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Faltbare Glasfassade am Stand von Schüco, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Zukunft als Sonderlösung
von Julius Streifeneder
31. Januar 2013
Mit floralen und zugleich technoiden Renderings lockt die BAU, nach eigenen Angaben die „Weltleitmesse für Architektur, Ma­­­terialien, Systeme“, alle zwei Jahre nach München. Hier geht es – verheißungsvoll – um die glänzende und nachwachsende Zukunft des Bauens. Da muss man natürlich hin. Das der Besucherandrang auch diesmal wieder enorm war, ist insofern keine Überraschung.

Sämtliche Hersteller mit Rang und Namen sind vertreten, dazu eine Vielzahl interessanter Anbieter von Spezialprodukten und Kompetenzen für Sonderlösungen. Entsprechend bunt gemischt ist das Publikum. Ob Architekt, Maurer, Bauunternehmer oder Häuslebauer, für jeden ist etwas dabei, was für den Einzelnen nicht zwangsläufig von Vorteil ist. Die schiere Größe der Messe erfordert Steh- und Gehvermögen – und ein selektives Vorgehen. Wer sich treiben lässt, verliert sich schnell in einem großen Wald aus Streckmetall und Dachpfannen. Auch der umständliche Messe-Faltplan mit technoiden Zukunftspilzen vorne drauf, macht es dem entwöhnten Smartphonewischer, nicht leichter, den Überblick zu bewahren. Aber Schwamm drüber, hier wird im großen Konzert der Angebote schließlich an der großen Zukunft gebaut!

Die Stimmung war gut. Der Stand von „Schüco“, auf dem überbordend mit parametrischen Freiheitsgraden gelockt wird, fiel noch größer aus als beim letzten Mal. Dass der „Volkswagen“ unter den Fassadensystemherstellern jetzt auch gekrümmte und gefaltete Glasfassaden im Programm hat, zeigt, dass die Architektur der Blobs und Freiformen im Mainstream angekommen ist – eine eher beunruhigende Erkenntnis. Auffällig einfach und übersichtlich ist der Stand des Spezialisten für Schiebefenster „Air-lux“, der mit einer einzigen quadratischen Schiebetür aufwartet. Elegant und informativ stellt sich der Glas- und Metallbauspezialist „Sky-Frame“ dar. Spektakulär präsentiert sich die 14 Meter lange und drei Meter hohe Glasscheibe der Firma „Seele“ mit der souveränen Aufschrift: „Wir können auch 18m auf 3,50m, wenn Sie wollen“.

„Velux“ präsentierte ein interessantes, modulares Oberlichtsystem. Die standardisierten und im Detail elegant gelösten Verglasungselemente lassen sich von der kleinen Dachfensterlösung bis zum Atriumglasdach theoretisch an jede Gebäudesituation anpassen. Eine intelligente Lösung die jedem planenden Architekten entgegenkommt. Umso verwunderlicher, dass dieses System nicht an prominenter Stelle präsentiert wurde.

Auch das Start-up-Unternehmen „Flissade“ wartet mit einem neuartigen und raffinierten Schiebefenstersystem auf. Die Fensterfront lässt sich, dank der im Grundriss U-förmig geführten Schienenbahn, so versetzen, das im Handumdrehen aus einer Loggia ein Wintergarten wird. Eine simple Idee mit dem Teufel im Detail, wobei die Herausforderungen hinsichtlich Abdichtung und Kältebrücken clever gelöst sind.

Staunen darf man über das neue Material „Resysta“. Dass man aus Reishülsen, Öl und Salz einen holzartigen Werkstoff zusammenbrauen kann, der wasser- und wetterfest ist und dabei nicht aussieht wie Porridge, lässt hoffen, dass wir vielleicht doch nicht dem Untergang geweiht sind. „Vorwerk“ wartet mit dem hübschen Bio-Belag „Re/cover Green“ auf, der ebenfalls essbar zu sein scheint. Aufgefallen ist auch, wie viele neue Bodenbeläge inzwischen aus rasch nachwachsendem Bambusholz angeboten werden.

Aber selbst selektives Trüffelsuchen erforderte Ausdauer und die Ernte blieb am Ende überschaubar. Die Zukunft zu gewinnen, ist auch in der Architektur nicht einfach. Zwar ist der Trend erkennbar, bewährte Standardprodukte als flexibel anpassbare Lösungen anzubieten, jedoch nur innerhalb der eigenen Systemgrenzen. Produkte aus herstellerübergreifenden Systemintegrationen lassen weiterhin auf sich warten. Biomorphe Zukunftsgewächse waren jedenfalls nirgendwo zu finden.

Trotz vieler Attraktionen beschleicht einen deshalb das Gefühl, die Branche könnte entweder innovationsmüde geworden sein oder sie habe ihre Neuheiten geschickt versteckt. Wir vermuten letzteres. So haben etwa die „Forschungsinitiative Zukunft Bau“ und das „Fraunhofer Institut“ durchaus bemerkenswerte und innovative Forschungsprojekte vorgestellt, diese aber mit dem Charme einer Stellwandhängung in einer Hochschulaula präsentiert. Auch das prominent besetzte Vortragsprogramm war rund um die Themen „Zukunft“, „Innovation“ und „Integration“ gestrickt. Der Bedarf und das Interesse an neuen Ideen sind also da, nur scheint das in der Realität des Bauens hierzulande noch keine zentrale Rolle zu spielen. Grün schillernde Ausnahme: Die Bioreaktorfassade von „Colt“ und der „SSC GmbH“, die derzeit auf der IBA in Hamburg als Pilotprojekt realisiert wird. Hier darf man auf die weitere Entwicklung gespannt sein.

Rainer Hascher von der TU Berlin hat im Rahmen des Forums „the future of building“ sehr erfrischende Kritik am deutschen Planungswesen geübt. Unter anderem prangerte er das noch immer weitverbreitete „Katalogdenken“ der Planer an. Sicherheit gehe vor Innovation, Hersteller und Ausführende würden zu spät in den Planungsprozess mit eingebunden und Standardlösungen bevorzugt. Möglicherweise hat er damit ausgesprochen, was den Herstellern längst klar ist. Das Geschäft wird mit Standardprodukten gemacht. Experimente und Innovationen sind für Studenten, Forscher und die interessierte Öffentlichkeit. Nach dem Motto: Forscht und redet Ihr mal, wir verkaufen, was sich bewährt hat.

Mit Haschers Kritik im Kopf wird auch die BAU plötzlich zum begehbaren Katalog, durch den man sich per pedes von Stand zu Stand durchblättert. Halle B6: Der Stand von „Armstrong Flooring“ besticht durch sein gekonnt buntes Design. Die Firma „Durlum“ zeigt, wie elegant man LED-Lichtpunkte in die Decke integrieren kann. Bei „Casal Grande Padana“ staunt man über „Bios. Self Cleaning Ceramics“, die dank einer photokatalytischen Beschichtung scheinbar für immer wie neu aussehen werden, was denn auch live und anschaulich mittels Farbbeutelbewurf demonstriert wurde.

Wer mutig genug war, in Halle C3 bei der „Bausoftware“ zu grasen, der wurde vielleicht auch mit einer hochinteressanten Einführung in die Welt der 3D-Scanner beglückt. Schon für 25.000 Euro ist so ein Gerät bei der Firma „Faro“ zu haben. Alle, die mit Bestandbauten zu tun haben, wissen zu schätzen, welche Zeitersparnis solche eingefangenen Datenwolken bieten können. Schon die Vorstellung, mit einem solchen Gerät eine CNC-gefräste Kopie meiner selbst anfertigen und sie mir im Maßstab 1:10 auf den Schreibtisch stellen zu können, ließ meine Fußschmerzen vergessen. Am Ende des Flanierens durch diesen vielfältigen und realen Katalog heutigen Bauens gab es noch ein Pils und einen vergnüglichen Plausch bei „Stala Tech“ über finnische Stahlrohrprofile und raffinierte Steckverbindungen. Überfülle und Unbill waren vergessen. Schon freuen wir uns auf das nächste Mal.

www.bau-muenchen.com
Armstrong zählt zu den führenden Herstellern von Bodenbelägen, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Der deutsche Hersteller Armstrong stattete seinen Messestand mit farbenfrohen Wand- und Bodenelementen aus, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Flissade stellte funktionale Schieberfenstersysteme auf der diesjährigen BAU vor, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Schüco präsentierte ein parametrisches 3D Fassadensystem für frei gestaltbare Gebäudehüllen, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Bei Durlum werden LED-Lichtelemente direkt in die Decke integriert, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Lichtdurchlässiger Beton am Stand von Luccon, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Mediafassade des Schweizer Herstellers Alucobond, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Vola bietet Armaturen in unterschiedlichen Farb- und Materialausführungen an, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Detailansicht eines Fenstersystems am Stand von Schüco, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Vorwerk stellte auf der BAU den neuen Bio-Bodenbelag „Re/cover Green“ vor, Foto © Robert Volhard, Stylepark
Bei Gira konnten die Besucher Gebäudetechniksysteme selber ausprobieren, Foto © Robert Volhard, Stylepark
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News & Stories › 2013 › Januar
Zukunft als Sonderlösung
von Julius Streifeneder | 31. Januar 2013
Als „Weltleitmesse für Architektur, Materialien, Systeme“ bietet die BAU in München eine Fülle von Informationen für Architekten, Planer und alle, die sich damit beschäftigen, wie heute und in Zukunft gebaut werden kann. Flexibel anpassbare Standardlösungen stehen im Vordergrund, echte Innovationen bleiben rar.
Mit floralen und zugleich technoiden Renderings lockt die BAU, nach eigenen Angaben die „Weltleitmesse für Architektur, Ma­­­terialien, Systeme“, alle zwei Jahre nach München. Hier geht es – verheißungsvoll – um die glänzende und nachwachsende Zukunft des Bauens. Da muss man natürlich hin. Das der Besucherandrang auch diesmal wieder enorm war, ist insofern keine Überraschung.

Sämtliche Hersteller mit Rang und Namen sind vertreten, dazu eine Vielzahl interessanter Anbieter von Spezialprodukten und Kompetenzen für Sonderlösungen. Entsprechend bunt gemischt ist das Publikum. Ob Architekt, Maurer, Bauunternehmer oder Häuslebauer, für jeden ist etwas dabei, was für den Einzelnen nicht zwangsläufig von Vorteil ist. Die schiere Größe der Messe erfordert Steh- und Gehvermögen – und ein selektives Vorgehen. Wer sich treiben lässt, verliert sich schnell in einem großen Wald aus Streckmetall und Dachpfannen. Auch der umständliche Messe-Faltplan mit technoiden Zukunftspilzen vorne drauf, macht es dem entwöhnten Smartphonewischer, nicht leichter, den Überblick zu bewahren. Aber Schwamm drüber, hier wird im großen Konzert der Angebote schließlich an der großen Zukunft gebaut!

Die Stimmung war gut. Der Stand von „Schüco“, auf dem überbordend mit parametrischen Freiheitsgraden gelockt wird, fiel noch größer aus als beim letzten Mal. Dass der „Volkswagen“ unter den Fassadensystemherstellern jetzt auch gekrümmte und gefaltete Glasfassaden im Programm hat, zeigt, dass die Architektur der Blobs und Freiformen im Mainstream angekommen ist – eine eher beunruhigende Erkenntnis. Auffällig einfach und übersichtlich ist der Stand des Spezialisten für Schiebefenster „Air-lux“, der mit einer einzigen quadratischen Schiebetür aufwartet. Elegant und informativ stellt sich der Glas- und Metallbauspezialist „Sky-Frame“ dar. Spektakulär präsentiert sich die 14 Meter lange und drei Meter hohe Glasscheibe der Firma „Seele“ mit der souveränen Aufschrift: „Wir können auch 18m auf 3,50m, wenn Sie wollen“.

„Velux“ präsentierte ein interessantes, modulares Oberlichtsystem. Die standardisierten und im Detail elegant gelösten Verglasungselemente lassen sich von der kleinen Dachfensterlösung bis zum Atriumglasdach theoretisch an jede Gebäudesituation anpassen. Eine intelligente Lösung die jedem planenden Architekten entgegenkommt. Umso verwunderlicher, dass dieses System nicht an prominenter Stelle präsentiert wurde.

Auch das Start-up-Unternehmen „Flissade“ wartet mit einem neuartigen und raffinierten Schiebefenstersystem auf. Die Fensterfront lässt sich, dank der im Grundriss U-förmig geführten Schienenbahn, so versetzen, das im Handumdrehen aus einer Loggia ein Wintergarten wird. Eine simple Idee mit dem Teufel im Detail, wobei die Herausforderungen hinsichtlich Abdichtung und Kältebrücken clever gelöst sind.

Staunen darf man über das neue Material „Resysta“. Dass man aus Reishülsen, Öl und Salz einen holzartigen Werkstoff zusammenbrauen kann, der wasser- und wetterfest ist und dabei nicht aussieht wie Porridge, lässt hoffen, dass wir vielleicht doch nicht dem Untergang geweiht sind. „Vorwerk“ wartet mit dem hübschen Bio-Belag „Re/cover Green“ auf, der ebenfalls essbar zu sein scheint. Aufgefallen ist auch, wie viele neue Bodenbeläge inzwischen aus rasch nachwachsendem Bambusholz angeboten werden.

Aber selbst selektives Trüffelsuchen erforderte Ausdauer und die Ernte blieb am Ende überschaubar. Die Zukunft zu gewinnen, ist auch in der Architektur nicht einfach. Zwar ist der Trend erkennbar, bewährte Standardprodukte als flexibel anpassbare Lösungen anzubieten, jedoch nur innerhalb der eigenen Systemgrenzen. Produkte aus herstellerübergreifenden Systemintegrationen lassen weiterhin auf sich warten. Biomorphe Zukunftsgewächse waren jedenfalls nirgendwo zu finden.

Trotz vieler Attraktionen beschleicht einen deshalb das Gefühl, die Branche könnte entweder innovationsmüde geworden sein oder sie habe ihre Neuheiten geschickt versteckt. Wir vermuten letzteres. So haben etwa die „Forschungsinitiative Zukunft Bau“ und das „Fraunhofer Institut“ durchaus bemerkenswerte und innovative Forschungsprojekte vorgestellt, diese aber mit dem Charme einer Stellwandhängung in einer Hochschulaula präsentiert. Auch das prominent besetzte Vortragsprogramm war rund um die Themen „Zukunft“, „Innovation“ und „Integration“ gestrickt. Der Bedarf und das Interesse an neuen Ideen sind also da, nur scheint das in der Realität des Bauens hierzulande noch keine zentrale Rolle zu spielen. Grün schillernde Ausnahme: Die Bioreaktorfassade von „Colt“ und der „SSC GmbH“, die derzeit auf der IBA in Hamburg als Pilotprojekt realisiert wird. Hier darf man auf die weitere Entwicklung gespannt sein.

Rainer Hascher von der TU Berlin hat im Rahmen des Forums „the future of building“ sehr erfrischende Kritik am deutschen Planungswesen geübt. Unter anderem prangerte er das noch immer weitverbreitete „Katalogdenken“ der Planer an. Sicherheit gehe vor Innovation, Hersteller und Ausführende würden zu spät in den Planungsprozess mit eingebunden und Standardlösungen bevorzugt. Möglicherweise hat er damit ausgesprochen, was den Herstellern längst klar ist. Das Geschäft wird mit Standardprodukten gemacht. Experimente und Innovationen sind für Studenten, Forscher und die interessierte Öffentlichkeit. Nach dem Motto: Forscht und redet Ihr mal, wir verkaufen, was sich bewährt hat.

Mit Haschers Kritik im Kopf wird auch die BAU plötzlich zum begehbaren Katalog, durch den man sich per pedes von Stand zu Stand durchblättert. Halle B6: Der Stand von „Armstrong Flooring“ besticht durch sein gekonnt buntes Design. Die Firma „Durlum“ zeigt, wie elegant man LED-Lichtpunkte in die Decke integrieren kann. Bei „Casal Grande Padana“ staunt man über „Bios. Self Cleaning Ceramics“, die dank einer photokatalytischen Beschichtung scheinbar für immer wie neu aussehen werden, was denn auch live und anschaulich mittels Farbbeutelbewurf demonstriert wurde.

Wer mutig genug war, in Halle C3 bei der „Bausoftware“ zu grasen, der wurde vielleicht auch mit einer hochinteressanten Einführung in die Welt der 3D-Scanner beglückt. Schon für 25.000 Euro ist so ein Gerät bei der Firma „Faro“ zu haben. Alle, die mit Bestandbauten zu tun haben, wissen zu schätzen, welche Zeitersparnis solche eingefangenen Datenwolken bieten können. Schon die Vorstellung, mit einem solchen Gerät eine CNC-gefräste Kopie meiner selbst anfertigen und sie mir im Maßstab 1:10 auf den Schreibtisch stellen zu können, ließ meine Fußschmerzen vergessen. Am Ende des Flanierens durch diesen vielfältigen und realen Katalog heutigen Bauens gab es noch ein Pils und einen vergnüglichen Plausch bei „Stala Tech“ über finnische Stahlrohrprofile und raffinierte Steckverbindungen. Überfülle und Unbill waren vergessen. Schon freuen wir uns auf das nächste Mal.

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