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"Allstar" von Constantin Grcic auf der Orgatec 2014
Vielfalt und Hightech im Büro: Der Stuhl „Allstar“ und der Schreibtisch „Hack“ von Konstantin Grcic für Vitra.
Foto: Eduardo Perez © Vitra
Vielfalt und Hightech im Büro: Der Stuhl „Allstar“ und der Schreibtisch „Hack“ von Konstantin Grcic für Vitra.

Orgatec 2016
Laptop und Schließfach

Büros werden immer komfortabler. Dumm ist nur, dass man trotzdem arbeiten muss. Wir werfen einige Blicke zurück auf das Büro der Zukunft und nach vorn auf die Orgatec 2016 in Köln.
von Thomas Wagner | 18.10.2016

Arthur Schopenhauer hatte schon recht: Da es Gründe genug gibt, pessimistisch zu sein, sind wir umgeben von lauter Optimisten. Besonders, wenn es um’s Büro und dessen Zukunft geht. Die drei wichtigsten Stichworte dazu lauten seit Jahren: Vernetzung, Effizienz und Flexibilität. Schon deshalb muss die Arbeitsumgebung heute vieles mehr bieten als noch vor zehn Jahren: Einen Ort für den Kaffeeplausch mit Kollegen, Räume oder Kabinen für Meetings oder Videokonferenzen, Lounges, um Mails zu checken oder Kämmerchen für konzentriertes Arbeiten am Schreibtisch. Vieles in der neuen Bürowelt klingt vielversprechend, einiges aber auch zu schön, um wahr sein zu können.

Man trifft sich in der Zone

Das „Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation“, kurz IAO, das für das Bürokonzept der neuen Microsoft-Zentrale in der Parkstadt Schwabing verantwortlich zeichnet, spricht von vier Arbeitszonen: „Accomplish“ dient der Einzelarbeit am Schreibtisch, „Converse“ steht für Teamarbeit in Projekträumen, „Think“ für den kreativen Rückzug und „Share and discuss“ für effiziente Interaktion. Was für die Mitarbeiter bedeutet: Eine eigene Arbeitsumgebung gibt es nicht mehr. Die Anwesenheitspflicht wurde schon länger abgeschafft. Also kommen die Mitarbeiter morgens in Büro und suchen sich den Arbeitsplatz, der für sie an diesem Tag passt und wechseln dann, wenn es die Tätigkeit verlangt, in eine andere Zone. Der letzte Rest an Individualität, der bei dieser Clean-Desk-Policy noch geduldet wird, heißt Schließfach. Dort werden persönliche Unterlagen verwahrt. Der Verzicht auf Selbstbestimmung zum Wohle der Effizienz am Arbeitsplatz heißt dann nur noch euphemistisch „Lernprozess“. Was an Eigenem aufgegeben werden muss, kompensieren helle und freundliche Räume und entsprechendes Mobiliar. Willkommen in der schönen neuen Bürowelt, in der nur eines stört: Man muss trotzdem arbeiten – und im Zweifelsfall mehr als einem lieb sein kann.

Der Muff ist raus

Vor der Orgatec 2016, die in der kommenden Woche in Köln stattfindet, stellt sich die Ausgangslage wie folgt dar: In den letzten Jahren und Jahrzehnten wurde der Muff nicht unter den Talaren, sondern auch von den Tablaren und Tischen, aus den Schränken und Ablagen verscheucht. Mit Erfolg. Über Geschmack im Einzelfall mag man streiten, auf Ganze gesehen sind Büros in den letzten zehn Jahren aber heller, freundlicher, ergonomischer und in der Summe auf alle Fälle stylischer geworden. Statt Spanplatte mit ödem Holzimitat gibt es heute eine Vielfalt an Material und Stoffen (oft nachhaltig produziert und eingesetzt), frische Farben, solide Verarbeitung und vieles mehr.

Spoilerstuhl "Unsinn" Orgatec 2014
Kommunikativer Ort und Rückzugsmöglichkeit: „Windowseat" von Mike & Maaike für Harworth mit überdimensionalen Ohren für mehr Schallschutz.
© Adeline Seidel, Stylepark
Kommunikativer Ort und Rückzugsmöglichkeit: „Windowseat" von Mike & Maaike für Harworth mit überdimensionalen Ohren für mehr Schallschutz.

Mitarbeiter motivieren

Ob „Workspace“ oder „Workspirit“, ob „Netting“ oder „Nesting“, ob „Think“-Bereich oder Ruheinsel: Das moderne Büro soll sich an den Bedürfnissen der Mitarbeiter orientieren, um, wie es schon 2006 in der Broschüre eines großen Herstellers hieß, „die Wettbewerbsfähigkeit in einer global agierenden Wirtschaft zu erhalten und zu steigern“. Ganz selbstlos war das Wohlfühlprogramm nie. Vieles im heutigen Büro bewegt sich denn auch zwischen Effizienzsteigerung und Seelenmassage. Wohlfühlen ja, aber bitte effizient! Nicht zu vergessen: Wo keiner mehr ein eigenes Büro hat, lässt sich die Größe der Belegschaft schnell und – effizient – an die Auftrags- oder Ertragslage anpassen.

Pilgerreisen ins Valley

Man könnte mit Bernhard Rudovsky auch sagen, all die Vorstellungen von einem Büro der Zukunft (das hier und da längst Gegenwart ist), pendelten ständig zwischen Sparta und Sybaris, zwischen Last und Lust, geforderter Effizienz und erwünschter Gemütspflege, funktionaler Arbeitsmaschinerie und gemütlichem Heim. Und weil die ganz großen Revolutionen wie die digitale nun mal den Takt vorgeben, sind viele Hersteller in den letzten Jahren gläubig ins Silicon Valley gepilgert, als läge ausgerechnet bei Google und Konsorten ein Heilsplan bereit, den es zum Wohle aller nur noch weiterzureichen und zu kopieren gelte. Von ihren Studienreisen mitgebracht haben sie dann unter anderen die Wünsche eines besonderen Menschenschlags, dessen Welt vor allem aus rechteckigen Displays und Quellcodes besteht und die Anforderungen eines Industriezweigs, der sämtliche Schritte, die er geht wie die Versionen von Software-Updates durchzählt. Unabhängig davon, wohin sie führen.

Arbeit x Flexibilität2 = Effizienz 4.0

So wurden die Anforderungen, die Branchenführer oder sogenannte Start-ups der IT-Branche an einen Büroraum stellen, rasch als potenziell zukunftsträchtig erkannt und nach der einfachen Formel Arbeit x Flexibilität2 = Effizienz 4.0 aufs Durchschnittsbüro umgerechnet. Aus Wissenschaftstheorie und Geschichte wissen wir: Hat man sich erst einmal auf ein neues Paradigma verständigt, gibt’s kein Halten mehr. Der Ansatz wird großflächig umgesetzt, auch wenn man schon bald weiß, wo er seine Schwächen hat. Der isolierten Käfighaltung von Büroangestellten trauert im Ernst keiner nach; was das Neue mit dem Veralteten teilt aber ist die Tatsache, dass im Namen des Götzen Effizienz abermals über Branchen und Tätigkeiten hinweg nur wenige Varianten zugelassen werden. Dabei reden diejenigen, die solche Modelle propagieren, gern wie Politiker, die verborgene Interessen verfolgen, „die Menschen“ aber gern „mitnehmen“, damit sie den Vorteil der neuen Arbeitsumgebung für sich erkennen sollen. Voraussetzung dieser Art von Büro jedenfalls ist, dass es sich um stark digitalisierte Arbeitsabläufe handelt, da flexibles Arbeiten mit viel Papier nicht so gut funktioniert.

„New Order“ überzeugt als Raumstruktur: Der Messestand von Hay auf der Orgatec 2014 in Köln.
Mehr Raumstruktur mit präzise aufeinander abgestimmten Möbelstücken: „New Order“ von Stefan Diez am Stand von HAY auf der Orcatec im Jahr 2014.
© Gerhardt Kellermann mit Jonathan Mauloubier
Mehr Raumstruktur mit präzise aufeinander abgestimmten Möbelstücken: „New Order“ von Stefan Diez am Stand von HAY auf der Orcatec im Jahr 2014.
Lounge in Arbeitszimmer: Sitzmöbel „Colina L" von Arper.
© Constantin Meyer
Lounge in Arbeitszimmer: Sitzmöbel „Colina L" von Arper.

Atmosphären-Management

So zeigt sich in der Einrichtungsdirektive eines Büros nicht nur der generelle Wandel eines Großteils heutiger Arbeitswelten. Unter den veränderten demografischen, ökonomischen und ökologischen Konditionen erweist sich die Planung des Arbeitens und die Einrichtung der Plätze, an denen es stattfindet, zunehmend als umfassendes Atmosphären-Management – im Mikrokosmos der Firma ebenso wie innerhalb des globalen kapitalistischen Wohlfühltreibhauses. Energietechnisch befeuert wird solches Management von sich medial selbst verstärkenden Kreisprozessen, in denen die Frage, was zuerst gewesen ist, Henne oder Ei, bekanntlich keine Rolle mehr spielt. Also lässt sich in unserem Fall auch nicht mehr ausmachen, ob der Digitalisierung als Wundermittel wirtschaftlicher Prosperität das Wort geredet wird, um neue Arbeitsumgebungen schaffen zu können, oder ob neue Büros mit digitalisierten Abläufen eingerichtet werden, um der Digitalisierung auch dort zum Durchbruch zu verhelfen, wo ihre Art der Effizienz eigentlich nichts zu suchen hat. Kurz: So schön und freundlich sich die neue Arbeitswelt auch präsentiert, sie entspricht einer – drücken wir es ebenfalls freundlich aus – bestimmten Haltung und Weltsicht.

Die typische Silicon-Valley-Variante etwa und die Wünsche und Anforderungen, die sie erzeugt, ließe sich folgendermaßen beschreiben: Eine (entschuldigen Sie den militaristischen Tonfall) mittlere Interventionsarmee von Programmierern fällt aufgrund eines aktuellen Auftrags von heut’ auf morgen in eine leere Halle oder Etage ein („... it never rains in Southern California!“) und erwartet dort umgehend nicht viel mehr als rustikale und flexible Möbel, die nach Ende des Projekts so schnell wieder verschwinden können wie sie in der gerade anstehenden Schlacht des Digitalzeitalters aufgetaucht sind. Dass dafür anderes Mobiliar gebraucht wird als in einer Anwaltskanzlei oder beim Steuerberater liegt auf der Hand.

Jenseits der Extreme

Wenigstens zweierlei lässt sich daran ablesen: Erstens wirken solche Beispiele wie Weckrufe und führen zu wichtigen experimentellen Lösungen. Und zweitens wird auch bei der Planung eines neuen Büros nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird. Beispiele wie die Zentralen von Google mögen medial für Aufmerksamkeit sorgen, zu mehr als zu einer Ausnahme hat es das Büro als Spielwiese nicht gebracht – und in vielen, in denen es nicht so aussieht, lässt es sich mindestens genauso gut arbeiten.

Denn eines darf nicht übersehen werden: Wir sitzen heute ergonomisch korrekt, können bei Bedarf im Stehen lesen, tippen oder konferieren, Raum und Arbeitsplatz sind von hellem blendfreiem Licht illuminiert, es gibt Wasser, guten Kaffee, Sitzecken, Rückzugsräume und viele Annehmlichkeiten mehr.  Das Büro hat sich in der Tat zu einer ausgesprochenen Wohlfühlzone entwickelt. Ob die Realität der Arbeit tatsächlich mit den Wünschen schritthalten kann, wird sich weisen müssen.

Orgatec
Arbeit neu denken

Messegelände Köln
25. bis 29. Oktober 2016
Di bis Fr von 9 bis 18 Uhr
Sa von 9 bis 16 Uhr