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Vorne ist immer hinten - von 49.602.623 Autorückseiten
von Silke Gehrmann-Becker | 14. September 2009
Ob Edmund Husserls „Phänomenologie der Erkenntnis", Jean Baudrillards „System der Dinge" oder die bekannteste Deutung des Paul Klee Bildes „Angelus Novus" von Walter Benjamin - die Rückseite der Dinge, die Abwesenheit der Sichtbarkeit und somit sichere Gewissheit des Daseins, fordert schon lange nicht nur Philosophen und Soziologen. Seitdem das Design den Kinderschuhen entwachsen ist und CAD die Summe aller Einzelteile bildet, wird das eigentlich nicht oder auch nur wenig Sichtbare eliminiert. Es herrscht das ganzheitliche, das umfassende, das 360° Gestaltungsprinzip. Dabei gibt es durchaus eine Daseinsberechtigung des „Hinten". In manchen Situationen macht die Kehrseite ihrem Namen alle Ehre und befindet sich dauerhaft, also als allgegenwärtig präsente Vorderseite, im Blickfeld des Betrachters: Während einer Autofahrt ist vorne immer hinten. Und ganz gleich, in welchem Modell der Fahrer sitzt und wie lange seine gewählte Strecke ist, er wird, rein statistisch betrachtet, mehr als eine Rückseite zur Orientierung seiner Vorwärtsbewegung heranziehen. Denn deutschlandweit waren am 1. Januar dieses Jahres 41.321.171 Personenkraftwagen gemeldet; zählt man noch Lastkraftwagen, Krafträder und -omnibusse, sonstige sowie Forst- und Landwirtschaftliche Maschinen dazu, weist das Kraftfahrt-Bundesamt die stolze Summe von 49.602.623 Rückseiten aus. Und jedes Jahr, auf der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA mit mehr Tamtam als an anderen Tagen, kommen neue hinzu.

Doch was genau bedeutet es für das eigene Fahrverhalten, die Laune, die Psyche - und nicht zuletzt das Designbewusstsein -, hinter einer Rückseite herzufahren, ihre Bewegung zu analysieren, die eigene Vorderseite möglichst nah an sie heranzubringen, gleichzeitig die eigene Rückseite wiederum möglichst weit weg von einer nahenden Vorderseite zu halten?

Wie weit und was ist vorne?

Rückseiten lassen sich, im ersten Schritt noch gänzlich ohne Marken-, Modell- und Design(er)zuordnung, in unterschiedliche Sicht-Typen klassifizieren. Ausgehend von einem Blick durch die Windschutzscheibe und dem eigenen Fahrersitz in einem Mittelklassewagen verankert, teilt sich die Welt der Vorausfahrer in solche, die jegliche Sicht durch ihre Heckscheibe versperren, in diejenigen, durch die man mit viel Mühe und einigen Klimmzügen im eigenen Fahrersitz doch einen Eindruck von der Dichte des vorausfahrenden Verkehrs erhalten kann, und in optimal transparente, durch die auch der übernächste Verkehrsteilnehmer und dessen Reaktionen, sprich Bremslichter, noch bemerkt werden können. Einfache Faustregel: Flach und rund liegen hier vor hoch(gebockt) und eckig, es empfiehlt sich für eine günstige eigene Stressbilanz zu Letzteren genügend Abstand zu halten. Insgesamt scheint zu Beginn der Rückseitenbetrachtung die Aufmerksamkeit, Sullivan sei Dank, auf die Funktionalität gelenkt: Leuchten die Bremslichter, das Rücklicht, die Blinker - und wenn ja in welcher Intensität? (Ur)instinktive Gefahrenabwehr punktet vor Designscan. Der folgt, zumindest bei kenntnisreichen Stromlinienanbetern, auf dem Pedal bzw. zeitgleich dem Emblem: LED-Technologie, die vor allem bei Audi zum Markenzeichen geworden ist? Ein Stier, Löwe oder Pferd? Schmale oder breite, runde oder ovale Blinker? Buchstaben oder Ringe? Herkömmliche Endschalldämpfer oder Turbo-Sportversion? Wenn es sich um einen kleinen roten Rennflitzer handelt, könnte es der neue „Abarth 695 Tributo Ferrari" sein, den die Italiener in Frankfurt präsentieren werden. Und sollte jemand bereits eine Erscheinung gehabt haben, die mit acht (!) Auspuffrohren zum Schatten auf der Überholspur wurde, dann haben die im Internet kursierenden Gerüchte um eine Bugatti-Studie zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens wohl Gestalt angenommen. In diesem Fall beeinflusst die imposante Rückseite das Handeln - seinen eigenen Geschwindigkeitsrausch würde man an dieser eher nicht messen.

Wer sitzt da und wie viele?

Während des nächsten Blicks, der zum Nummernschild wandert, das auf den ersten Blick entweder Ortskundige, Randzonenbewohner aus dem Umland, die eigenen Bundeslandgrenzen durchreisende Gäste, europäische Nachbarn oder einen anderen Status (Diplomaten, Staatsdiener etc.) ausweist, werden zugleich alle weitere Faktoren in die Bewertung der Rückseite mit einbezogen, indirekt erfasst und abgespeichert: Die weiteren, auf eine emotionale Schiene wechselnden Reflexionen über die Marke, die Farbe, den Kofferraum, mögliche Aufkleber, die Gestaltung der hinteren Ablage, Geschwindigkeit und nicht zuletzt die Anzahl der besetzten Kopfstützen und das Aussehen sowie Verhalten der Insassen davor sind äußerst wichtige Kriterien für die Beurteilung und das Einsortieren in das korrekte, mit Klischees behaftete Verkehrsteilnehmerhandschuhfach. Denn für das eigene Wohlbefinden - und vor allem Fahrverhalten - macht es einen riesengroßen Unterschied, ob der schwarze Audi A6 mit dem dezenten Schriftzug des weltweit tätigen Unternehmens, einem Herrn mittleren Alters in weißem Oberhemd, der das Anzugjackett an den rechten Haken der Rückbank gehängt hat, der weiße BMW X5 mit noch gerade eben erkennbarer weiblicher, blonder Lockenpracht, die nicht nur an der Ampel rege ihr Handy ans Ohr hält und einen Kindersitz sowie einen Sylt-Aufkleber spazieren fährt, oder aber der mit vier Personen besetzte, bordeaux-rote Ford Mondeo, in dem im Fond Käsebrote gereicht werden und auf dessen Ablage der Reiseführer flattert, für die nächsten Kilometer den Vorausfahrer, die vorausfahrende Rückseite bildet. Denn in diesem Stadium beginnt selbst die nüchterne, analytische Fassade des Designkenners zu bröckeln. Eine vage Vision, die sich innerlich anfühlt als übernähmen Corban Dallas oder Anakin Skywalker das Steuer, als zöge ein Sog alles voran und die Karosserie um einen herum mutiere zum Sternjäger, stellt sich ein. Oder, mit Walter Benjamin gesprochen: „Der Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."
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