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Wie der Sessel Ohren erhielt
von Knuth Hornbogen | 9. November 2011

Ist der Thron allein dem König vorbehalten, steht der Sessel auch dem Volke zu. Sich aber genügsam ins Polster zu fläzen, scheint nicht angemessen. Vor dem Lohn steht die Leistung. Erst wer sich etwas verdient hat, kann es auskosten: Das Gemüt zur Ruhe kommen lassen. So ist das Bild des Sessels geprägt vom Opa, der darin sitzt, liest und erzählt. Er erklärt die Welt. Mehr noch: Ihm gebührt Respekt. Nimmt Oma im Sessel Platz, ist das Strickzeug nicht weit: Der Sessel im Kopf als Film.

Alte Zöpfe abschneiden

Ohne Frage ist der Sessel das Möbel der Privilegierten. Im royalen Haushalt britischer Ausprägung durfte er nicht fehlen, ziert er hier doch die ehrwürdige Kaminecke. Reich gepolstert steht das Möbel schon seit Jahrhunderten in den vornehmen Häusern. Aber erst im 17. Jahrhundert wuchsen ihm jene Ohren, die ihn als Ohrensessel kenntlich machten – das wohl klarste Bild eines Möbels, dass unendlich viele Adaptionen kennt. Und das, obwohl die Ohren vor allem einen praktischen, keinen zeichenhaften Ursprung haben, nämlich vor Zugluft zu schützen. Ikonografisch hat sich mit den ausragenden Ohren indes ein Bild verankert, das mit einer gewissen Opahaftigkeit daherkommt, was immer auch mit träger Gemütlichkeit zusammenfällt. Es bildet sich eine Geborgenheit, die dem Design überaus suspekt erscheint. Sieht sich die Disziplin des Verfeinerns und Fortschreitens doch auch dem rationalen Geist verpflichtet: Eine gedankliche Gemengelage, aus der heraus konsequent moderne Gegenikonen erwuchsen. Vor allem erkennbar in den Stahlrohrmöbeln. Dem Sessel noch am nächsten ist hierbei der „LC2", den Le Corbusier et al. schufen. Hierin erkennt der Freund von Schutz und Geborgenheit aber kaum einen Ort der Sehnsucht.

Gelerntes neu lesen

Zufluchtsorte sind schon eher im Werk von Arne Jacobsen auszumachen. Mit seinem „Egg", entworfen für die Lobby am dänischen Königshaus, gelingt ihm ein Spagat. Die erkennbare Gemütlichkeit wird keiner kalten Ratio geopfert. Freilich um den Preis, ein Möbel geschaffen zu haben, das für den Privatraum eine zu aufrechte Sitzposition hat; dem Thron näher ist, als dem Sessel; als Thron aber völlig untauglich, weil mit ihm keine Autorität verkörpert wird. Ideal aber für die herrschaftliche Lobby, ein öffentlicher Rückzugsort auf Zeit. Zu Recht ist die ganze Möbelserie, zu der das Sitzei gehört, in mehreren Ausprägungen fester Bestandteil des großen Designbilderbuchs im Kopf. Zum einen als klassisch proportionierter Sessel mit hoher Rückenlehne, zum anderen als Clubsessel, dem kleinen Bruder des Sessels, dessen Lehnen gleich oder fast gleich hoch sind, die aber immer deutlich unter der Schulterhöhe des Sitzenden liegen.

Nicht ohne Grund sind diese Möbel in die Designgeschichte eingegangen – und bis in der Gegenwart nicht verschwunden. Denn sie scheinen ein Erfolgsrezept zu verkörpern. Immerhin orientiert sich das Möbel „Regina II" von Poltrona Frau, 2009 von Paolo Rizzatto entworfen, an auffallend ähnlichen Proportionen – rund fünfzig Jahre später, erneut wohl ein Beleg für die archetypischen Qualitäten Arne Jacobsens. Da wundert es nicht, dass Rizzatto noch mal im Formenschatz der Designgeschichte gefahndet hat. Und Inspiration fand. Denn die leicht verstärkte Neigung von „Regina II" verlangt zusätzlich nach einem Ottoman, um die Füße zu lagern. Eine Geste, die wir bereits aus den Geschichtsbüchern kennen und mit einem Möbel verbinden, das eine eigene Typologie schuf: dem „Lounge Chair" von Charles und Ray Eames. Ein Möbel, das ohne Ottoman nur die halbe Geschichte erzählt. Ein Möbel zudem, dass sich, im Unterschied zu Jacobsens Egg, nicht weniger als Lobbymöbel eignet – zu weit zurückgelehnt ist die Haltung, zu leicht angreifbar der Nutzer. Ohren, die symbolisch Schutz bieten, fehlen vollkommen. Und es ist ein Möbel, das, nett formuliert, Designern reichlich Inspiration geliefert hat. Schließlich sind die Nischen, in die das Design noch stoßen kann, spürbar kleiner geworden. Das erkennt man auch am „S 850", den das Kasseler Designbüro Lepper Schmidt Sommerlade 2006 für Thonet entworfen hat. Oder dem Möbel „Shrimp", entworfen von Jehs + Laub, mit dem Cor seit 2011 das Segment der Sessel mit Ottomanabhängigkeit bedient. So ähnlich die Grundmuster sind, so verschieden lesen sich dann doch die Interpretationen. Schrittweise verschieben sich Zuordnungen, das Genre des Lounge Chairs verlassen die beiden Entwürfe aber nicht. Was sicher so beabsichtigt ist.

Vage Zuordnung und weitere Öffnung

Unsicher erschein ein solcher Befund bei einem weiteren Möbel. So scheint der jüngst von Stefan Diez in Mailand präsentierte „EC03 Eugene" zur gleichen Produktgattung zu gehören: Hohe Lehne, recht starke Neigung der Rückenlehne, Ottoman davor – und dennoch Lichtjahre vom gemütlichen Rückzugsort entfernt. Vielleicht hat hier ein neuer Stuhl das Licht der Welt erblickt? Die Verschiebung von Grenzen jedenfalls schreitet immer weiter voran. Wie weit kann man gehen, wie weit muss man es, um neue Zeichen zu setzen?

Trotz aller Reduktion, dem angestaubten Ohrensessel gehört weiterhin die Zukunft. Denn die permanente Verschiebung der Genres öffnet auch neue Möglichkeiten der Nutzung. So entstehen seit Jahren immer mehr offenen Bürostrukturen, in denen schnelle Besprechungen gefordert sind, oder temporäre Rückzugsräume. In diesem Segment haben sich die Gebrüder Bouroullec gemeinsam mit Vitra große Verdienste erwoben. Mit der „Alcove"-Serie ist es ihnen gelungen, Opas Geborgenheitsgefühl ins Büro zu holen. Unsicher ist aber bei dem Arbeitsplatz „Alcove Highback Work", ob er nun vorrangig Sofa, Schreibtisch oder Paravent ist. Fragen, die sich Opa nicht zu stellen brauchte. Damals herrschte noch Ordnung. Nun wird verfeinert, verschoben, verändert.

Eine umfassende Übersicht an Sesseln finden Sie hier:
Sessel bei Stylepark


In unserer Serie zu den Produkttypologien sind bisher erschienen:
„Alles, was Möbel ist" von Thomas Wagner
„Nicht anlehnen!" über Hocker von Nina Reetzke
Von Ruhe und Gemütlichkeit" über Lounge Chairs von Mathias Remmele
Schaumstoffwiese, länger frisch" von Markus Frenzl
Im Universum der Stühle" von Sandra Hofmeister
Alles, was Stuhl sein kann"
von Claus Richter
Das Regal – ein Möbel der öffentlichen Ordnung" von Thomas Edelmann

Produkte
Poltrona Frau: Regina II Sessel @ Stylepark
Poltrona Frau
Regina II Sessel
Paolo Rizzatto
COR: Shrimp @ Stylepark
COR
Shrimp
Jehs + Laub
Vitra: Alcove Highback Love Seat @ Stylepark
Vitra
Alcove Highback Love Seat
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
e15: EUGENE @ Stylepark
e15
EUGENE
Stefan Diez
Vitra: Lounge Chair @ Stylepark
Vitra
Lounge Chair
Charles Eames
Ray Eames
Cassina: LC2 @ Stylepark
Cassina
LC2
Pierre Jeanneret
Le Corbusier
Charlotte Perriand
News & Stories › 2011 › November
Wie der Sessel Ohren erhielt
von Knuth Hornbogen | 9. November 2011
Ein Sessel verheißt Gemütlichkeit. Das ist seine Stärke, aber gleichzeitig auch seine Schwäche. Denn nichts wirkt so staubig wie Opahaftigkeit. Umso besser, dass Modelle wie „EC03 Eugene" und „Alcove Highback" den Sessel mehr als zeitgemäß erscheinen lassen.
Ist der Thron allein dem König vorbehalten, steht der Sessel auch dem Volke zu. Sich aber genügsam ins Polster zu fläzen, scheint nicht angemessen. Vor dem Lohn steht die Leistung. Erst wer sich etwas verdient hat, kann es auskosten: Das Gemüt zur Ruhe kommen lassen. So ist das Bild des Sessels geprägt vom Opa, der darin sitzt, liest und erzählt. Er erklärt die Welt. Mehr noch: Ihm gebührt Respekt. Nimmt Oma im Sessel Platz, ist das Strickzeug nicht weit: Der Sessel im Kopf als Film.

Alte Zöpfe abschneiden

Ohne Frage ist der Sessel das Möbel der Privilegierten. Im royalen Haushalt britischer Ausprägung durfte er nicht fehlen, ziert er hier doch die ehrwürdige Kaminecke. Reich gepolstert steht das Möbel schon seit Jahrhunderten in den vornehmen Häusern. Aber erst im 17. Jahrhundert wuchsen ihm jene Ohren, die ihn als Ohrensessel kenntlich machten – das wohl klarste Bild eines Möbels, dass unendlich viele Adaptionen kennt. Und das, obwohl die Ohren vor allem einen praktischen, keinen zeichenhaften Ursprung haben, nämlich vor Zugluft zu schützen. Ikonografisch hat sich mit den ausragenden Ohren indes ein Bild verankert, das mit einer gewissen Opahaftigkeit daherkommt, was immer auch mit träger Gemütlichkeit zusammenfällt. Es bildet sich eine Geborgenheit, die dem Design überaus suspekt erscheint. Sieht sich die Disziplin des Verfeinerns und Fortschreitens doch auch dem rationalen Geist verpflichtet: Eine gedankliche Gemengelage, aus der heraus konsequent moderne Gegenikonen erwuchsen. Vor allem erkennbar in den Stahlrohrmöbeln. Dem Sessel noch am nächsten ist hierbei der „LC2", den Le Corbusier et al. schufen. Hierin erkennt der Freund von Schutz und Geborgenheit aber kaum einen Ort der Sehnsucht.

Gelerntes neu lesen

Zufluchtsorte sind schon eher im Werk von Arne Jacobsen auszumachen. Mit seinem „Egg", entworfen für die Lobby am dänischen Königshaus, gelingt ihm ein Spagat. Die erkennbare Gemütlichkeit wird keiner kalten Ratio geopfert. Freilich um den Preis, ein Möbel geschaffen zu haben, das für den Privatraum eine zu aufrechte Sitzposition hat; dem Thron näher ist, als dem Sessel; als Thron aber völlig untauglich, weil mit ihm keine Autorität verkörpert wird. Ideal aber für die herrschaftliche Lobby, ein öffentlicher Rückzugsort auf Zeit. Zu Recht ist die ganze Möbelserie, zu der das Sitzei gehört, in mehreren Ausprägungen fester Bestandteil des großen Designbilderbuchs im Kopf. Zum einen als klassisch proportionierter Sessel mit hoher Rückenlehne, zum anderen als Clubsessel, dem kleinen Bruder des Sessels, dessen Lehnen gleich oder fast gleich hoch sind, die aber immer deutlich unter der Schulterhöhe des Sitzenden liegen.

Nicht ohne Grund sind diese Möbel in die Designgeschichte eingegangen – und bis in der Gegenwart nicht verschwunden. Denn sie scheinen ein Erfolgsrezept zu verkörpern. Immerhin orientiert sich das Möbel „Regina II" von Poltrona Frau, 2009 von Paolo Rizzatto entworfen, an auffallend ähnlichen Proportionen – rund fünfzig Jahre später, erneut wohl ein Beleg für die archetypischen Qualitäten Arne Jacobsens. Da wundert es nicht, dass Rizzatto noch mal im Formenschatz der Designgeschichte gefahndet hat. Und Inspiration fand. Denn die leicht verstärkte Neigung von „Regina II" verlangt zusätzlich nach einem Ottoman, um die Füße zu lagern. Eine Geste, die wir bereits aus den Geschichtsbüchern kennen und mit einem Möbel verbinden, das eine eigene Typologie schuf: dem „Lounge Chair" von Charles und Ray Eames. Ein Möbel, das ohne Ottoman nur die halbe Geschichte erzählt. Ein Möbel zudem, dass sich, im Unterschied zu Jacobsens Egg, nicht weniger als Lobbymöbel eignet – zu weit zurückgelehnt ist die Haltung, zu leicht angreifbar der Nutzer. Ohren, die symbolisch Schutz bieten, fehlen vollkommen. Und es ist ein Möbel, das, nett formuliert, Designern reichlich Inspiration geliefert hat. Schließlich sind die Nischen, in die das Design noch stoßen kann, spürbar kleiner geworden. Das erkennt man auch am „S 850", den das Kasseler Designbüro Lepper Schmidt Sommerlade 2006 für Thonet entworfen hat. Oder dem Möbel „Shrimp", entworfen von Jehs + Laub, mit dem Cor seit 2011 das Segment der Sessel mit Ottomanabhängigkeit bedient. So ähnlich die Grundmuster sind, so verschieden lesen sich dann doch die Interpretationen. Schrittweise verschieben sich Zuordnungen, das Genre des Lounge Chairs verlassen die beiden Entwürfe aber nicht. Was sicher so beabsichtigt ist.

Vage Zuordnung und weitere Öffnung

Unsicher erschein ein solcher Befund bei einem weiteren Möbel. So scheint der jüngst von Stefan Diez in Mailand präsentierte „EC03 Eugene" zur gleichen Produktgattung zu gehören: Hohe Lehne, recht starke Neigung der Rückenlehne, Ottoman davor – und dennoch Lichtjahre vom gemütlichen Rückzugsort entfernt. Vielleicht hat hier ein neuer Stuhl das Licht der Welt erblickt? Die Verschiebung von Grenzen jedenfalls schreitet immer weiter voran. Wie weit kann man gehen, wie weit muss man es, um neue Zeichen zu setzen?

Trotz aller Reduktion, dem angestaubten Ohrensessel gehört weiterhin die Zukunft. Denn die permanente Verschiebung der Genres öffnet auch neue Möglichkeiten der Nutzung. So entstehen seit Jahren immer mehr offenen Bürostrukturen, in denen schnelle Besprechungen gefordert sind, oder temporäre Rückzugsräume. In diesem Segment haben sich die Gebrüder Bouroullec gemeinsam mit Vitra große Verdienste erwoben. Mit der „Alcove"-Serie ist es ihnen gelungen, Opas Geborgenheitsgefühl ins Büro zu holen. Unsicher ist aber bei dem Arbeitsplatz „Alcove Highback Work", ob er nun vorrangig Sofa, Schreibtisch oder Paravent ist. Fragen, die sich Opa nicht zu stellen brauchte. Damals herrschte noch Ordnung. Nun wird verfeinert, verschoben, verändert.

Eine umfassende Übersicht an Sesseln finden Sie hier:
Sessel bei Stylepark


In unserer Serie zu den Produkttypologien sind bisher erschienen:
„Alles, was Möbel ist" von Thomas Wagner
„Nicht anlehnen!" über Hocker von Nina Reetzke
Von Ruhe und Gemütlichkeit" über Lounge Chairs von Mathias Remmele
Schaumstoffwiese, länger frisch" von Markus Frenzl
Im Universum der Stühle" von Sandra Hofmeister
Alles, was Stuhl sein kann"
von Claus Richter
Das Regal – ein Möbel der öffentlichen Ordnung" von Thomas Edelmann