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Werkmeister, Wissenschaftler, Organisator
von Sandra Hofmeister | 5. November 2012
Gelassen thront Bekenchon am Eingang der Ausstellung, seine Arme auf den Knien verschränkt, den Blick geradeaus gerichtet. Die Hieroglyphen-Inschrift auf der großen Würfelstatue verrät, dass Bekenchon vom Stallburschen zum Hohepriester aufgestiegen ist – und sie schildert außerdem seine Aktivitäten als Leiter des Tempelneubaus von Karnak. Architekten wie Bekenchon oder Senenmut, der um 1500 vor Christus den Terrassentempel der Königin Hatschepsut baute, wurden im alten Ägypten wie Pharaonen verehrt. Ihre Bauwerke waren mit ihrem Namen verbunden. Sie sind, anders als beispielsweise im Mittelalter, nicht als Werke anonymer Herkunft überliefert.

Die Münchner Ausstellung „Der Architekt – Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes“ holt bis zur Zeit Ramses II. und nach Mesopotamien aus, um das Ansehen von Architekten, ihre Arbeitsmethoden und ihr Wirkungsfeld zu untersuchen. Mit Statuen und Zeichnungen, Gemälden und Modellen, Filmen und Messinstrumenten widmet sich die Schau einem Berufsstand, der über die Epochen und Kulturkreise nicht unterschiedlicher hätte ausfallen können. Das kaleidoskopartige Bild, das so zusammengetragen wird, umfasst fast 5.000 Jahre beruflicher Besonderheiten und skizziert diese an exemplarischen Beispielen bis in die Jetztzeit. Knapp 530.000 Architekten sind heute in Europa registriert, und ihre Aufgaben liegen irgendwo zwischen der Bauleitung von Großprojekten und der Küchenplanung, dem Entwurf von Bühnenbildern und Gutachten zu Energiefragen oder Immobilien. „Der Architekt war Künstler und wird ein Spezialist der Organisation“, hielt Hannes Mayer, ab 1928 Direktor des Bauhauses, fest. Wie aber steht es heute, fast hundert Jahre später, um das Organisationstalent von Architekten, ihre Rolle als Moderator zwischen Bauherren und Bauvorschriften, und um ihr Berufsbild generell?

Winfried Nerdinger, Leiter und Gründer des Architekturmuseums der TU München, hat in seiner Abschiedsausstellung einen sorgfältig recherchierten historischen Überblick zusammengetragen. Fragen nach dem Hier und Jetzt werden dabei leider nur vage angeschnitten. Nerdingers Augenmerk gilt stattdessen den historischen Rollen von Architekten – vom Fürstendiener zum gottgleichen Titanen, und vom Handwerksmeister zum Theoretiker. Der Reiz der Ausstellung liegt in einem Überblick, der zwar die Jetztzeit weitgehend ausblendet, das präsentierte Material aber didaktisch so aufbereitet, dass es für ein breites Publikum und nicht nur für Architekten verständlich wird. Die einzelnen Exponate – seien es Originale aus der Sammlung des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst oder Zeichnungen und Modelle aus dem Archiv des Architekturmuseums, bilden einen abwechslungsreichen Reigen, der von Videos und Filmsequenzen abgerundet wird.

Während sich Bauherren und Stifter im Mittelalter als gleichsam göttliche Auftraggeber präsentieren, bleiben die Namen der Architekten weitgehend unbekannt. Maurermeister, Steinmetze oder Zimmerleute waren verantwortlich für Konstruktion und Detailformung, doch erst um die Mitte des 14. Jahrhunderts wurden Werkmeister zu Persönlichkeiten, deren soziale Stellung sich von gewöhnlichen Handwerkern unterschied. Die Aura des Wissenschaftlers, der sich mit der Antike auseinandersetzt und die Welt als Forscher erkundet, bestimmte die neue gesellschaftliche Anerkennung und den Ruhm des Architekten in der Renaissance. Bramante, Raffael und Michelangelo leiteten die päpstliche Dombauhütte und wurden wie Fürsten begraben. In seinen Viten hielt Giorgio Vasari ihre Biographien fest. Zudem zeigen Medaillen und Skulpturen, dass sich die Rolle von Architekten mindestens so emanzipiert hatte wie ihr Aufgabengebiet, das vom Maschinenbau bis zu Flugobjekten reichen konnte. Der Architekt der Renaissance war ein „uomo universale“, ein Wissenschaftler, Forscher und am Hof integrierter Intellektueller.

Im Galopp bewegt sich der Rundgang von der Barockzeit zur Industrialisierung und Technisierung des Bauwesens. Dirigenten des Bauwesens innerhalb großer Teams werden vorgestellt – zumindest in Gruppenfotos wie dem von „Foster and Partners“. Die Londoner Global Player unter den internationalen Architekturbüros sind mittlerweile in 150 Städten und 50 Ländern vertreten.

Der letzte Saal der Ausstellung gilt den Werkzeugen des Berufsstandes. Schablonen und Reißschienen sind dort zu sehen, außerdem Etuis mit Messinstrumenten und riesige Zirkel mit Holzschrauben. „Wir können nur das entwerfen, was wir zeichnen können“, lautet ein Zitat von Peter Eisenman, das groß an der Wand des Saals angebracht ist. Reisezeichnungen und Skizzen von Louis Kahn bis Sep Ruf und Florian Nagler sind in Vitrinen ausgestellt – beeindruckende Beispiele einer Auffassungsgabe, die den Architekten zum Künstler machen. Letztlich aber stellt sich die Frage, warum digitale Bau- und Konstruktionszeichnungen gänzlich fehlen, obwohl sie doch ein wichtiges Werkzeug der zeitgenössischen Architektur ausmachen.

Winfried Nerdinger verabschiedet sich nach 42, meist eigenen, Ausstellungen mit einem historischen Rundumschlag, der die Gegenwart und Zukunft des Architekten bis auf wenige Exponate im Ungewissen lässt. Sein Nachfolger Andres Lepik wird zeigen müssen, ob und wie er diese Lücke schließt.

Der Architekt – Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes
bis 3. Februar 2013
Pinakothek der Moderne / Architekturmuseum der TU München
www.architekturmuseum.de
Dieses Gemälde von Wilhelm von Kaulbach zeigt die von König Ludwig I. mit der Ausführung monumentaler Bauwerke betrauten Künstler, um 1850, Foto © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München
„Das Auge des Architekten: Coup d'oeil du Théâtre de Besançon" von Claude-Nicolas Ledoux, Paris 1804, Foto © Pinakothek der Moderne, München
Skulptur eines Baumeisters als Atlant im Ostchor des Mainzer Domes, Foto © Bischöfliches Dom- und Diözesanmuseum, Mainz
„Der schlechte Architekt" von Philibert de l'Orme, Paris 1567, Foto © Bayerische Staatsbibliothek, München
Mitarbeiter des italienischen Architekten Aldo Rossi vor dem Wandgemälde 'La citta analoga‘ von Arduino Cantafora, im Rahmen der XV. Triennale di Milano, 1973, Foto © Heinrich Helfenstein
Architekten heute: Mitarbeiter des Londoner Architekturbüros Foster + Partners, Foto © Nigel Young / Foster + Partners
Ein Architekt im Alten Ägypten: Würfelstatue des Bekenchon, um 1320 v. Chr., Foto © Staatliches Museum Ägyptischer Kunst, München / Jürgen Liepe
Statue von Bekenchon, ausgestellt im Rahmen der Ausstellung „Der Architekt“ im Münchner Architekturmuseum, Foto © Sandra Hofmeister
Bildnis eines Baumeisters, um 1470, Foto © Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München
„Der gute Architekt", eine Illustration des französischen Renaissance-Architekten Philibert de l'Orme, Paris 1567, Foto © Bayerische Staatsbibliothek, München
Le Corbusier im Jahr 1956, Foto © Architekturmuseum der TU München / André Villers
Der US-amerikanische Architekt Louis Kahn in seinem Atelier, Foto © Architectural Archives, University of Pennsylvania / George Pohl
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