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Marc Viardot, Corporate Marketing und Design Director der Roca-Gruppe

Zwischen Tradition und Innovation

Roca, der weltweit größte Hersteller von Sanitärkeramik, weitet sein Angebot an Komplettbadlösungen weiter aus. Das 1917 im spanischen Barcelona gegründete Unternehmen verbindet Tradition und Know-how mit der Leidenschaft für Innovation und Respekt für die Umwelt. Einen Einblick in den ISH-Messeauftritt der Marke Roca und die Philosophie des Unternehmens gibt uns Marc Viardot, Corporate Marketing und Design Director der Roca-Gruppe.
11.03.2023

Katharina de Silva: Roca ist ein Familienunternehmen mit einer über 100-jährigen Geschichte. Wie gehen Tradition und Innovation im Konzern heute Hand in Hand?

Marc Viardot: Ausgesprochen gut. Nicht ganz ohne Grund produzieren wir heute rund 35 Millionen Stücke an Sanitärkeramik pro Jahr. Darüber hinaus wachsen wir mit Armaturen, Bade- und Duschwannen in unterschiedlichen Materialien, Badmöbeln, Installationssystemen, bis hin zu elektronischen Dusch-WCs die wir in insgesamt 76 Werken auf allen fünf Kontinenten produzieren. Wie heißt es so schön: Wer die Regeln brechen will, muss sie erst einmal beherrschen. Und das tun wir. In unseren Kompetenzzentren bauen wir auf unser umfassendes industrielles Know-how und verbinden es mit Kreativität und Design. Wir sprechen gerne von "Experience Driven Innovation". Das Erlebnis bezieht sich dabei nicht nur auf die EndverbraucherInnen, sondern auf die gesamte Prozesskette – von der intelligenten Produktion über den Transport bis zum Verkauf. Die Mission der EigentümerInnenfamilie von Roca ist es, ihr Unternehmen stets gestärkt an die nächsten Generationen weiterzugeben. Diese langfristige Sichtweise gibt uns Stabilität, um Dinge nachhaltig zu entwickeln. Ebenso ist die Achtsamkeit für Menschen und Umwelt sowie der industrielle Leadership Gedanke tief in unseren Unternehmenswerten verankert. Alle Bereiche sind dabei inspiriert von der Stadt in der Roca gegründet wurde, und die bis heute unser Hauptsitz ist: Barcelona. Eine offene, dynamische Stadt mit kreativem Flair, einer herausragenden Architektur und dem ganz besonderen mediterranen Licht, umgeben von Bergen und Meer.

Was muss ein Design mitbringen, damit es den Ansprüchen von Roca genügt?

Marc Viardot: Es sollte Teil unserer Markenidentität sein und unsere Werte repräsentieren. Im Idealfall ist es auch ohne Branding als Roca Produkt erkennbar. Das erreichen wir nur, wenn wir sehr intensiv und langfristig mit ausgesuchten DesignerInnen zusammenarbeiten. Sie müssen unsere DNA verstehen und daraus ableiten können, was ein Produkt verkörpern muss und wieviel Avantgarde darin stecken soll. Ein Roca-Design muss innovativ sein, darf aber nie aufgesetzt wirken. Das ist ein schmaler Grat, den wir mit externen DesignerInnen und dem Roca Design Center ständig ausloten.

Einblick in die Produktion (Keramik)

Roca gilt als Vorzeigeunternehmen für nachhaltige Produktion. Warum?

Marc Viardot: Zunächst einmal ist unser hauptsächlicher Werkstoff Keramik ein rein natürliches Material. In der Produktion wird seit jeher darauf geachtet, Ressourcen sparsam einzusetzen und im Prozess wiederzuverwenden. In unseren Keramikwerken sprechen wir schon seit langem von Zero-Waste-Fabriken, da alle zum Einsatz kommenden Rohstoffe zu jedem Zeitpunkt in den Kreislauf zurückgeführt und wiederverwertet werden können. In den letzten Jahren haben wir das Thema Nachhaltigkeit stark professionalisiert und in allen Unternehmensbereichen und Operationen verankert. Wir treiben über acht klar definierte Arbeitsbereiche mit derzeit 50 unterschiedlichen Projekten mit Science-Based Targets unseren Beitrag zu einer besseren Umwelt und Lebensbedingungen voran. Beispielsweise haben wir uns verpflichtet, bis 2030 unsere CO2-Emissionen zu halbieren und bis 2045 komplett CO2-neutral zu operieren.

Roca hat bereits in der Vergangenheit nachhaltige Technologien entwickelt, wie das Produkt "W+W", das Waschtisch und WC vereint. Gibt es aktuell etwas Vergleichbares, an dem das Team arbeitet?

Marc Viardot: Das W+W ist ein frühes Beispiel, das zeigt, wie diese Gedanken schon lange Teil unserer tagtäglichen Arbeit sind. Wir haben dieses Produkt 2009 auf den Markt gebracht. Zu einer Zeit, als das Thema noch nicht so präsent war. Heute arbeiten wir ausschließlich an nachhaltigen Innovationen. Jede neue Produktentwicklung muss holistische Nachhaltigkeitskriterien im Umgang mit Ressourcen erfüllen. Egal, ob es sich um ein WC, eine Armatur oder einen Service handelt. Wir arbeiten mit einem Netzwerk von Unternehmen und Instituten zusammen, um innovative Lösungen zu entwickeln und deren Nachhaltigkeit auch messbar zu machen.

"Ona"

2010 wurde die Stiftung “We are Water” gegründet. Was genau unternimmt Roca, um die Wasserversorgung und die hygienischen Bedingungen in Entwicklungsländern zu verbessern?

Marc Viardot: Die "We Are Water Foundation" arbeitet sowohl aufklärerisch als auch proaktiv. Seit der Gründung hat die Stiftung 85 Projekte in 33 Ländern begleitet und damit nahezu vier Millionen Menschen geholfen, den Zugang zu Trinkwasser und sicheren hygienischen Bedingungen zu verbessern. Es handelt sich dabei um langfristige Projekte wie beispielsweise der Bau sanitärer Anlagen in ländlichen Regionen in Madagaskar in Partnerschaft mit UNICEF. Darüber hinaus gibt es auch reaktive Projekte wie die Schaffung sanitärer Anlage für ukrainische Flüchtlinge in Rumänien und Moldawien oder die Bereitstellung von Schnellhilfe-Hygienekits für die Erdbebenopfer in der Türkei.

Welche Neuheiten können wir von Roca auf der diesjährigen ISH in Frankfurt erwarten?

Marc Viardot: Wir freuen uns sehr darauf unterschiedliche Themenschwerpunkte wieder physisch präsentieren zu dürfen. Ganz klassisch werden wir zwei komplette Badkollektionen vorstellen: "Ona" und "Tura". "Ona" greift das mediterrane Lebensgefühl und die Nähe zur Natur in ihrer Einfachheit auf, während "Tura" von der Architektur Barcelonas und der Region inspiriert ist. "Tura" ist eine Kollektion mit vielen Details und kleinen Innovationen, wie einem versteckten Abfluss im Waschbecken oder die Integration von wohnlichen Elementen in Möbeln und Badewannen. Natürlich zeigen wir auch modernste Toilettentechnologie wie die Vortex-Spülung mit reduzierter Geräuschentwicklung, reduzierten Aerosolen und reduziertem Wasserverbrauch. Parallel präsentieren wir eine Weltinnovation: Ein WC mit integriertem Spülkasten, das ohne Stromanschluss funktioniert. Dank jüngster Unternehmensakquisitionen haben wir unser Programm an Installationselementen und Badmöbeln stark weiterentwickelt. Ein farbenfrohes Highlight wird sicherlich die neue minimalistische Armaturenlinie namens "Nu" werden, die in Zusammenarbeit mit dem spanischen Designstudio Inma Bermúdez entstanden ist.

Was gibt es im Bereich Technologie Neues zu sehen?

Marc Viardot: Wir präsentieren "Roca Connect" – eine Plattform, mit der wir unsere Produkte im öffentlichen und halböffentlichen Bereich vernetzen. Vor allem Facility Manager können damit über ihre bestehenden Gebäudeleittechniksysteme oder direkt über das Roca-Dashboard und die Roca-Connect App den Verbrauch von Armaturen, Urinalen oder WC-Spülungen überwachen. So haben sie die Möglichkeit, durch veränderte Einstellungen Wasser zu sparen. Im Bereich Service und Wartung können Störungen mit Roca Connect antizipiert und effizienter behoben werden. Aufbauend auf dieser Plattform präsentieren wir drei neue Dusch-WCs, also "Smart Toilets", die ebenfalls per Roca Connect App gesteuert werden können.

Worauf legen Sie bei der Planung Ihres Messeauftritts besonderen Wert?

Marc Viardot: Die Messe ist ein hervorragender Kanal, um mit Menschen in den Dialog zu treten und komplexe Inhalte anschaulich zu vermitteln. Wir legen besonderen Wert auf eine konsistente Ansprache – über alle Kanäle hinweg. Für den diesjährigen Messestand arbeiten wir mit dem jungen Architekturbüro Mesura aus Barcelona zusammen. Es ist ihr erster Messestand überhaupt und so ist ihre Herangehensweise eher unkonventionell und darf mit Spannung erwartet werden. Sie haben vor allem unsere Markengeschichte genauestens analysiert und verstehen, wo wir perspektivisch hinwollen. Unser Messestand wird unsere DNA sehr konsequent widerspiegeln – von der Ästhetik über die mediterrane Lichtstimmung bis hin zur Wahl nachhaltiger Materialien. Über den gesamten Prozess lassen wir alle CO2-Emissionen messen, von den verwendeten Materialien, deren Transport und der eigentliche Aufbau bis zu der Anreise aller MitarbeiterInnen, einschließlich dem Catering vor Ort, und versuchen diese zu reduzieren wo es geht. Die entstandenen Emissionen kompensieren wir durch zertifizierte Projekte der "We are Water Foundation" und weiteren Klimaschutzprojekten. Somit wird unser Messestand als CO2-neutral bewertet.

"Tura"
"Tura"
"Ona"

Geben Sie auf der ISH auch einen Ausblick auf Ihre Vision vom Bad der Zukunft? Wird KI auch im Bad eine Rolle spielen?

Marc Viardot: Ja, mit Sicherheit. Das Bad ist der Raum, in dem wir unserem Körper am nächsten sind und dort bieten sich unaufdringliche Möglichkeiten der Gesundheitsanalyse. Mit Partnerunternehmen entwickeln wir unter anderem Health-Monitoring Konzepte, die gerade für unsere alternde Gesellschaft interessant sind. Zum Beispiel ein Gerät, das in einen Dusch-WC-Sitz eingebaut werden kann und feste wie flüssige Ausscheidungen optisch scannt, analysiert und Auffälligkeiten rapportiert. Mit einem weiteren Partner arbeiten wir derzeit an einem Konzept für eine Deckenleuchte, die einen Alarm aktiviert, wenn jemand im Bad stürzt – ohne dass dies mit einer Kamera aufgezeichnet wird. Ein drittes Konzept sind sogenannte Smart Mirrors: Spiegel, die Vitalfunktionen überwachen und detaillierte Hautanalysen durchführen können. Eingebunden in unser IOT-System Roca Connect, können diese sowohl im privaten Wohnbereich, als auch in allen Bereichen des Gesundheitswesens eingesetzt werden. Es geht uns mit der Präsentation auch darum, ein Bewusstsein für die Möglichkeiten zu schaffen und zusammen mit den Partnern im Markt eine Nachfrage zu kreieren.

Welche Rolle spielt das Bad als Ort der Inspiration und des Rückzugs in unserer immer komplexer werdenden Welt?

Marc Viardot: Das Bad ist der Raum, den wir zumindest jeden Morgen und jeden Abend betreten. Es ist der Ort, an dem wir uns um uns selbst kümmern. Wenn die Harmonie der Elemente stimmt, kann hier viel an Inspiration und Entspannung geschehen – über die reine Körperhygiene hinaus. Hier gilt es, die richtige Balance zwischen Ruhe, aber auch Funktion zu finden. Die bewusste Wahl der Materialien für die individuellen Anwendungen und deren Zusammenspiel sehe ich als essenziell.

Mit welchen Herausforderungen sehen Sie sich als Unternehmen derzeit konfrontiert?

Marc Viardot: Als multinationales Unternehmen betrifft uns die globale ökonomische Situation stark. Steigende Inflation und Energiepreise beeinflussen die strategischen Entscheidungen auf allen Ebenen. Beispielsweise ist die Keramikproduktion sehr energieintensiv – Sanitärkeramik wird bei 1200 Grad gebrannt. Meist werden diese Öfen mit Gas betrieben, das bekanntlich international zu höchst unterschiedlichen Preisen angeboten wird. Dadurch kann es einerseits zu wirtschaftlichen Verschiebungen kommen, andererseits stößt es aber auch ein Umdenken an. So treiben wir die Elektrifizierung insbesondere über Solarenergie voran. Auch die bereits angesprochene Zirkularität wird über die Produktion hinaus auf den Produktlebenszyklus erweitert. Wobei wir wieder beim wichtigen Thema der Nachhaltigkeit sind und deutlich wird, dass jede Krise auch Möglichkeiten bietet, Dinge schneller anzugehen und direkter umzusetzen.


Roca @ ISH 2023
13. bis 17. März 2023
Halle 3.1, Stand C69

ISH 2023
Weltleitmesse für Wasser, Wärme, Luft
Ludwig-Erhard-Anlage 1
60327 Frankfurt am Main

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