Gestaltung als Werkzeug
Anna Moldenhauer: Sie werden oft als Pionier des menschenzentrierten und strategischen Designs beschrieben. Wie würden Sie Ihre Arbeit selbst definieren?
Patrick Whitney: Ich gehörte zu den Ersten, die den Wandel in der Bedeutung von menschenzentriertem Design und Strategie erkannten und diesem Ansatz eine Rolle in der Ausbildung einräumten. Bis dato gab es noch keine Studiengänge mit dem Namen "Menschenzentriertes Design". Auch der Begriff wurde in der Diskussion kaum verwendet. Der Fokus gewann an Bedeutung, als die NutzerInnen die Kontrolle über den Prozess übernahmen und die Unternehmen darauf reagieren mussten, das heißt, ihre Strategie dahingehend änderten, wo sie aktiv werden und wie sie gewinnen wollen – um Roger Martin (Autor und ehemaliger Dekan der Rotman School of Management an der Universität Toronto, Anm. d. Red.) zu zitieren. Es ist nicht so, dass "Human-Centeredness" und strategisches Design die endgültige Definition dessen sind, was wir tun, aber sie sind nach wie vor relevant. Design reagiert auf Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Technologie. Design wird als Reaktion auf diese Veränderungen praktiziert.
Von 1987 bis 2016 waren Sie Dekan des Institute of Design am Illinois Institute of Technology. Dort haben Sie den ersten Doktorstudiengang im Bereich Design in den Vereinigten Staaten ins Leben gerufen, bevor Sie als Professor in Residence an die Harvard T.H. Chan School of Public Health und als Distinguished Senior Fellow an die Brown University School of Public Health gewechselt sind. Was ist Ihnen in der Lehre wichtig?
Patrick Whitney: Es ist eine großartige Möglichkeit, mögliche Zukunftsszenarien für das Design zu erkunden, und es ist eine wunderbare Gelegenheit, sehr interessante Gespräche und tiefgründige Auseinandersetzungen mit den Studierenden zu führen.
Wie wird Ihrer Ansicht nach die künstliche Intelligenz die Ausbildung im Design verändern, wenn wir über die Nachahmung von bekannten Web-Interfaces hinaus sind?
Patrick Whitney: Es wird die Art und Weise verändern, wie wir Probleme definieren und an Fragen herangehen. Ich bin zunehmend davon überzeugt, dass KI bei der Lösung großer, komplexer Probleme hilfreich sein wird, bei denen es um riesige Informationsmengen geht, die einer besseren Analyse bedürfen. KI ist gut darin, Dinge zu ordnen, die identifiziert, beschrieben, gezählt und gemessen werden können. Darin ist sie hervorragend, während Menschen Schwierigkeiten haben, quantitative Veränderungen und Messwerte zu verstehen. Wir haben kein intuitives Gespür dafür, wie exponentielles Wachstum aussieht. Aufgaben, bei denen es darum geht, Informationen zu interpretieren und Urteile über Eigenschaften zu fällen, werden für KI in ihrer derzeitigen Form schwierig sein. Menschen werden sich auf Bedeutung und abstrakte Werte konzentrieren sowie Eigenschaften bewerten, die nicht vollständig durch Zahlen gestützt werden. Wenn wir dies richtig nutzen, wird es uns viele neue Möglichkeiten eröffnen.
Die Gefahr besteht jedoch darin, dass wir den von KI-Mechanismen generierten Vorhersagen blind vertrauen, weil es uns schwerfällt, sie zu verstehen und zu korrigieren. Ich weiß nicht, wie wir dieses Problem angemessen lösen werden. Es ist faszinierend, an einem neuen Thema zu arbeiten, KI-Tools einzusetzen und zu beobachten, wie sie ein schlüssiges Ergebnis liefern. Doch diese Ergebnisse könnten falsch sein. Es ist besser, grob richtig zu liegen als präzise falsch.
Die KI neigt dazu, die Sichtweise der Person, mit der sie interagiert, zu verstärken. Sie versucht zwar uns zu gefallen, verbessert aber nicht unbedingt unsere Arbeit.
Patrick Whitney: Beide Aspekte sind wichtig, und ich stimme ihnen zu. Zum einen muss man für die verschiedenen Arten von Problemen die passenden Methoden einsetzen. Es ist nicht sinnvoll, große, komplizierte Tools zu wählen, um einfache, offensichtliche Probleme zu lösen. Zum anderen gibt es verschiedene Möglichkeiten, KI-Tools zu nutzen, um unterschiedliche Probleme zu untersuchen. Wenn ich ein KI-Chatprogramm nutze, bitte ich es immer, mir Gegenargumente zu dem zu geben, was ich geschrieben habe, und mir aufzuzeigen, wo mein Gedankengang falsch sein könnte. Die KI ist wie ein Spiegelkabinett: Sie sucht nach Werken zu ähnlichen Themen und verstärkt dann deren Verwendung. Durchbrüche in der KI sind auf schnellere Chips zurückzuführen, nicht auf bessere Algorithmen. Außerdem werden bestimmte, viel publizierte Stimmen bevorzugt, beispielsweise solche aus dem akademischen oder beratenden Bereich. So entsteht keine ausgewogene Perspektive aller Menschen, insbesondere nicht derjenigen, deren Arbeit sehr praxisorientiert ist, wie beispielsweise die eines Landwirts. Außerdem verschwendet die KI enorme Ressourcen und unsere Zeit, da man sich bei der Nutzung leicht in Details verlieren kann.
Was ist bei dem Bestreben technologische Innovationen menschenzentrierter zu gestalten unverzichtbar?
Patrick Whitney: In allen Texten über den Wert der KI geht es darum, wie sie Dinge effizienter machen wird. Ein Beispiel ist, dass wir infolgedessen viele ArbeitnehmerInnen entlassen können. Das ist die falsche Sichtweise. Wir wollen nicht darin effizienter werden, Fehler in der Wirtschaft und in Bezug auf die Umwelt zu machen. Wir brauchen dringend die Geschwindigkeit und Leistungsfähigkeit der KI, um neue Wege zu finden, unser Leben zu gestalten.
Welche Weiterentwicklung würden Sie gerne in der Lehre in den nächsten Jahre sehen?
Patrick Whitney: Sie braucht eine grundlegende Reform. Aktuell ist diese zu sehr darauf ausgerichtet Lösungen für Probleme zu finden, die Mitte und Ende des 20. Jahrhunderts relevant waren.
Was wäre ein Beispiel dafür?
Patrick Whitney: Die aktuelle Lehre geht davon aus, dass es einen Auftraggeber gibt, der regelmäßig Geld verdienen möchte. Visuelle Darstellungen und Präsentationen sind demnach für die Lösungsfindung unverzichtbar. Die Menschen konzentrieren sich daher zunächst auf das Aussehen, anstatt über die Funktion und den Sinn nachzudenken. Das führt dazu, dass sich Studierende auf den rein handwerklichen Aspekt des Designs fokussieren, während KI parallel dazu lernt, diese Regeln anzuwenden. Dadurch ist es möglich, akzeptable Arbeiten schnell und kostengünstig zu produzieren. Die zukünftigen Arbeiten der Studierenden werden also von geringerer Qualität sein als das, was derzeit in der besten Hochschulausbildung geleistet wird. Und wir werden das akzeptieren, weil es so viel günstiger ist. Für Bachelorstudierende wird das Studium dadurch an Relevanz verlieren und schwieriger werden. Masterstudierende müssen besser darin sein, die Natur von Problemen sowie die Bandbreite an Werkzeugen und Methoden zur Lösung verschiedener Problemtypen zu verstehen. Diese Tätigkeit wird zunehmen, wenn sich die KI in eine produktive Richtung entwickelt, um die richtigen Fragen zu finden und Menschen dabei zu unterstützen, Urteile über Wert und Bedeutung zu fällen. Wenn sich die KI hingegen in Richtung Effizienz entwickelt, werden viele DesignerInnen arbeitslos.
Ist Design aktuell noch eine auf Fortschritt ausgerichtete Disziplin oder ist die Branche zu sehr davon getrieben, die Nachfrage nach Neuheiten und Trends zu bedienen?
Patrick Whitney: Design befasst sich heute mit viel vielfältigeren Problemen als noch vor 30 Jahren. Es ist explorativer geworden und findet Wege, für verschiedene Branchen von Bedeutung zu sein. Als ich 1974 in die Branche einstieg, drehten sich alle Gespräche um Design-Briefings und darum, Kundinnen und Kunden dabei zu helfen, Dokumente zu verfassen, die ihre potenzielle Zukunft beschreiben sollten. Wurden die Vorgaben nicht eingehalten, sollte die Beratungsfirma den Auftrag verlieren oder die verantwortliche Person entlassen werden. Heute erwarten versierte DesignerInnen und KundInnen, dass GestalterInnen das Unbekannte erforschen. Würden sie diese entlassen, wenn sie Antworten liefern, die dem sehr ähnlich sind, was sie ohnehin schon denken? Auch die Rollenverteilung ist viel komplizierter geworden: vom Kreativen, der sich darauf spezialisiert hat, besonders niedliche Produkte zu entwerfen, über denjenigen, der komplizierte Probleme neu durchdenkt, bis zu den DesignerInnen, die darüber nachdenken, wie sie durch Designpolitik einen sekundären Effekt erzielen können.
Sie haben einmal gesagt, dass das menschenzentrierte Design sein Potenzial nicht ausgeschöpft hat. Anstatt sich mit großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu befassen, hat sich der Fokus auf Bereiche wie Benutzeroberflächen und digitale Interaktionen verlagert. Wie können wir das ändern?
Patrick Whitney: DesignerInnen und Designstudierende sollten sich mit Identität und kognitiven menschlichen Faktoren beschäftigen. Das ist für die Gesellschaft, die Kundinnen und Kunden sowie die Menschen in ihrem Alltag von größerer Bedeutung. Wie sollte beispielsweise ein personalisiertes Gesundheitsformular heute aussehen? Formulare im Gesundheitswesen sind undurchsichtig. Man versteht nicht, was sie bedeuten oder aussagen. Sie vermitteln ÄrztInnen nicht alle Informationen, die diese benötigen. Ähnlich verhält es sich mit Spielen: Wir könnten Spiele entwickeln, die weniger auf schnelle Reaktionen, wie das Abschießen eines Raumschiffs oder den Kampf gegen ein Monster, ausgerichtet sind. Stattdessen könnten sie die SpielerInnen mit einer Reihe von Fragen und Aktivitäten konfrontieren, die sich auf das Bauen von Dingen und die Schaffung neuer Werte beziehen. Dies tun derzeit nur sehr wenige Menschen und die Hochschulen schenken diesen sinnvollen Aspekten kaum Beachtung.
Sie waren unter anderem Mitglied im White House Council on Design, das offizielle Regierungsstellen über die Bedeutung und Einbindung von Design in nationale Initiativen, Richtlinien und Regierungsgebäude berät. Wie vermittelt man das Potenzial von Design an diese Zielgruppe?
Patrick Whitney: Damals waren wir 20 bis 30 Personen. Zu uns gehörte auch der Industriedesigner Sam Farber, ein Pionier des inklusiven Designs. Unsere Aufgabe bestand darin, die Regierung zu beraten, wie Design effektiver und effizienter eingesetzt werden kann. Unser Hauptaugenmerk lag auf den Bundesgerichten. Die in den 80er- und frühen 90er-Jahren entworfenen Bundesgerichte waren nachweislich besser als die zuvor. Zudem wurden Designausstellungen bedeutsamer, wie im Cooper-Hewitt Smithsonian Design Museum. Die Regierung befasste sich zunehmend mit den Bereichen Architektur, Kommunikation, Produktdesign und Innenarchitektur, das sorgte in der Designbranche für große Begeisterung. Damals sprach man noch nicht von Experience Design, aber im Kern ging es darum, die Handlungen der Menschen im Alltag zu betrachten und diese zu unterstützen.
Inwiefern waren die Gerichtsgebäude der 80iger und 90iger Jahre vorteilhafter?
Patrick Whitney: Wenn man sich die Tätigkeiten ansieht, die Menschen ausführen müssen, wenn sie sich mit einem Rechtsstreit befassen, dann brauchen sie viel mehr als nur marode Stühle und Tische in einem Raum mit Neonlicht. Die früheren Gerichtsgebäude vermittelten zudem keine Offenheit der Regierung. Sie drückten nichts aus, was damit zu tun hatte, dass die Menschen anders über öffentliche Politik nachdenken. Sie waren lediglich Räume, in denen Menschen untergebracht wurden.
Wie haben Sie den zuständigen Behörden vermittelt, dass es wichtig ist, über die Gestaltung der Räume nachzudenken?
Patrick Whitney: Sie wussten um die Relevanz der Gestaltung. Deshalb haben sie uns gebeten, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Wir haben Workshops und Diskussionsrunden durchgeführt, wie Treffen und Wettbewerbe, unter anderem für Architekturentwürfe.
Wie verändert unsere zunehmende Unfähigkeit zu pausieren das Design?
Patrick Whitney: Das ist eine gute Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. Insbesondere im Bereich des Informationsdesigns verändert sich die Gestaltung, wenn man die Werkzeuge zum Erstellen, Sammeln und Teilen von Informationen betrachtet. Diese Funktionen stehen einem Team heute rund um die Uhr zur Verfügung. Früher gab es landesweit um 21 Uhr eine Pause, wenn FedEx schloss – das war der letzte Zeitpunkt, zu dem man etwas verschicken konnte. Heute können PDFs jederzeit per E-Mail verschickt werden. Das hat zu einer Art Panik beim Erstellen, Teilen und Finden von Informationen geführt. Seitdem wir keine Ausfallzeiten mehr haben, fehlt uns auch die Zeit, Urteile zu fällen, uns zurückzulehnen und über das Projekt nachzudenken. Wir haben die Fähigkeit zum Nachdenken verloren. Wir haben sogar einen Begriff für eine Krankheit geprägt, die wir "Reflexionsdefizit-Störung" nennen. Hinzu kommt, dass sich die Dinge an der Oberfläche so schnell ändern, während sich an den zugrunde liegenden Kräften häufig nichts ändert. Betrachtet man das öffentliche Schulsystem, so ist es heute nicht viel besser als vor 30 Jahren. Vielleicht ist es sogar schlechter. Bei der Verteilung von Lebensmitteln sind gemeinnützige Organisationen sicherlich keine optimale Lösung, aber damit haben wir uns in den letzten 15 Jahren abgefunden. Es ist zu vereinfachend zu sagen, dass alles zu schnell geht und langsamer werden muss. Die Beurteilung dessen, was wir tun sollten, muss tiefgründiger sein und die Beurteilung dessen, wie wir es tun sollten, muss explorativer sein.
Welche grundlegende Überzeugung bezüglich Design hat sich im Laufe Ihrer Karriere verändert?
Patrick Whitney: Früher glaubte man, Design sei ein Bereich, in dem Menschen mit unterschiedlichen künstlerischen Fähigkeiten und gesellschaftlichen Einsichten tätig sind. Und dass nur Star-DesignerInnen gute Arbeit leisten. Heute haben wir eine differenziertere Sichtweise. Es gibt SpezialistInnen und Spezialgebiete im Design, zum Beispiel Human Factors und kognitive Human Factors im Gegensatz zu physischen Human Factors im Design für neue Technologien, im Einzelhandelsdesign und im Gesundheitswesen. Die Anwendungsbereiche entwickeln sich ebenso wie die Methodencluster zu Spezialgebieten. Die Tatsache, dass es Menschen gibt, die Zeit damit verbringen, darüber nachzudenken, was Design sein sollte, und darüber zu schreiben, unterscheidet sich von früher. Natürlich gab es das schon früher, aber nicht in gleichem Maße.
Wie ist der Film "What Are People For: Design Philosophy by Patrick Whitney" von Gary Hustwit entstanden?
Patrick Whitney: Die Idee zu diesem Film stammt von meinen Kollegen André Nogueira und Ashley Lukasik, die daraufhin Gary Hustwit als Regisseur und Rick Valicenti als Buchgestalter engagierten. Das Projekt wird von der auf Erlebnisgestaltung und Storytelling spezialisierten Agentur Murmur Ring produziert. Es ist Teil eines umfangreichen Werkkomplexes und einer groß angelegten Initiative, um Menschen für das Thema Design zu sensibilisieren.
Welche Botschaft möchten Sie mit dem Film vermitteln?
Patrick Whitney: Die Botschaft, die wir hoffentlich vermitteln können, ist, dass Design nicht nur dazu dient, Lösungen für komplexe Probleme vorzuschlagen, sondern auch, diese Probleme zu analysieren. Design kann auf verschiedenen Ebenen eingesetzt werden. Vielleicht ist in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Komplexität und Unsicherheit wichtig. Einen Menschen auf den Mond zu bringen und wieder zurückzubringen oder Menschen um den Mond kreisen zu lassen, ist ein komplexes Problem. Aber es ist möglich. Ich hoffe, dass die Menschen mitnehmen, dass Design einen Mehrwert beim Verständnis mehrdeutiger Probleme bietet und zu relevanteren Antworten führen kann. Ebenso sollte sich Design mit der Frage nach Funktion und Sinn wie mit der äußeren Erscheinung beschäftigen.
Woran arbeiten Sie derzeit?
Patrick Whitney: An einer Eigentumswohnanlage und an "Providence". Ich arbeite mit einem Risikokapitalgeber in New York zusammen. Er hat viel Zeit damit verbracht, auf unterschiedliche Weise Wert im Energiebereich zu erschließen. Gemeinsam schreiben wir über die Ökonomie und die Denkprozesse bei der Wertschöpfung. Je mehr ich mich aus dem Universitätsalltag zurückziehe, desto schneller komme ich mit dem Buch voran. Ich habe mehr Zeit, ein Buch darüber zu schreiben, wie Design bei Problemen im Gesundheitswesen und im Bildungsbereich zum Einsatz kommt. All dies fügt sich in das allgemeine Bestreben ein, Designmethoden und -wissen formeller und konkreter zu gestalten.




