top
Foto © BUS:STOP Krumbach
Das Wartehüsle, ein Kleinod
von Martina Metzner
03.11.2013

„Von Mellau bis nach Schoppernau bin ich gegangen, die Füße haben mir weh getan, weh getan, weh getan…“, singt die Band „HMBC“ aus Vorarlberg – und landete damit vor drei Jahren im deutschsprachigen Raum einen Hit. Und das mit einem Text im Bregenzer Dialekt wohlgemerkt, denn sie singen: „Vo Mello bis ge Schoppornou bean I gloufo, d'Füaß himmor weh tau...“. Ja, so ist es in den Bergen, da kommt der Bus eben nicht immer, wann man ihn bräuchte.

Da passt es wunderbar, dass die 1000 Einwohner zählende Gemeinde Krumbach, gelegen unweit von Mellau, Schoppernau, aber auch von Dornbirn und Feldkirch, international renommierte Architekten eingeladen hat, Bushaltestellen zu entwerfen. Eine charmante, ja „verrückte Idee“, wie Smiljan Radic aus Chile, einer der Teilnehmer, sagt. So verrückt und charmant, dass neben Radic auch Sou Fujimoto aus Japan, Alexander Brodsky aus Russland, Rintala Eggertson aus Norwegen, Wang Shu aus China, Ensamble Studio aus Spanien und DVVT aus Belgien zugesagt haben, um in dem kleinen Örtchen ihre Idee vom „Wartehüsle“ zu realisieren.

Bei einer Studientour in diesem Frühjahr trafen sich alle Teilnehmer vor Ort, gingen die Strecke ab, sprachen mit den Einheimischen, plauderten mit den Handwerkern. Es ist ja nicht irgendein Landstrich, der Vorarlberg, der mit Orten wie Lech und Damüls zu einer der beliebtesten Wintersportregionen in den Alpen zählt. Hier hat sich im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnten vor dem Hintergrund der alpenländischen Baukunst eine eigene zeitgenössische Architektur herausgebildet: die „Vorarlberger Schule“ mit Namen wie Baumschlager/Eberle, Dietrich/Untertrifaller bis zu jüngeren Vertretern wie Marte/Marte und Cukrowicz/Nachbaur, die mittlerweile durch das „Vai“-Institut vertreten sind und mit ihren Bauten pro Jahr etwa 30.000 Architekturtouristen anziehen. Auch das Bregenzer Kunsthaus von Peter Zumthor und der zuletzt eingeweihte Anbau des Vorarlberg Museums von Cukrowicz/Nachbaur gehören zu diesem architektonischen Sondergebiet. Durch die sorgsame Auswahl der Teilnehmer durch den Kurator Dietmar Steiner, den Direktor des Architekturzentrums Wien, werden die Bushaltestellen in Krumbach definitiv als eine weitere sehenswürdige Station in der Vorarlberger Architekturlandschaft hinzukommen.

So unterschiedlich wie die Kulturen, aus denen sie kommen, so unterschiedlich sind auch die Entwürfe, die teils weit über das hinausgehen, was man sich gewöhnlicherweise unter einer Haltestelle vorstellt. Ausgerechnet der erste „Bus-Stop“ von Smiljan Radic, der Anfang Oktober im Kunsthaus Bregenz der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, kommt einem normalen Bushäuschen am nächsten, mit seiner Quader-Form und dem sympathischen Bezug zur örtlichen Tradition mit Wirtshausstühlen und Holzkassettendecke nebst obenauf gesetztem Vogelhäuschen.

Auch die anderen Architekten haben sich mit der Tradition vor Ort, der Holzbaukunst des Vorarlbergs, aber auch schlicht mit der Umgebung, in der die Wartehüsles stehen, auseinandergesetzt. Ihre Haltestellen haben aber mehr Konzeptionelles, sind fast Installationen.

Wang Shu, Pritzker-Preisträger des vergangenen Jahres und damit wohl der renommierteste Teilnehmer der Runde, stellt ein einer „Camera Obsura“ ähnliches Gehäuse zwischen Tal und Berg, das den Blick des Betrachters auf einen Ausschnitt der Landschaft lenken soll. Das trägt Poesie, das trägt stille Kontemplation in sich, summa summarum die Handschrift von Wang Shu.

Ikonenhaft sticht der Entwurf von Rintala Eggertson heraus, mit den traditionellen Holzschindeln und einer Tribüne zum Ausblick auf einen naheliegenden Tennisplatz. Auch der Entwurf von Ensamble Studio zeugt von der intensiven Auseinandersetzung mit dem Werkstoff Holz und lässt das Material wie brüchige Gesteinsschichten erscheinen. Dagegen fällt der Entwurf von Alexander Brodsky etwas ab, wenn er seinen an einen Hochsitz erinnernden Bus-Stop mitten in die Landschaft stellt. Da hätte man von Brodsky etwas anderes erwartet.

Besonders schlicht ist der Entwurf des Trios DVVT: Die drei Belgier haben ihren Stop in Krumbach auf der Rückreise vom Mailänder Möbelsalon dieses Frühjahr eingelegt – und sich vom Bergmassiv beeinflussen lassen. Herausgekommen ist ein eleganter und funktionaler Solitär. Dagegen setzt der Entwurf des Japaners Sou Fujmoto den Betrachter in Erstaunen, mit seinen Stäben, die an seinen Pavillon für die Serpentine Gallery in London erinnern und den wartenden Besucher auf dem fragilen Konstrukt in die Höhe leitet, damit er die Landschaft besser betrachten kann. Ein starker Kontrast in der rauen Vorarlberger Landschaft.

Im kommenden Frühjahr sollen alle Wartehüsles stehen. Derzeit werden sie von lokalen Architekten und Handwerkern umgesetzt. „Think global, work local“, einmal ganz real und eine wunderbare Idee zur Kulturverständigung, eine Einladung, zusammenzuarbeiten und sich auszutauschen. „Bus:Stop Krumbach“ ist daher mehr als eine Attraktion für Architektur-Touristen. Das Projekt baut auch Brücken. Und für die Jungs von HMBC und die Bewohner von Vorarlberg sind es schlicht und ergreifend sieben experimentell gestaltete Haltestellen, an denen sie fortan gern auf den Bus warten.

www.kulturkrumbach.at
www.architectendvvt.com
www.brod.it
www.ensamble.info
www.ri-eg.com
www.sou-fujimoto.net


Mehr auf STYLEPARK:

Villa in Kitzbühel von Splendid Architecture
(25. Oktober 2011)


Der erste Bus-Stop vom chilenischen Architekten Smiljan Radic wurde Anfang Oktober im „Kunsthaus Bregenz” vorgestellt. Foto © Adolf Bereuter
Erinnert an die Bergmassive: der Entwurf des belgischen Architekten-Trios DVVT (Jan De Vylder, Inge Vinck und Jo Taillieu). Foto © BUS:STOP Krumbach
Das „Wartehüsle”, ein Kleinod – Entwurf von Alexander Brodsky aus Russland. Foto © BUS:STOP Krumbach
OP Krumbach, Adolf Bereuter
Fragile Schönheit: Der Entwurf vom Japaner Sou Fujimoto. Foto © BUS:STOP Krumbach
Ausguck inklusive: Bus-Stop vom Norwegischen Architektenduo Rinntala Eggertsson. Foto © BUS:STOP Krumbach
Studienobjekt: Bushaltestelle – Sou Fujimoto. Foto © BUS:STOP Krumbach
Smiljan Radic nimmt mit Wirtshausstühlen und einer Holzkassettendecke Bezug zur lokalen Tradition. Foto © BUS:STOP Krumbach
Pritzker-Preisträger Wang Shu setzt ein „Camera Obscura“-ähnliches Gebäude in die Landschaft. Foto © BUS:STOP Krumbach
Norwegen trifft Vorarlberg: Dagur Eggertson, Marina Hämmerle, die ehemalige Leiterin des Vorarlberger Architekturinsituts (vai), und Sami Rintala. Foto © BUS:STOP Krumbach

Produkte