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Beinfreiheit war damals noch kein Thema: Juhls Entwurf für die skandinavische Fluggesellschaft SAS.
© Designmuseum Danmark/Pernille Klemp
Beinfreiheit war damals noch kein Thema: Juhls Entwurf für die skandinavische Fluggesellschaft SAS.

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Ohne Farbe kein Auftrag

Der Band „Watercolours“ zeigt eine Auswahl der kunstvollen Zeichnungen und Pläne, die der dänische Designer Finn Juhl zusammen mit Marianne Riis-Carstensen erstellt hat.
von Anna Moldenhauer | 11.10.2016

Finn Juhl (1912 bis 1989) gilt als einer der Väter dessen, was wir heute als „dänisches Design“ bezeichnen. Seine Möbel sind dank des Mid-Century-Booms inzwischen wieder weltweit gefragt. So kunstvoll seine Interieurs gestaltet sind, so faszinierend sind auch die Entwürfe hierfür: Die von Hand gezeichneten und kolorierten Pläne aus den 1950er und 1960er Jahren stammen aus einer Zeit, in der CAD-Pläne und Renderings noch jenseits des Vorstellungsvermögens lagen. Finn Juhl hatte daher großes Glück, dass er das Talent seiner Schülerin Marianne Riis-Carstensen erkannte, als er ihre kolorierten Papierarbeiten in der „Skolen for Boligindretning“, einer Schule für Inneneinrichtungsgestaltung in Frederiksberg sah. Er bot ihr eine Stelle als Zeichnerin in seinem Büro für Möbel- und Innendesign an – und Marianne wurde schnell zu seiner rechten Hand. In den fünfziger Jahren setzte sie die meisten von Juhls Entwürfen in kunstvolle Aquarelle um. Gemeinsam feilten sie an neuen Farbnuancen für die Möbelbezüge wie dem „Lundstrøm pink“, das an die deckenden Gouache-Farben des dänischen Malers Vilhelm Lundstrøm (1893 bis 1950) angelehnt war. Im Laufe der Jahre schufen sie so eine Farbpalette, die den damaligen wie heutigen Zeitgeist gleichermaßen trifft.

Ohne die Koloration der technischen Zeichungen wäre die serielle Produktion für die Baker Furniture Inc. nie zustande gekommen.
© Designmuseum Danmark/Pernille Klemp
Ohne die Koloration der technischen Zeichungen wäre die serielle Produktion für die Baker Furniture Inc. nie zustande gekommen.

Die Macht der Farbe

Marianne Riis-Carstensen schaffte es, die Skizzen von Finn Juhl so überzeugend mit Wasserfarben zum Leben zu erwecken, dass sich diese mehr als einmal ausschlaggebend auf den Abschluss von Verkaufsverhandlungen auswirkten. So lehnte die Baker Furniture Inc. 1951 die technische Zeichnung des Designers ab, die den Start einer seriellen Produktion von Einrichtungsgegenständen für die „Baker Modern line“ markieren sollte. Erst nachdem Riis-Carstensen den Entwurf koloriert und der Vorstellungskraft des Kunden damit maßgeblich auf die Sprünge geholfen hatte, wurde Juhls Idee akzeptiert.

In dem Buch „Watercolours“ von Anne-Louise Sommer, der Direktorin des Dänischen Designmuseums in Kopenhagen, sind mehr als 125 der feinen Papierarbeiten abgebildet, die wie ein Türöffner zur Welt von Finn Juhl wirken: Durch den perfekten Einsatz der Wasserfarben wirken die Zeichnungen von Möbeln, Restaurants, Shops, Ausstellungsgebäuden, Messeständen, Flugzeugkabinen und Häusern ungemein plastisch und lassen den technischen Charakter der Entwürfe in den Hintergrund treten. Auch noch Jahrzehnte nach der Erstellung kommen die leuchtenden Töne wunderbar zur Geltung.

Neben den berühmten Lehnstühlen finden sich die Skizzen für zwei der umfangreichsten Projekte von Finn Juhl: Die farbenfrohe Innenausstattung der DC8-Jets für die skandinavische Fluggesellschaft SAS sowie die Gestaltung des Sitzungsraums des Treuhandrats der Vereinten Nationen im New Yorker UN-Gebäude. Dort schafft die Kombination aus der Holzvertäfelung, den farbenfrohen Details und bequemen Lehnstühlen eine angenehme Raumatmosphäre, die noch heute von den Sitzungsteilnehmern geschätzt wird. Bei der erst kürzlich erfolgten Renovierung des Gebäudes wurde die Einrichtung bewusst nicht angetastet.

Entwurf für den Ausstellungsstand des "Dansk Kunsthandvaerk" auf der "Scandinavian Design", 1953
© Designmuseum Danmark/Pernille Klemp
Entwurf für den Ausstellungsstand des "Dansk Kunsthandvaerk" auf der "Scandinavian Design", 1953

Juhl galt lange als zu radikal

Das seine Arbeiten zum Sinnbild für skandinavisches Designs wurden, erlebte Finn Juhl nicht mehr. Zwar erhielt er bereits 1944 für seine Beiträge zur Architektur die C.F. Hansen Medaille der dänischen Königlichen Akademie der Schönen Künste und wurde in den fünfziger Jahren bei der Triennale in Mailand mehrfach ausgezeichnet. Gleichwohl galten seine Entwürfe lange Zeit als „undänisch“, erschienen sie vielen doch als zu radikal, um umstandslos in die Tradition des berühmten dänischen Designers Kaare Klint eingeordnet werden zu können. Das Interesse am einzigartig skulpturalen Stil seiner Möbel flachte Ende der 1960er Jahre bis kurz vor seinem Tod 1989 mehr und mehr ab. Erst heute wird sein starker Einfluss auf den weltweiten Erfolg dänischer Inneneinrichtung entsprechend gewürdigt.

„Watercolors by Finn Juhl“ gewährt nun einen detaillierten Einblick in die Entstehung der organischen, vom Surrealismus und von Afrikanischer Kunst beeinflussten Möbelklassiker, Wohnkonzepte und Inneneinrichtungen. Die intensiven Farbtöne der Aquarelle, die sanften Farbverläufe und die präzise eingesetzten Schatten erreichen eine Qualität der Darstellung, von der moderne Renderings meilenweit entfernt sind: sie haben eine Seele. 

Anne-Louise Sommer
Watercolors by Finn Juhl

192 S., geb., 200 farb. Abb.,Text englisch
Hatje Cantz Verlag, Berlin 2016
ISBN 978 3 7757 4209 2
39,80 Euro

Finn Juhl bei der Arbeit.
© Det Kongelige Bibliotek
Finn Juhl bei der Arbeit.