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Die Dinge, die wir sind
von Luca Trombetta | 9. April 2010
Das Triennale Design Museum in Mailand erfindet sich nun zum dritten Mal neu, nachdem es sich bereits den sieben wiederkehrenden Obsessionen des italienischen Designs und den komplexen Beziehungen zwischen Massen- und Einzelproduktion gewidmet hatte. Die aktuelle Ausstellung mit dem Titel „Quali cose siamo" (Die Dinge, die wir sind) wurde von Alessandro Mendini kuratiert und von dem französischen Künstler und Designer Pierre Charpin eingerichtet.

Obwohl die dritte Ausgabe der Sammlungspräsentation weit mehr Anregungen bietet und den Zuschauer einlädt, sich aktiv mit der engen Beziehung zu beschäftigen, die der Mensch zu den Dingen herstellt, so ist sie doch weniger unmittelbar zu begreifen als ihre beiden Vorgänger. Es gibt nicht einen einzig richtigen Weg, auf dem sich diese vielschichtige Sammlung erschließt, da jeder Besucher für sich selbst entscheiden kann, wie die Gestaltungsgeschichte für ihn aussehen soll.

Mit dieser großartigen Sammlung hat Mendini - Architekt und Designer, Künstler und Denker - den Schritt von der Kritik zur Anthropologie geschafft. Das Museum wird zum Aufbewahrungsort für Erinnerungen und Geschichten: ein Babylonischer, mehrsprachiger, mit wissenschaftlicher Sorgfalt konzipierter Ansatz, der Wichtiges mit Banalem, Luxuriöses mit Billigem, Historisches mit Zeitgenössischem und Provokatives mit Politischem verknüpft. Es werden 800 Werke gezeigt, deren Auswahl nicht nach chronologischen, stilistischen oder typologischen Prinzipien, sondern wie das Werk eines Sammlers, nach erzählerischen und gefühlsbezogenen Kriterien erfolgte. „Die Wahl mag zunächst für Verwirrung sorgen", erklärt Museumsdirektor Silvana Annichiarico, „jedoch wollten wir gezielt die Grenzen dessen erweitern, was herkömmlich als Design wahrgenommen wird."

Die Sammlung lässt den Besucher gleichsam eintauchen in Mendinis berühmte Gedankenskizzen, die alles miteinander verknüpfen. Die Objekte beziehen ihre Signifikanz nicht aus ihrer Wertigkeit, sondern aus der Beziehung, die zu ihren Nutzern besteht. Aus diesem Grund zeigt die Schau etwa Achille Castiglionis Arbeitsschürze und die Schreibmaschine des Journalisten Indro Montanelli (eine Olivetti Lettera 22), sowie zahlreiche Symbole italienischen Designs, die Kunsthandwerker und Künstler als Unikate gestaltet haben. Bei ihrer Betrachtung verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst und Design.

„Meine Inspiration waren die Erinnerungen, all das, was uns in unserem Leben begegnet", kommentiert Alessandro Mendini. „Ich habe Objekte studiert und unsere Beziehung zu diesen Objekten beobachtet. Ich habe diese Objekte instinktiv ausgesucht, Dinge und Themen, die wir in die italienische Designlandschaft einordnen können, die uns von den Menschen erzählen, die sie benutzt haben, von einem Leben, das weit über das eigentliche Produkt hinausgeht. Denn eigentlich sind wir selbst Dinge unter Dingen. Wir sind unsere eigenen Dinge. Daher lautet die unausweichliche Frage: Was für Dinge sind wir?"

Der Kurator Mendini vertritt die Ansicht, dass es in Italien eine Parallelwelt gibt, die neben der Welt des institutionellen Designs existiert, eine Welt, die aus unsichtbarem und unorthodoxem Design besteht. Daher greift die Sammlung die Vielschichtigkeit Italiens und das Netzwerk der Industriemuseen mit dem Ziel auf, diese in ein System zu übersetzen, das Kultur schaffen kann.

Der französische Künstler und Designer Pierre Charpin erhielt den Auftrag, Ordnung in Mendinis beeindruckende Auswahl zu bringen. Mittels großer Inseln und niedriger Podeste verbindet seine metaphorische Darstellung eines Flusses oder Gedankenstroms die Objekte miteinander und spielt mit den Beziehungen gestaffelter Größenordnungen, indem riesige Objekte direkt neben winzigen platziert werden. Die Zuordnung der Stücke ist nicht weniger exzentrisch: Objekte befinden sich dort, wo man sie nicht erwartet, was immer wieder Erstaunen und Verwunderung hervorruft.

Das Ganze ist jedoch keine immerwährende Erkundung - sie endet mit den „Türmen zu Babel": utopischen Darstellungen des modernen Lebens. „Mein Ziel war es, das Museum fast ‚transparent' zu machen", erklärt Charpin, „indem ich die Installation so neutral wie möglich gehalten habe, um die Objekte selbst sprechen zu lassen, und nicht den Raum, der sie beherbergt."


"Quali cose siamo"
vom 27. März 2010 bis 27. Februar 2011
Triennale Design Museum
viale Alemagna 6, Mailand

triennaledesignmuseum.it
Exhibition „Quali cose siamo”, photo: Fabrizio Marchesi
Exhibition „Quali cose siamo”, photo: Fabrizio Marchesi
Exhibition „Quali cose siamo”, photo: Fabrizio Marchesi
Lettera22 Olivetti, Archive Triennale Design Museum®, photo: Amendolagine Barracchia
Alessandro Mendini
Exhibition „Quali cose siamo”, photo: Fabrizio Marchesi
Exhibition „Quali cose siamo”, photo: Fabrizio Marchesi
Exhibition „Quali cose siamo”, photo: Fabrizio Marchesi
Sketch by Alessandro Mendini
Indro Montanelli