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Wollen von nun an reale, alltäglichere Dinge entwerfen: Erwan und Ronan Bouroullec. Foto © Ola Rindal
Früher waren wir frivoler
Im Gespräch: Erwan Bouroullec
11. Februar 2016
Nach gestrickten Polsterstoffen, den textilen Raumakustiklösungen „North Tiles“ und „Clouds“ sowie dem „Ready Made Curtain“, einem flexiblen Seilsystem für Gardinen, haben Ronan und Erwan Bouroullec nun ein weiteres Produkt für Kvadrat vorgestellt: Rollos mit dem Namen „Roller Blinds“, an denen sie ganze vier Jahre lang gefeilt und die sie nun in Berlin einem ausgewählten Kreis von Journalisten und Architekten vorgestellt haben. Zunächst werden die Rollos, die Sicht- und Sonnenschutz bieten, in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark – und nur in Kombination mit einem Einbauservice von Kvadrat – angeboten. Dass Rollos, die von den Bouroullecs gestaltet wurden, alles andere als banal sind, erkennt man an den fein abgestimmten Details, der schrauben- und scharnierfreien Aluminiumkassette, dem filigranen Kettenlauf und dem harmonischen Zusammenstimmen sämtlicher Elemente.
Die „Roller Blinds“ werden in drei Stoffvarianten angeboten: Das Polyestergewebe „Stratus“ ist lichtundurchlässig; „Nimbus“ besitzt eine das Sonnenlicht reflektierende Aluminium-Schicht auf der Rückseite und ist aufgrund des verwendeten Garns Trevira CS feuerbeständig; „Cumulus“ schließlich ist ein Vlies aus Trevira CS, das wie Papier anmutet und durch seine Semitransparenz eine interessante Lichtwirkung im Raum erzielt. Die Rollos können bis zu einer Breite von 300 und bis zu einer Höhe von 360 Zentimeter individuell angefertigt werden und sind mit Kettenzug oder elektrischem Antrieb erhältlich. Was die beiden Brüder gereizt hat, ausgerechnet Rollos zu entwickeln, und wie Design und Sinne zusammenspielen, verrät Erwan Bouroullec im Gespräch mit Martina Metzner.

Martina Metzner: Lassen Sie uns über Design und die fünf Sinne sprechen, Monsieur Bouroullec. Sehen, Fühlen, Hören, vielleicht sogar Riechen oder Schmecken – welcher unserer fünf Sinne ist der wichtigste, wenn es um Design geht?

Erwan Bouroullec: Ein großer Teil der Funktion von Objekten hängt von ihrer Lesbarkeit ab. Wir alle reagieren auf unsere gestaltete Umwelt wie wir es einmal gelernt haben: Wenn man ein Objekt sieht, entscheidet man allein vom bloßen Hinschauen, ob es nutzbar, komfortabel ist oder nicht. Das hängt damit zusammen, wie man das Objekt „liest“ – sogar wenn es wirklich gut nutzbar wäre, unsere Augen es aber anders lesen, wird man es eben nicht nutzen. Also ist Sehen der wichtigste Sinn im Zusammenhang mit Design.

Sie und Ihr Bruder Ronan haben Rollos für Kvadrat entworfen und verdunkeln jetzt die Räume. Sind Sie an einen Punkt Ihrer Karriere angelangt, an dem Sie Ihr Design nicht mehr sehen können?

Erwan Bouroullec: (Lacht) Das ist nicht ganz falsch. Jeder wird erstaunt darüber sein, dass die Bouroullecs jetzt Rollos gestalten. Ich denke, wir sind an einem Wendepunkt angelangt, an dem wir jetzt anfangen, reale, alltäglichere Dinge zu entwerfen. Früher waren wir frivoler, jetzt sind wir gereift. Es geht uns mehr um Design, das leicht zugänglich ist und gut verstanden wird.

Die Automobilindustrie bemüht sich, im Auto besondere Geruchswelten zu kreieren. Was halten sie von Design, das riecht? Können Sie sich vorstellen, Ihren Objekten einen besonderen Geruch mitzugeben?

Erwan Bouroullec: Um ehrlich zu sein, nein. Bei den Autos gehen sie zu weit. Sie fangen an, alles zu gestalten, Navigationssysteme, die einen zum besten Restaurant in der Stadt führen und und und … Wir Designer sind keine Lebensgestalter. Wir gestalten nur Objekte, die Teil des Lebens sind. Es gibt diese Tendenz, ganze Lebensrezepte zu vermitteln wie in Modemagazinen: Man soll das tragen, dies essen, dorthin gehen. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, Dinge unausgefüllt und offen zu lassen. Geruch in Dinge zu bringen, empfinde ich als nicht korrekt – es hat was von einer Lüge.

Und wie halten Sie es mit dem Geschmack? Kann ein Produkt nach diesem oder jenem schmecken?

Erwan Bouroullec: Aha … Design kann mit Kochen verglichen werden, Techniken und Materialien mit Geschmack. Nehmen wir die „Officina“-Linie für Magis, die aus grob geschmiedetem Eisen gefertigt ist, sie kann mit einem gutem, naturbelassenem Stück Thunfisch verglichen werden, das einfach nur in der Pfanne gebraten wird. Bei beiden gilt es, so wenig wie möglich zu verändern. Köche und Designer arbeiten daran, mittels bestimmter Techniken Geschmäcker aus den jeweiligen Materialen herauszufiltern. Das ist eine ganze Menge Arbeit. Wenn man so will, kann man es „Sushi-Technik“ nennen: Dinge auf besondere Art und Weise zusammenzubringen.

Essen und Kochen sind in der letzten Zeit zu wichtigen Themen in der Gesellschaft geworden. Gibt es in Ihrer Arbeit Berührungspunkte damit?

Erwan Bouroullec: Als ich zur Schule ging, malte ich sehr oft. Jetzt koche ich sehr viel, was mich an Malen erinnert – es ist sogar noch besser. Ich koche jeden Tag, das ist wirklich wichtig für mich. Ich nehme Nahrungsmittel wie Material wahr. Darüber hinaus gibt es diese Verbindung von Geschmack und Erinnerung, die wir zu selten studieren und analysieren – wie es Marcel Proust in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ beschrieben hat, als er dieses Madeleine-Gebäck isst und dadurch eine mentale Reise in die Vergangenheit unternimmt. Geschmack und Geruch können fundamentale Wirkungen auf unsere reale Welt haben.

Sie machen sich sicher auch Gedanken darüber, welche Geräusche Ihre Objekte machen, wenn man sie zum Beispiel bewegt. Wie gehen Sie damit um? Können Sie sich an ein besonderes Geräusch erinnern?

Erwan Bouroullec: Ja, ich erinnere mich ... es war, als wir 2006 angefangen haben mit Kvadrat zu arbeiten und ihren Showroom in Stockholm mit textilen Wandverkleidungen ausgestattet haben. Der Showroom befindet sich in einem Gebäude, in dem auch andere Firmen untergebracht sind. Zur Eröffnung veranstaltete jede Firma eine Party – und ich lief durch diese verschiedenen Räume, nahm ein paar Drinks hier, hatte ein paar Smalltalks dort. Als ich in den Kvadrat-Showroom zurückkam, hatte ich das Gefühl, jemand hätte den Verstärker ausgemacht und die Ton-Höhen herausgenommen. Schuuuummmmm. Das war der Effekt unserer „North Tiles“. Das heißt: Wenn sie Textilien richtig einsetzen, verschwinden Lärm und Geräusche zwar nicht komplett, die Wirkung ist aber wie bei einem Verstärker, bei dem man die Höhen rausnimmt und den Bass betont.

Haben Sie sich bei der Arbeit an den Rollos auch Gedanken über die Geräusche beim Öffnen oder Schließen gemacht?

Erwan Bouroullec: Wir haben textile Bänder in die Leisten integriert, damit der Ton nicht so hart ist, wenn sie in die Aluminiumkassette schnappen. Ich glaube aber nicht so sehr daran, den Sound en detail zu untersuchen wie es etwa BMW tut. Das hat etwas von einem Hype. Wenn ich in ein luxuriöses Hotelzimmer komme, das voller elektronischer Anwendungen steckt, weiß ich oft nicht, welchen Knopf ich drücken muss. Es gibt eine Grenze beim Versuch, alles ändern zu wollen. Die Welt ist die Welt. Das sollten wir akzeptieren.

Haben Sie eine Vorstellung davon, welche Empfindungen und Gefühle Sie erzeugen oder auslösen möchten, wenn Menschen Ihre Objekte benutzen?

Erwan Bouroullec: Ich mag das Moment der Bewegung. Wenn sich etwas oder wenn sich Menschen bewegen. Es ist für mich wichtig zu wissen, dass die Welt sich ständig ändert, dass nichts stehen bleibt. Ein Gefühl, das ich gerne vermitteln möchte ist, dass Menschen verstehen, wie Dinge gemacht sind, so dass sie selbst herstellen könnten. Ein Gefühl der Realität, des Verstehens. Ich habe den Eindruck, dass die Welt zunehmend unverständlich wird. Wir sehen Dinge und können nicht sagen, wie und woraus sie gemacht sind. Ich erinnere mich an eine Party in Miami, bei der ich eine Frau von hinten sah – weder ich noch mein Freund haben erkennen können, wie alt sie sein könnte. Oder nehmen wir den Supermarkt: Dort gibt es Nahrungsmittel, die super aussehen, aber schon längt verfault sind. Wir können die Dinge nicht mehr ohne weiteres dekodieren. Ich hoffe, dass die Menschen durch das Gefühl, das mein Design in ihnen hervorruft, die Realität besser verstehen und einschätzen können.

Und wie fühlen Sie sich jetzt?

Erwan Bouroullec: Mir ist ein wenig kalt, ich habe Hunger …und ich denke, ich habe viel zu viel geredet... (lacht).


www.bouroullec.com

www.kvadrat.dk


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Schwungvolle Balance: „Belleville“ von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra. Die Stühle sind leicht, die Tische stehen gravitätisch und sicher auf dem Boden.
(7. April 2015)

Drei Stoffvarianten werden für die „Roller Blinds“ angeboten. Foto © Kvadrat
Die Rollos können bis zu einer Breite von 300 und bis zu einer Höhe von 360 Zentimeter angefertigt werden. Foto © Kvadrat
Durch die Stoffbänder in der Leiste wird das Einschnappen in die Kassette leiser. Foto © Kvadrat
Die „Roller Blinds“ sind mit Kettenzug oder elektrischem Antrieb erhältlich. Foto © Kvadrat
Vier Jahre lang haben die Bouroullecs an den Rollos gearbeitet – jetzt sind sie unter anderem absolut kindersicher. Foto © Kvadrat
Die Aluminiumkassette kann entweder unterhalb der Decke angebracht oder auf die Wand gesetzt werden. Foto © Kvadrat
Im vergangenen Jahr haben die Bouroullecs das Gardinen-Aufhängesystem „Ready Made Curtain“ für Kvadrat herausgebracht. Foto © Studio Bouroullec
Damit begann die Kooperation: Installation der „North Tiles“ im Stockholmer Showroom von Kvadrat, 2006. Foto © Paul Tahon/ Erwan & Ronan Bouroullec
Video © Kvadrat
Produkte
ligne roset: FACETT Sessel @ Stylepark
ligne roset
FACETT Sessel
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
ligne roset: PLOUM 3-Sitzer @ Stylepark
ligne roset
PLOUM 3-Sitzer
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
Vitra: Belleville Tisch @ Stylepark
Vitra
Belleville Tisch
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
HAY: Copenhague Moulded Plywood Desk CPH190 @ Stylepark
HAY
Copenhague Moulded Plywood Desk CPH190
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
Vitra: Belleville Armlehnenstuhl @ Stylepark
Vitra
Belleville Armlehnenstuhl
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
Kvadrat: Clouds Divina @ Stylepark
Kvadrat
Clouds Divina
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
Vitra: Alcove Cabin 1 @ Stylepark
Vitra
Alcove Cabin 1
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
Vitra: Alcove Ottoman @ Stylepark
Vitra
Alcove Ottoman
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
HAY: Copenhague Chair @ Stylepark
HAY
Copenhague Chair
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
Magis: STEELWOOD COAT STAND @ Stylepark
Magis
STEELWOOD COAT STAND
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
Magis: OFFICINA Hocker @ Stylepark
Magis
OFFICINA Hocker
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
Magis: OFFICINA Stuhl @ Stylepark
Magis
OFFICINA Stuhl
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
Magis: OFFICINA Esstisch rund @ Stylepark
Magis
OFFICINA Esstisch rund
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
Magis: PILA @ Stylepark
Magis
PILA
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
Magis: STRIPED Sessel @ Stylepark
Magis
STRIPED Sessel
Ronan Bouroullec
Erwan Bouroullec
Vitra: Workbay @ Stylepark
Vitra
Workbay
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
Vitra: Corniches @ Stylepark
Vitra
Corniches
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
Kvadrat: Canal @ Stylepark
Kvadrat
Canal
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
Kvadrat: Gravel @ Stylepark
Kvadrat
Gravel
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
Vitra: Joyn Platform @ Stylepark
Vitra
Joyn Platform
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
News & Stories › 2016 › Februar
Früher waren wir frivoler
11. Februar 2016
Ronan und Erwan Bouroullec haben Rollos für Kvadrat entworfen. Erwan Bouroullec verrät im Interview mit Martina Metzner, welche Idee dahinter steckt, aber auch, ob und wie Design die Sinne anregt.
Nach gestrickten Polsterstoffen, den textilen Raumakustiklösungen „North Tiles“ und „Clouds“ sowie dem „Ready Made Curtain“, einem flexiblen Seilsystem für Gardinen, haben Ronan und Erwan Bouroullec nun ein weiteres Produkt für Kvadrat vorgestellt: Rollos mit dem Namen „Roller Blinds“, an denen sie ganze vier Jahre lang gefeilt und die sie nun in Berlin einem ausgewählten Kreis von Journalisten und Architekten vorgestellt haben. Zunächst werden die Rollos, die Sicht- und Sonnenschutz bieten, in Deutschland, den Niederlanden und Dänemark – und nur in Kombination mit einem Einbauservice von Kvadrat – angeboten. Dass Rollos, die von den Bouroullecs gestaltet wurden, alles andere als banal sind, erkennt man an den fein abgestimmten Details, der schrauben- und scharnierfreien Aluminiumkassette, dem filigranen Kettenlauf und dem harmonischen Zusammenstimmen sämtlicher Elemente.
Die „Roller Blinds“ werden in drei Stoffvarianten angeboten: Das Polyestergewebe „Stratus“ ist lichtundurchlässig; „Nimbus“ besitzt eine das Sonnenlicht reflektierende Aluminium-Schicht auf der Rückseite und ist aufgrund des verwendeten Garns Trevira CS feuerbeständig; „Cumulus“ schließlich ist ein Vlies aus Trevira CS, das wie Papier anmutet und durch seine Semitransparenz eine interessante Lichtwirkung im Raum erzielt. Die Rollos können bis zu einer Breite von 300 und bis zu einer Höhe von 360 Zentimeter individuell angefertigt werden und sind mit Kettenzug oder elektrischem Antrieb erhältlich. Was die beiden Brüder gereizt hat, ausgerechnet Rollos zu entwickeln, und wie Design und Sinne zusammenspielen, verrät Erwan Bouroullec im Gespräch mit Martina Metzner.

Martina Metzner: Lassen Sie uns über Design und die fünf Sinne sprechen, Monsieur Bouroullec. Sehen, Fühlen, Hören, vielleicht sogar Riechen oder Schmecken – welcher unserer fünf Sinne ist der wichtigste, wenn es um Design geht?

Erwan Bouroullec: Ein großer Teil der Funktion von Objekten hängt von ihrer Lesbarkeit ab. Wir alle reagieren auf unsere gestaltete Umwelt wie wir es einmal gelernt haben: Wenn man ein Objekt sieht, entscheidet man allein vom bloßen Hinschauen, ob es nutzbar, komfortabel ist oder nicht. Das hängt damit zusammen, wie man das Objekt „liest“ – sogar wenn es wirklich gut nutzbar wäre, unsere Augen es aber anders lesen, wird man es eben nicht nutzen. Also ist Sehen der wichtigste Sinn im Zusammenhang mit Design.

Sie und Ihr Bruder Ronan haben Rollos für Kvadrat entworfen und verdunkeln jetzt die Räume. Sind Sie an einen Punkt Ihrer Karriere angelangt, an dem Sie Ihr Design nicht mehr sehen können?

Erwan Bouroullec: (Lacht) Das ist nicht ganz falsch. Jeder wird erstaunt darüber sein, dass die Bouroullecs jetzt Rollos gestalten. Ich denke, wir sind an einem Wendepunkt angelangt, an dem wir jetzt anfangen, reale, alltäglichere Dinge zu entwerfen. Früher waren wir frivoler, jetzt sind wir gereift. Es geht uns mehr um Design, das leicht zugänglich ist und gut verstanden wird.

Die Automobilindustrie bemüht sich, im Auto besondere Geruchswelten zu kreieren. Was halten sie von Design, das riecht? Können Sie sich vorstellen, Ihren Objekten einen besonderen Geruch mitzugeben?

Erwan Bouroullec: Um ehrlich zu sein, nein. Bei den Autos gehen sie zu weit. Sie fangen an, alles zu gestalten, Navigationssysteme, die einen zum besten Restaurant in der Stadt führen und und und … Wir Designer sind keine Lebensgestalter. Wir gestalten nur Objekte, die Teil des Lebens sind. Es gibt diese Tendenz, ganze Lebensrezepte zu vermitteln wie in Modemagazinen: Man soll das tragen, dies essen, dorthin gehen. Es ist meiner Ansicht nach wichtig, Dinge unausgefüllt und offen zu lassen. Geruch in Dinge zu bringen, empfinde ich als nicht korrekt – es hat was von einer Lüge.

Und wie halten Sie es mit dem Geschmack? Kann ein Produkt nach diesem oder jenem schmecken?

Erwan Bouroullec: Aha … Design kann mit Kochen verglichen werden, Techniken und Materialien mit Geschmack. Nehmen wir die „Officina“-Linie für Magis, die aus grob geschmiedetem Eisen gefertigt ist, sie kann mit einem gutem, naturbelassenem Stück Thunfisch verglichen werden, das einfach nur in der Pfanne gebraten wird. Bei beiden gilt es, so wenig wie möglich zu verändern. Köche und Designer arbeiten daran, mittels bestimmter Techniken Geschmäcker aus den jeweiligen Materialen herauszufiltern. Das ist eine ganze Menge Arbeit. Wenn man so will, kann man es „Sushi-Technik“ nennen: Dinge auf besondere Art und Weise zusammenzubringen.

Essen und Kochen sind in der letzten Zeit zu wichtigen Themen in der Gesellschaft geworden. Gibt es in Ihrer Arbeit Berührungspunkte damit?

Erwan Bouroullec: Als ich zur Schule ging, malte ich sehr oft. Jetzt koche ich sehr viel, was mich an Malen erinnert – es ist sogar noch besser. Ich koche jeden Tag, das ist wirklich wichtig für mich. Ich nehme Nahrungsmittel wie Material wahr. Darüber hinaus gibt es diese Verbindung von Geschmack und Erinnerung, die wir zu selten studieren und analysieren – wie es Marcel Proust in „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ beschrieben hat, als er dieses Madeleine-Gebäck isst und dadurch eine mentale Reise in die Vergangenheit unternimmt. Geschmack und Geruch können fundamentale Wirkungen auf unsere reale Welt haben.

Sie machen sich sicher auch Gedanken darüber, welche Geräusche Ihre Objekte machen, wenn man sie zum Beispiel bewegt. Wie gehen Sie damit um? Können Sie sich an ein besonderes Geräusch erinnern?

Erwan Bouroullec: Ja, ich erinnere mich ... es war, als wir 2006 angefangen haben mit Kvadrat zu arbeiten und ihren Showroom in Stockholm mit textilen Wandverkleidungen ausgestattet haben. Der Showroom befindet sich in einem Gebäude, in dem auch andere Firmen untergebracht sind. Zur Eröffnung veranstaltete jede Firma eine Party – und ich lief durch diese verschiedenen Räume, nahm ein paar Drinks hier, hatte ein paar Smalltalks dort. Als ich in den Kvadrat-Showroom zurückkam, hatte ich das Gefühl, jemand hätte den Verstärker ausgemacht und die Ton-Höhen herausgenommen. Schuuuummmmm. Das war der Effekt unserer „North Tiles“. Das heißt: Wenn sie Textilien richtig einsetzen, verschwinden Lärm und Geräusche zwar nicht komplett, die Wirkung ist aber wie bei einem Verstärker, bei dem man die Höhen rausnimmt und den Bass betont.

Haben Sie sich bei der Arbeit an den Rollos auch Gedanken über die Geräusche beim Öffnen oder Schließen gemacht?

Erwan Bouroullec: Wir haben textile Bänder in die Leisten integriert, damit der Ton nicht so hart ist, wenn sie in die Aluminiumkassette schnappen. Ich glaube aber nicht so sehr daran, den Sound en detail zu untersuchen wie es etwa BMW tut. Das hat etwas von einem Hype. Wenn ich in ein luxuriöses Hotelzimmer komme, das voller elektronischer Anwendungen steckt, weiß ich oft nicht, welchen Knopf ich drücken muss. Es gibt eine Grenze beim Versuch, alles ändern zu wollen. Die Welt ist die Welt. Das sollten wir akzeptieren.

Haben Sie eine Vorstellung davon, welche Empfindungen und Gefühle Sie erzeugen oder auslösen möchten, wenn Menschen Ihre Objekte benutzen?

Erwan Bouroullec: Ich mag das Moment der Bewegung. Wenn sich etwas oder wenn sich Menschen bewegen. Es ist für mich wichtig zu wissen, dass die Welt sich ständig ändert, dass nichts stehen bleibt. Ein Gefühl, das ich gerne vermitteln möchte ist, dass Menschen verstehen, wie Dinge gemacht sind, so dass sie selbst herstellen könnten. Ein Gefühl der Realität, des Verstehens. Ich habe den Eindruck, dass die Welt zunehmend unverständlich wird. Wir sehen Dinge und können nicht sagen, wie und woraus sie gemacht sind. Ich erinnere mich an eine Party in Miami, bei der ich eine Frau von hinten sah – weder ich noch mein Freund haben erkennen können, wie alt sie sein könnte. Oder nehmen wir den Supermarkt: Dort gibt es Nahrungsmittel, die super aussehen, aber schon längt verfault sind. Wir können die Dinge nicht mehr ohne weiteres dekodieren. Ich hoffe, dass die Menschen durch das Gefühl, das mein Design in ihnen hervorruft, die Realität besser verstehen und einschätzen können.

Und wie fühlen Sie sich jetzt?

Erwan Bouroullec: Mir ist ein wenig kalt, ich habe Hunger …und ich denke, ich habe viel zu viel geredet... (lacht).


www.bouroullec.com

www.kvadrat.dk


MEHR auf Stylepark:

Schwungvolle Balance: „Belleville“ von Ronan und Erwan Bouroullec für Vitra. Die Stühle sind leicht, die Tische stehen gravitätisch und sicher auf dem Boden.
(7. April 2015)