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Wie Götter wohnen
von Amelie Znidaric | 8. Februar 2011
„Es sieht ein bisschen aus wie bei Oma und Opa," sagt die Dame am Eingang entschuldigend. Tatsächlich. Das Eames Haus oder auch Case Study House N°8 bei Los Angeles, Ikone des Mid Century Modern, ist voll geräumt mit Seidenblumen, Potpourris, Körben, Topfpflanzen, Puppen, anderem Spielzeug, Folklore aus dem amerikanischen Südwesten und sonstigen Fundstücken aller Art. An der Wendeltreppe hängen kleine goldene Engelchen, am Wohnzimmertisch drängeln sich Briefbeschwerer, Aschenbecher, Minerale, Gesteine und Kerzen. Noch voller sind die Küchenschränke: auf allen Flächen blau geblümte Geschirrtürme, Besteck, Glaskugeln, Vasen, Kerzen und noch mehr Kerzen. Hier hat schon lang keiner ausgemistet.

Charles Eames war 71 Jahre alt, als er 1978 starb, seine Frau Ray war 76, als sie ihm auf den Tag genau zehn Jahre später folgte. Fast vierzig Jahre zuvor, zu Weihnachten 1949, waren sie in ihr gemeinsames Haus in Pacific Palisades gezogen - damals noch ein Vorort von Los Angeles. „Da sammelt sich wohl einiges an", denkt der Besucher, der den Namen Eames mit Modernismus und Modernismus mit Schlichtheit verbindet. In der Architektur des Hauses findet er schließlich doch, was er sucht: klare Linien. Zwei zweistöckige Kuben - ein Wohnhaus und ein Atelier -, spiegelbildlich angeordnet und verbunden durch einen kleinen Hof. Gelebt und gearbeitet wurde großzügig, sowohl das Wohnzimmer als auch der Arbeitsraum im Studio reichen bis unter das Dach. Schlafzimmer, Bäder, Küche und Abstellräume hingegen sind in beiden Gebäuden auf zwei Etagen untergebracht. Die Stahlrahmenkonstruktion ist innen wie außen sichtbar, sie war damals revolutionär. Die Bauten stehen hinter einer Reihe von Eukalyptusbäumen an einem Hang, durch die Blätter leuchten bunte Paneele, rot, blau, schwarz, silbern, grau, und grauweißer Putz. Einige Fenster sind transluzent, andere aus Drahtglas, wieder andere transparent. In den Scheiben spiegelt sich die Sonne. Innen und Außen gehen fließend ineinander über. Man steht ohne Frage vor einem der bemerkenswertesten Häuser des zwanzigsten Jahrhunderts.

Doch um Ikonen ranken sich immer auch Mythen. So gilt das Eames Haus etwa bis heute als eines der ersten Stahlfertigteilhäuser der Geschichte. Das stimmt, aber nur zum Teil. Vor allem die Stahlteile der Fassade mussten von Hand gefertigt werden, ein Jahr lang haben Mitarbeiter des Eames Office Fenster um Fenster nachbearbeitet. Damit wandert auch der eine Dollar pro squarefoot, den Charles Eames für die Außenkonstruktion errechnete, ins Reich der Legenden: Die Arbeitskosten seiner Angestellten hat er nämlich nicht mitgezählt.

Ein Mythos ist auch die Vorstellung, die Eames seien ultraschlichte Modernisten. Das Wohnzimmer sollte zwar ursprünglich unmöbliert bleiben. Doch Ray Eames betrieb ganz bewusst „functioning decoration", den Dekor des Gebrauchs. Sukzessive sammelte sie Objekte aller Art an und arrangierte sie auf allen möglichen Flächen, inklusive dem Boden. Robert Venturi, leidenschaftlicher Hasser der Moderne, nannte das Haus deshalb einen Schrein. „Es war mir ein großes Vergnügen", sagte er, „als ich vor einiger Zeit schrieb, dass die Eames in ihrem Haus das gute alte viktorianische Durcheinander wieder eingeführt haben. Die Architektur der Moderne wollte immer alles ordentlich und sauber haben, und die beiden kamen daher und verteilten ihre eklektischen Assemblagen über das gesamte Interieur." Dennoch dürfte das Leben irgendwann über das Konzept gesiegt haben. Denn im Eames Haus sieht es nicht nur aus wie bei Oma und Opa. Es riecht auch so. Nach Mottenkugeln. Nach Staub. Nach alten Zeiten.

Dagegen schlägt einem im Glashaus von Philip Johnson kein Geruch entgegen. Johnson und auch sein langjähriger Lebensgefährte David Whitney waren starke Raucher, und nachdem das Haus in New Canaan, im US-Bundesstaat Connecticut, nach Johnsons Tod 2005 an den National Trust for Historic Preservation übergegangen war, wurde erst einmal kräftig gelüftet. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten war der nikotinverfärbte Plafond wieder weiß und das Glashaus geruchlos. Als der National Trust jedoch 2008 in Form der „Glass House Conversations" Johnsons Salon wieder aufnahm, beauftragte er den Denkmalschützer und Künstler Jorge Otero Pailos mit einer bemerkenswerten Installation.

Der Spanier Otero Pailos beschäftigt sich mit der Erforschung historischer Geräusch- und Geruchkulissen, beide sind für ihn integrale Bestandteile geschichtsträchtiger Bauten. Für das Glashaus kreierte er drei Düfte: die Verbindung aus Glas- und Stahlgeruch, den das Haus ausströmte, als es neu gebaut war; den Mix diverser Herrenparfums „schwuler Männer in den Fünfzigern", als Philip Johnson und David Whitney die homosexuelle Intellektuellen- und Künstlerszene des nahen New Yorks im Glashaus versammelten; und den Geruch kalten Zigarettenrauchs aus 56 Jahren, denn so lange, ab 1949, hatten Johnson und Whitney hier gelebt und geraucht. Leider, wenn auch wenig überraschend, hat der National Trust die Düfte nie im Haus versprüht, sie sind bis heute in drei kleinen Phiolen gefangen.

Nicht nur die Nase, auch das Auge hat im Glashaus kaum Eindrücke zu verarbeiten. Der Glaskubus ist sparsam möbliert, Dekoration gibt es keine. Die Küchenzeile ist schlicht und diente wohl eher dem Mixen von Drinks als dem Kochen - Johnson ließ Mahlzeiten anliefern und an den Esstisch, der gleich neben dem Block steht, servieren. Der Aschenbecher am Glastisch ist natürlich rein funktional. Auch das Gemälde des barock-klassizistischen Malers Nicolas Poussin dient nicht der Zierde, sondern als Kontrapunkt zu den Mies'schen Barcelona-Möbeln und - gemeinsam mit einem Schrankelement aus Walnuss - als Raumteiler. Dahinter verbirgt sich Johnsons Bett und, eingeschlossen in einen runden, raumhohen Kern aus Backstein, das Bad.

Die formale Reduktion geht Hand in Hand mit einer funktionalen. Im Glashaus wurde empfangen, gegessen, getrunken, geraucht, geduscht und geschlafen. Anderen Bedürfnissen ging Johnson in anderen Gebäuden nach. Eine ganze Reihe davon ist auf dem rund neunzehn Hektar großen Gelände in New Canaan verstreut. Weiter östlich auf dem Anwesen gibt es zum Beispiel ein Bibliotheks- und Studienhaus, David Whitneys Schlafhaus und das Eingangsgebäude, ein wenig gelungenes postmodernes Experiment. Vom Glashaus aus sieht man auf einen künstlich angelegten See, an dessen Ufer eine Tempelminiatur steht. Mit der ungewöhnlichen Proportion wollte Johnson optisch eine größere Distanz zwischen Haus und Wasser vortäuschen. Westlich vom Hauptgebäude liegt eine in einen Hügel gebaute Gemäldegalerie, in der er unter anderem Werke von Andy Warhol und Frank Stella sammelte und ausstellte. Ein Stück weiter stößt der Besucher auf Johnsons Skulpturengalerie, ein weißer Bau aus den siebziger Jahren mit mehreren Ebenen und Glasdach. Auch auf das restliche Gelände verteilte der Architekt Skulpturen, etwa von Donald Judd.

Das wichtigste Nebengebäude aber ist das Gästehaus. Es steht direkt gegenüber vom Glashaus und bildet mit seinen Backsteinwänden einen formalen Kontrapunkt zu dessen transparenter Leichtigkeit. Angeblich nutzte Philip Johnson dieses vor neugierigen Blicken fast vollkommen geschlossene Gebäude am liebsten selbst. Gäste, die über Nacht blieben, schätze er nicht, heißt es. Seit 2008 darf das Ziegelhaus allerdings weder bei Nacht noch untertags betreten werden. Die Wände sind undicht geworden und modern langsam vor sich hin. Die Restaurierungsarbeiten sollen bis zum Frühjahr dieses Jahres abgeschlossen sein. Bleibt nur zu hoffen, dass der National Trust auch diesmal den Geruch los wird.

http://eamesfoundation.org
http://philipjohnsonglasshouse.org
Glashaus von Philip Johnson, Foto: Melody Kramer
Foto: Melody Kramer
Foto: Melody Kramer
Ray Eames mit Thonet Stuhl, Foto: Monique Jacot, courtesy of Vitra Design Museum
Charles Eames mit Kreiselsammlung, Foto: Monique Jacot, courtesy of Vitra Design Museum
Eingang zum Haus von Charles und Ray Eames, Foto: Dystopos
Foto: Charles und Hudson
Foto: Charles und Hudson
Blick auf dem Pazific vom Eames Haus, Foto: Charles und Hudson
Ray und Charles Eames auf einem Lounge Chair, Foto: Monique Jacot, courtesy of Vitra Design Museum
Wohnzimmer des Eames Haus, Foto: Monique Jacot, courtesy of Vitra Design Museum
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