem Messegelände selbst und in unmittelbarer Nähe zur Art Basel stattfand. Doch statt einer echten Diskussion über das, was Design - gerade im Vergleich zur Kunst - ausmacht, bot die Design Miami eine Auswahl scheinbar unkuratiert zusammmengestellter Galerien, die ein Sammelsurium aus Kunsthandwerk und Designklassikern unkommentiert in den Raum stellten. Relevante Aussagen zum zeitgenössischen Design, wie sie beispielsweise die Galerien Kreo in Paris, Schellmann in München oder Moss in New York regelmäßig liefern - Fehlanzeige. Sie waren nicht nach Basel gekommen, vielleicht aus dem Wissen heraus, dass sie hier nicht das richtige Umfeld erwartete. Stattdessen Altbekanntes von Marc Newson - ja, wir wussten schon, dass seine Tische 300.000 Dollar kosten - und anderen Altmeistern. Auf der Art Basel war übrigens ein Baumstumpf aus Kautschuk des Künstlerduos Fischli/Weiss ausgestellt, für den fast der gleiche Preis aufgerufen wurde. Ein kleines Beispiel, an dem man trefflich eine Diskussion über Kunst und Design hätte entfachen können. Diese aber blieb aus.

Im kaum beachteten hinteren Bereich der Halle gab es eine kleine Präsentation von vier sogenannten „Future Designern". Ohne Kommentar und Erklärung bot sich dem Betrachter auch hier kein Anhaltspunkt für eine Auseinandersetzung mit den gezeigten Positionen. Das Galeriekonzept - die Veranstaltung war übrigens sichtlich nicht ausgebucht - verhinderte zudem eine stringente Ausstellungsarchitektur, die für eine Diskussion über Design dringend vonnöten gewesen wäre.

Dem Erfolg der Design Miami tat all dies - wenn man der einschlägigen Presse und Besuchern wie Brad Pitt folgen darf - scheinbar keinen Abbruch. Die „hippste" Designmesse sei sie, gar die beste Designmesse der Welt. Wenn das so sein sollte, müssen wir uns um die Disziplin Design große Sorgen machen. Es bleibt die Hoffnung, dass sich irgendwann doch ein kritisches Format durchsetzen wird, bei dem es um eine wirkliche Auseinandersetzung geht, um eine Diskussion über Sinn und Zweck, Aufgaben und Grenzen. Bei der wirklich Zeitgenössisches gezeigt und auf Augenhöhe diskutiert wird. Ein bisschen mehr Dahrendorf und Habermas, und womöglich auch etwas Designkritik, das muss doch möglich sein!

www.mossonline.com
www.schellmannfurniture.com
www.galeriekreo.com
Skandinavische Klassiker bei Jacksons aus Stockholm und Berlin
Galerie Dewindt, Brüssel
Tree trunk chair von Bo Young Jung & Emmanuel Wolfs bei Galerie Gabrielle Ammann, Köln
Extruded table 3 von Marc Newson bei Stuart Parr und Gagosioan Gallery, New York
Kuriositäten von Ted Noten bei Priveekollektie, Niederlande
Sessel von Jean Prouvé, Leuchte von Jean Royère bei Galerie Patrick Seguin, Paris Alle Fotos © Franziska Holzmann
Liquor Master von Atelier van Lieshoult gezeigt bei Vivid Gallery, Rotterdam
Evolution von Nacho Carbonell bei Galleria Rossana Orlandi, Mailand
Crushed Love von Gim Hon Gsok bei Galerie Gabrielle Ammann, Köln