transparent_layer
db-images/cms/banner/img/l1_v369373_958_728_90-1.jpg
Blättern: First Back
von 2143 Forward End
Fundstücke: Architektur für Stühle
von Sandra Hofmeister | 4. Dezember 2008
Als sich Ben van Berkel vor einigen Jahren erstmals als Möbeldesigner versuchte und das Sofa „Circle" für das Daimler-Benz-Museum in Stuttgart entwarf, überzeugte das Ergebnis nur seine Fans. Kritiker hingegen mochten in den stoffbezogenen Sitzkurven lediglich eine schwerfällige Polsterwurst erkennen.
Der neue - zweite - Möbelentwurf des niederländischen Architekten und seines Teams von UNStudio - ebenfalls bei Walter Knoll in Serie produziert -, hat im Gegensatz zu seinem Vorgänger das Zeug zu einem Klassiker: MyChair heißt der gelungene, leichte Lounge-Stuhl in der Tradition des Barcelona-Chairs. Keck spielt sein Name auf den großen Vorgänger an, um sich selbstbewusst von ihm zu distanzieren. „MyChair" bedeutet schließlich auch, dass es sich eben nicht um Mies' Chair handelt. Eine Sitzgelegenheit, so suggeriert der Name, die sich willig in den Dienst ihres Nutzers stellt und darauf wartet, auf unterschiedliche Weise besessen zu werden.

Reduziert in seinen Linien, Formen und Materialien macht der Sessel seine eigene Konstruktionsmethode aus dreidimensional angeordneten Linien sichtbar. Gespiegelte Kurven kennzeichnen das filigrane, hochglanzpolierte Chromgestellt des Stuhls. Sie bäumen sich nach einem vorgegebenen Schema als dreidimensionales Gestell auf, formen die Beine des Sessels und zeichnen sich dann auch noch in der Form der Polster und in der Farbigkeit der Sitzschale ab. Aus seinen Konstruktionsmethoden macht dieses Möbelstück keinen Hehl und verteilt seine dünnen Linien im Raum, ohne dass Langeweile oder Monotonie aufkommt. Denn von jeder Seite präsentiert sich die Silhouette von MyChair in neuen räumlichen Konstellationen, die sich aus der Vernetzung und Verkettung der dreidimensionalen Linienführung ergeben.

Ach ja - zum Schluss sei noch angemerkt, dass man auf dem filz- oder lederbezogenen Sessel natürlich auch sitzen kann, und zwar recht komfortabel. Die Sitzfläche ist bequem nach hinten abgesenkt und erlaubt durch ihre Trapezform Drehungen und unterschiedliche Beinpositionen. Den Druck der Rückenpartie fängt eine schmale Lehne auf, die nachgibt und das Gewicht locker abfedert. MyChair wurde in 18 Monaten entwickelt - eine pragmatische, schlichte Sitzgelegenheit, die ohne Klimbim auskommt und durch ihre Einfachheit und Klarheit besticht. Man könnte fast sagen, ein kleines Stück solider Architektur.