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Was uns ein Wasserkocher und eine Leuchte lehren
von Sandra Hofmeister | 18. Juli 2011
Auf der diesjährigen Design Parade in Hyères wurden gleich zwei Entwürfe mit dem „Grand Prix" des Festivals ausgezeichnet. Die Jury überzeugte ein Wasserkocher des Franzosen Jean-Baptiste Fastrez sowie eine Leuchte des Isländers Brynjar Sigurdarson. Einmal mehr wurde deutlich, dass industrielle Massenproduktion sowie Handwerk und Tradition sich gegenseitig bereichern können.

Vom Spritzguss zum Handwerk

Manche Industrieprodukte haben's schwer. Nehmen wir zum Beispiel den Wasserkocher: Im Laden reihen sich diese millionenfach verkauften Geräte zu einer unüberschaubaren Phalanx aneinander. Ein Kocher sieht aus wie der andere, keiner setzt sich vom gängigen Standard aus Kunststoff in kaum variierenden Formen ab. Fast alle bleiben sie nichtssagend und anonym.

Jean-Baptiste Fastrez hat diesen Zusammenhang analysiert und schlägt eine treffliche Lösung vor. Als Mitarbeiter der Gebrüder Bouroullec kennt er die Vorteile der industriellen Serienproduktion sowie der individuellen Handwerkskunst: „Das Ideal eines Industrieobjekts für jedermann steht oft im Kontrast zur Produktion von menschlicheren und beständigeren Objekten, die das einzelne Individuum im Auge behalten", erläutert er die gedankliche Basis für seine Studie, die verblüffende Varianten von Wasserkochern zeigt.

Der elektrische Untersatz, der Griff und der Deckel bleiben in Fastrezs Vorschlag immer gleich, als technische Tools, welche die Funktionalität garantieren. Die Wassergefäße selbst jedoch sträuben sich gegen den Standard der Massenproduktion. Sie sind in Form, Material und Farbe von den Gesetzen der industriellen Herstellung befreit und in unterschiedlichen Werkstätten gefertigt. So wölben sich bauchige Vasen aus schillerndem mundgeblasenem Glas unter einem Kunststoffdeckel, durchaus vereinbar mit der Standardtechnik. Auch als Porzellanbehälter samt ausgreifenden Reifen, so eine zweite Variante, wird der Wasserkocher zu einer funktionalen Skulptur, die ihre Individualität als kunstvoller Alltagsgegenstand unter Beweis stellt. Unter den vorgestellten Modellen behauptet sich auch ein Wasserkocher, dessen Gefäß im Rapid Prototyping-Verfahren hergestellt wurde: ein zerzauster Vogel unter Glas und Porzellan.

Fastrezs Studie liefert hybride Gegenstände, die Kunst und Technik zu einer gelungenen Einheit bringen. Die technischen Tools werden einfach aufgesetzt – die Behälter selbst nach individuellen Wünschen in kleiner Stückzahl gefertigt, wobei alle möglichen Traditionen und Techniken denkbar sind. Eine formidable Idee für den Alltag, der die anonyme Masse immer gleicher Industrieprodukte blass erscheinen lässt.

Eine Lampe als Werkzeug

Wenn Brynjar Sigurdarson mit der ihm eigenen, bedächtigen Art über Island und seine Projekte spricht, dann öffnet sich eine Welt aus nordischen Mythen und archaischen Gebräuchen. Ihnen spürt Sigurdarson auch an der ECAL University of Art and Design in Lausanne nach, wo er nach seinem Abschluss in Reykjavík Produktdesign studiert. Aus seinen Beobachtungen entwickelt er Produkttypologien, die besonders stark im kulturellen Kontext verankert sind und unseren heutigen Alltag bereichern.

Sein „Tool Light" ist so ein Produkt: Am einen Ende eines langen Holzstils wölbt sich ein Kegel aus dünnem Blech zu einem Lampenschirm. Wie Spaten oder Besen reiht sich die batteriebetriebene Leuchte in eine Gruppe von Werkzeugen ein, die aus einem Holzstab samt zusätzlichem Tool bestehen. Als Taschenlampe mit Holzstab lässt sie sich obendrein völlig neu nutzen. „Nur eine Leuchte. Nicht mehr.", kommentierte Li Edelkoort den Entwurf. Nicht mehr – und doch ganz anders, möchte man hinzufügen.

Spontane Ideen, die das Naheliegende aufgreifen und auf einen verwandten Kontext übertragen, bilden den Kern von Brynjar Sigurdarsons Konzepten. Weil seine Projekte so stark mit kulturellen Zusammenhängen verbunden sind, können sie als Artefakte gesehen werden. Dass auch Taschenlampen samt Holzstiel zu solchen gleichzeitig mit der Geschichte verbundenen und dennoch neuen Produkten werden können, egal ob mit kurzem oder mit langem Stab – ist konsequent und dennoch überraschend. Man wünscht sich mehr solche Produkte, die der Kultur des Alltags so nahe stehen und sie doch aus einem neuem Blickwinkel erscheinen lassen.

Design Parade 6
Ausstellung vom 1. Juli bis zum 2. Oktober 2011
Villa Noailles, Hyères, Frankreich
www.villanoailles-hyeres.com

www.jeanbaptistefastrez.com
www.biano.is
„Tool Light“ von Brynjar Sigurdarson
Schalter der „Tool Light“ von Brynjar Sigurdarson
Installation von Brynjar Sigurdarson auf der Design Parade 6
Brynjar Sigurdarson
Plakat Design Parade 6
Eingang Villa Noailles
Garten der Villa Noailles
Wasserkocher von Jean-Baptiste Fastrez
Wasserkocher von Jean-Baptiste Fastrez
Wasserkocher von Jean-Baptiste Fastrez
Technische Teile des Wasserkochers von Jean-Baptiste Fastrez
Wasserkocher von Jean-Baptiste Fastrez
Installation von Jean-Baptiste Fastrez auf der Design Parade 6
Jean-Baptiste Fastrez