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Wohnen prêt-à-porter
von Julia Macher | 08.11.2013
Das „Casa APH80“ vom spanischen Architektur Abaton kommt mit Wohnbereich, Schlafraum sowie Bad und Dusche gerade einmal auf 27 Quadratmeter. Foto © Juan Baraja

Bis vor wenigen Jahren galten Fertigbauten in Spanien allenfalls als ästhetisch fragwürdige Notlösung. Krisenbedingt denkt die Branche nun um: In Zeiten knapper Kassen gewinnen bei industrialisierten Bauten erheblich einfachere Kostenstrukturen und Qualitätsmaßstäbe an Bedeutung. Und da die Entwürfe inzwischen auch hohen Ansprüchen an ihr Design genügen, wird modulares Bauen zu einer interessanten Alternative. Dabei werden ausgerechnet „transportable Häuser“ zum Experimentierfeld – quasi als Gegenpol zu der raumgreifenden, sich wenig um konkrete Wohnbedürfnisse scherenden Spekulationsarchitektur aus den Jahren des Booms.

Das wohl am besten durchdachte Konzept in diesem Bereich stammt vom Architekturbüro „Abaton“. Das Häuschen in Sichtbeton-Optik vereint auf einem Grundriss von drei Mal neun Meter die Essenz der Architektur, für die das madrilenische Studio bekannt ist: moderne Formensprache, fließende Übergänge zwischen Innen und Außen und eine radikale Reduktion auf das Wesentliche. Dank Satteldach wirkt das Haus trotz seiner reduzierten Dimensionen in seinem Inneren recht großzügig. Wohnbereich, Schlafraum sowie Bad und Dusche teilen sich gerade einmal 27 Quadratmeter. „Wir wollten auf keinen Fall einen Container-Look“, sagt die Architektin Camino Alonso, „sondern ein Werk kreieren, das die Prinzipien unserer Arbeit verkörpert und überall hin mitgenommen werden kann.“

Getragen von einer Riegel-Pfosten-Konstruktion aus Massivholz, bestehen die Wände des in sechs verschiedenen Ausführungen erhältlichen „Casa APH80“ innen aus weiß lasierten Kieferplatten, außen aus Pressspanplatten mit Zementauftrag. Eine Luftkammer und eine Isolierung aus Polysterol-Matten und Steinwolle sorgen dafür, dass es kaum zu Wärmeverlusten kommt; die wandhohen Schiebetüren und Fenster können nachts mit Flügelklappen verschlossen werden. Sieben Tonnen wiegt das Haus, für den Transport reicht also ein regulärer Laster. Per Kran auf Betonpfosten oder eine Rahmenkonstruktion gehievt, wird es an Wasserleitung, Kanalisation und Steckdose angeschlossen und kann sofort bewohnt werden, als Gästeappartment, Büro oder Wochenenddomizil. „Die Menschen haben gelernt, dass Wohnkomfort nicht von der Quadratmeterzahl bestimmt wird“, so Alonso. Das Potenzial solcher Minimal-Architektur, meint sie, sei „enorm.“

Auch das ebenfalls in Madrid ansässige Büro „Sistema Modulab“ konstatiert ein Umdenken bei den Kunden. Da die hohen ökologischen Kosten der traditionellen Bauweise in Gestalt halbfertiger Schlafstädte und weithin sichtbarer Hotelruinen sind in Spanien allgegenwärtig sind, spielen Überlegungen zum nachhaltigen Bauen inzwischen eine größere Rolle. Dabei geht es nicht allein um Recycling. „Bei einem vergleichbarem Quadratmeterpreis ab 700 Euro können bei vorgefertigten Häusern bessere Materialien verwendet und höhere Qualitätsstandards eingehalten werden“, sagt Pablo Saiz, einer der Mitgründer von „Sistema Modulab“. Ein Sachverhalt, der sich vor allem bei den Energiekosten niederschlägt: Das von ihm entwickelte Modellhaus „Casa F“ etwa weist jährliche Heizkosten von gerade einmal 400 Euro auf. Ein traditioneller Neubau aus den späten Neunzigern verbraucht hingegen Energie für stattliche 2000 Euro.

Für die Hotelkette „Rusticae“ hat Sistema Modulab die „Suite Viajera“ entworfen, eine transportable Box, die als „Zimmer mit Aussicht“ an den schönsten Orten aufgestellt werden kann, die Rusticae anzubieten hat. Das Gemeinschaftsprojekt mit dem Innenarchitekten Tomas Alia und der Holzbaufirma „Egoin“ soll auch Schaufenster für den Entwicklungsstand sein, betrachtet man Hotels doch als exzellente Botschafter für technische und architektonische Trends.

Gezimmert aus massiven Lärchen- und Kieferholzplatten, ist die Box stabil genug für einen mehrfachen Transport per Laster und braucht bei 3,60 Meter Breite und 12 Meter Länge keine Sondergenehmigung. Auch sie wird einfach an ein externes Versorgungsnetz angeschlossen. Wände aus mit Schafwolle isolierten und mehrfach übereinander geschichteten Holzlagen und ein Schotterdach garantieren überdurchschnittliche Energieeffizienz. Außen ist die Box mit vertikalen Latten aus Lärchenholz verkleidet, eine schlichte, aber wirkungsvolle Gestaltungsidee. Eine der Fassaden ziert ein vertikaler Garten, eine Remniszenz an das Naturerlebnis. Auch bei der Gestaltung des offenen Wohn- und Schlafbereichs setzt man auf eine Verbindung zur Natur: Eine Schiebetür führt ins Freie. Und wer mag, der plantscht im Wohnbereich in der Badewanne und lässt den Blick dabei durch ein horizontales Fenster über Wiesen, Wälder oder Wasser schweifen.

Dass Nachhaltigkeit und Design eine immer größere Rolle spielen, erkennt Saiz auch bei Projekten anderer Büros: „Fertighäuser entwickeln sich langsam zum Prêt-à-porter der Architektur.“ Einem Land, das nicht nur wirtschaftlich an den Folgen billiger Massenkonfektion leidet, bleibt das zu wünschen.

www.abaton.es
www.sistemamodulab.es

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Sieben Tonnen wiegt das Haus, für den Transport reicht also ein regulärer Laster. Foto © Juan Baraja
„Die Menschen haben gelernt, dass Wohnkomfort nicht von der Quadratmeterzahl bestimmt wird.“ Foto © Juan Baraja
Dank Satteldach wirkt das Haus trotz seiner reduzierten Dimensionen in seinem Inneren recht großzügig. Foto © Juan Baraja
Getragen von einer Riegel-Pfosten-Konstruktion aus Massivholz, innen weiß lasiertee Kieferplatten, außen Pressspanplatten mit Zementauftrag. Foto © Juan Baraja
Öko-freundlich: Eine Luftkammer und eine Isolierung aus Polysterol-Matten und Steinwolle sorgen dafür, dass es kaum zu Wärmeverlusten kommt. Foto © Juan Baraja
„Suite Viajera“ von Sistema Modulab für die Hotelkette „Rusticae“. Foto © Sistema Modulab
„Zimmer mit Aussicht“ an den schönsten Orten, je nach Gusto. Foto © Sistema Modulab
Transport ohne Sondergenehmigung: bei 3,60 Meter Breite und 12 Meter Länge. Foto © Sistema Modulab
„Fertighäuser entwickeln sich langsam zum Prêt-à-porter der Architektur.“ Foto © Sistema Modulab

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