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Das Neue ist nicht per se das Gute Mailand-Check Teil 1
von Thomas Wagner | 25.04.2012

Das Neue ist nicht per se das Gute. Den schlichten Satz sollte sich nicht nur hinter die Ohren schreiben, wer andauernd von Innovation redet und Nachhaltigkeit noch immer für einen Marketingtrick hält. Er könnte durchaus auch als Motto über dem 51. Salone del Mobile mitsamt all seinen „fuori", sprich neben dem Salone stattfindenden Events und Spektakel stehen. Sicher, auch im Jahr 2012 wurden in den Messehallen in Rho mit dem Neuen Geschäfte gemacht und es wurde in zahllosen Showrooms, Galerien und Museen, auf Straßen, in Hinterhöfen und Industriearealen posiert, geschaut, gefeiert und gegessen, eben wieder einmal jenes bunte Feuerwerk abgebrannt, das geradezu idealtypisch dafür steht, was man Spektakel-Kultur nennt. Hier ein alter VW-Bully mit Hippie-Bemalung, dort ein neues Label, hier ein Rennwagen und dort Überlegungen zur Stadt der Zukunft – und vor allem: überall neugieriges Gedränge. Doch selbst diese geballte Manifestation einer zeitgeistigen Kreativkultur konnte oder wollte diesmal nicht darüber hinwegtäuschen, dass Neuheit allein keinen unumstrittenen Wert mehr darstellt.

Das hat – besonders in Italien – in erster Linie natürlich wirtschaftliche Gründe. Wenn es schlecht läuft, wie derzeit fast überall in Europa, wird entweder protestiert oder eben gefeiert. Beides gleicht dem Tanz auf einem Vulkan. Just zum Salone del Mobile teilte die italienische Regierung mit, die heimische Wirtschaft werde in diesem Jahr stärker schrumpfen als erwartet: Das Bruttoinlandsprodukt werde, so die jüngste Prognose, nicht, wie bislang gedacht, um 0,5 Prozent, sondern um 1,2 Prozent sinken. Auch wenn Mario Monti, der italienische Ministerpräsident, der auch dem Finanz- und Wirtschaftsressort vorsteht, gegensteuern und dafür ein höheres Staatsdefizit in Kauf nehmen will – von rosigen Zeiten ist man in der so wichtigen Region rund um Mailand derzeit weit entfernt. Zugleich sind die Erwartungen groß, gerade der Norden müsse bei der Erneuerung Italiens eine Vorreiterrolle spielen. Für Depressionen ist da keine Zeit. Doch nicht nur die Italiener, auch Möbelhersteller aus anderen europäischen Ländern spüren die Zurückhaltung der Kunden und steuern einen eher verhaltenen Kurs. Nimmt man all das zusammen, so führt das zwar keineswegs zu einem Verzicht auf Neuheiten. Eine gewisse Vorsicht ist aber durchaus zu spüren. Mit dem Effekt: Das Neue ist in einer Branche, die dessen Süße gern auskostet, nicht länger ein Wert an sich. Was inzwischen zur Einsicht geführt hat: Nicht alles was neu oder gar spektakulär erscheint und oft mit erheblichem Aufwand entwickelt wird, verkauft sich gut. Der Spatz in der Hand ist eben auch im Geschäft mit Design allemal besser als die Taube auf dem Dach.

Weniger ist mehr

Keine Sorge, der Salone ist trotzdem noch immer eine optimistische Fortschrittsmaschine. Dass eine behutsame Konsoldierung zu spüren ist, tut ihm trotzdem gut. Dazu passt, dass allzu schrille Entwürfe oder bloße Spielereien auf den Messeständen seltener geworden sind und das Experimentieren um des Experimentierens willen eher nach Ventura Lambrate ausgewandert ist, wo sich mehr oder weniger talentierte Jungdesigner tummeln, um die Verbesserung der Welt zu propagieren. Dazu passt auch, dass Established & Sons zwar noch mit einigen Spielereien – etwa einer Tisch-und-Stuhl-Einheit von Ingo Maurer – auftritt, sein stets opulentes Neuheiten-Programm aber zurückgefahren hat und eher mit Ergänzungen wie dem „Wrongwoods Bookcase" aufwartet. Auch Cassina, eine Firma, die nie auf der Seite des Spektakels stand, erweitert vor allem sein Klassikerprogramm, in diesem Jahr mittels einer Neuauflage von Charlotte Perriands „Nuage-Bibliotheque" und „Nuage-Bahut". Ins Bild passt auch, dass e15 eine an verhaltener Modernität schwer zu übertreffende und sehr zeitgenössisch wirkende Ferdinand-Kramer-Kollektion anbietet – mit einem edel-puristischen Daybed, verschiedenen Tischen und einer Reihe von Couchtischen, die, farblich aufgefrischt, allesamt wirken, als seien sie gerade eben, und nicht schon 1951 entworfen worden. (siehe News & Stories vom 16. April)

Das Gute als Weiterentwicklung des Bestehenden

Zur behutsamen Umwertung, die, wir ahnen es, morgen schon wieder vorbei sein kann, passt auch, dass „Mister Vitra", Rolf Fehlbaum, der im Unternehmen inzwischen das Amt des Präsidenten des Verwaltungsrates bekleidet, bei einem spontanen Rundgang über den Messestand, hauptsächlich von Weiterentwicklungen, Synergien und Präzisierungen zu berichten weiß. Präsentiert werden eine neue, nun mit „Ohren" versehene Variante des sehr edlen „Grand Repos" von Antonio Citterio, in dem das Know-How der Kinematik von Bürostühlen mit der Bequemlichkeit eines Ruhesessels vereint ist, Jean Prouvés „Fauteuil de Salon" aus der Prouvé-RAW-Kollektion, der mit seinen Teilen aus Formblech, gebogenem Stahlrohr, Holz und Leder auf einzigartige Weise konstruktive Klarheit mit Eleganz paart, und eine Sonderedition von hundert Exemplaren des Polder-Sofas von Hella Jongerius, das nun in neue Stoffe von Maharam gekleidet ist, die mit ihren Ornamenten und Texturen Wahrnehmung und Fantasie beflügeln.

Ergänzt wird das Vitra-Programm zudem von drei unterschiedlich großen „Vorspüngen" aus Kunststoff, die sich als kleine Ablagen frei auf der Wand arrangieren lassen. Diese „Corniches" der Gebrüder Bouroullec sind weder Regale noch einfache, an die Wand geschraubte Flächen. Ronan Bouroullec erklärt den Zweck der dekorativen Heferlein: „So wie wir unsere Sachen einfach an einen Felsvorsprung hängen, ehe wir ins Wasser springen, brauchen wir auch im Alltag kleine Möglichkeiten, etwas zu verstauen." Also kleben die Vorsprünge wie schmale Felsnasen oder Baumpilze an der Wand, wo sie nach Belieben Ensembles bilden.

Für all die kleinen Dinge

Nicht nur bei Vitra hat sich die Mischung aus Produkten in unterschiedlichen Preissegmenten bewährt. Niemand kauft andauernd neue Sofas, drum herum aber lässt sich auch mit knappem Budget leicht etwas verändern. Also sorgen nicht selten kleine, praktische und dekorative Elemente, die in Ergänzung zur bestehenden Einrichtung eingesetzt werden können, für Aufmerksamkeit. Bei Nils Holger Moormann findet man – neben dem nun fertig entwickelten und ebenso pfiffigen wie leichten „Pressed Chair" aus einem Stück Blech von Harry Thaler – unter dem Namen „Moorless" drei kleine Boxen aus Stahlblech, die sich auf einer Bodenplatte zu einer Tischcollage arrangieren lassen. Auch „Paul & Paula", zwei niedrige, von Matthias Ferwagner gestaltete Rechtecktischchen mit Wendeplatte und der für Moormann typischen Seilkonstruktion, nehmen sich – allein oder zu zweit – Gläsern, Büchern oder Krimskram an. Überhaupt gab es noch nie so viele runde, eckige, lange, kurze, hohe und niedrige Beistelltischchen aus Holz, Blech, Marmor, Kunststoff oder Glas. „Candy Table" von Sylvain Willenz (Capellini) und die „Torei"-Tischchen von Luca Nichetto (Cassina) mögen hier als Beispiele genügen.

Eine runde Sache

Dass Jugendlichkeit nicht mit „schlecht gemacht" zu verwechseln ist, beweist seit einigen Jahren die Kollektion „Successful Living" von Diesel. Auch wenn so manches Sofa eher eine Liegestatt als eine Sitzgelegenheit ist – der etwas merkwürdige Trend zu riesigen Sofas mit immer tieferen Sitzflächen, auf denen man halb sitzt, halb liegt, scheint generell ungebrochen –, den (in Kooperation mit Moroso entstandenen) Möbeln und (in Kooperation mit Foscarini produzierten) Lampen mangelt es nicht an einem eigenen Flair. Dass man bei Diesel nicht nur mit Denim kreativ umgehen kann, zeigt nun eine weitere Produktlinie. In Zusammenarbeit mit Scavolini ist ein Küchenprogramm entstanden, das ohne Zweifel das Zeug dazu hat, den großen, teuren Anbietern die Schau zu stehlen. Nicht jeder hat eine Küche, die so groß ist wie eine ganze Wohnung, weshalb Beweglichkeit gefragt ist. „The Kitchen Misfits" ist kein neues Systemprogramm, sondern ein Ensemble modularer, freistehender Möbel, die mit Materialien wie Holz, Stahl, Zement und Drahtglas Solidität ausstrahlen und mit ihrem „used look" zugleich auf charmant-ironische Weise mit dem Phänomen „Vintage" spielen. Das könnte durchaus ein Renner werden.

Was modulare Küchen angeht, die leicht transportierbar sind und sich nach und nach ergänzen lassen, so konnte man im Spazio Rossana Orlandi, leider etwas versteckt, noch ein ganz anders gedachtes Exemplar finden. Entwickelt hat die „Concept Kitchen" Kilian Schindler, ein junger Designer, der für Rosenthal, Schönbuch und DePadova gearbeitet hat, für das in Nordhorn ansässige Unternehmen Naber, das Küchenzubehör im Vollsortiment entwickelt und produziert. Schindlers Küche wirkt gut durchdacht. Sie besteht aus offenen Regalen und geschlossenen Stauflächen, in die Spüle und Herd eingelassen werden können. Durch Rasterbohrungen und ein einfaches Steckprinzip lassen sich die Elemente zudem ohne Werkzeug aufbauen und verändern. Vor allem aber präsentiert sich die Konzeptküche ganz unverkrampft als Teil des alltäglichen Lebens. In ihrer Form reduziert, ist sie funktional, ohne dass es ihr dabei an emotionaler Qualität mangelte.

Manchmal ist das Neue auch das Gute

Mit Überraschungen wartet auch das mittelständische Unternehmen Kusch+Co aus dem sauerländischen Hallenberg auf. Erfolgreich im Objektbereich und bekannt durch die Stuhlserie 100 aus dem Jahr 1949, wagt man sich nun im Design wieder weiter nach vorne. Nicht nur der Stand im Superstudio Più (das im Ganzen betrachtet darunter leidet, mehr und mehr zum Gemischtwarenladen zu werden) ist exzellent gestaltet, und auch die Neuheiten brauchen keinen Vergleich zu scheuen. Besonders zu überzeugen weiß der Stuhl „Njord", dessen sich kelchförmig öffnenden Beine eine leichte und bequeme Sitzschale aus anthrazitfarbenem Polyesterfilz tragen. Hinzu kommt die Wiederauflage des raffinierten Klappstuhls „Soley", den Valdimar Hardarson bereits 1984 für Kusch entworfen hat, sowie die aus einem Sessel und einer TV-Relax-Liege im Geiste des organoiden Pop bestehende Serie 9900 von Luigi Colani aus dem Jahr 1968.

Und was machen die Stars? Naoto Fukasawa hat für Plank mit „Blocco" einen schlichten Stuhl aus Esche entworfen, der – mit und ohne Armlehnen – bis in die Details überzeugt. Konstantin Grcic, dessen „Medici" für Mattiazzi das Zeug zu einem Klassiker ganz eigenen Charakters hat, gerade weil er auf raffinierte Weise einem einfachen konstruktiven Prinzip huldigt, zeigt bei Plank mit „Palio" überdies einen Stuhl mit einer Sitzschale aus Kernleder, den man ihm nicht so ohne weiteres zugeschrieben hätte. Auf den ersten Blick erinnert „Palio" an Phillipe Starcks „Costes" von 1984, um sich auf den zweiten Blick dann aber in Form und Material von diesem abzusetzen. „Palio" ist ein nobler Stuhl für den Esstisch oder fürs Café, der zunächst recht schmal wirkt, sich dann aber als äußerst komfortabel erweist. Vor allem aber eignet ihm, bei all seiner Eleganz, durch die nach vorne abfallenden Seiten der Schale etwas Dynamisches. Das Neue ist zuweilen eben doch auch das Gute.

„Magic Table” von Ingo Maurer bei Established & Sons, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Wrongwoods Bookcase“ von Richard Woods und Sebastian Wrong für Established & Sons, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Reedition von Ferdinand Kramer bei e15, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„FK04 Calvert“ von Ferdinand Kramer, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„Pressed Chair“ von Harry Thaler für Nils Holger Moormann, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Moorless“ von Nils Holger Moormann, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Paula“ und „Paul“ von Matthias Ferwagner für Nils Holger Moormann, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Torei“ von Luca Nichetto für Cassina, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„The Kitchen Misfits“ ist ein Ensemble modularer, frei stehender Möbel, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Concept Kitchen“ von Kilian Schindler, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Installation bei Kusch+Co, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Blocco“ von Naoto Fukasawa für Plank, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Medici“ von Konstantin Grcic für Mattiazzi, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Palio“ von Konstantin Grcic für Plank, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
VW Bus mit Bemalung von Guessy, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Installation mit „Nuage-Bibliotheque“ und „Nuage-Bahut“ von Charlotte Perriand bei Cassina, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Grand Repos“ von Antonio Citterio für Vitra, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Grand Repos“ hat einen biomechanischen Mechanismus, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„Fauteuil Direction“ von Jean Prouvé, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Prouvé-RAW-Kollektion von Jean Prouvé bei Vitra, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Polder Sofa“ von Hella Jongerius mit Maharam Stoffen bei Vitra, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Corniches“ von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Küchenprogramm von „Diesel Successful Living“ in Zusammenarbeit mit Scavolini, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Der „used look“ lässt die Küche wie ein Vintage-Stück erscheinen, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Concept Kitchen“ besteht aus offenen Regalen und geschlossenen Stauflächen, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Sessel bei Kusch+Co, Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„Blocco“ mit Armlehnen, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Raffinierte Nutzung eines einfachen konstruktiven Prinzips, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark

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