STYLEPARK AXOR
Evergreen mit System
Anna Moldenhauer: Sie haben für AXOR eine neue Kollektion entwickelt und diese kürzlich im Rahmen der Milan Design Week vorgestellt: "AXOR Archivio". Gab es einen Schlüsselmoment für die Inspiration?
Jay Osgerby: "Archivio" ist eine vollkommen neue Kollektion für uns – ein komplettes System, von der Dusche über die Badewanne bis zu allen dazugehörigen Elementen. Besonders spannend ist, dass diese Kollektion nur kurze Zeit nach "AXOR One" erscheint, die inzwischen die meistverkaufte Kollektion des Unternehmens geworden ist. Es fühlt sich ein wenig an, als hätten wir mit "AXOR One" eine erfolgreiche erste Single veröffentlicht und hoffen nun, dass die zweite denselben Erfolg erzielt.
Was hat Sie und Edward Barber für diese neue "Single" inspiriert?
Jay Osgerby: Die Metapher passt sehr gut, denn nach "AXOR One" entwickelte sich eine besondere Form der Zusammenarbeit. Das Sortiment ist klar definiert, was zu einem eher analytischen Designansatz führt. "AXOR One" entstand ursprünglich aus der Erkenntnis, dass Wasser über digitale Schnittstellen und Apps gesteuert werden kann. Wir wollten diese Klarheit in eine analoge Form umsetzen. Obwohl der Trend schon bald überholt war, blieb das Designkonzept erfolgreich. Als wir anschließend das gesamte Sortiment unter die Lupe nahmen, stellten wir fest, dass eine Kollektion mit einer weicheren, weniger geometrischen Anmutung fehlte, etwas Menschlicheres. Diese Formen werden oft als "feminin" beschrieben, doch ich halte die Kategorisierung für unpassend. Parallel begann ich mich intensiver damit zu beschäftigen, wie Objekte Erinnerungen wecken können. Man kann sie nicht erzeugen, aber Formen schaffen, die Raum dafür lassen. "AXOR Archivio" sollte nicht an eine Epoche gebunden sein, sondern wie ein Portal funktionieren, das unterschiedliche Assoziationen ermöglicht. Avantgardistische Formen eignen sich dafür kaum. Ich glaube nicht, dass Provokation heute noch zur Rolle des Designs gehört. Das ist eher eine Aufgabe der Kunst. Design hingegen sollte Objekte hervorbringen, die vertraut wirken, lange halten und eine außergewöhnliche Qualität besitzen.
Warum ist eine Armatur, dessen Form vertraut wirkt, für Sie zeitgemäß?
Jay Osgerby: Die Form erinnert an Vergangenes, ist aber dezent modernisiert – fast postmodern, nicht im historischen, sondern im referenziellen Sinne. Vielleicht brauchen wir heute mehr denn je Dinge, die Vertrautheit vermitteln. Die Welt ist für viele Menschen technisch und emotional überlastet. Früher hätte ich gesagt, Design müsse provozieren und neue Wege weisen. Heute überfordert uns die Technologie eher. Niemand weiß, was als Nächstes kommt. Darum erscheint es mir wichtig, Kreativität von Technologie zu lösen. Unsere Aufgabe ist es, schöne, gut funktionierende Objekte zu gestalten, die Menschen lieben und mit denen sie leben wollen. Und genau darin liegt die Stärke von AXOR. Wir können historische Referenzen aufgreifen, während die Technik im Inneren modernste Standards erfüllt. Viele der Produkte werden länger existieren als wir selbst. "AXOR Archivio" hätte ebenso gut zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entstehen können und wird auch künftig zeitlos wirken. Wie ein Produkt auf Zeitreise.
Was bedeutet das für die integrierte Technik?
Jay Osgerby: Die Themen CO₂ Bilanz, recycelte Materialien und vor allem Wasserverbrauch stehen für die Produktentwicklung im Fokus. Gleichzeitig will niemand einen Wasserhahn, der nur ein schwaches Rinnsal liefert. AXOR untersucht daher Strömungsmechaniken, entwickelt spezielle Düsen und hält zahlreiche Patente, um kraftvolle Wasserbilder bei minimalem Verbrauch zu ermöglichen. Ein gutes Beispiel ist die Strahlart Powder Rain: Das Wasser wirkt wie ein feiner Nebel, der sich an den Körper legt, statt abzuperlen. Man fühlt sich intensiver benetzt, obwohl deutlich weniger Wasser eingesetzt wird. Im Rahmen von Meetings mit AXOR testen wir unsere Entwicklung tatsächlich gemeinsam unter der Dusche: Designer, Ingenieure, Produktentwickler, sogar der CEO. Ein eher untypischer Start in den Tag für uns Briten. (lacht) Der Selbsttest ist ungemein hilfreich, um die Prototypen authentisch zu erleben und ganzheitlich beurteilen zu können.
Das ist ein interessanter Ansatz. Das Team bekommt unmittelbar ein Gefühl für das spätere Erlebnis der Nutzung, fernab von Daten und Berechnungen.
Jay Osgerby: Absolut.
"AXOR Archivio" wird von AXOR in zahlreichen Varianten und Oberflächen angeboten werden. Welche Details waren Ihnen persönlich wichtig?
Jay Osgerby: AXOR ist glücklicherweise sehr offen für unsere Ideen und es ist hilfreich, wenn die vorherige Kollektion ein Bestseller war. Ich bin überzeugt, dass auch "AXOR Archivio" sehr erfolgreich sein wird. Im Badezimmer wünschen sich Menschen nach unseren Erkenntnissen eine Ausstattung, die einfach zu bedienen ist und Ruhe vermittelt. Niemand möchte früh am Morgen erst herausfinden müssen, wie eine Armatur funktioniert, bevor man sie verwenden kann. Besonders interessant ist, wie junge Menschen heute Produkte erleben. Meine Kinder sind 18, 20 und 23 Jahre alt und leben aus meiner Sicht quasi in der Gegenwart wie in der Vergangenheit. Die Kultur ihrer Generation verfügt über ein riesiges Archiv. Wie mit Blick auf die Musik: The Doors, Grime, The Stone Roses, aktuelle DJs – alles existiert parallel. Diese Gleichzeitigkeit gab es früher nicht. Auch die Technologie und das Handwerk stehen aktuell nebeneinander. Manchmal frage ich mich, ob DesignerInnen überhaupt noch gebraucht werden, weil so vieles bereits existiert. Wir leben nicht in einer klaren Stilrichtung. Nicht Modernismus, nicht Minimalismus, nicht Postmodernismus. Wir leben im Zeitalter des Archivs.
Geht es aus Ihrer Sicht auch vermehrt darum, Bestehendes zu verbessern und nicht zwanghaft Neues zu schaffen?
Jay Osgerby: Absolut. Und genau deshalb ist "AXOR Archivio" so beglückend. Menschen interagieren täglich mehrmals mit Armaturen. Diese sollten dabei nicht nur funktionieren, sondern Freude bereiten. Ich würde nicht an Produkten mitwirken wollen, die nach fünf Jahren von Markt genommen werden. AXOR hat den Anspruch Produkte zu entwickeln, die Generationen überdauern. Ich mag die Vorstellung, dass man "AXOR Archivio" Armaturen eines Tages auf Plattformen wie Online-Marktplätzen findet – repariert, weitergegeben, weitergelebt. Ein billiger Wasserhahn verbraucht genauso viele Ressourcen in der Herstellung wie ein hochwertiger, hält aber nicht. Wie das Sprichwort sagt: Wer billig kauft, kauft zweimal. Bei Armaturen gilt das eher dreimal.
Auf der anderen Seite wirft diese hohe Haltbarkeit auch die Frage nach wirtschaftlichen Verdienst auf.
Jay Osgerby: Stimmt, nach der klassischen Logik müsste man geplante Obsoleszenz einbauen. AXOR macht das Gegenteil und ist damit erfolgreich.
Sie arbeiten seit fünfzehn Jahren mit AXOR. Was macht die Zusammenarbeit für Sie besonders?
Jay Osgerby: Über die Zeit entsteht Vertrauen, und daraus wächst Freiheit. Erfolgreiche, langjährige Kooperationen basieren immer auf Persönlichkeit.
Wir verstehen uns hervorragend und die Zusammenarbeit fühlt sich eher familiär an. Die Kommunikationswege zwischen uns und der Produktion sind daher erfreulich kurz, was den Austausch effektiv macht. Mit einigen Kolleginnen und Kollegen sind wir auch privat befreundet: Unser Studiomanager ist zum Beispiel vor kurzem mit einem Teammitglied im Urlaub gewesen. Das zeigt bereits, wie eng unsere Verbindung mit AXOR ist.
Was sind die nächsten Schritte für die Markteinführung der Badkollektion "Archivio"?
Jay Osgerby: Wir starten aktuell eine weltweite Präsentation: Ich war bereits auf Präsentationen in Miami und New York. Es folgen Mailand und Kopenhagen. Es ist unser Anspruch das Produkt in verschiedenen Märkten und auch in der Architekturszene vorzustellen. Design braucht Input, und genau diesen liefern die internationalen Perspektiven.
AXOR @ Salone del Mobile
Halle 6, A35





































































































































































































