top
Puristen auf dem Lande?
von Thomas Edelmann | 23.01.2012

Als Dorf ist das Dorf heute kaum noch zu gebrauchen. Nicht erst als der Deutsche Werkbund 1959 „die große Landzerstörung" öffentlich thematisierte, ist eine der ältesten Siedlungsformen der Menschheit in Verruf geraten. Das Landleben, wie es in den Schulfibeln des Heimatkundeunterrichts der sechziger Jahre verklärt wurde, existiert nicht mehr. Die zunehmende Verstädterung hat für ländliche Regionen eine anhaltende Sinnkrise zur Folge. Selbst in unseren Zeiten des globalen Dorfes sind Landbewohner von Information und politischer Selbstorganisation häufig abgehängt. Abwanderung, Kapitalmangel, die Angst vor Rückständigkeit haben das Dorf zu einem Hybrid gemacht, der weder ländlich noch städtisch ist. Eigene ästhetische Regeln, oft über Generationen überliefert, gelten nicht länger und sind den Dorfbewohnern kaum noch geläufig. Ein Bewusstsein für Qualität fehlt oft und noch mehr mangelt es an Ideen, das Dorf gestalterisch neu zu bestimmen.

Ganz anders auf der „imm cologne", vulgo: der Kölner Möbelmesse. Dort ist das Dorf als Idee, als Projektion quicklebendig und höchst brauchbar. Bekanntlich regulieren sich Märkte im Grunde von selbst. Doch da die Akteure des Marktes (in unserem Falle Hersteller, Händler, Politiker, Verbände und andere Einflussgruppen) mitunter die Gewichte verschieben und die Regeln des Marktes neu bestimmen, muss über die Randbedingungen neu nachgedacht werden. Anfang 2012 erinnert man sich nur schemenhaft an vergangene Debatten. Durch die für Deutschland günstige Marktsituation zu Beginn des Jahres 2012 und ein Möbeljahr 2011, das durch vermehrten Export und steigende Umsatzzahlen gekennzeichnet war, hätte die Laune in Köln kaum besser sein können. Ihrer Rolle als zentraler Marktplatz, aber auch als Ort des Austausches, des Gesprächs über Konzepte und Projekte, wird die Kölner Messe wieder stärker gerecht.

Noch vor wenigen Jahren war das anders. Durch eine Reihe von Faktoren, manche davon selbst verursacht, fühlten sich Besucher, Aussteller und Journalisten zu kritischen Bemerkungen herausgefordert. In einem ersten Schritt regte Helmut Lübke (1936 bis 2006) als Präsident des Deutschen Verbandes der Möbelindustrie und Präsident des Rates für Formgebung an, dass die Messegesellschaft neue Begleitaktivitäten anbieten sollte. Der Rat entwickelte unter anderem den Wettbewerb „Interior Innovation Award", ein Forum für den Designnachwuchs aus aller Welt („D3 Contest") und die Idee des „Ideal House", das im Laufe der Zeit unter anderem von Designern und Architekten wie Zaha Hadid, Karim Rashid und Konstantin Grcic, den Brüderpaaren Bouroullec und Campana, von Hella Jongerius, Joris Laarman und Stefan Diez konzipiert wurde, um nur einige zu nennen. Zwischen den anspruchsvollen Konzepten und ihrer Realisierung klaffte jedoch mitunter eine Lücke, da die Messe sich besser aufs Vermieten von Ständen als auf die Zusammenarbeit mit Kreativen vor Ort verstand.

Zu wenig oder das Falsche werde für die verschworene Dorfgemeinschaft von Designinteressierten getan, insistierten manche Aussteller, Händler und Kritiker. Erst recht die Krisenjahre in der Möbelindustrie belasteten die Stimmung. Und im nördlichen Italien gab es einen Wettbewerber, der zwar wenig eigenes Begleitprogramm bot, aber international anziehend wirkte. Wohlgemerkt: Die Rede ist von einem kleinen, aber feinen Marktsegment, mit dem allein kaum eine Messe zu bestreiten ist, das aber als Salz in der Suppe dafür sorgen kann, dass begehrte Zielgruppen wie Architekten, Innenarchitekten und andere Planer die Messe besuchen.

Nach einer Phase stoischen Beharrens verpflichtete die Messeleitung den Niederländer Dick Spierenburg, Mitbegründer und langjähriger Berater des benachbarten Konkurrenzunternehmens, der „Design Post", als Kreativdirektor. Nach und nach bearbeitet Spierenburg, der üblicherweise Produkte, Innenräume, Gebäude und Orte für Events entwickelt, einstige Problemthemen und -zonen, um sie in neue, attraktive Orte im Messegeschehen zu transformieren.

Das „pure village", seit 2010 bereits zum dritten Mal in Halle 3.2 errichtet, ist eines der sichtbarsten Angebote. Das Dorf der Puristen, erlaubt es der Messe an einem Ort junge Unternehmen und Marken („D3 Professionals") neben Traditionsmarken wie String oder Thonet zu präsentieren. Auch ganze Nachbarschaften stellten im Designdorf aus: Unter der Dachmarke „Swissness" zeigten die Schweizer Marken Baltensweiler, Création Baumann, Lehni, Röthlisberger Schreinerei, Thut Möbel und Wogg abgegrenzt jeweils durch einen halbhohen roten Lattenzaun von Designer Jörg Boner ihre neuesten Entwürfe.

Die neue Linie „Selected" für individuelle Objekte gab es beim Label e15 zu sehen, die spanische Marke Gandia Blasco zeigte das neue Sofa „Tropez" von Stefan Diez, das zu den Möbeln gehört, denen es gleich ist, ob sie im Freien oder im Wohnzimmer stehen. Hansjörg Helweg präsentierte hier seine neue Marke „Frei Frau", etwa mit dem Sessel „Lina" von Studio Vertijet. Ob Büromöbel (Interstuhl) oder Badeinrichter (Burgbad, Grohe), Teppichhersteller (Carpet Concept), Lichtfabrik (Erco) oder Anbieter von Farbsystemen (NC Colour, RAL): Für kleine und große Labels bietet das Konzept des „pure village" eine Möglichkeit, besondere Aspekte einer umfangreichen Kollektion intensiver zu thematisieren. Neben einem Café (bestückt mit unterschiedlichsten Sitzmöbeln der imm-Aussteller) und einer „Stage", einem Vortragsforum, das unter anderem von der „Book-Lounge" von Westermann Kommunikation bespielt wurde, stand diesmal ein neues und doch vertrautes Projekt im Mittelpunkt der Halle: „Das Haus – Interiors on Stage".

Ähnlich wie Volkswagen seit 2007 für sich reklamiert, „Das Auto." zu sein, so will die Kölner Messe künftig „Das Haus" zu einer wiederkehrenden Marke entwickeln. Gestaltet wurde es diesmal von dem Designerpaar Nipa Doshi (geboren 1971 in Bombay, Indien) und Jonathan Levien (geboren 1972 in Elgin, Schottland). Zu sehen sind Ergebnisse penibler Detailarbeit. Selbst eine Kehrschaufel und ein Wasserkübel scheinen nicht einfach willkürlich abgestellt, sondern harren an einem bestimmten Ort ihrer Benutzung. Zu sehen war ein Ablauf von räumlichen Arrangements bekannter Möbel und Leuchten, mit eigenen Entwürfen, traditionellen Objekten und Plätzen – etwa einem Bad, bei dem man sich im Sitzen wäscht. Betten, Liegen, Sitzgelegenheiten und ein grünes Atrium dienen als Plattform, als Abfolge von Treffpunkten. Ein perfektes Haus behaupten die beiden Gestalter, sei niemals fertig. Ihr Entwurf, der von einem schön illustrierten, textlich leider etwas oberflächlich geratenen Katalog begleitet wird, lebt von einer eigentümlichen Spannung, einer gewissen Nähe zum Kitsch und zu einer Phantasiewelt, die es Besuchern erlaubt, an dieser inszenierten Wohnwelt im Geiste weiter zu bauen.

Beschwerden wurden lediglich von Seiten der Hochschulen laut, die sich in diesem Jahr nicht wie bislang üblich an einem eigenen Ort auf dem Messegelände kostenfrei präsentieren konnten. Doch womöglich war ein Moratorium gerade hier konzeptionell sinnvoll.

Ob „Das Haus" im Dorf nicht eher ein städtischer Bungalow ist, ob die Dorfbewohner künftig wohl zu einem gemeinsamen Dorfleben finden werden? Der Platz des „pure village" jedenfalls ist im dritten Jahr seines Bestehens zu einem anregenden Forum und Treffpunkt inmitten des Messetrubels geworden.

„Daddy Longlegs“ von Martin Solem im Forum für den Designnachwuchs, dem „D3 Contest“, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„J Family Stool“ von E & J Yu-Chih Chang und Tsuo-Nig Hu, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Tint – Table Lamp“ von Magnus Pettersen, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Listen to your hands“ von Lee Sanghyeok, Foto © Nina Reetzke, Stylepark
Formholz verschraubt, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Gravity Stool“ von Jólan van der Wiel, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Domestica“ von Studio Formafantasma, Foto © Nina Reetzke, Stylepark
„In a Pinch“ von Arttu Kuisma, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Das Haus“ von Nipa Doshi und Jonathan Levien, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Unter Acrylkästen präsentieren sich so manche Trouvalien, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Kissen von Doshi Levien für Moroso, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Das Haus“ lebt von einer eigentümlichen Spannung, einer gewissen Nähe zum Kitsch und zu einer Phantasiewelt, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Der Spiegelschrank „Kali“ spiegelt ein Kunstdruck und Pailetten, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Der „Thinking Man`s Chair“ von Jasper Morrison gehört zu den Möbelstücken, mit denen Doshi Levien „Das Haus“ einrichteten, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Bodennahes Sitzen auf Teppichen, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Kleiner Arbeitsplatz – „Das Haus“ wird übrigens von einem schön illustrierten Katalog begleitet, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Trunk“ von Philipp Mainzer für e15, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Raw“ von Philipp Mainzer für e15, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Tonic“ von Reinhard Dienes für Ames, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Big” von Stefan Diez für Gandia Blasco, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Tropez” von Stefan Diez für Gandia Blasco, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Kelkheim“ von Philipp Kliem und Patrick König, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Die Form der Hocker entsteht in einer Maschine mit Magneten, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
„Gousset“ von Raphaelle Bonamy, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Steckverbindung mit eingedrücktem Rohr, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Allerlei Sammlerstücke finden sich auf Tabletts, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Zu sehen war ein Ablauf von räumlichen Arrangements bekannter Möbel und Leuchten, mit eigenen Entwürfen, traditionellen Objekten und Plätzen, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Teeset mit Übungsheft für arbeitsreiche Stunden, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Auch Schminken kann man sich hier, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Braun in braun präsentiert sich das Schlafzimmer, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Atriumartige Fläche mit Waschstelle und Schminktisch, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Auch der „Osso Stuhl“ von den Gebrüdern Bouroullec fand Platz im Haus, Foto © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Nipa Doshi und Jonathan Levien, Foto © Jörg Zimmermann, Stylepark

Produkte