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Dr. Maike Rabe ist Professorin für Textilveredlung und Ökologie an der Hochschule Niederrhein und leitet das Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung.

STYLEPARK TEXPERTISE
Produktion neu denken

Prof. Dr. Maike Rabe leitet das Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung der Hochschule Niederrhein (FTB). Was die Stellschrauben für eine nachhaltige Lieferkette sind und wie Europa im internationalen Vergleich rangiert, sagt sie uns im Interview.
04.03.2026

Anna Moldenhauer: Sie sind Professorin für Textilveredlung und Ökologie an der Hochschule Niederrhein und leiten zugleich das Forschungsinstitut für Textil und Bekleidung. Können Sie erläutern, was Ihre aktuellen Lehr- und Forschungsschwerpunkte sind?

Prof. Dr. Maike Rabe: Das Forschungsinstitut wurde 2009 als Reaktion auf den Bologna-Prozess gegründet, als die deutschen Hochschulen ihre Diplomstudiengänge auf Bachelor- und Masterprogramme umstellten. Da Masterstudiengänge Studierende stärker auf Forschung und Entwicklung vorbereiten sollen, wollten wir als Hochschule für Angewandte Wissenschaften eine Struktur schaffen, die akademische Weiterqualifizierung ermöglicht. Das Institut entstand somit zunächst aus der Lehre heraus. Schon früh zeigte sich ein deutlicher Bedarf an Forschung, Entwicklung und vor allem Transfer – insbesondere im Mittelstand unserer Textilwirtschaft. Viele Unternehmen hatten bis dahin keinen Zugang zu praxisnaher Forschung, da vor allem an Universitäten Grundlagenforschung praktiziert wurde. Aus der ursprünglich lehrorientierten Idee entwickelte sich daher eine Einrichtung, die sehr stark die Bedürfnisse der Industrie adressiert. Heute arbeiten rund 60 Personen im Institut. Ein großer Vorteil: Unsere Studierenden sind fest eingebunden. Neben Textil- und Bekleidungsingenieurinnen und -ingenieuren sind Forschende der Disziplinen Chemie, Biologie, Physik sowie Marketing und Logistik bei uns tätig – eine Bereicherung für die gesamte Lehre. Studierende können Forschungs- und Abschlussarbeiten schreiben und sich bei guten Leistungen als Hilfskräfte sogar etwas dazuverdienen. Das ist eine echte Win-win-Situation.

Was motiviert die Studierenden, diesen Fachbereich zu wählen?

Prof. Dr. Maike Rabe: Viele bringen ein ausgeprägtes Interesse an Mode und Textil mit – häufig verbunden mit dem Wunsch, ein eigenes Label zu gründen oder in einer ästhetisch anspruchsvollen Branche zu arbeiten. Die interessante Kombination aus Materialästhetik, Qualität, Technikwissenschaft und dazu noch sozialem Faktor spielt dabei eine große Rolle. Andere Studierende kommen aus Regionen mit starkem textilem Hintergrund und kennen die Unternehmen vor Ort. Sie interessieren sich besonders für technische Textilien und möchten innovative Produkte entwickeln – weniger für klassische Mode- und Heimtextilien.

Die Textilfabrik 7.0 hat kürzlich eine bedeutende Förderung vom Bund und dem Land Nordrhein-Westfalen erhalten. Worum geht es dabei?

Prof. Dr. Maike Rabe: Die Textilfabrik 7.0 ist ein Transferzentrum, das Forschungsergebnisse, die bisher nicht in die Industrie gelangt sind, weiterentwickeln und marktfähig machen soll. Viele gute Ideen gelangen nur bis zu wissenschaftlichen Veröffentlichungen und werden nicht umgesetzt. Unser Ziel ist es, diese Ansätze gezielt zu fördern und in konkrete Produkte und Prozesse zu überführen. Dazu möchten wir Start-ups ermutigen, das Zentrum zu nutzen, aber auch etablierte Unternehmen zu Ausgründungen motivieren. Das übergeordnete Ziel ist die Schaffung neuer Arbeitsplätze durch eine innovative, nachhaltige und gestärkte Textil- und Bekleidungswirtschaft.

Wo liegen die größten Herausforderungen einer nachhaltigen textilen Lieferkette?

Prof. Dr. Maike Rabe: Das zentrale Problem der Modebranche ist die Überproduktion. Würde es gelingen, diese zu reduzieren, wäre bereits sehr viel für die Nachhaltigkeit gewonnen. Doch die globalen Lieferketten, die in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind, begünstigen diese systematisch: Aus Sicherheitsgründen werden Mengen unverhältnismäßig bestellt, um Lieferengpässe zu vermeiden. Damit ist Überproduktion praktisch fest eingeplant. Hinzu kommt die große geografische Distanz: Viele Unternehmen haben keinen direkten Einblick in Produktionsbedingungen oder Umweltfolgen. Für Konsumentinnen und Konsumenten bleibt vieles erst recht unsichtbar. Die EU verfolgte mit dem Green Deal sehr ambitionierte Ziele – von emissionsärmerer Produktion bis zu Kreislaufwirtschaft und langlebigen Produkten. Aktuell werden einzelne Ziele abgeschwächt, um die Industrie nicht zu überfordern. Ich spreche inzwischen eher von einem "Lean Deal". Dennoch entstehen wichtige Impulse, etwa für Qualität, langlebige Produkte oder Recyclingrohstoffe. In der Textilfabrik 7.0 wollen wir unter anderem funktionierende Kreisläufe demonstrieren, an biotechnologischen Rohstoffen arbeiten und das Thema Mikroplastik adressieren. Ein wichtiger Baustein wird die On-Demand-Produktion sein – verknüpft mit Microfactory-Engineering, Automatisierung und KI. Mit wendigen, regionalen oder nationalen Produktionseinheiten könnte man der Überproduktion entgegenwirken. Das ist aber in Anbetracht einer fortschreitenden Globalisierung ambitioniert.

Wie ordnen Sie die europäische Situation im internationalen Kontext ein?

Prof. Dr. Maike Rabe: Europa setzt wichtige Standards und kann über Normen global Einfluss nehmen. Doch wir sollten unsere Rolle realistisch sehen: China dominiert die textile Wertschöpfungskette, insbesondere bei Fasern, und kann so die Preise bestimmen. Europa hat seine Technologieführerschaft abgegeben und ist heute überwiegend Konsument, nicht mehr Produzent. Das bedeutet, dass viele europäische Impulse international nur begrenzt Wirkung entfalten. Gleichzeitig steigt der Druck durch asiatische Direktvertriebe. Deshalb ist es entscheidend, die europäische Produktion zu stärken und Innovationen gezielt zu fördern. Ganz besonders dort, wo Deutschland und insgesamt auch Europa immer noch stark ist, nämlich bei dem Produktsegment Technische Textilien.

Wie bewerten Sie Tools, die Risiken entlang der Lieferkette analysieren und priorisieren?

Prof. Dr. Maike Rabe: Mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung wurde die Wesentlichkeitsanalyse eingeführt – sie bewertet ökologische und soziale Risiken entlang der gesamten Wertschöpfungskette und kann bei konsequenter Anwendung die Unternehmen absichern. Das erinnert an die Einführung des Qualitätsmanagements in den 1980er-Jahren: es war sehr aufwendig, aber führte effektiv zu strukturellen Verbesserungen. Der Unterschied: Während man früher vieles im eigenen Unternehmen prüfen und beurteilen konnte, ist die textile Lieferkette heute global und komplex. Dennoch bleibt diese Analyse ein zentraler Schritt, um Unternehmen resilienter aufzustellen.

Warum schaffen es viele nachhaltige Materialien – etwa Textilien aus Bananenblättern oder Pilzen – nicht über den Laborstatus hinaus?

Prof. Dr. Maike Rabe: Es gibt durchaus Bewegung: Bastfasern aus Blättern oder Stängeln erreichen mittlerweile sechs bis sieben Prozent Marktanteil. Dennoch gilt: Die neuen Materialien sind oft schwieriger zu gewinnen und zu verarbeiten, teurer und qualitativ nicht so leistungsfähig wie Baumwolle oder Polyester. Zudem fehlen funktionierende Lieferketten. Auch wenn der Markt für nachhaltig angebaute Baumwolle wächst, sind weitere alternative Fasern aktuell ein Nischensegment, das zunächst noch hohen Investitionswillen in Technik und Verfahren erfordert.

Als Vorsitzende des Stiftungsrates der Wilhelm-Morch-Stiftung begleiten Sie Nachwuchstalente. Gab es Projekte, die Sie überrascht haben?

Prof. Dr. Maike Rabe: Beeindruckend ist vor allem die große Vielfalt. Neben modischen Arbeiten gibt es viele technische Ansätze und deutliche Fortschritte in der virtuellen Produktentwicklung. Interessant ist auch, wie viele Beiträge aus fachfremden Bereichen kommen – aus der BWL, Architektur, Biologie oder Kunst. Das zeigt, welche Strahlkraft die textile Branche hat. Der Enthusiasmus und die hohe Kompetenz der Bewerberinnen und Bewerber ist natürlich jedes Jahr wieder eine Freude. Überraschung ist das nicht, denn wer etwas erreichen und zu den besten im Land gehören möchte, "hängt sich rein". Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Prof. Dr. Maike Rabe: Das größte Projekt ist derzeit die Textilfabrik 7.0. Parallel arbeite ich daran, Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitsmanagement stärker in die Lehre zu integrieren – immer in Verbindung mit technischem Grundlagenwissen. Ohne technisches Verständnis lässt sich Nachhaltigkeit nicht sinnvoll steuern. Außerdem fördern wir verstärkt Start-up-Ideen aus der Studierendenschaft. Forschungsseitig liegt mein Fokus auf chemischem Recycling und biobasierten Polymeren – also Fasern, die aus Abfällen entstehen und mittels biotechnologischer Prozesse hergestellt werden. Das sind für mich zentrale Zukunftsthemen.

Wir sind im Wandel – Prof. Dr. Maike Rabe