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Spezial: Adaptive Fassaden
Das gute Leuchten
Moran Lev | 6. Februar 2014
Die Fremont Street in Downtown Las Vegas ist wieder das Zentrum der Vergnügungsindustrie. Foto © Flickr/planetc1
In den vergangenen Jahren erhöhten LED-Anwendungen die Leuchtkraft von Fassaden und immer mehr Lichtinstallationen strahlen von Gebäuden. Das alles verfolgt einen Zweck: Aufmerksamkeit. Nicht nur uns treibt die Individualisierung immer wieder in die Selbstinszenierung, auch die Architektur möchte hin und wieder einzigartig sein – oder zumindest anziehend.

Der lockenden Wirkung von Licht sind sich Schausteller bewusst, denn seit jeher leuchten und blinken ihre Fahrgeschäfte und Buden. Später waren es Orte wie der Piccadilly Circus in London und der Times Square in New York City, die sinnbildlich für die ewig lockende Stadt einer modernen Zeit stehen. Selbst in Jacques Tati’s Film „Playtime“ visualisieren die rhythmisch aufleuchtenden Lichter der Bürotürme das hektische Großstadttreiben. Die Medienfassade – oder besser: die Fassade mit der Medienbespielung – steht eher für emotionale Ereignisse als für ein Raumerlebnis. So wird das Neue Jahr auf der digitalen Uhr am Times Square begrüßt und am Piccadilly Circus setzt man sich und seine London-Reise noch einmal strahlend in Szene. Die Architektur spielt dabei keine relevante Rolle, lediglich ihre Oberfläche wird zur zweidimensionalen Darstellung verwendet. Kritiker bemerken zudem: Die Medienfassaden dienen allein der Inszenierung von Werbung an prominenten Orten. Kann also der blinkende Kitsch, der Räume dekoriert und Architektur versteckt, auch ein „gutes Leuchten“ sein?

Das alte Las Vegas

Dass genau eine mediale Bespielung von städtischem Raum ein Viertel wieder zu neuem Leben erweckt, mag für einige Architekten höchst fragwürdig sein. So geschehen in Las Vegas. Dies mag zunächst irritieren, steht die Stadt doch bereits für ein lärmendes Leuchten, für eine einzige wilde Orgie von Neonlichtern. Dazu gehörte einst auch die „Fremont Street“. Die Straße in Downtown Las Vegas war bis zu den 1980er Jahren das Zentrum der Vergnügungsindustrie. Das erste Hotel in Las Vegas, das Hotel Nevada, eröffnete 1906 auf der Fremont Street. Sie war die erste gepflasterte Straße der Stadt und 1907 konnte man hier angeblich das erste öffentliche Telefon aufsuchen. Das in 1946 eröffnete Hotel „Golden Nugget“ war der prototypische Bau, der ein Hotel um ein Casino plante – und damit Vorbild für alle weiteren Hotelkonzepte in Las Vegas. Doch mit dem Bau der sogenannten „Megaresorts“ zu Beginn der achtziger Jahre verlor die einst so beliebte Fremont Street ihre Anziehungskraft. So befanden sich bereits im Jahr 1992 knapp 80 Prozent des gesamten Casino-Marktes auf dem berühmten „Strip“. Die alten Zeiten der Fremont Street, auch „Glitter Gulch“ (Glitzer-Schlucht) genannt, waren vorbei.

Ein Himmel über Fremont Street

Mitte der neunziger Jahre schlossen sich die Hotel- und Casinobetreiber der Fremont Street zusammen, um gemeinsam in die Revitalisierung „ihres“ Stadtgebietes zu investieren. Man kann Downtown Las Vegas nicht mit einer europäischen Altstadt vergleichen, doch die für amerikanische Verhältnisse kleinteilige Struktur, die Eigenständigkeit der einzelnen Häuser sind Elemente, die sich maßgeblich von denen des Strips unterscheiden. Und so wie auch in Europa die heimelige Altstadt in der Regel zum„Konsumtempel“ geworden ist, so logisch ist der Vorschlag des Architekturbüros „Jerde“ aus Los Angeles. Das Büro, das mit dem Slogan „Placemaking since 1977“ wirbt, schlug ein 140 Meter langes Dach vor, dass sich über die Fremont Street spannt und die heterogene Gebäudestruktur zusammenfasst, dabei ihren Charme aber nicht verändert.

Die Straße selbst wurde für den Autoverkehr gesperrt, allein Fußgänger dürfen über die Straße flanieren. In Las Vegas, wo die Fortbewegung doch vor allem aus dem „Herumcruisen“ im Automobil besteht und Fußgänger sich allein in den klimatisierten Räumen der Megacasinos aufhalten, ein vollkommen neues Erlebnis. Das wichtigste Element des von Jerde Architects konzipierten Daches ist jedoch nicht die filigrane Tragstruktur, sondern sind die 2,1 Millionen Lichter, die einzeln angesteuert werden können. So verwandelt sich das Dach bei Nacht in einen leuchten Baldachin, der mit seinen abwechselnden Lichtshows die Fremont Street wieder attraktiv macht für erlebnishungrige Las Vegas Besucher. Zudem haben die Unternehmen die Möglichkeit, das Dach auch als Werbefläche zu nutzen, um auf ihre Shows und Angebote hinzuweisen. Der Lichtbaldachin erspart den Gebäuden an der Fremont Street die sonst üblichen, vor die Fassade montierten Werbebildschirme – und bewahrt damit den Charakter des Ortes. Nämlich die kleinteilige Beleuchtungsszenerie aus Neonanzeigen- und symbolen, durch die die „Glitter Gulch“ ihren Namen erhielt.
Die Postkarte aus den 50er Jahren zeigt den Neonlicht-Cowboy, ein Sinnbild für das „alte“ Las Vegas. Foto © Flickr/1950sUnlimited
Heute leuchtet der Cowboy wieder – ebenso wie all die anderen, kleinteiligen Neonlicht-Symbole. Foto © Flickr/Caitlyn-Willows
„Golden Nugget“, eröffnet 1946. Foto © Flickr/JoeDuck
Wenn das Dach nicht leuchtet, dann kommt die individuelle Lichtinszenierung der Casinos und Geschäfte noch besser zur Geltung. Foto © Flickr/matze_ott
Unterschiedliche Lichtshows locken Besucher. Fotos © Flickr/rustler2x4_ts
Die Struktur des Daches mit 30 Meter Spannweite wirkt durchaus filigran. Foto © Flickr/Dougtone
Auch die einzelnen Geschäfte werben an dem Lichtdach. Fotos © Flickr/Caitlyn-Willows
Auf der Fremont Street findet man jede Menge kitschig-schöner Neonanzeigen. Foto © Flickr/matze_ott
Die Fremont Street mit der kleinteiligen Struktur aus Casinos, Hotels und Bars. Foto © Flickr/matze_ott
News & Stories › 2014 › Februar
Das gute Leuchten
von Moran Lev | 6. Februar 2014
Medienfassaden werden häufig kritisch beäugt – zumindest von Architekten. Sind sie doch oft nur ein leuchtendes, im schlimmsten Falle blinkendes Dekor für eine mittelmäßige Architektur. Doch ist alles, was da blinkt, auch gleich schlecht?
In den vergangenen Jahren erhöhten LED-Anwendungen die Leuchtkraft von Fassaden und immer mehr Lichtinstallationen strahlen von Gebäuden. Das alles verfolgt einen Zweck: Aufmerksamkeit. Nicht nur uns treibt die Individualisierung immer wieder in die Selbstinszenierung, auch die Architektur möchte hin und wieder einzigartig sein – oder zumindest anziehend.

Der lockenden Wirkung von Licht sind sich Schausteller bewusst, denn seit jeher leuchten und blinken ihre Fahrgeschäfte und Buden. Später waren es Orte wie der Piccadilly Circus in London und der Times Square in New York City, die sinnbildlich für die ewig lockende Stadt einer modernen Zeit stehen. Selbst in Jacques Tati’s Film „Playtime“ visualisieren die rhythmisch aufleuchtenden Lichter der Bürotürme das hektische Großstadttreiben. Die Medienfassade – oder besser: die Fassade mit der Medienbespielung – steht eher für emotionale Ereignisse als für ein Raumerlebnis. So wird das Neue Jahr auf der digitalen Uhr am Times Square begrüßt und am Piccadilly Circus setzt man sich und seine London-Reise noch einmal strahlend in Szene. Die Architektur spielt dabei keine relevante Rolle, lediglich ihre Oberfläche wird zur zweidimensionalen Darstellung verwendet. Kritiker bemerken zudem: Die Medienfassaden dienen allein der Inszenierung von Werbung an prominenten Orten. Kann also der blinkende Kitsch, der Räume dekoriert und Architektur versteckt, auch ein „gutes Leuchten“ sein?

Das alte Las Vegas

Dass genau eine mediale Bespielung von städtischem Raum ein Viertel wieder zu neuem Leben erweckt, mag für einige Architekten höchst fragwürdig sein. So geschehen in Las Vegas. Dies mag zunächst irritieren, steht die Stadt doch bereits für ein lärmendes Leuchten, für eine einzige wilde Orgie von Neonlichtern. Dazu gehörte einst auch die „Fremont Street“. Die Straße in Downtown Las Vegas war bis zu den 1980er Jahren das Zentrum der Vergnügungsindustrie. Das erste Hotel in Las Vegas, das Hotel Nevada, eröffnete 1906 auf der Fremont Street. Sie war die erste gepflasterte Straße der Stadt und 1907 konnte man hier angeblich das erste öffentliche Telefon aufsuchen. Das in 1946 eröffnete Hotel „Golden Nugget“ war der prototypische Bau, der ein Hotel um ein Casino plante – und damit Vorbild für alle weiteren Hotelkonzepte in Las Vegas. Doch mit dem Bau der sogenannten „Megaresorts“ zu Beginn der achtziger Jahre verlor die einst so beliebte Fremont Street ihre Anziehungskraft. So befanden sich bereits im Jahr 1992 knapp 80 Prozent des gesamten Casino-Marktes auf dem berühmten „Strip“. Die alten Zeiten der Fremont Street, auch „Glitter Gulch“ (Glitzer-Schlucht) genannt, waren vorbei.

Ein Himmel über Fremont Street

Mitte der neunziger Jahre schlossen sich die Hotel- und Casinobetreiber der Fremont Street zusammen, um gemeinsam in die Revitalisierung „ihres“ Stadtgebietes zu investieren. Man kann Downtown Las Vegas nicht mit einer europäischen Altstadt vergleichen, doch die für amerikanische Verhältnisse kleinteilige Struktur, die Eigenständigkeit der einzelnen Häuser sind Elemente, die sich maßgeblich von denen des Strips unterscheiden. Und so wie auch in Europa die heimelige Altstadt in der Regel zum„Konsumtempel“ geworden ist, so logisch ist der Vorschlag des Architekturbüros „Jerde“ aus Los Angeles. Das Büro, das mit dem Slogan „Placemaking since 1977“ wirbt, schlug ein 140 Meter langes Dach vor, dass sich über die Fremont Street spannt und die heterogene Gebäudestruktur zusammenfasst, dabei ihren Charme aber nicht verändert.

Die Straße selbst wurde für den Autoverkehr gesperrt, allein Fußgänger dürfen über die Straße flanieren. In Las Vegas, wo die Fortbewegung doch vor allem aus dem „Herumcruisen“ im Automobil besteht und Fußgänger sich allein in den klimatisierten Räumen der Megacasinos aufhalten, ein vollkommen neues Erlebnis. Das wichtigste Element des von Jerde Architects konzipierten Daches ist jedoch nicht die filigrane Tragstruktur, sondern sind die 2,1 Millionen Lichter, die einzeln angesteuert werden können. So verwandelt sich das Dach bei Nacht in einen leuchten Baldachin, der mit seinen abwechselnden Lichtshows die Fremont Street wieder attraktiv macht für erlebnishungrige Las Vegas Besucher. Zudem haben die Unternehmen die Möglichkeit, das Dach auch als Werbefläche zu nutzen, um auf ihre Shows und Angebote hinzuweisen. Der Lichtbaldachin erspart den Gebäuden an der Fremont Street die sonst üblichen, vor die Fassade montierten Werbebildschirme – und bewahrt damit den Charakter des Ortes. Nämlich die kleinteilige Beleuchtungsszenerie aus Neonanzeigen- und symbolen, durch die die „Glitter Gulch“ ihren Namen erhielt.