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Klassiker, aufgefrischt: Bei Svenskt Tenn hat man die Möbel des finnischen Designers Harri Koskinen mit den Stoffen von Josef Frank bezogen.

Hauptsache warm

Rote Fäden, wilde Muster: Rund um die Stockholm Furniture & Light Fair beweisen die Skandinavier abermals ihr Talent, es sich drinnen gutgehen zu lassen, während draußen ein eisiger Wind weht.
von Jasmin Jouhar | 13.02.2017

Momente, die die Stockholmer Designwoche 2017 auf den Punkt bringen? Beispielsweise der Morgen im Atrium eines noblen Hotels, wo das schwedische Traditionsunternehmen Dux seine neue Möbelkollektion präsentiert. Probesitzen auf einem Sofa, das so bequem ist wie die Boxspringbetten, für die Dux ansonsten bekannt ist. Zurückgelehnt in die weichen Kissen, ein zweites Frühstück in heiterer Atmosphäre einnehmend, bleibt nur noch festzustellen: Die Schweden wissen, wie es geht, das gute Leben. Während draußen ein eisiger Wind weht, ist die Welt drinnen in Ordnung. Es mag ein Klischee sein, dass es sich die Nordländer gerne gemütlich und schön in ihrem Zuhause machen, aber die Designwoche zeigt: In diesem Klischee steckt sehr viel Wahrheit.

Bordeaux-Töne finden sich zuhauf in Stockholm: Fredericia präsentiert den Sessel „Swoon“ von Space Kopenhagen in Kvadrat-Stoffen von Raf Simons.

Noch so ein Moment ist der Abend bei Gärsnäs, einem anderen schwedischen Traditionshersteller, seit 1893 im Geschäft. Gärsnäs hat kürzlich einen neuen Showroom bezogen, im obersten Stockwerk eines alten Hauses in Gamla Stan, der Stockholmer Altstadt. Der Blick schweift über den Hafen und die Inseln. Neun Zimmer komplett als Wohnung eingerichtet mit Parkett, farbigen Bleiglasfenstern, Deckenmalereien und Tapeten. In den Kaminen brennt Feuer, ein Jack Russell-Terrier beschnuppert die Besucher, die Möbelneuheiten mischen sich wie selbstverständlich unter die Klassiker aus dem Portfolio. Etwa der Sessel „Dandy“ von Pierre Sindre, der mit seiner Lehne aus ledergefasstem Wiener Geflecht aussieht, als stünde er schon ewig in dieser Zimmerflucht, tatsächlich aber brandneu ist. Diese Selbstverständlichkeit, mit der Alt und Neu kombiniert werden, die Wärme und Gelassenheit, die Interieurs wie dieses ausstrahlen: Allein, um das zu erleben, lohnt sich die Reise ins winterkalte Stockholm.

In diversen abgestuften, dezenten Farbtönen präsentiert sich der Textilhersteller Kvadrat.
Für so viel lachsfarbene Möbel muss man schon einen besonderen Sinn haben. Kinnarps aus Schweden feiert in diesem Jahr 75. Geburtstag – mit monochromen Einrichtungsszenarien.

Im Zentrum der Designwoche steht die „Stockholm Furniture & Light Fair“ mit rund 700 Ausstellern und wirbt damit, der weltgrößte Marktplatz für skandinavisches Design zu sein. Rund 80 Prozent der Aussteller kommen aus Skandinavien, wobei Schweden mit Unternehmen wie Kinnarps, Lammhults, Offecct oder Fogia ein deutliches Übergewicht vor Dänemark, Finnland und Norwegen hat. Aufgelockert wird die nordische Mischung von anderen europäischen Marken. Hersteller aus anderen Weltgegenden sind weniger vertreten. Neuheiten findet man vor allem bei den Skandinaviern, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen. 

Wer einige Wochen zuvor bei der imm cologne in Köln oder der Maison&Objet in Paris vorbeigeschaut hat, für den gibt es beispielsweise an den Ständen von &tradition und Menu nur wenig Neues zu entdecken. Umgekehrt nutzt Flötotto aus Deutschland die Messe, um die neue Polstermöbelkollektion „Otto“ vorzustellen, ein Projekt mit den „local heros“ vom Stockholmer Design- und Architekturbüro Claesson Koivisto Rune. Ein Name, der einem in diesen Tagen überall begegnet. Die drei sind unter anderem für die Möbel von Dux verantwortlich und machen Werbung für die dritte Kollektion ihres eigenen Labels „Smaller Objects“. Entsprechend tief waren Mårten Claessons Augenringe nach zwei Tagen.

Tische und Stühle an die Wand gehängt: Hay zeigt Möbel von Friso Kramer und Wim Rietveld.
Gedeckte Farben, monochrome Flächen, wenige Kontraste: So wie bei Hay sieht es an vielen Messeständen aus.

Die Wärme nordischer Interieurs wird auch in den drei Messehallen reichlich beschworen, vor allem mit entsprechenden Farben. Bei Möbeln und Standgestaltung reicht die gedeckt farbige Palette von staubigen Pastelltönen über Senfgelb bis zu tiefen Grüns, Blaus und Graus, häufig als monochrome Flächen nebeneinandergestellt. Ein Ton aber leuchtet einem fast überall entgegen: ein warmes, dunkles Rot, mal eher in Bordeauxtönen, mal Ziegel- oder Rostfarben. Gelegentlich auch aufgehellt zu einem Orange oder Lachstönen. Ergänzt wird diese Palette von ebenso warmen Materialien wie Leder, Samt, Velours, Messing und dem typisch nordischen Holzvarianten. Als hätten sie sich abgesprochen, haben viele Hersteller ihre Polstermöbel dunkelrot bezogen, die Wände dunkelrot gestrichen, dunkelrote Teppiche ausgelegt. 

Dieser rote Faden führt von der Teppichmarke Ogeborg und dem belgischen Designlabel Valerie Objects über Gubi, Fredericia, Ferm Living oder Hay bis zu den jungen Marken in der neuen Sektion „Established“, zum Nachwuchsdesign im „Greenhouse“ und zur „trend exhibition“ von Stylistin Lotta Agaton. Ganz und gar in Rot- und Rosa-Schattierungen getaucht: die „Design Bar“ der Messe, in diesem Jahr vom Stockholmer Note Design Studio mit orangeroten Polstermöbeln, roten Stühlen, rosa Vorhängen und Raumteilern eingerichtet. Auffallend, dass die Messe ausgerechnet den Designer Jaime Hayon als Ehrengast 2017 geladen hat: Der gutgelaunte Spanier pflegt nämlich einen deutlich exzentrischeren Gestaltungsansatz. Im Foyer der Messehallen hat er einen weißen Pavillon aufgebaut, eine Architekturphantasie mit Bullaugen und geschweiftem Dach. Darin zeigt er eine Auswahl seiner Designobjekte – Fabelwesen, die eher Extravaganz verströmen als Wärme und Gemütlichkeit.

Jaime Hayon ist in diesem Jahr Ehrengast der Stockholm Furniture & Light Fair: In einem von ihm entworfenen Pavillon im Foyer gibt er einen Überblick über seine Arbeiten.

Am Stand von Hay kann man lernen, wie man einen Designcoup inszeniert: Rolf Hay hat vom niederländischen Hersteller Ahrend die Lizenzen für Möbel von Friso Kramer und Wim Rietveld aus den späten Fünfziger Jahren übernommen. Damit das auch alle sehen, hat Hay mehrere Gruppen aus dem Stuhl „Result“ und dem Tisch und der Bank „Pyramid“ an die lange Wand des Stands gehängt. Nützlicher Nebeneffekt des spektakulären Auftritts: Die feinen Gestelle aus gekanntetem Stahlblech lassen sich von allen Seiten betrachten. Eine gewisse Eleganz haben die ursprünglich für Schulen entworfenen Möbel auf jeden Fall, und den zurzeit so gefragten „Mid Century“-Appeal sowieso. 

Auch bei Menu, ebenfalls aus Dänemark, kommt man um die Jahrhundertmitte nicht herum, hier allerdings nicht im Original, sondern zeitgenössisch interpretiert, oder wie es Menu selbst nennt: „Modernism Reimagined“. Das ist dann beispielsweise ein Crossover aus Sitzschale und Sofa, zu sehen bei dem nur karg gepolsterten Dreisitzer „Tailor“. Deutlich üppiger fallen die Polstermöbel „Septembre“ aus, deren dicke Kissen von einer schwarzen Holzschale eingefasst werden. Starke „Mid Century“-Akzente zeigen auch die jungen Designlabels, von denen einige in Stockholm zu finden sind, etwa Frama, Friends & Founders oder Handvärk, alle aus Kopenhagen. Auch hier gibt es Schalenstühle, schwarz lackiertes Stahlrohr, Beistelltische mit Marmorplatte oder ein lederbezogenes Daybed. Mag der ein oder andere zwar beklagen, dass die Ausflüge ins vergangene Jahrhundert langweilig werden: Viele der Aussteller in Stockholm sind noch lange nicht durch mit dem Thema.

Wästberg präsentiert zwei Neuheiten: eine Pendel- und Standleuchte von Daniel Rybakken (links vorne) und eine Pendelleuchte von den Architekten Tham & Videgård (rechts vorne).

Eine Besonderheit der Messe: Unter die Stände der Möbelmarken mischen sich Leuchtenhersteller, bei ebenfalls skandinavischer Dominanz. Doch mit Foscarini, Nemo oder Luceplan zeigen auch gestandene italienische Unternehmen ihre Produkte. Bei Luceplan beispielsweise fällt eine kleine, elegant geschwungene Wandleuchte auf, „Garbí“ von David Dolcini. Das schwedische Label Zero nutzt das Heimspiel, um mehrere Neuheiten zu präsentieren, etwa die hybride Leuchte „Funghi“ von Thomas Bernstrand: Auf einem Poller liegt eine Holzscheibe, die zugleich als Sitzgelegenheit und als Lichtquelle dient. Das schwedische Unternehmen Wästberg präsentiert zwei Neuheiten: zum einen eine sehr flache Pendelleuchte mit gewelltem Schirm von den Architekten Tham & Videgård. „w171 alma“ lenkt wie viele andere gegenwärtige Leuchtenentwürfe den Fokus auf die nackte Birne – eine bemerkenswerte Entwicklung, ist die Branche doch noch auf der Suche nach einem vernünftigen Ersatz für die Glühbirne. Wästbergs zweite Neuheit ist Daniel Rybakkens Stand- und Pendelleuchte „w172 bokeh“. Der junge norwegische Designer geht dabei einen ganz anderen Weg geht: Der halbtransparente, weiße Glasschirm wirkt wie ein Weichzeichner, der das Licht der LED-Lichtquelle dämpft.

Auf großer Bühne in einem Theater auf der Museumsinsel Skeppsholmen: Artek-Neuheiten von Daniel Rybakken.

Rybakken hat seinen großen Auftritt allerdings nicht auf der Messe, sondern auf der Stockholmer „Museumsinsel“ Skeppsholmen, wo Artek aus Helsinki in einem Theater seine von Rybakken gestalteten Neuheiten vorstellt. Die Berliner Architektin Johanna Meyer-Grohbrügge hat dafür ein rundes Podest ähnlich einer Drehbühne entworfen. Nur dass sich hier die Besucher bewegen müssen, um die Garderobenständer namens „Kiila“ und die Spiegel namens „124°“ bestaunen zu können. Zeichnungen auf den weißen Wänden und allerlei Requisiten lockern das Arrangement erzählerisch auf. Mit dieser coolen, objektbetonten Inszenierung hebt sich Artek ab von all den heimeligen Interieurs ab, die ansonsten das Bild in Stockholm bestimmen.

Zeitgenössisch upgedatet wird skandinavisches Design beim jungen Label Hem, das  sich unter der Leitung von Petrus Palmér nun im Viertel Vasastan niedergelassen hat und vom Esstisch bis zum Mörser die Komplettausstattung für das gute Leben anbietet.

Oder doch lieber gleich der Klassiker? Noch einen besonderen Moment der Stockholmer Designwoche kann man bei einem Besuch im verschachtelten Laden von Svenskt Tenn am Hafen erleben, um in den wilden Mustern von Josef Frank zu schwelgen. Zumal das traditionsreiche Unternehmen in diesem Jahr den Finnen Harri Koskinen eingeladen hat, in den Schaufenstern die berühmten Möbel und Textilien Franks zu inszenieren. Auch bei Svenskt Tenn am Strandvägen wird das Klischee vom schönen Zuhause, das in den nordischen Ländern geschätzt wird, offenbar wahr.

Von Eichenrinde inspirierte Ofenkachel von Johanna Nestor.
Ebenfalls im „Greenhouse“: der Wandteppich „Yellow 3“ von Katja Beckman.
Talentierte schwedische Jungdesigner präsentierten sich im Rahmen der Ausstellung „Ung Svensk Form".
Architekturphantasie mit Bullaugen und geschweiftem Dach: der Pavillon vom Ehrengast Jaime Hayon.
Blaue Stunde: Kinnarps setzte ganz und gar auf monochrome Inszenierung.
In seinem Stockholmer Showroom präsentiert Bolon Neuheiten von Jean Nouvel und experimentelle Projekte mit Designern und Herstellern wie Färg & Blanche, Thonet und BD Barcelona, bei denen Möbel mit den Bolon-Belägen bezogen sind.