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Glasobjekte der Serien „Rigati“ (1938) und „Tessuti“ (1940), Foto © Ettore Bellini
Wissensräume aus Glas
von Annette Tietenberg
7. September 2012
Nicht weit entfernt vom Arsenale und von den Pavillons in den Giardini, wo auf Geheiß von David Chipperfield nach einem wie auch immer gearteten „Common Ground“ gefahndet wird, fand, von den meisten Besuchern der Architekturbiennale unbemerkt, ein veritables gesellschaftliches Großereignis statt. Wer in der norditalienischen Oberschicht etwas auf sich hielt, ließ sich am Vorabend der Premierentage der Biennale auf der Isola di San Giorgio blicken. Und das im Ferienmonat August! Der Tisch im Yachthafen, an dem Prosecco und Wasser gereicht wurden, dürfte gut dreißig Meter lang gewesen sein. Elegant gekleidet und gut gelaunt waren die Bewohner der Serenissima zusammengekommen, um einen venezianischen Architekten des 20. Jahrhunderts zu feiern, der ästhetisch und politisch Maßstäbe gesetzt hat: Carlo Scarpa.

Statt sich den Wünschen des Bauherrn eines faschistischen Staates zu unterwerfen und dem Diktator Mussolini zu Diensten zu sein, hatte Carlo Scarpa es nach Abschluss eines Architekturstudiums an der Accademia di Belle Arti von Venedig vorgezogen, seine Ideen nicht im städtischen Raum, sondern in den Glaswerkstätten von Murano zu verwirklichen. Nachdem er erste Erfahrungen bei Cappellin sammeln konnte, kam er 1932 zur Manufaktur Venini. 1934 rückte er in die Position des künstlerischen Leiters auf. Gemeinsam mit Paolo Venini entwickelte er fünfzehn Jahre lang eine Vielzahl von raffinierten Formen, Farben und Herstellungstechniken, von denen die venezianische Glasproduktion bis heute profitiert.

Von Scarpas tiefer Verbundenheit mit der lokalen Handwerkstradition, aber auch seiner Experimentierfreude, was Materialeigenschaften angeht, zeugen 300 atemberaubend schöne Gefäße und Schalen aus Glas, die sich nun im Licht der Lagune spiegeln. Kurator Marino Barovier hat sie aus Privatsammlungen und Museen entliehen und – dank des angenehm zurückhaltenden Ausstellungsdisplays von Selldorf Architects – im Westflügel des ehemaligen Konvents auf der Isola di San Giorgio perfekt in Szene gesetzt. Ein grandioser Auftakt für die gemeinsamen Aktivitäten der Stiftungen Giorgio Cini und Pentagram, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Erforschung und Präsentation venezianischer Glasproduktion zu unterstützen, Tagungen und Publikationen zu initiieren und in einer Folge von monografischen Ausstellungen sukzessive einen vollständigen Werkkatalog der Glasproduktion von Venini vorzulegen. Als unerwarteter Glücksfall erwies sich, dass im Zuge der Recherche Dokumente in den Archiven von Venini aufgetaucht sind, von denen bislang angenommen wurde, sie seien 1972 bei einem Brand auf dem Firmengelände zerstört worden. Zum Vorschein kamen Fotografien, Entwurfszeichnungen und Notizen, die in der Ausstellung, vor allem aber im Katalog, Einblick in die Arbeitsweise des Architekten geben.

Scarpas Universum aus Glas wird in der Ausstellung chronologisch und nach Herstellungstechniken geordnet in Vitrinen präsentiert. Kaum zu glauben, wie selbstverständlich, ja scheinbar mühelos es Scarpa gelang, auf die Kenntnisse der Antike zurückzugreifen, dem Zeitgeist zu entsprechen und die ironische Zitierweise der Postmoderne vorwegzunehmen. Ob die Imitation von weißem Porzellan (lattimo), Perlmutt (iridati) oder Lack (laccati), der Anklang an Ausgrabungen antiker Gläser (corrosi), die Musterung durch mosaikartige Glasscheiben (murrine romane), die Strukturierung durch Luftbläschen (a bollicine), schmale Streifen (mezza filigrana), weiße Spiralen (a spirali) oder farbige Punkte (apuntini) – all dies deklinierte Scarpa souverän durch. Doch damit nicht genug. Er erfand auch neue Methoden des Schichtens und Beimengens von Pigmenten und Goldstaub (sommerso), durch die es möglich wurde, Pinselstriche im Glas zu hinterlassen. Viele seiner spektakulären Schöpfungen, darunter die opaken Murrine-Schalen im antizipierten Memphis-Look und die schwarz-roten Lacktextur-Vasen aus den vierziger Jahren, wurden als Beiträge zu den Kunstbiennalen von Venedig und durch Abbildungen in der Zeitschrift „domus“ in Fachkreisen bekannt.

Jedes Glasobjekt ist ein kostbares Einzelstück und doch Teil einer Serie. Eben das macht den Reiz eines von einem republikanischen Selbstverständnis geprägten „common ground“ à la Venezia aus: schillernde Individuen in einem kommunalen Gefüge. So bedurfte ein venezianischer Architekt wie Carlo Scarpa nicht der Anregung durch eine Architekturbiennale, um über Nachhaltigkeit, Traditionsbewusstsein und den Stellenwert des Handwerks nachzusinnen. Weit davon entfernt, dem egozentrischen Denken den städtischen Raum unterzuordnen, verzichtete er darauf, um jeden Preis bauen zu wollen und gab dem Innenleben, dem Interieur, den Vorzug. Noch heute halten seine gläsernen Wissensräume en miniature Einzug in heimische Gehäuse und lassen deren Bewohner von Feuer und Leidenschaft, von der Transformation der Materie, von dem geheimnisumwitterten alchemistischen Treiben der Glasbläser Muranos und von der Kostbarkeit der Welt träumen. Dass sich mit dem Begehren nach Einzigartigkeit und Eleganz Geld verdienen lässt, wird in Venedig seit jeher nur allzu gern in Kauf genommen. Und so ging ein anerkennendes Raunen durch die „Stanze del Vetro“: Che bello!

Carlo Scarpa. Venini 1932-1947
bis 29. November 2012
Zur Ausstellung ist ein Katalog (in italienischer und englischsprachiger Ausgabe) im Skira Verlag erschienen.
„Murrine Romane“-Schale mit Entwurfszeichnung, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Die Musterung der „Murrine Romane“ entsteht durch die mosaikartige Verwendung von Glasscheiben (1936), Foto © Fondazione Giorgio Cini
Carlo Scarpa Ende der siebziger Jahre, Foto © Fondazione Giorgio Cini
Handskizze von Carlo Scarpa, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Blick in die Ausstellung, Foto © Ettore Bellini
Die „Corrosi“-Objekte orientieren sich an Ausgrabungen antiker Gläser, Foto © Ettore Bellini
Vase aus der „Corrosi”-Serie (1936-38), Foto © Fondazione Giorgio Cini
Herbstliche Farben charakterisieren die „Variegati“-Gläser, Foto © Fondazione Giorgio Cini
Die neu gestalteten Ausstellungsräume „Le Stanze del Vetro“, Foto © Ettore Bellini
Die Gläser „A bollicine” gehören zu den ersten Entwürfen Carlo Scarpas für Venini, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„A bollicine”-Skulptur, Foto © Fondazione Giorgio Cini
„Incisi”-Vase von 1940, Foto © Fondazione Giorgio Cini
Satinierte Oberflächen zeichnen die „Incisi“-Serie aus, Foto © Ettore Bellini
Für die Struktur der „A bollicine“-Objekte sorgen kleine Luftblasen im Glas, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Vase der „A bollicine”-Serie, Foto © Fondazione Giorgio Cini
„Murrine opache”-Schale aus den vierziger Jahren, Foto © Fondazione Giorgio Cini
Schwarz-rote Objekte der „Murrine“-Reihe, Foto © Ettore Bellini
Die Ausstellung zeigt Arbeiten Carlo Scarpas für Venini aus den Jahren 1932 bis 1947, Foto © Ettore Bellini
Die „Sommersi“-Objekte entstanden durch neue Methoden des Schichtens und Beimischens von Pigmenten und Goldstaub, Foto © Fondazione Giorgio Cini
Schlangestehen vor dem Eingang zur Ausstellung, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Vernissagepublikum im Yachthafen der Isola di San Giorgio, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
News & Stories › 2012 › September
Wissensräume aus Glas
von Annette Tietenberg | 7. September 2012
Von 1932 bis 1947 war der venezianische Architekt Carlo Scarpa für die Glasmanufaktur Venini tätig. Mit einer Hommage an Scarpas Glasproduktion aus Murano öffnet die neue Ausstellungsinstitution „Le Stanze del Vetro“ parallel zur Architekturbiennale ihre Pforten.
Nicht weit entfernt vom Arsenale und von den Pavillons in den Giardini, wo auf Geheiß von David Chipperfield nach einem wie auch immer gearteten „Common Ground“ gefahndet wird, fand, von den meisten Besuchern der Architekturbiennale unbemerkt, ein veritables gesellschaftliches Großereignis statt. Wer in der norditalienischen Oberschicht etwas auf sich hielt, ließ sich am Vorabend der Premierentage der Biennale auf der Isola di San Giorgio blicken. Und das im Ferienmonat August! Der Tisch im Yachthafen, an dem Prosecco und Wasser gereicht wurden, dürfte gut dreißig Meter lang gewesen sein. Elegant gekleidet und gut gelaunt waren die Bewohner der Serenissima zusammengekommen, um einen venezianischen Architekten des 20. Jahrhunderts zu feiern, der ästhetisch und politisch Maßstäbe gesetzt hat: Carlo Scarpa.

Statt sich den Wünschen des Bauherrn eines faschistischen Staates zu unterwerfen und dem Diktator Mussolini zu Diensten zu sein, hatte Carlo Scarpa es nach Abschluss eines Architekturstudiums an der Accademia di Belle Arti von Venedig vorgezogen, seine Ideen nicht im städtischen Raum, sondern in den Glaswerkstätten von Murano zu verwirklichen. Nachdem er erste Erfahrungen bei Cappellin sammeln konnte, kam er 1932 zur Manufaktur Venini. 1934 rückte er in die Position des künstlerischen Leiters auf. Gemeinsam mit Paolo Venini entwickelte er fünfzehn Jahre lang eine Vielzahl von raffinierten Formen, Farben und Herstellungstechniken, von denen die venezianische Glasproduktion bis heute profitiert.

Von Scarpas tiefer Verbundenheit mit der lokalen Handwerkstradition, aber auch seiner Experimentierfreude, was Materialeigenschaften angeht, zeugen 300 atemberaubend schöne Gefäße und Schalen aus Glas, die sich nun im Licht der Lagune spiegeln. Kurator Marino Barovier hat sie aus Privatsammlungen und Museen entliehen und – dank des angenehm zurückhaltenden Ausstellungsdisplays von Selldorf Architects – im Westflügel des ehemaligen Konvents auf der Isola di San Giorgio perfekt in Szene gesetzt. Ein grandioser Auftakt für die gemeinsamen Aktivitäten der Stiftungen Giorgio Cini und Pentagram, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die Erforschung und Präsentation venezianischer Glasproduktion zu unterstützen, Tagungen und Publikationen zu initiieren und in einer Folge von monografischen Ausstellungen sukzessive einen vollständigen Werkkatalog der Glasproduktion von Venini vorzulegen. Als unerwarteter Glücksfall erwies sich, dass im Zuge der Recherche Dokumente in den Archiven von Venini aufgetaucht sind, von denen bislang angenommen wurde, sie seien 1972 bei einem Brand auf dem Firmengelände zerstört worden. Zum Vorschein kamen Fotografien, Entwurfszeichnungen und Notizen, die in der Ausstellung, vor allem aber im Katalog, Einblick in die Arbeitsweise des Architekten geben.

Scarpas Universum aus Glas wird in der Ausstellung chronologisch und nach Herstellungstechniken geordnet in Vitrinen präsentiert. Kaum zu glauben, wie selbstverständlich, ja scheinbar mühelos es Scarpa gelang, auf die Kenntnisse der Antike zurückzugreifen, dem Zeitgeist zu entsprechen und die ironische Zitierweise der Postmoderne vorwegzunehmen. Ob die Imitation von weißem Porzellan (lattimo), Perlmutt (iridati) oder Lack (laccati), der Anklang an Ausgrabungen antiker Gläser (corrosi), die Musterung durch mosaikartige Glasscheiben (murrine romane), die Strukturierung durch Luftbläschen (a bollicine), schmale Streifen (mezza filigrana), weiße Spiralen (a spirali) oder farbige Punkte (apuntini) – all dies deklinierte Scarpa souverän durch. Doch damit nicht genug. Er erfand auch neue Methoden des Schichtens und Beimengens von Pigmenten und Goldstaub (sommerso), durch die es möglich wurde, Pinselstriche im Glas zu hinterlassen. Viele seiner spektakulären Schöpfungen, darunter die opaken Murrine-Schalen im antizipierten Memphis-Look und die schwarz-roten Lacktextur-Vasen aus den vierziger Jahren, wurden als Beiträge zu den Kunstbiennalen von Venedig und durch Abbildungen in der Zeitschrift „domus“ in Fachkreisen bekannt.

Jedes Glasobjekt ist ein kostbares Einzelstück und doch Teil einer Serie. Eben das macht den Reiz eines von einem republikanischen Selbstverständnis geprägten „common ground“ à la Venezia aus: schillernde Individuen in einem kommunalen Gefüge. So bedurfte ein venezianischer Architekt wie Carlo Scarpa nicht der Anregung durch eine Architekturbiennale, um über Nachhaltigkeit, Traditionsbewusstsein und den Stellenwert des Handwerks nachzusinnen. Weit davon entfernt, dem egozentrischen Denken den städtischen Raum unterzuordnen, verzichtete er darauf, um jeden Preis bauen zu wollen und gab dem Innenleben, dem Interieur, den Vorzug. Noch heute halten seine gläsernen Wissensräume en miniature Einzug in heimische Gehäuse und lassen deren Bewohner von Feuer und Leidenschaft, von der Transformation der Materie, von dem geheimnisumwitterten alchemistischen Treiben der Glasbläser Muranos und von der Kostbarkeit der Welt träumen. Dass sich mit dem Begehren nach Einzigartigkeit und Eleganz Geld verdienen lässt, wird in Venedig seit jeher nur allzu gern in Kauf genommen. Und so ging ein anerkennendes Raunen durch die „Stanze del Vetro“: Che bello!

Carlo Scarpa. Venini 1932-1947
bis 29. November 2012
Zur Ausstellung ist ein Katalog (in italienischer und englischsprachiger Ausgabe) im Skira Verlag erschienen.