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Loungesessel Lenz von Hanne Willmann
Der Loungesessel „Lenz“ von Hanne Willmann, Silvia Terhedebrügge und Bartmann Berlin
© Hanne Willmann
Der Loungesessel „Lenz“ von Hanne Willmann, Silvia Terhedebrügge und Bartmann Berlin

Hanne Willmann
Die Individualistin

Hanne Willmann mag die Formensprache der Skandinavier. Aber die Berliner Designerin geht in ihren eigenen Entwürfen immer einen Schritt weiter und erregt mit spannenden Kontrasten Aufmerksamkeit.
05.01.2017

Der „German Design Award – Newcomer Finalist“ ging 2016 an Hanne Willmann. Bestätigung und Motivation zugleich für die 29-Jährige, die erst 2014 ihr Produktdesign-Studium an der Universität der Künste in Berlin abgeschlossen hat. Einer ihrer Entwürfe ist bereits bei dem dänischen Designlabel Menu in Produktion. Die „Willmann Vase“ kombiniert Glas mit Beton, wobei die Designerin die scheinbare Logik, das schwere Material als Sockel und das leichtere als Oberteil zu nutzen, umgekehrt hat: „Ich wollte mit Kontrasten spielen, mit der Zerbrechlichkeit von Glas und der Schwere des Betons. Der Beton sitzt auf dem Glas, so dass man nur die Stängel der Blumen sieht. Das ist einfach, aber ungewöhnlich. Ich liebe es, wenn Produkte einen auf den ersten Blick überraschen.“

Hanne Willmann beweist im Umgang mit Materialien stets große Sensibilität. Sie habe als Kind exzessiv gebastelt und ständig mit den Verschnittresten von Linoleum, Teppich und Parkett gespielt, die im Betrieb ihres Großvaters und ihres Onkels angefallen seien. Eine ideale Basis sicherlich, um Freude am Experimentieren und ein Gespür für Materialien zu entwickeln.

Hanne Willmann
Hanne Willmann
© Hanne Willmann
Hanne Willmann

Neben der Vase ist auch der Stuhl „Plue“ ein Beispiel dafür, dass bei Hanne Willmann die Ideen oft aus ihrem Interesse für Fertigungstechniken und Herstellungsverfahren entstehen. Das Metallgitter des Wire-Chairs, den sie in Kooperation mit Silvia Terhedebrügge entwickelt hat, ist mit einem PU-FlexFoam umschäumt, wodurch die Sitzfläche somit komfortabel ist, selbst ohne nachträglich aufgelegte Sitzkissen. Die Ästhetik von „Plue“ hebt sich allein durch diesen Verzicht von dem anderer Drahtsessel ab. Und durch die Oberfläche „Elastoskin“, die den Schaum versiegelt, ist das Sitzmöbel witterungsbeständig und schmutzabweisend.

Dabei ist das eigentliche Lieblingsmaterial der Kreativen Holz. Denn selbst wenn ein Produkt in Serie gefertigt werde, behalte jedes Exemplar seinen ganz eigenen Charakter durch die Individualität des Materials. Für die „Mimikry“-Sideboards hat Hanne Willmann ein Prägeverfahren entwickelt, mit dem die Oberfläche des Ahornholzes ornamental verziert wird. Normalerweise würde man erwarten, dass Holz bei der Prägung beschädigt und die Oberfläche splittern würde. Dies wird durch eine spezielle Rolle, mit der geprägt wird, verhindert. Aus Esche-Formholz – mit einem filigranen Gestell aus pulverbeschichtetem Stahl – ist der Loungesessel „Lenz“ (2014) gefertigt, der in Zusammenarbeit mit Bartmann Berlin und Silvia Terhedebrügge entstand. Und das ganz in ihrem typischen Stil, minimalistisch und materialbezogen. Sicherlich ein Resultat ihres Arbeitsmodus’: „Ich arbeite nicht so viel am PC“, sagt Hanne Willmann, „sondern sehr viel in großen Moodboards, Skizzen und Prototypen. Gerade Moodboards sind mir im Entwurf wichtig, da ich dort die gesamten Schritte des Gestaltungsprozesses visualisieren und reflektieren kann.“ Inspirierend findet sie daher auch die Kollegen Stefan Diez sowie Ronan und Erwan Bouroullec, deren Entwürfe auch meist aus der Frage nach der Herstellung entstehen und einen höchst technologischen Ansatz haben. 

Hanne Willmann von Hanne Willmann
Die „Willmann Vase“ aus Glas und Beton
© Hanne Willmann
Die „Willmann Vase“ aus Glas und Beton

Hanne Willmann, die nach ihrem Studium Erfahrungen im Studio von Werner Aisslinger sammelte und als Dozentin für Entwurfsprojekte an der Hochschule Anhalt im Fachbereich Design in Dessau tätig ist, befindet ein Produkt dann als perfekt gestaltet, wenn es langlebig ist: „Dabei spreche ich nicht nur von hoher Qualität und guter Fertigung, sondern besonders von einem emotionalen Mehrwert. Was nützt die beste Qualität, wenn es uns nicht berührt? Erst dadurch bekommt ein Produkt einen hohen ideellen Wert und wird langlebig.“

Auch beim Domotex-Entwurf geht es mindestens eben so sehr um das Gefühl für das Produkt wie um die Verknüpfung von Material und Experiment. Hanne Willmann will das Augenmerk auf die tollen handwerklichen Qualitäten des Bodens lenken und eine neue Authentizität schaffen. (ua)


Eine Vorschau auf Hanne Willmanns Projekt für die Domotex finden Sie hier.