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Ehrensache
von Sandra Gottwald | 05.04.2012

Ein Designpreis ist der Ritterschlag für einen Entwurf, für seinen Produzenten und natürlich seinen Gestalter. Die Auszeichnung verspricht Ehre – sehr große Ehre sogar, wenn es sich um einen Compasso d' Oro handelt, den ältesten und bedeutendsten Designpreis Italiens. Doch was ist für gutes Design entscheidend? Ruhm oder kommerzieller Erfolg? „Im Idealfall geht beides zusammen", sagt Florian Hufnagl, Direktor der Neuen Sammlung München. In seinen Augen entsteht durch das Urteil der Jury ein Mehrwert an Qualität, von der alle profitieren. Denn: „Der Wettbewerb setzt Maßstäbe, ohne die ein Produkt heute am Markt nicht bestehen kann."

In eben diesem Sinne ergriffen Gio Ponti und Aldo Borletti die Initiative und lancierten 1954 den Compasso d' Oro. Mit der prosperierenden Kaufhauskette La Rinascente als Organisator des Wettbewerbs hatten sie gleichzeitig einen starken kommerziellen Partner an ihrer Seite. Gemeinsames Ziel war es, den Wert und die Qualität von italienischen Produkten national und international zu fördern. Die Initiative kam genau zur richtigen Zeit. Mit der Vielfalt und Stärke des italienischen Designs wuchs in den sechziger Jahren auch das Ansehen des Compasso. Immer mehr Produzenten und Kreative stellten sich der Konkurrenz. 1959 schaltete sich die Associazione per il Disegno Industriale, kurz ADI, ein, um den Wettbewerb zwischen gutem und schlechtem, sinnvollem und sinnlosem Design professionell zu befeuern. 1964 übernahm der Verband dann endgültig die Verwaltung und Organisation des Preises – bis heute. In seiner nunmehr fast sechzigjährigen Karriere vereint der Goldene Zirkel das Who's who des italienischen Designs: Franco Albini, Gae Aulenti und Achille Castiglioni, aber auch Mario Bellini, Alessandro Mendini und Ettore Sottsass gehören beziehungsweise gehörten zu den Preisträgern. Wer den Zirkel des Goldenen Schnitts trägt, hat es geschafft – zumindest in Italien.

Doch wie gelingt das? Wie gelangt man in den Designer-Olymp? Ein Blick hinter die begehrte Auszeichnung offenbart Verwaltung statt Verehrung: ein verschlungenes Netz aus Direktoren, Delegationen und Ausschussmitgliedern, die über sämtliche Provinzen Italiens verteilt sind. Bei ADI herrscht Gewaltenteilung und eine weitverzweigte Mitarbeiterstruktur, die so angelegt ist, dass auch kleine Produzenten aus Apulien oder Sardinien nicht durch das Netz fallen, sprich die gleiche faire Chance auf eine Auszeichnung haben wie die Global Player aus dem Norden. Alle drei Jahre wird der Compasso nun verliehen. Wer sich bewerben möchte, reicht seinen Entwurf bei der Mailänder Zentrale oder einer der dreizehn regionalen Außenstellen ein. Zugelassen sind jedoch nur Produkte, die bereits in Produktion sind oder in den folgenden zwölf Monaten auf den Markt kommen werden. Prototypen und Kleinserien von neuen Talenten werden über den Young Design Award beurteilt.

In drei Wahlgängen entscheidet die ständige Designkommission des Verbands, die aus zirka fünfzig Experten wie Kritikern, Historikern, Fachjournalisten und Designern besteht, ob ein Produkt neue ästhetische und/oder inhaltliche Ansprüche erfüllt. Handelt es sich laut „Observatory" um Good Design, wird der Entwurf zunächst im Jahrbuch des ADI Design Index veröffentlicht. Mit rund 150 Euro Einreichgebühr als nicht ADI-Mitglied und Kosten von 600 Euro für die Buchpublikation, ist der Kostenaufwand im Vergleich zu anderen Designwettbewerben moderat.

Wer also um eine Auszeichnung ringt, muss vielmehr einen langen Atem als einen vollen Geldbeutel haben. Lobbyisten? Fehlanzeige. Denn um die Integrität und Unabhängigkeit des Preises zu schützen, wird die derzeit achtköpfige Jury zu jeder Preisverleihung neu ernannt. Seit 1970 setzt ADI auf eine internationale Zusammensetzung. Franzosen, Schweizer, Russen, Amerikaner, Japaner – dieser kluge Schachzug sichert dem Compasso sein weltweites Ansehen. Und als Teilnehmer erhält man dadurch ein Feedback, welche Produkte in welchem Kulturkreis am besten ankommen.

Doch ist ein nationaler Designwettbewerb heute, im Zeitalter der Globalisierung, noch zeitgemäß? Durchaus. Noch immer ist Italien eines der wichtigsten Designzentren weltweit. Und Mailand mit seiner ständig wachsenden Möbelmesse sowie den kreativen Adern, die die Stadt durchziehen, ist der Dreh- und Angelpunkt zur Präsentation und zum Austausch innovativen Designs. Ob Belgier, Taiwanesen oder Kanadier, hier trifft man sie alle.

Als in den neunziger Jahren die Bedeutung des Compasso im Zuge der Globalisierung zu verblassen drohte, wurden die Aufnahmekriterien erweitert. Doch statt einen internationalen Wettbewerb auszurufen, fand man ein für die nationalen Interessen Italiens akzeptables Agreement: Seither können auch Produkte von Nichtitalienern prämiert werden, vorausgesetzt der Produzent ist Italiener. Gleiches gilt für einen ausländischen Hersteller, wenn der Entwurf aus der Feder eines Italieners stammt. Das machte den Weg frei für internationale Kooperationen und schon wenige Zeit später ernteten Georg Sowden, Konstantin Grcic, Harri Koskinen und die Bouroullec-Brüder die begehrte Trophäe.

Doch wie steht es um die italienische Einzigartigkeit, von der Luisa Bocchietto als amtierende ADI-Präsidentin im Vorwort zum aktuellen 22. Compasso d' Oro-Katalog schreibt? Sie bleibt uns allen ein großes Vorbild. Und spornt zu neuen Höchstleistungen an. So ist auch einer der letzten Neuzugänge in Florian Hufnagls Neuer Sammlung ein hundertprozentiger Italiener: der Stuhl „Frida" von Pedrali, Design Odoardo Fioravanti. Warum ausgerechnet dieser Entwurf Eingang in die heiligen Hallen in München fand? „Ganz einfach, weil ich ihn vorbildlich finde", betont Hufnagl. Wenn gutes Design doch immer so einfach wäre.

www.adi-design.org

Zum Weiterlesen:
22 premio Compasso d'Oro
Herausgegeben von ADI
Softcover, 231 Seiten, italienisch / englisch
Corraini Edizioni, Mantova, 2011
38,99 Euro
www.corraini.com

„Myto” von Konstantin Grcic für Plank, Foto © Plank
„Frida” von Odoardo Fioravanti für Pedrali, Foto © Pedrali
„Fiat 500”, Foto © Fiat
„Teak“ von Alberto Meda für Alias, Foto © Alias
„Pasta Pot" von Patrick Jouin für Alessi, Foto © Alessi
„Steelwood“ von Ronan und Erwan Bouroullec für Magis, Foto © Magis
Gewinner von 2011: „Hope” von Francisco Gomez Paz und Paolo Rizzatto für Luceplan, Foto © Luceplan
„Tonale” von David Chipperfield für Alessi, Foto © Alessi
„Lab” von Ludovica und Roberto Palomba für KOS, Foto © KOS
„Elica“ von Brian Sironi für Martinelli Luce, Foto © Martinelli Luce
„Yale“ von Jean-Marie Massaud für MDF Italia, Foto © MDF Italia
„Nuur” von Simon Pengelly für Arper, Foto © Arper

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