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Ein Haus mit Schnäuzer oder Backenbart?
von Petra Ringleb | 22. März 2012
Alle Fotos © Oda Pälmke

Neben Architekturbüchern, die zeigen, wer was, wann und wo gebaut hat, theoretischen Abhandlungen und schönen Bildbänden, platziert sich „Ganz gut – Quite Good Houses". Das neue Buch der Berliner Architektin Oda Pälmke ist schon auf den ersten Blick mehr als sein Titel verspricht. Auf dem Umschlag prangt ein Haus im kreisrunden Ausschnitt, die Umgebung weiß, ausgeblendet. Vor sich hat man ein präzise gestaltetes Buch im kleinen Format, das schön gebunden ist.

Beim ersten Durchblättern sehen wir Porträts von Häusern, die uns irgendwie bekannt vorkommen. Wir fühlen uns an Orte erinnert, die wir schon einmal gesehen haben, an Straßen, die wir entlanggefahren sein könnten. Wir sind in der Kleinstadt, auf dem Dorf oder am Meer. Denn Oda Pälmke nimmt uns mit auf eine ganz besondere Reise. Also machen auch wir uns auf die „Suche nach der Schönheit des Einfach-so-Passierten". Neben ihr auf dem Beifahrersitz begegnen wir Haus-Typen, über die wir lachen müssen, die uns grundlos traurig machen oder schlecht gelaunt sein lassen. „Ganz gut" heißt: irgendwie nicht so schlecht, irgendetwas interessiert mich hier, oder gefällt mir sogar. Und so ist „Ganz gut" nicht nur eine sehr subjektive Sammlung von einfachen, eher entstandenen als entworfenen Häusern am Wegesrand, sondern auch ein Roadbook.

Den besonderen unter den einfachen Gebäuden gilt das Interesse, den kleinen Häusern von großer Motivkraft, denen das „Bild des Hauses" eingeschrieben ist. Es sind ulkige kleine Objekte, die hier für wichtig erklärt werden. Und nach dem ersten flüchtigen Blick bekommen sie nun die Chance, liebevoll und zugleich analytisch betrachtet zu werden. Das „Haus mit grimmiger Miene" wird dem „Haus mit bezauberndem Blick" gegenübergestellt, das „Haus mit Schnäuzer" dem „Haus mit Backenbart". Als Paare, Zufallsbekanntschaften oder Ergebnis einer langen Partnersuche, offenbaren sie ihre Verwandtschaft und auf den zweiten Blick auch ihre Unterschiede und Eigenheiten. Das Besondere lässt einen spekulieren, über die Geschichte des Hauses, über die Vorlieben des Besitzers oder den Charakter seiner Bewohner. Fast meint man zu wissen, wer gleich die Tür aufmachen wird.

Die Qualität der architektonischen Eingriffe beschreibt die Architektin im Vorwort – und spätestens am Ende des Buches, wenn jedes Haus einen Namen bekommen hat, erkennen wir den feinen Unterschied zwischen dem „kleinen traurigen Haus" und dem „kleinen traurigen herausgeputzten Haus". Wir haben gelernt, dass ein präzise zugemauertes Fenster zum Ornament werden kann und ein anderes zu einem Rätsel. Ob die einfache Brandwand im „Blech-Kleid", ganz klassisch in Sockel, Mittelteil und Attika gegliedert, zu neuer Würde gelangt oder im Gegenteil noch trostloser wirkt, ob der Umgang mit Anbauten, Fenstern und Türen dem Haus zu einem guten Ende verhelfen oder es zu einer traurigen Geschichte werden lassen, liegt im Auge des Betrachters. Die anregenden, oftmals erstaunlichen und sehr humorvollen Anmerkungen laden überdies dazu ein herauszufinden, was genau, jenseits architektonischer Konzepte und Theorien, das einfache Haus eigentlich in unserer Erinnerung verankert.

In diesem Sinne ist das zweite Buch der Autorin eine Fortsetzung der typologischen Reihe, die unter dem Titel „Typen – Good, Bad and Ugly Houses" 2008 im selben Verlag veröffentlicht wurde. Architekturstudenten der TU Dortmund sollten damals ihre Vorstellungen von einem „Haus" in eine skulpturale, auf wesentliche Charakteristika reduzierte Form bringen. In Beton gegossen, sind Typen entstanden, die eine gar nicht so überraschende Verwandtschaft mit den Häuschen im vorliegenden Band aufweisen. Die Suche nach einer Qualität, die jenseits von Moden, zwischen oft idealer Vorstellung und harter Realität entstehen muss, bleibt eine spannende architektonische Herausforderung. Insbesondere in einer Zeit, in der die Kluft zwischen einer Alltagsarchitektur, die überwiegend ökonomischen Gesetzen gehorchen, ohne Anspruch und oft auch ohne Architekten auskommen muss, und spektakulären Solitärbauten immer größer wird.

Jim Jarmusch hat einmal gesagt: „Wir neigen dazu, die kleinen Dinge des Lebens zu unterschätzen. Es ist die Aufgabe der Kunst, ihre wahre Bedeutung zu erkennen und zu würdigen." Oda Pälmke gibt dem Alltäglichen ein Gesicht. Sie fotografiert kleine Häuschen, die unterschätzt werden und lässt sie uns durch ihre Augen sehen. Ihre Farbfotos sind scheinbar beiläufig entstandene Momentaufnahmen, die dennoch zum Fragen und Weiterdenken anregen. „Ganz gut – Quite Good Houses" ist ein kleines Buch, das bewusst mit geringen Mitteln eine Architektur zeigt, die so gar nicht spektakulär zu sein scheint – es auf eine andere Art aber dennoch ist.

Ganz gut – Quite Good Houses
Herausgegeben von Oda Pälmke
Hardcover, 176 Seiten, deutsch/englisch
Jovis, Berlin, 2012
20,00 Euro
www.jovis.de

Architektur › 2012 › März
Ein Haus mit Schnäuzer oder Backenbart?
von Petra Ringleb | 22. März 2012
Auch in der Architektur tut man sich schwer mit dem Durchschnitt. Dabei gibt es jede Menge alltägliche Häuser, von denen man sagen könnte, sie seien „ganz gut". Oda Pälmke hat sich ihrer angenommen.
Neben Architekturbüchern, die zeigen, wer was, wann und wo gebaut hat, theoretischen Abhandlungen und schönen Bildbänden, platziert sich „Ganz gut – Quite Good Houses". Das neue Buch der Berliner Architektin Oda Pälmke ist schon auf den ersten Blick mehr als sein Titel verspricht. Auf dem Umschlag prangt ein Haus im kreisrunden Ausschnitt, die Umgebung weiß, ausgeblendet. Vor sich hat man ein präzise gestaltetes Buch im kleinen Format, das schön gebunden ist.

Beim ersten Durchblättern sehen wir Porträts von Häusern, die uns irgendwie bekannt vorkommen. Wir fühlen uns an Orte erinnert, die wir schon einmal gesehen haben, an Straßen, die wir entlanggefahren sein könnten. Wir sind in der Kleinstadt, auf dem Dorf oder am Meer. Denn Oda Pälmke nimmt uns mit auf eine ganz besondere Reise. Also machen auch wir uns auf die „Suche nach der Schönheit des Einfach-so-Passierten". Neben ihr auf dem Beifahrersitz begegnen wir Haus-Typen, über die wir lachen müssen, die uns grundlos traurig machen oder schlecht gelaunt sein lassen. „Ganz gut" heißt: irgendwie nicht so schlecht, irgendetwas interessiert mich hier, oder gefällt mir sogar. Und so ist „Ganz gut" nicht nur eine sehr subjektive Sammlung von einfachen, eher entstandenen als entworfenen Häusern am Wegesrand, sondern auch ein Roadbook.

Den besonderen unter den einfachen Gebäuden gilt das Interesse, den kleinen Häusern von großer Motivkraft, denen das „Bild des Hauses" eingeschrieben ist. Es sind ulkige kleine Objekte, die hier für wichtig erklärt werden. Und nach dem ersten flüchtigen Blick bekommen sie nun die Chance, liebevoll und zugleich analytisch betrachtet zu werden. Das „Haus mit grimmiger Miene" wird dem „Haus mit bezauberndem Blick" gegenübergestellt, das „Haus mit Schnäuzer" dem „Haus mit Backenbart". Als Paare, Zufallsbekanntschaften oder Ergebnis einer langen Partnersuche, offenbaren sie ihre Verwandtschaft und auf den zweiten Blick auch ihre Unterschiede und Eigenheiten. Das Besondere lässt einen spekulieren, über die Geschichte des Hauses, über die Vorlieben des Besitzers oder den Charakter seiner Bewohner. Fast meint man zu wissen, wer gleich die Tür aufmachen wird.

Die Qualität der architektonischen Eingriffe beschreibt die Architektin im Vorwort – und spätestens am Ende des Buches, wenn jedes Haus einen Namen bekommen hat, erkennen wir den feinen Unterschied zwischen dem „kleinen traurigen Haus" und dem „kleinen traurigen herausgeputzten Haus". Wir haben gelernt, dass ein präzise zugemauertes Fenster zum Ornament werden kann und ein anderes zu einem Rätsel. Ob die einfache Brandwand im „Blech-Kleid", ganz klassisch in Sockel, Mittelteil und Attika gegliedert, zu neuer Würde gelangt oder im Gegenteil noch trostloser wirkt, ob der Umgang mit Anbauten, Fenstern und Türen dem Haus zu einem guten Ende verhelfen oder es zu einer traurigen Geschichte werden lassen, liegt im Auge des Betrachters. Die anregenden, oftmals erstaunlichen und sehr humorvollen Anmerkungen laden überdies dazu ein herauszufinden, was genau, jenseits architektonischer Konzepte und Theorien, das einfache Haus eigentlich in unserer Erinnerung verankert.

In diesem Sinne ist das zweite Buch der Autorin eine Fortsetzung der typologischen Reihe, die unter dem Titel „Typen – Good, Bad and Ugly Houses" 2008 im selben Verlag veröffentlicht wurde. Architekturstudenten der TU Dortmund sollten damals ihre Vorstellungen von einem „Haus" in eine skulpturale, auf wesentliche Charakteristika reduzierte Form bringen. In Beton gegossen, sind Typen entstanden, die eine gar nicht so überraschende Verwandtschaft mit den Häuschen im vorliegenden Band aufweisen. Die Suche nach einer Qualität, die jenseits von Moden, zwischen oft idealer Vorstellung und harter Realität entstehen muss, bleibt eine spannende architektonische Herausforderung. Insbesondere in einer Zeit, in der die Kluft zwischen einer Alltagsarchitektur, die überwiegend ökonomischen Gesetzen gehorchen, ohne Anspruch und oft auch ohne Architekten auskommen muss, und spektakulären Solitärbauten immer größer wird.

Jim Jarmusch hat einmal gesagt: „Wir neigen dazu, die kleinen Dinge des Lebens zu unterschätzen. Es ist die Aufgabe der Kunst, ihre wahre Bedeutung zu erkennen und zu würdigen." Oda Pälmke gibt dem Alltäglichen ein Gesicht. Sie fotografiert kleine Häuschen, die unterschätzt werden und lässt sie uns durch ihre Augen sehen. Ihre Farbfotos sind scheinbar beiläufig entstandene Momentaufnahmen, die dennoch zum Fragen und Weiterdenken anregen. „Ganz gut – Quite Good Houses" ist ein kleines Buch, das bewusst mit geringen Mitteln eine Architektur zeigt, die so gar nicht spektakulär zu sein scheint – es auf eine andere Art aber dennoch ist.

Ganz gut – Quite Good Houses
Herausgegeben von Oda Pälmke
Hardcover, 176 Seiten, deutsch/englisch
Jovis, Berlin, 2012
20,00 Euro
www.jovis.de