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Widerstand - erstarrt oder verflüssigt?
von Barbara Basting | 15. Juni 2011
Der Schweizer Personalausweis, „Identitätskarte" genannt, enthält fälschungssichere Elemente. Eines davon ist das Hologramm eines Kristalls. Der glitzernde Bergkristall gehört zur nationalen Ikonografie. Ferienchalets, Hotels und Joghurts heißen „Cristallina", Kristalle sind beliebte Souvenirs, und Naturkundemuseen zeigen gerne Riesenkristalle. Auch die hohe Juwelierdichte in der Schweiz soll hier nicht unerwähnt bleiben. Wenn nun Thomas Hirschhorn mit einem „Crystal of Resistance" als Schweizer Beitrag zur Kunstbiennale von Venedig aufwartet, darf man also neugierig sein, zumal sein Werk als politisch gilt. Eine seiner ersten Arbeiten war die große Installation „Wirtschaftslandschaft Davos" (2001, Sammlung Aargauer Kunsthaus). Hirschhorns Geburtsort ist hier allerdings kein harmloser Zauberberg-Kurort und Expressionistenexil. Davos erscheint als hochgerüsteter „Hotspot" der neoliberalen Mobilmachung während des Hochamts der Globalisierung namens „World Economic Forum". Schon 2001 benutzte der Modellbauer Hirschhorn das Stilmittel der Übertreibung: Das Hochtal wurde zur Kriegszone.

Hirschhorn, ein Schweizer Politkünstler

Erinnern werden muss auch an seine Ausstellung „Swiss-Swiss-Democracy" im Centre Culturel Suisse in Paris 2004/2005. Sie erwies sich als traumatisch für die verwöhnte, politisch eher lethargische Schweizer Kunstszene. Thomas Hirschhorn gelang es doch tatsächlich, der staatlich subventionierten Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia, die für das Centre verantwortlich ist, eine deftige Budgetkürzung einzuhandeln. Denn gewisse Politiker hatten nie zuvor in ihrem Leben vom inszenierten Tabubruch als Stilmittel in der modernen Kunst gehört.

Was war geschehen? In einer Theateraufführung im Rahmen von Hirschhorns Ausstellung hatte ein Schauspieler einen Hund gemimt, der das Bein hob und gegen ein Porträt des damaligen Bundesrats Christoph Blocher von der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei pinkelte. Das Theaterstück von Gwénaël Morin trug noch dazu den Titel „Wilhelm Tell". Allerdings war es für jeden, der in den letzten vierzig Jahren mindestens einmal im Theater gewesen war, unschwer als Regietheater-Burleske zu erkennen. Die Zielscheibe des derben Humors von Hirschhorns Mitstreitern war die politisch bedenkliche Instrumentalisierung sogenannter nationaler Mythen, wie sie Christoph Blocher und seine Getreuen seit Jahren betreiben.

Die Ausstellung untermauerte auch sonst Thomas Hirschhorns wachsenden Ruf als dem eines politischen Künstlers. Er stellte mit den für ihn typischen Zutaten – viel braunes Klebeband, Flugblätter, Handschriftliches, Dokumente, Zeitungen, Bücher, aber auch eine Modelleisenbahn sowie performative Elemente in Form einer Vorlesungsreihe – die Frage nach der demokratischen Verfassung der Schweiz. Eine Ausstellung, die stattfand, während in der Schweiz die Schweizerische Volkspartei unter Christoph Blocher fremdenfeindliche Hetze ins Zentrum ihrer Kampagnen stellte. Hirschhorn dagegen fragte, inwiefern eine Demokratie auch manipulativen Kräften Raum gibt. Unbequeme Fragen insbesondere für eine Nation, die sich gerne als Wiege der direkten Demokratie feiert.

Vor diesem Hintergrund kann, ja muss man Hirschhorns „Crystal of Resistance" auch kulturpolitisch interpretieren: Es ist seine Antwort auf die Einladung zur Biennale durch die eidgenössische Kunstkommission und seine Antwort auf die Skandalisierung seines Werks durch Medien und Politik. Die Einladung erscheint wie eine verspätete Wiedergutmachung. Hinzu kommt: Die Schweizer Post hat pünktlich zur Biennale eine von Hirschhorn gestaltete Briefmarke „Art is resistance" herausgebracht. Und kein Politiker hat aufgemuckt. Wenn das nicht verdächtig ist!

Der nach innen gewendete Kristall

Betrachten wir Hirschhorns Kristall und den Widerstand mal etwas genauer. Erste Beobachtung: Der Kristall ist kein Bilderbuchkristall, dessen Zacken scharfkantig nach außen weisen und ausstrahlen. Er ist eher eine begehbare Riesendruse. Thomas Hirschhorn hat den Schweizer Pavillon von Bruno Giacometti äußerlich kaum verändert, im Inneren dafür bis zur Unkenntlichkeit. Man sollte diese Geste ernst nehmen: Der Künstler entwirft sein Reich, baut eine Innenwelt auf. Was davon nach draußen getragen wird, ist Sache der Besucher. Auch schneiden kann sich nur, wer sich in Hirschhorns Labyrinth wagt – etwa an den Glassplittern auf einem Mäuerchen, das Feinde abwehren soll, oder im übertragenen Sinn an den Fotografien grausam verstümmelter Körper aus den Kampfzonen der Gegenwart.

Weil der Kristall nur nach innen strahlt, kann Thomas Hirschhorn eine nationalistische Interpretation des Kristall-Motivs zurückweisen. Selbst mit der heute gerne vermarkteten „Swissness" will er nichts zu tun haben. „Wenn man durch die Türe schreitet, tritt man hundertprozentig in meine Arbeit ein, und das ist meine Antwort auf alle möglichen nationalistischen Fragen", sagt er dazu. Und weist darauf hin, dass es Kristalle überall auf der Welt gebe – auch wenn ihm der Bezug zum Lokalen recht ist. Denn der „Kristall des Widerstands" geht auf die Begegnung mit Kindern zurück, die er vor fünfzehn Jahren auf dem Parkplatz des Rhonegletschers antraf und die dort kleine Kristalle auf Pappkartons zum Verkauf anboten.

Ein ambivalentes Verhältnis zur Folklore

Hirschhorn pflegt ein ambivalentes Verhältnis zur Folklore, wie sich im Innern der Widerstands-Grotte zeigt. Besonders markant ist die Grotte in der Grotte mit ausgestopftem Murmeltier und Adler – ein geradezu touristisches Display, wie man ihn in einer biederen Hotellobby finden könnte. Allerdings hat das Murmeltier, fast ein Symbol schweizerischer Resistenz gegen widrige Lebensbedingungen (bei Gefahr ab ins Loch), neben sich einen Fächer von Nachrichtenmagazinen liegen. „Bringing the War Home", der berühmte Werktitel von Martha Rosler fällt einem dazu ein. Und der Adler, der bekanntlich Murmeltiere tötet, indem er sie auf Felsen zerschellen lässt, akzentuiert das latente Drama noch.

Thomas Hirschhorns Methode besteht auch diesmal darin, seine Motive jeweils von allen Seiten gründlich abzuklopfen. So findet der strahlende Kristall sein Pendant in Fernsehmonitoren, Handys, iPads, die ja alle ebenfalls strahlen und senden oder deren Technologie auf Flüssigkristallen beruht. Hirschhorn hat sie, wie um das zu verdeutlichen, mit Kristallen beklebt. Das wiederum erinnert an ausgelaufene Batterieflüssigkeit. Die Technik zerstört sich selber. Die Unmengen von Covers aktueller Nachrichtenmagazine sowie die erwähnten Kriegsbilder weiten die Metapher des Strahlens und Sendens in den Bereich der Medien aus, die Hirschhorn einmal mehr ins Zentrum rückt. Der Prozess des Auskristallisierens dagegen wiederholt sich in Skulpturen aus Wattestäbchen, die an Modelle aus dem Chemieunterricht erinnern, oder in einer riesigen Drogenküche. Den weiblichen Leib als geöffnete Druse – oder Wunde? – mag man eher der Psychoanalyse zur Interpretation überlassen.

Überwältigung als Strategie?

In Hirschhorns Kristallgrotte, die auch Elemente einer Kellerdisco enthält, kann und soll man sich verlieren. Deuten lässt sie sich als Abbild einer diffusen Welt, die uns mit Informationen, Botschaften, Waren überschwemmt und es immer schwieriger macht, Schrott von Wichtigem zu unterscheiden. Thomas Hirschhorn selbst sprach in der Pressekonferenz von Panik und „Prekarität" als schöpferischem Zustand: „Alles ist wichtig, und es ist nicht an mir, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden".

Genau hierin liegt die Herausforderung, möglicherweise aber auch das Problem von Hirschhorns überbordender Inszenierung. Sie ist additiv und erschöpfend. Schwer zu sagen, ob der Pavillon eine gewisse Ratlosigkeit, ja gar Ermüdung des Künstlers abbildet oder doch eher inszeniert. Anders als etwa beim „Bataille-Monument", dem sozialen Integrationsprojekt der Kasseler Documenta 2002, oder beim Kunsterziehungs-Projekt „Musée Précaire Albinet" 2004 in Paris-Aubervilliers kann oder will Hirschhorn kein Weltverbesserer mehr sein, der mit einem Mitmachkonzept Energien mobilisiert. „Kunst ist das Problem, Kunst kann nicht das Problem lösen", sagte Hirschhorn in Venedig. Man kann das auf verschiedene Weise interpretieren – mal spricht es für, mal gegen ihn.

Mit dem „Crystal of Resistance" scheint Hirschhorn andererseits aber auch Widerstand zu leisten gegen billige Klischees über das „Politische" seiner Kunst. Oder weicht er nur elegant jenen aus, die nur schon auf der Lauer liegen, um ihn oder sein Werk einmal mehr zu skandalisieren? Er bedient schließlich sogar landläufige Schweiz-Klischees nur, um sie dann bei näherem Hinschauen zu dekonstruieren. Vielleicht ist der „Crystal of Resistance" nicht Hirschhorns überzeugendste Arbeit. Aber sie markiert einen spannenden Punkt in seiner Entwicklung. Erstarrung oder Verflüssigung, beide sind im Motiv des Kristalls angelegt. Und sie scheinen auch die Optionen zu sein, an denen Hirschhorn sich derzeit reibt.

www.crystalofresistance.com

In unserer Reihe zur 54. Kunstbiennale von Venedig sind bisher erschienen:
> „Jenseits von Angst und Afrika" von Thomas Wagner
> „Taubenverteilen im Park" von Thomas Wagner
> „Wir verlassen den amerikanischen Sektor..." von Joerg Bader und Thomas Wagner
> „Mitgefangen, mitgehangen" von Annette Tietenberg
> „Amerikanische Turnstunde"
von Thomas Wagner
Thomas Hirschhorns Arbeit „Crystal of Resistance“ für den Schweizer Pavillon in Venedig, Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Thomas Hirschhorn, Foto: Barbara Basting