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Ganz großes Armaturen-Kino
von Anneke Bokern | 12. Dezember 2008

Zugegeben, man muss sich schon ordentlich langweilen, bis man auf die Idee kommt, Bezeichnungen von Haushaltsgegenständen bei Youtube als Suchbegriffe einzugeben. Also nehmen wir mal an, dass wir uns gerade zum Umfallen langweilen. Alle angesagten viralen Werbespots, Katzenvideos und Animationsfilme von Kunsthochschulstudenten haben wir schon durchgeklickt. Unser Blick löst sich vom Laptop, schweift durch die heimische Küche und bleibt am dreckigen Spülstapel hängen. Spontan fühlen wir uns versucht, „faucet", also das englische Wort für Wasserhahn ins Suchfeld einzutippen.

Die Ergebnisse sind erstaunlich breit gefächert. Da sind filmische Anleitungen zum Klempnern, possierliche Katzen (natürlich!), die auf dem Waschbeckenrand sitzend Wasser aus dem Hahn schlabbern, sowie ein bärtiger Amerikaner mit Gitarre, der seinen tropfenden Wasserhahn besingt (haben das nicht The Cure schon 1979 mit „And the tap drips: drip, drip, drip, drip..." getan?). Und dann wäre da noch ein Film über den neuen Karbon Faucet der Firma Kohler.

Dieser Film ist bei weitem das ambitionierteste Werk unter den Suchergebnissen. Man mag Wasserhähne bisher vor allem mit Profanitäten wie dreckigen Spülstapeln oder eiskaltem Wasser im Gesicht um sieben Uhr morgens assoziiert haben; vielleicht hat man auch an Designobjekte von Arne Jacobsen oder dysfunktionale Schieberegler gedacht - hier geht es um mehr. Das ist ganz großes Küchenarmaturen-Kino auf 320 x 240 Pixeln.

Es beginnt mit einer Art geräuschlosem Urknall. Eine blitzende Wolke wabert durchs dunkle All und sieht ungefähr so aus, wie man sich den denkenden Ozean im Science-Fiction-Klassiker Solaris vorstellt. Im Hintergrund klingt elektronische Musik, inklusive weit entferntem Echolot à la „Das Boot" - womit wir innerhalb von dreizehn Sekunden bereits zwei Filmreferenzen hätten. Dann entpuppt sich die grünblaue Wolke allmählich als geriffelte Wasseroberfläche in Großaufnahme, die wiederum zu einem in Zeitlupe gefilmten Wasserstrahl wird. Aus seiner ursprünglichen Spritzform morpht er langsam in die Form einer glatten Stange aus klarem Wasser. Plötzlich ändert das Wasser im leeren, dunklen Raum die Fließrichtung und knickt im rechten Winkel ab. Man erkennt, dass es die Formen eines Objekts mit Gelenken nachfährt. Und dann, Schnitt!, sind wir im Inneren eines silbrigen Wasserhahns und schießen durch das Sieb hinaus. Jetzt erst kommt der Karbon-Hahn von außen ins Bild. „New. Life. Form" verspricht der Slogan. Die Musik ist derweil zu einer Sigur-Ros-haften Breitwand-Hymne angeschwollen.

Das alles ist technisch perfekt und überhaupt sehr schön gemacht. Und es passt in den Internet-Werbetrend, obwohl es kein „viral Marketing" im klassischen Sinne ist. Denn eigentlich dreht sich dieser ganze Film nur darum, den Zuschauer so lange mit schönen Bildern bei der Stange zu halten, bis siebzehn Sekunden vor Schluss endlich der Karbon Faucet ins Bild kommt. Was der Wasserhahn kann und bietet ist dagegen gar kein Thema. Kein Wort über seine besondere Gelenkigkeit oder darüber, dass er der erste Wasserhahn aus Karbonfaser ist. Statt solcher Fakten sollen Gefühle heraufbeschworen werden - und wenn man es geschickt anstellt, gelingt das offenbar sogar mit einem Film über eine Spülbecken-Armatur. „Such a beautiful work of art", kommentiert ein Besucher; ein anderer schreibt schlicht „I want one". Der Werbefilmer hat seine Mission erfüllt. Oder wie es unter Armaturenherstellern heißt: Mischen accomplished.

www.kohlerco.de

News & Stories › 2008 › Dezember
Ganz großes Armaturen-Kino
von Anneke Bokern | 12. Dezember 2008
Es geht um Gefühle. So funktioniert großes Kino nun mal. Selbst wenn es um eine Spülbecken-Armatur geht, die die Hauptrolle in „Karbon Faucet" spielt.
Zugegeben, man muss sich schon ordentlich langweilen, bis man auf die Idee kommt, Bezeichnungen von Haushaltsgegenständen bei Youtube als Suchbegriffe einzugeben. Also nehmen wir mal an, dass wir uns gerade zum Umfallen langweilen. Alle angesagten viralen Werbespots, Katzenvideos und Animationsfilme von Kunsthochschulstudenten haben wir schon durchgeklickt. Unser Blick löst sich vom Laptop, schweift durch die heimische Küche und bleibt am dreckigen Spülstapel hängen. Spontan fühlen wir uns versucht, „faucet", also das englische Wort für Wasserhahn ins Suchfeld einzutippen.

Die Ergebnisse sind erstaunlich breit gefächert. Da sind filmische Anleitungen zum Klempnern, possierliche Katzen (natürlich!), die auf dem Waschbeckenrand sitzend Wasser aus dem Hahn schlabbern, sowie ein bärtiger Amerikaner mit Gitarre, der seinen tropfenden Wasserhahn besingt (haben das nicht The Cure schon 1979 mit „And the tap drips: drip, drip, drip, drip..." getan?). Und dann wäre da noch ein Film über den neuen Karbon Faucet der Firma Kohler.

Dieser Film ist bei weitem das ambitionierteste Werk unter den Suchergebnissen. Man mag Wasserhähne bisher vor allem mit Profanitäten wie dreckigen Spülstapeln oder eiskaltem Wasser im Gesicht um sieben Uhr morgens assoziiert haben; vielleicht hat man auch an Designobjekte von Arne Jacobsen oder dysfunktionale Schieberegler gedacht - hier geht es um mehr. Das ist ganz großes Küchenarmaturen-Kino auf 320 x 240 Pixeln.

Es beginnt mit einer Art geräuschlosem Urknall. Eine blitzende Wolke wabert durchs dunkle All und sieht ungefähr so aus, wie man sich den denkenden Ozean im Science-Fiction-Klassiker Solaris vorstellt. Im Hintergrund klingt elektronische Musik, inklusive weit entferntem Echolot à la „Das Boot" - womit wir innerhalb von dreizehn Sekunden bereits zwei Filmreferenzen hätten. Dann entpuppt sich die grünblaue Wolke allmählich als geriffelte Wasseroberfläche in Großaufnahme, die wiederum zu einem in Zeitlupe gefilmten Wasserstrahl wird. Aus seiner ursprünglichen Spritzform morpht er langsam in die Form einer glatten Stange aus klarem Wasser. Plötzlich ändert das Wasser im leeren, dunklen Raum die Fließrichtung und knickt im rechten Winkel ab. Man erkennt, dass es die Formen eines Objekts mit Gelenken nachfährt. Und dann, Schnitt!, sind wir im Inneren eines silbrigen Wasserhahns und schießen durch das Sieb hinaus. Jetzt erst kommt der Karbon-Hahn von außen ins Bild. „New. Life. Form" verspricht der Slogan. Die Musik ist derweil zu einer Sigur-Ros-haften Breitwand-Hymne angeschwollen.

Das alles ist technisch perfekt und überhaupt sehr schön gemacht. Und es passt in den Internet-Werbetrend, obwohl es kein „viral Marketing" im klassischen Sinne ist. Denn eigentlich dreht sich dieser ganze Film nur darum, den Zuschauer so lange mit schönen Bildern bei der Stange zu halten, bis siebzehn Sekunden vor Schluss endlich der Karbon Faucet ins Bild kommt. Was der Wasserhahn kann und bietet ist dagegen gar kein Thema. Kein Wort über seine besondere Gelenkigkeit oder darüber, dass er der erste Wasserhahn aus Karbonfaser ist. Statt solcher Fakten sollen Gefühle heraufbeschworen werden - und wenn man es geschickt anstellt, gelingt das offenbar sogar mit einem Film über eine Spülbecken-Armatur. „Such a beautiful work of art", kommentiert ein Besucher; ein anderer schreibt schlicht „I want one". Der Werbefilmer hat seine Mission erfüllt. Oder wie es unter Armaturenherstellern heißt: Mischen accomplished.

www.kohlerco.de