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Windschnittige Nomaden
Mailand-Marathon Teil 2
von Thomas Wagner | 17. April 2013
So stylish wie sein Concept Car für Renault: Ross Lovegrove. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Auch ein Mailander Salone-Marathon will gut eingeteilt sein. Nicht, dass die Kräfte vor der Zeit schwinden und wir wichtige Stationen nicht mehr erreichen oder gar das Zeitliche segnen wie der Bote, der einst von Marathon nach Athen eilte, um einen Sieg zu verkünden. Also legen wir einen Zwischenspurt ein. In Windeseile ziehen Menschen, Orte und Dinge an uns vorbei. Nur kurz wenden wir den Kopf – und schon muss es weiter zur nächsten Station gehen.

Neongelb muss es sein

Besäßen wir das Outfit und vor allem die neongelben Laufschuhe Ross Lovegroves, wir hätten uns keine Sorgen machen müssen, zumindest nicht um unser Aussehen. Dabei hat Lovegrove in einem der Säle der Triennale eigentlich ein Auto vorgestellt und sich dessen Styling angepasst, einem „Concept Car“, das er für Renault gestaltet hat. Ob auch wir uns künftig passend zu unserem eigenen oder mit anderen geteilten fahrbaren Untersatz einkleiden sollten? „Twin’z“ heißt das mattblaue Vehikel, das nach Lovegroves Auffassung „die Grenzen zwischen Kunst, Design, Technologie und Innovation“ ausloten möchte, am Ende aber kein neues Fahrzeugkonzept bietet, sondern eine konventionelle Kiste wie einen modischen Sneaker aufhübscht, wobei jede Menge fließender Linien das gute alte Streamline-Design in bloßes Dekor verwandeln.

Geschichte in der Kiste

Da unsere Schuhe tatsächlich zum Laufen gemacht sind, auch wenn sie kein Linienmuster besitzen, eilen wir weiter. Gleich nebenan traben wir durch die Schau „Design. The Syndrome of influence“, in der nicht nur zehn zeitgenössische Designer – von Formafantasma bis Martino Gamper – einen Blick auf die „goldenen Jahre“ des italienischen Designs werfen, sondern auch zehn ausgewiesene Meister und Meisterinnen ihres Fachs – von Alessandro Mendini bis Patricia Urquiola – bekannte italienische Hersteller in Quadern spielerisch in Szene setzen. Die Schau ist gut gemacht, auch wenn es etwas melancholisch stimmt, das italienische Design so umfassend musealisiert zu sehen. Ach, die alten Zeiten! Also lassen wir Salzstreuer und Espressomaschinen von Alessi einfach weiter ihre Kreise auf einer Modelleisenbahn ziehen und laufen durch die Stadt zu einem anderen Museum, dem „Museo Nazionale della Scienza e della Tecnologia Leonardo da Vinci“, aus dem im Englischen „MOST“ wird.

Lokomotive Breath

Hier gibt es tatsächlich Lokomotiven, Düsenjets und Schiffe in Originalgröße, mächtige Stahlkolosse und jede Menge stumme Zeugen des Zeitalters der Mechanik. Doch wo im letzten Jahr noch über eine überraschende Mischung aus Technikgeschichte und aktuellem Design gestaunt werden durfte, der Einzug ins Museum den Designer-Dingen einen irritierend-erhellenden Rahmen gab, verzettelt man sich dieses Mal. Zu viele Labels zeigen, was sie anzubieten haben, das Museum aber ist nur Kulisse. Tom Dixon präsentiert irgendwo zwischen „rough and smooth“ auch weiterhin seine Messing-oder-Chrom-Produkte, fügt seiner Kollektion mächtige Tische und Totems sowie orientalisch angehauchte Tischchen mit dem Namen „Sun“ hinzu, die sich nicht recht entscheiden können, ob sie nun Pop, Space art oder Art Déco sein wollen – und strahlt doch eine solide Vertrautheit und Konstanz aus, die man zu schätzen weiß. Dass Andy Warhols „Brillo Boxes“ als wahrhaft schaumgeborene Hocker von der Warhol-Foundation und von Quinze Milan vermarktet werden, ist dagegen nur ein schlechter Scherz.

Mode für Nomaden

Eine Überraschung findet sich aber doch noch. In einer experimentellen Installation des Design Research Studios zwischen den mächtigen schwarzen Dampfrössern wird eine Modekollektion von Tom Dixon und Adidas präsentiert, die von Mitte November an auch verkauft werden soll. Das Ganze tritt in Gestalt einer Expeditionsausrüstung für Großstadtnomaden und mit der Vorstellung „Everything-you-can-pack-neatly-in-a-bag-for-a-week-away“ auf. Also wird aus dem Parka bei Bedarf ein Schlafsack, die leichten Jacken stecken in kleinen Hüllen und ein modulares Element mutiert nach Lust und Laune zu Mantel, Jacke, Hose, Rock oder Short. Originell ist das auf jeden Fall. Ob Mann oder Frau es – samt Rucksack – auch tragen möchte, wird sich zeigen.

Mit theologischem Drive

Weiter geht’s, solange die Füße tragen. Wir erreichen ein Kloster, in dem heute die Theologische Fakultät Norditaliens untergebracht ist und in dessen Innenhof die Gebrüder Bouroullec für BMW eine Installation aufgebaut haben. Auf runden Plattformen drehen sich runde Sitzgelegenheiten still und leise im Kreis. Nun, was soll man sagen? Da staunt der Kunstfreund – und denkt sogleich: Das können Künstler einfach besser, da helfen weder Theologen noch eine wie immer geartete Metaphysik der Stille, wie sie die neuen, elektrischen BMW i-Modelle versprechen. Schade, dass man sich aufs Symbolische zurückzieht, wo es doch hätte spannend sein können, was den Bouroullecs zum Autodesign – innen oder außen – so eingefallen wäre.

Im Garten der Casa degli Atellani

Nun werden uns die Füße tatsächlich schwer. Schnell noch zu Hermès, wo in angemessenem Ambiente und in kleinen, übereinandergestapelten Häuschen die edle Handwerkskunst lederne Ottomanen, feinsinnige Wandschirme und Tischchen aus Walnussholz zur Schau stellt, bis hin zu einer in Leder gehüllten Schrankwand, deren Kompartimente sich mit einem Dreh um die Mittelachse öffnen. Simsalabim!
Keinesfalls weniger würdevoll ist das Ambiente der Casa degli Atellani am Corso Magenta. Hier zeigt Domus nicht nur Fotografien, Dias und Polaroids, auf denen der Fotograf Ramak Fazel die Größen des Designs auf wunderbare Weise abgelichtet hat, hier kann man auch ausruhen und einen herrlichen Garten genießen. Und plötzlich bemerken wir: Die Ursprünge der Casa degli Atellani, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts umgebaut wurde, reichen bis auf Ludovico il Moro und ins 15. Jahrhundert zurück. Hier, gegenüber von Santa Maria delle Grazie, soll kein Geringerer als Leonardo da Vinci gewohnt haben, als er im Refektorium des Dominikanerklosters sein „Abendmahl“ auf die Wand gemalt hat. Was liegt da näher, als es sich anzuschauen.

Lesen Sie weiter im Teil 3 unseres Mailand-Marathons: www.marathon-teil-3.com



www.hermes.com
www.renault.de
www.adidas.de
Wie ein modischer Sneaker: Renault „Twin’z“ soll die Grenzen zwischen Kunst, Design, Technologie und Innovation aufheben. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Designschau in der Triennale: Artemides Welt gestaltet von Margerita Palli. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Triennale - Inszenierung einer Carlos Scarpa Vase in mannigfaltigen Passepartouts. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
All about White and Classics – Cassinas Box designed von Mario Bellini. Foto © Martina Metzner, Stylepark
Voll bepackt und ständig am Rotieren: So fühlt sich der Mailand-Marathon an. Hier in der Triennale. Foto © Robert Volhard, Stylepark
Zwischen „rough and smooth“ – Tom Dixon im Museum MOST. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Schlechter Scherz: Andy Warhols schaumgeborene Brillo Boxen von der Warhol-Foundation und von Quinze Milan. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Expeditionsausrüstung für Großstadtnomaden: die neue Kooperation von Tom Dixon mit Adidas. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Originelles Setting für Adidas/Tom Dixon, kreiiert von den Design Research Studios . Foto © Thomas Wagner, Stylepark
"Le roi est mort", Liege aus Leder, geschnitzt und gerafft, von Aldo Freund. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Im Sala Cenacolo des Museo Nazionale della Scienza e della Tecnologia Leonardo da Vinci: eine Inszenierung von Job Office für Hans Lensvelt. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Das können Künstler einfach besser – die Installation der Bouroullecs für BMW in der Theologischen Fakultät. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Simsalabim! Edle Handwerkskunst bei Hermès: lederne Ottomanen, feinsinnige Wandschirme und Tischchen aus Walnussholz. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
In der Casa degli Atellani: Das Magazin Domus zeigt die Größen des Designs, fotografiert von Ramak Fazel. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Il Dolce (nix far niente) für zwischendurch: In einer Pasticceria am Rande unseres Marathons. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
News & Stories › 2013 › April
Windschnittige Nomaden – Mailand-Marathon Teil 2
von Thomas Wagner | 17. April 2013
Weiter geht unser Lauf. Um voranzukommen, legen wir einen kurzen Zwischenspurt ein und werfen einen Blick auf neongelbe Schuhe, schauen in Showrooms, Innenhöfe, Gärten und altehrwürdige Häuser.
Auch ein Mailander Salone-Marathon will gut eingeteilt sein. Nicht, dass die Kräfte vor der Zeit schwinden und wir wichtige Stationen nicht mehr erreichen oder gar das Zeitliche segnen wie der Bote, der einst von Marathon nach Athen eilte, um einen Sieg zu verkünden. Also legen wir einen Zwischenspurt ein. In Windeseile ziehen Menschen, Orte und Dinge an uns vorbei. Nur kurz wenden wir den Kopf – und schon muss es weiter zur nächsten Station gehen.

Neongelb muss es sein

Besäßen wir das Outfit und vor allem die neongelben Laufschuhe Ross Lovegroves, wir hätten uns keine Sorgen machen müssen, zumindest nicht um unser Aussehen. Dabei hat Lovegrove in einem der Säle der Triennale eigentlich ein Auto vorgestellt und sich dessen Styling angepasst, einem „Concept Car“, das er für Renault gestaltet hat. Ob auch wir uns künftig passend zu unserem eigenen oder mit anderen geteilten fahrbaren Untersatz einkleiden sollten? „Twin’z“ heißt das mattblaue Vehikel, das nach Lovegroves Auffassung „die Grenzen zwischen Kunst, Design, Technologie und Innovation“ ausloten möchte, am Ende aber kein neues Fahrzeugkonzept bietet, sondern eine konventionelle Kiste wie einen modischen Sneaker aufhübscht, wobei jede Menge fließender Linien das gute alte Streamline-Design in bloßes Dekor verwandeln.

Geschichte in der Kiste

Da unsere Schuhe tatsächlich zum Laufen gemacht sind, auch wenn sie kein Linienmuster besitzen, eilen wir weiter. Gleich nebenan traben wir durch die Schau „Design. The Syndrome of influence“, in der nicht nur zehn zeitgenössische Designer – von Formafantasma bis Martino Gamper – einen Blick auf die „goldenen Jahre“ des italienischen Designs werfen, sondern auch zehn ausgewiesene Meister und Meisterinnen ihres Fachs – von Alessandro Mendini bis Patricia Urquiola – bekannte italienische Hersteller in Quadern spielerisch in Szene setzen. Die Schau ist gut gemacht, auch wenn es etwas melancholisch stimmt, das italienische Design so umfassend musealisiert zu sehen. Ach, die alten Zeiten! Also lassen wir Salzstreuer und Espressomaschinen von Alessi einfach weiter ihre Kreise auf einer Modelleisenbahn ziehen und laufen durch die Stadt zu einem anderen Museum, dem „Museo Nazionale della Scienza e della Tecnologia Leonardo da Vinci“, aus dem im Englischen „MOST“ wird.

Lokomotive Breath

Hier gibt es tatsächlich Lokomotiven, Düsenjets und Schiffe in Originalgröße, mächtige Stahlkolosse und jede Menge stumme Zeugen des Zeitalters der Mechanik. Doch wo im letzten Jahr noch über eine überraschende Mischung aus Technikgeschichte und aktuellem Design gestaunt werden durfte, der Einzug ins Museum den Designer-Dingen einen irritierend-erhellenden Rahmen gab, verzettelt man sich dieses Mal. Zu viele Labels zeigen, was sie anzubieten haben, das Museum aber ist nur Kulisse. Tom Dixon präsentiert irgendwo zwischen „rough and smooth“ auch weiterhin seine Messing-oder-Chrom-Produkte, fügt seiner Kollektion mächtige Tische und Totems sowie orientalisch angehauchte Tischchen mit dem Namen „Sun“ hinzu, die sich nicht recht entscheiden können, ob sie nun Pop, Space art oder Art Déco sein wollen – und strahlt doch eine solide Vertrautheit und Konstanz aus, die man zu schätzen weiß. Dass Andy Warhols „Brillo Boxes“ als wahrhaft schaumgeborene Hocker von der Warhol-Foundation und von Quinze Milan vermarktet werden, ist dagegen nur ein schlechter Scherz.

Mode für Nomaden

Eine Überraschung findet sich aber doch noch. In einer experimentellen Installation des Design Research Studios zwischen den mächtigen schwarzen Dampfrössern wird eine Modekollektion von Tom Dixon und Adidas präsentiert, die von Mitte November an auch verkauft werden soll. Das Ganze tritt in Gestalt einer Expeditionsausrüstung für Großstadtnomaden und mit der Vorstellung „Everything-you-can-pack-neatly-in-a-bag-for-a-week-away“ auf. Also wird aus dem Parka bei Bedarf ein Schlafsack, die leichten Jacken stecken in kleinen Hüllen und ein modulares Element mutiert nach Lust und Laune zu Mantel, Jacke, Hose, Rock oder Short. Originell ist das auf jeden Fall. Ob Mann oder Frau es – samt Rucksack – auch tragen möchte, wird sich zeigen.

Mit theologischem Drive

Weiter geht’s, solange die Füße tragen. Wir erreichen ein Kloster, in dem heute die Theologische Fakultät Norditaliens untergebracht ist und in dessen Innenhof die Gebrüder Bouroullec für BMW eine Installation aufgebaut haben. Auf runden Plattformen drehen sich runde Sitzgelegenheiten still und leise im Kreis. Nun, was soll man sagen? Da staunt der Kunstfreund – und denkt sogleich: Das können Künstler einfach besser, da helfen weder Theologen noch eine wie immer geartete Metaphysik der Stille, wie sie die neuen, elektrischen BMW i-Modelle versprechen. Schade, dass man sich aufs Symbolische zurückzieht, wo es doch hätte spannend sein können, was den Bouroullecs zum Autodesign – innen oder außen – so eingefallen wäre.

Im Garten der Casa degli Atellani

Nun werden uns die Füße tatsächlich schwer. Schnell noch zu Hermès, wo in angemessenem Ambiente und in kleinen, übereinandergestapelten Häuschen die edle Handwerkskunst lederne Ottomanen, feinsinnige Wandschirme und Tischchen aus Walnussholz zur Schau stellt, bis hin zu einer in Leder gehüllten Schrankwand, deren Kompartimente sich mit einem Dreh um die Mittelachse öffnen. Simsalabim!
Keinesfalls weniger würdevoll ist das Ambiente der Casa degli Atellani am Corso Magenta. Hier zeigt Domus nicht nur Fotografien, Dias und Polaroids, auf denen der Fotograf Ramak Fazel die Größen des Designs auf wunderbare Weise abgelichtet hat, hier kann man auch ausruhen und einen herrlichen Garten genießen. Und plötzlich bemerken wir: Die Ursprünge der Casa degli Atellani, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts umgebaut wurde, reichen bis auf Ludovico il Moro und ins 15. Jahrhundert zurück. Hier, gegenüber von Santa Maria delle Grazie, soll kein Geringerer als Leonardo da Vinci gewohnt haben, als er im Refektorium des Dominikanerklosters sein „Abendmahl“ auf die Wand gemalt hat. Was liegt da näher, als es sich anzuschauen.

Lesen Sie weiter im Teil 3 unseres Mailand-Marathons: www.marathon-teil-3.com



www.hermes.com
www.renault.de
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