transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369374_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Endspurt 14:
Raster fördert Eigensinn
von Adeline Seidel | 14. Dezember 2015
Im Raster geht alles: Wohnen und Arbeiten im neuen Timmerhuis von OMA. Foto © Ossip van Duivenbode
Ach, Rotterdam! Als schön oder beschaulich, bezeichnet kaum jemand diese Stadt. Das ist sie ja auch nicht und will es auch nicht sein. Und das macht sie wiederum so sympathisch. Während des Zweiten Weltkriegs blieb kein Stein auf dem anderen. Am 14. Mai 1940 wurde Rotterdam bei einem deutschen Luftangriff und den darauf folgenden Bränden fast vollständig zerstört. Wo fast nichts mehr übrig war, gediehen später die Vorstellungen der Architekten, wie eine moderne Stadt auszusehen und zu funktionieren habe. Rotterdam ist ein großes Experimentierfeld dieser gebauten, mitunter gescheiterten Ideen und ein durchaus erstaunliches Sammelsurium von Architekturen.

Ein weiteres Experiment ist aktuell hinzugekommen: Das „Timmerhuis“ von Rem Koolhaas und seinem Office for Metropolitan Architecture (OMA). Das Gebäude befindet in bester Gesellschaft, denn in unmittelbarer Nähe tanzen Piet Bloms „Cube Houses“, ragt Hans Kollhoffs postmodernes Hochhaus in die Höhe und liegt MVRDVs wurstige Markhalle. Allesamt versuchen sie das Wohnen mit anderen Funktionen zu kombinieren, sei es mit Einzelhandelsflächen oder Marktständen. Auch OMAs Timmerhuis ist so ein Hybrid. Es beherbergt ein Museum, eine Behörde, Shops und 84 Wohnungen. Wie fast alles heute, so ist auch dieser Neubau der üblichen Tendenz erlegen, alles aufzublähen.

Der Maßstabssprung, den die Architektur in den letzten Jahren erlebte, wird in diesem Stadtgebiet Rotterdams besonders deutlich: Bloms „Cube Houses“, ja selbst Kollhoffs Turm, wirken geradezu kleinteilig im Vergleich zu den gesichtslosen Bürobauten rundum und der eher unförmigen Markthalle. Und in Sachen XXL-Architektur, steht das Timmerhuis mitnichten hintenan: Die quadratische Struktur von 7,2 Metern Kantenlänge wurde wie eine gigantische Pixellandschaft bis auf 60 Meter in die Höhe gestapelt, die im Nordturm mit 14 und im Südturm mit 11 Geschossen gleich zwei Gipfel erklimmt. Dabei verbindet sich der Neubau mit dem L-förmigen Bestand, schmiegt sich an diesen an und überlagert ihn. Der ganze Komplex wirkt fast wie ein großes Containerschiff, das zwischen Bestandsbauten feststeckt.

Das Stahlskelett weckt Erinnerungen an Sol LeWitts serielle Plastiken, an Hertzbergers räumlichen Repetitionen, an Superstudios Megastrukturen und an den Fun Palace von Cedric Price. Aber damit möchte man bei OMA nichts zu haben. Das Gebäude experimentiere, so Reinier de Graaf, mit maximaler räumlicher Variabilität bei geringstem Materialeinsatz. Diese räumliche Vielseitigkeit aber bleibt verborgen, denn das Timmerhuis besticht von Außen vor allem durch schimmernde gläserne Gleichförmigkeit. Einzig die unterschiedlich dimensionierten, transparenten und transluzenten Flächen der Glasfassade verleihen der riesigen Quadratur eine gewisse Lebendigkeit – und lassen das Gebäude bei grauer Wetterlage mit dem Himmel verschmelzen.

Im Innern aber überrascht der Koloss. Hier erfüllt er Reinier de Graafs Entwurfsprämisse: So sind 78 der 84 Wohnungsgrundrisse nicht identisch. Und auch die Flächen der Behörde bieten eine erstaunliche räumliche Vielfalt. Die Standardmaterialen der niederländischen Bauindustrie wurden mit einem sehr heterogenen Interieur Design kombiniert. Dabei erinnern einige Details in Materialität und Ausführung an OMAs „G-Star“-Zentrale in Amsterdam, ja teilweise sind sie sogar identisch. Was kaum verwundert, schließlich fand die Planung der beiden Gebäude fast zeitgleich statt. So laden die offenen und einladenden Treppen im Timmerhuis nicht anders als bei G-Star dazu ein, zu Fuß zu gehen statt einen Aufzug zu nutzen. Und statt endloser Gänge und Einzelbüros, werden in der Behörde Vorstellungen von einer modernen Arbeitsumgebung umgesetzt, wie man sie von Google und Konsorten kennt, um den Austausch unter den Mitarbeiter zu fördern, aber auch, um Quadratmeter und damit Kosten zu sparen. So gibt es für die 1.800 Angestellten nur 1.200 Arbeitsplätze. Das verteilt sich aber recht gut, da aufgrund von Teilzeitmodellen und der Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, nicht immer alle vorort sind und niemand über einen festen Arbeitsplatz verfügt.

Großzügige Fensterflächen und das Atrium, in dem die Struktur des Rasters gut sichtbar wird, sorgen für interessante Blickbeziehungen und vielfältige Raumüberlagerungen. Die Kontakte zwischen Kollegen werden so schon mal visuell erhöht – für den direkten und auch informellen Kontakt stehen aber großzügig bemessene Flächen bereit. Nicht nur rund um Teeküchen und Schließfächer, sondern auch in den offenen „Verkehrszonen“ wurden hier und da wohnliche Besprechungsbereiche eingerichtet, Sitzgelegenheiten und Treffpunkte arrangiert. Die Farbigkeit der Möbel und Vorhänge, die unterschiedlich bedruckten Teppiche, all die „Software“ der Innenarchitektur, nimmt der Materialität des Baus – Metallboden, weiße Stahlträgern, Glasfassade und abgehängte Decken – etwas von ihrer Härte. Im Gegensatz zum G-Star Gebäude, in dessen Büros diese industrielle Robustheit bewusst zelebriert wird.

Auch wenn sich das Timmerhuis – völlig anderes Programm und andere Entwurfsvoraussetzungen – erheblich von der Architektur der Fondazione Prada in Mailand unterscheidet, so verhilft der Vergleich doch zu einer Einsicht. Während das Mailänder Ensemble – gleichsam eine Orgie der Räume und eine Hommage an die unterschiedlichsten Materialien – architektonisch zu bestehen vermag, ohne das Menschen es in Gebrauch nehmen, verhält es sich beim Timmerhuis gerade umgekehrt. Seine Rigidität muss mit Leben erfüllt werden, auf Terrassen und in öffentlichen Bereichen muss sich der Eigensinn der Nutzer ausbreiten können. Erst im alltägliche Gebrauch der gebauten Struktur offenbaren sich die Qualitäten dieser durchrationalisierten Architektur.
Das Timmerhuis ist ein weiteres Einzelstück im Rotterdamer Architekturzoo. Foto © Ossip van Duivenbode
Abmessungen der "Pixel": 7,2m x 7,2m x 3,6m (b x t x h). Foto © OMA
Nur 6 der insgesamt 84 Wohnungen haben identische Grundrisse. Foto © Ossip van Duivenbode
Der Neubau schmiegt sich an den Bestand und erweitert die Büroräume der Behörde. Foto © Sebastian van Damme
Programm: Büroräume (25.400qm, bestehendee und neuer Teil des Baus), Wohnungen (12.000qm, 84 Apartments), Ausstellungsfläche (1.630qm), Einzelhandel (2.070qm), Tiefgarage (3.900qm; 120 Plätze). Foto © OMA
Blick aus der Eingangshalle. Foto © Sebastian van Damme
in der EIngangshalle befinden sich die Zugänge zu den Wohnungen und zu den Büros der Behörde. Foto © Ossip van Duivenbode
Nahtstelle: Eine Verbindung zwischen Altbau und Neubau. Foto © Sebastian van Damme
Der Konstruktion besteht aus 3.850 Tonnen Stahl. Foto © Ossip van Duivenbode
Die Arbeitsbereiche sind mit einem Holzboden versehen... Foto © Sebastian van Damme
...und mit unterschiedlichen Zonen zum Arbeiten und zum Besprechen versehen. Foto © Sebastian van Damme
News & Stories › 2015 › Dezember
Endspurt 14:
Raster fördert Eigensinn
von Adeline Seidel | 14. Dezember 2015
In Rotterdam wurde das Timmerhuis von Rem Koolhaas’ und seinem OMA fertiggestellt.
Ach, Rotterdam! Als schön oder beschaulich, bezeichnet kaum jemand diese Stadt. Das ist sie ja auch nicht und will es auch nicht sein. Und das macht sie wiederum so sympathisch. Während des Zweiten Weltkriegs blieb kein Stein auf dem anderen. Am 14. Mai 1940 wurde Rotterdam bei einem deutschen Luftangriff und den darauf folgenden Bränden fast vollständig zerstört. Wo fast nichts mehr übrig war, gediehen später die Vorstellungen der Architekten, wie eine moderne Stadt auszusehen und zu funktionieren habe. Rotterdam ist ein großes Experimentierfeld dieser gebauten, mitunter gescheiterten Ideen und ein durchaus erstaunliches Sammelsurium von Architekturen.

Ein weiteres Experiment ist aktuell hinzugekommen: Das „Timmerhuis“ von Rem Koolhaas und seinem Office for Metropolitan Architecture (OMA). Das Gebäude befindet in bester Gesellschaft, denn in unmittelbarer Nähe tanzen Piet Bloms „Cube Houses“, ragt Hans Kollhoffs postmodernes Hochhaus in die Höhe und liegt MVRDVs wurstige Markhalle. Allesamt versuchen sie das Wohnen mit anderen Funktionen zu kombinieren, sei es mit Einzelhandelsflächen oder Marktständen. Auch OMAs Timmerhuis ist so ein Hybrid. Es beherbergt ein Museum, eine Behörde, Shops und 84 Wohnungen. Wie fast alles heute, so ist auch dieser Neubau der üblichen Tendenz erlegen, alles aufzublähen.

Der Maßstabssprung, den die Architektur in den letzten Jahren erlebte, wird in diesem Stadtgebiet Rotterdams besonders deutlich: Bloms „Cube Houses“, ja selbst Kollhoffs Turm, wirken geradezu kleinteilig im Vergleich zu den gesichtslosen Bürobauten rundum und der eher unförmigen Markthalle. Und in Sachen XXL-Architektur, steht das Timmerhuis mitnichten hintenan: Die quadratische Struktur von 7,2 Metern Kantenlänge wurde wie eine gigantische Pixellandschaft bis auf 60 Meter in die Höhe gestapelt, die im Nordturm mit 14 und im Südturm mit 11 Geschossen gleich zwei Gipfel erklimmt. Dabei verbindet sich der Neubau mit dem L-förmigen Bestand, schmiegt sich an diesen an und überlagert ihn. Der ganze Komplex wirkt fast wie ein großes Containerschiff, das zwischen Bestandsbauten feststeckt.

Das Stahlskelett weckt Erinnerungen an Sol LeWitts serielle Plastiken, an Hertzbergers räumlichen Repetitionen, an Superstudios Megastrukturen und an den Fun Palace von Cedric Price. Aber damit möchte man bei OMA nichts zu haben. Das Gebäude experimentiere, so Reinier de Graaf, mit maximaler räumlicher Variabilität bei geringstem Materialeinsatz. Diese räumliche Vielseitigkeit aber bleibt verborgen, denn das Timmerhuis besticht von Außen vor allem durch schimmernde gläserne Gleichförmigkeit. Einzig die unterschiedlich dimensionierten, transparenten und transluzenten Flächen der Glasfassade verleihen der riesigen Quadratur eine gewisse Lebendigkeit – und lassen das Gebäude bei grauer Wetterlage mit dem Himmel verschmelzen.

Im Innern aber überrascht der Koloss. Hier erfüllt er Reinier de Graafs Entwurfsprämisse: So sind 78 der 84 Wohnungsgrundrisse nicht identisch. Und auch die Flächen der Behörde bieten eine erstaunliche räumliche Vielfalt. Die Standardmaterialen der niederländischen Bauindustrie wurden mit einem sehr heterogenen Interieur Design kombiniert. Dabei erinnern einige Details in Materialität und Ausführung an OMAs „G-Star“-Zentrale in Amsterdam, ja teilweise sind sie sogar identisch. Was kaum verwundert, schließlich fand die Planung der beiden Gebäude fast zeitgleich statt. So laden die offenen und einladenden Treppen im Timmerhuis nicht anders als bei G-Star dazu ein, zu Fuß zu gehen statt einen Aufzug zu nutzen. Und statt endloser Gänge und Einzelbüros, werden in der Behörde Vorstellungen von einer modernen Arbeitsumgebung umgesetzt, wie man sie von Google und Konsorten kennt, um den Austausch unter den Mitarbeiter zu fördern, aber auch, um Quadratmeter und damit Kosten zu sparen. So gibt es für die 1.800 Angestellten nur 1.200 Arbeitsplätze. Das verteilt sich aber recht gut, da aufgrund von Teilzeitmodellen und der Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, nicht immer alle vorort sind und niemand über einen festen Arbeitsplatz verfügt.

Großzügige Fensterflächen und das Atrium, in dem die Struktur des Rasters gut sichtbar wird, sorgen für interessante Blickbeziehungen und vielfältige Raumüberlagerungen. Die Kontakte zwischen Kollegen werden so schon mal visuell erhöht – für den direkten und auch informellen Kontakt stehen aber großzügig bemessene Flächen bereit. Nicht nur rund um Teeküchen und Schließfächer, sondern auch in den offenen „Verkehrszonen“ wurden hier und da wohnliche Besprechungsbereiche eingerichtet, Sitzgelegenheiten und Treffpunkte arrangiert. Die Farbigkeit der Möbel und Vorhänge, die unterschiedlich bedruckten Teppiche, all die „Software“ der Innenarchitektur, nimmt der Materialität des Baus – Metallboden, weiße Stahlträgern, Glasfassade und abgehängte Decken – etwas von ihrer Härte. Im Gegensatz zum G-Star Gebäude, in dessen Büros diese industrielle Robustheit bewusst zelebriert wird.

Auch wenn sich das Timmerhuis – völlig anderes Programm und andere Entwurfsvoraussetzungen – erheblich von der Architektur der Fondazione Prada in Mailand unterscheidet, so verhilft der Vergleich doch zu einer Einsicht. Während das Mailänder Ensemble – gleichsam eine Orgie der Räume und eine Hommage an die unterschiedlichsten Materialien – architektonisch zu bestehen vermag, ohne das Menschen es in Gebrauch nehmen, verhält es sich beim Timmerhuis gerade umgekehrt. Seine Rigidität muss mit Leben erfüllt werden, auf Terrassen und in öffentlichen Bereichen muss sich der Eigensinn der Nutzer ausbreiten können. Erst im alltägliche Gebrauch der gebauten Struktur offenbaren sich die Qualitäten dieser durchrationalisierten Architektur.