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Gestalten heißt verändern
von Thomas Wagner | 27. März 2013
Buchfotografie © Tatjana Prenzel, Stylepark

Joseph Beuys war stets auf Sendung. Die erste Fotografie des „Beuys Book“ zeigt ihn denn auch, auf dem Boden kniend, am 15. Juni 1972 bei der Aktion „Vitex agnus castus“ in der Modern Art Agency von Lucio Amelio in Neapel. Fast drei Stunden lang ließ Beuys damals seine rechte, mit Öl verschmierte Hand über gestapelte Kupferplatten – den Leiter – gleiten, bis sein Körper derart mit Energie aufgeladen war, dass er vibrierte. Der Satz, den er bei der rätselhaften Aktion am häufigsten wiederholte, lautete: „Ich bin ein Sender, ich strahle aus!“.

Am 30. März 1973 schreibt Beuys im Kunstverein Hannover auf eine Tafel: „Die Wahrheit ist eine Wunderkerze“. Am 9. Januar 1974 fliegt er zusammen mit Klaus Staeck mit PanAm nach New York. Geduldig lässt er bei der Ankunft am Kennedy-Airport die Einreiseprozedur über sich ergehen. Auf dem Kopf den obligatorischen Filzhut und in einem schweren Wollmantel mit Pelzkragen hält er am folgenden Tag im überfüllten Saal der New School seine erste „Lecture“ in Amerika. Im Publikum sitzen neben Studenten auch viele Künstler, darunter Claes Oldenburg, Lil Picard, Al Hansen, Palermo und Ulrike Rosenbach. Es gibt aber auch Fotos, die Beuys in Minneapolis allein mit einem Dutzend Studenten zeigen, denen er geduldig seine soziale Plastik erklärt.

Das Spektrum der Aufnahmen ist weit gefasst: Beuys im Kaufhaus, Beuys vor dem Biograph Movie Theater in Chicago, wo er spontan in die Rolle des legendären Bankräubers John Dillinger schlüpft; Beuys mit Klaus Staeck und Richard Hamilton; Beuys – diesmal mit Mütze statt Hut – in seinem Wohnatelier am Drakeplatz in Düsseldorf Oberkassel bei der Lektüre des Westfalenblatts; Beuys bei einer Diskussion in London und bei der Installation der „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ auf der documenta 6 in Kassel; Beuys mit Heinrich Böll in Düsseldorf, Beuys mit Nam June Paik, Henning Christiansen und René Block in der Hamburger Kunsthochschule; Beuys beim Beschriften und Signieren einiger „Wirtschaftswerte“ im Museum voor Hedendaagse Kunst in Gent oder mit Rolf Staeck im Atelier bei der Herstellung von „Multiples“. Und und und...

Ganz gleich, was Beuys tut, ob er agiert, plaudert, einen Vortrag hält oder kleine oft witzige Arbeiten signiert, er wirkt präsent, konzentriert und heiter. Blättert man in dem dicken, grauen Band voller zumeist schwarzweißer Fotografien, so taucht aus der Erinnerung immer wieder dieselbe Frage auf: War Joseph Beuys, der Schamane und unermüdliche Propagandist eines erweiterten Kunstbegriffs, zuallererst ein Sender und großer Kommunikator?

„Beuys Book“, wohl in Anspielung auf den berühmten „Beuys Block“ in Darmstadt, heißt der steingraue Wälzer, in dem der Grafiker Klaus Staeck und der Drucker und Verleger Gerhard Steidl Fotografien versammelt haben, die Beuys in Düsseldorf, bei einigen seiner Aktionen und auf Reisen nach Neapel, Capri, Rom, Mailand, Foggia, Pescara, Brüssel, Gent, Maastricht, Oxford, London und in die Vereinigten Staaten zeigen. Entstanden sind die nebenbei gemachten Schnappschüsse, die chronologisch geordnet sind, ansonsten aber keinerlei Systematik folgen, zwischen 1974 und 1986, dem Todesjahr von Beuys. All die Jahre haben Staeck und Steidl, die eng mit Beuys verbunden waren, den Künstler zu Ausstellungen begleitet oder waren bei seinen Aktionen zugegen.

Für eine Biographie in Bildern bleibt der Band zu fragmentarisch. Indes, das Panorama eines Künstlerlebens, das er anhand von Gelegenheitsaufnahmen entfaltet, ist zugleich mehr und weniger als eine biographische Skizze. Als persönliches Dokument und Hommage zweier Weggefährten, erzählt das Buch von einem, der – in seinen Plastiken, Aktionen und Environments ebenso wie beim Reden und Diskutieren – unermüdlich zu zeigen, zu überzeugen und aufzuklären versuchte. Es war, das verdeutlichen gerade diese Fotografien, kein Witz, wenn Beuys von sich gesagt hat: „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung.“ Ist es die Stärke des Bandes, Beuys als nimmermüden Kommunikator zu zeigen, so liegt seine Schwäche darin, dass den Aufnahmen keinerlei Erläuterungen zu den Anlässen und keine Hinweise zu den Aktionen und Ausstellungen beigegeben sind, bei denen sie entstanden sind.

Der Band klingt aus im letzten Interview, das Beuys zu Lebzeiten gegeben hat. Anlass für das Gespräch war die Entgegennahme des Wilhelm-Lehmbruck-Preises am 12. Januar 1986 in Duisburg, bei der Beuys eine bemerkenswerte Rede – „Mein Dank an Lehmbruck“ – gehalten hat, die, da er wenige Tage später, am 23. Januar 1986, gestorben ist, seitdem den Charakter eines Vermächtnisses hat. Das Interview erschien erstmals am 1. Februar 1986 im „Vorwärts“.

Wie in der Rede, so ist Lehmbruck auch im Gespräch nicht nur als Echo aus der Vergangenheit präsent. Für Beuys war die Beziehung zu dem „Plastiker“ eng mit seiner eigenen Entscheidung verbunden, das Studium der Naturwissenschaften aufzugeben und sich der Kunst zuzuwenden. Vermutlich auch deshalb erkennt Beuys im Werk Lehmbrucks eine „Schwellensituation“, die auf Künftiges, auch im Schaffen von Beuys, vorausweist. „Ich versuche“, erläutert Beuys abermals seinen künstlerischen Ansatz, „neue Begriffe zu schaffen, die sich auf die Umgestaltung des sozialen Ganzen beziehen und nicht mehr an den Objekten, an den Figuren kleben.“ Die Kunst, die seitdem entstanden ist, hat dem Sender Beuys Recht gegeben.

Klaus Staeck, Gerhard Steidl
Book Beuys
Steidl Verlag, Göttingen, 2012
736 S., geb.,
28 Euro
www.steidlville.com

Joseph Beuys bei seiner Aktion gegen die Deutsche Bank im Jahr 1985, Foto © Klaus Staeck | Gerhard Steidl
Der Künstler mit seinem obligatorischen Filzhut, Foto © Klaus Staeck | Gerhard Steidl
Beuys Book, alle weiteren Fotos © Tatjana Prenzel, Stylepark
News & Stories › 2013 › März
Gestalten heißt verändern
von Thomas Wagner | 27. März 2013
Joseph Beuys ist viel fotografiert worden. Aber nur wenige haben ihn so kontinuierlich begleitet wie der Grafiker Klaus Staeck und der Drucker und Verleger Gerhard Steidl. Die Schnappschüsse, die sie zwischen 1972 und 1986 bei verschiedenen Anlässen gemacht haben, beleuchten überraschende Facetten des Künstlers und Kommunikators.
Joseph Beuys war stets auf Sendung. Die erste Fotografie des „Beuys Book“ zeigt ihn denn auch, auf dem Boden kniend, am 15. Juni 1972 bei der Aktion „Vitex agnus castus“ in der Modern Art Agency von Lucio Amelio in Neapel. Fast drei Stunden lang ließ Beuys damals seine rechte, mit Öl verschmierte Hand über gestapelte Kupferplatten – den Leiter – gleiten, bis sein Körper derart mit Energie aufgeladen war, dass er vibrierte. Der Satz, den er bei der rätselhaften Aktion am häufigsten wiederholte, lautete: „Ich bin ein Sender, ich strahle aus!“.

Am 30. März 1973 schreibt Beuys im Kunstverein Hannover auf eine Tafel: „Die Wahrheit ist eine Wunderkerze“. Am 9. Januar 1974 fliegt er zusammen mit Klaus Staeck mit PanAm nach New York. Geduldig lässt er bei der Ankunft am Kennedy-Airport die Einreiseprozedur über sich ergehen. Auf dem Kopf den obligatorischen Filzhut und in einem schweren Wollmantel mit Pelzkragen hält er am folgenden Tag im überfüllten Saal der New School seine erste „Lecture“ in Amerika. Im Publikum sitzen neben Studenten auch viele Künstler, darunter Claes Oldenburg, Lil Picard, Al Hansen, Palermo und Ulrike Rosenbach. Es gibt aber auch Fotos, die Beuys in Minneapolis allein mit einem Dutzend Studenten zeigen, denen er geduldig seine soziale Plastik erklärt.

Das Spektrum der Aufnahmen ist weit gefasst: Beuys im Kaufhaus, Beuys vor dem Biograph Movie Theater in Chicago, wo er spontan in die Rolle des legendären Bankräubers John Dillinger schlüpft; Beuys mit Klaus Staeck und Richard Hamilton; Beuys – diesmal mit Mütze statt Hut – in seinem Wohnatelier am Drakeplatz in Düsseldorf Oberkassel bei der Lektüre des Westfalenblatts; Beuys bei einer Diskussion in London und bei der Installation der „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ auf der documenta 6 in Kassel; Beuys mit Heinrich Böll in Düsseldorf, Beuys mit Nam June Paik, Henning Christiansen und René Block in der Hamburger Kunsthochschule; Beuys beim Beschriften und Signieren einiger „Wirtschaftswerte“ im Museum voor Hedendaagse Kunst in Gent oder mit Rolf Staeck im Atelier bei der Herstellung von „Multiples“. Und und und...

Ganz gleich, was Beuys tut, ob er agiert, plaudert, einen Vortrag hält oder kleine oft witzige Arbeiten signiert, er wirkt präsent, konzentriert und heiter. Blättert man in dem dicken, grauen Band voller zumeist schwarzweißer Fotografien, so taucht aus der Erinnerung immer wieder dieselbe Frage auf: War Joseph Beuys, der Schamane und unermüdliche Propagandist eines erweiterten Kunstbegriffs, zuallererst ein Sender und großer Kommunikator?

„Beuys Book“, wohl in Anspielung auf den berühmten „Beuys Block“ in Darmstadt, heißt der steingraue Wälzer, in dem der Grafiker Klaus Staeck und der Drucker und Verleger Gerhard Steidl Fotografien versammelt haben, die Beuys in Düsseldorf, bei einigen seiner Aktionen und auf Reisen nach Neapel, Capri, Rom, Mailand, Foggia, Pescara, Brüssel, Gent, Maastricht, Oxford, London und in die Vereinigten Staaten zeigen. Entstanden sind die nebenbei gemachten Schnappschüsse, die chronologisch geordnet sind, ansonsten aber keinerlei Systematik folgen, zwischen 1974 und 1986, dem Todesjahr von Beuys. All die Jahre haben Staeck und Steidl, die eng mit Beuys verbunden waren, den Künstler zu Ausstellungen begleitet oder waren bei seinen Aktionen zugegen.

Für eine Biographie in Bildern bleibt der Band zu fragmentarisch. Indes, das Panorama eines Künstlerlebens, das er anhand von Gelegenheitsaufnahmen entfaltet, ist zugleich mehr und weniger als eine biographische Skizze. Als persönliches Dokument und Hommage zweier Weggefährten, erzählt das Buch von einem, der – in seinen Plastiken, Aktionen und Environments ebenso wie beim Reden und Diskutieren – unermüdlich zu zeigen, zu überzeugen und aufzuklären versuchte. Es war, das verdeutlichen gerade diese Fotografien, kein Witz, wenn Beuys von sich gesagt hat: „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung.“ Ist es die Stärke des Bandes, Beuys als nimmermüden Kommunikator zu zeigen, so liegt seine Schwäche darin, dass den Aufnahmen keinerlei Erläuterungen zu den Anlässen und keine Hinweise zu den Aktionen und Ausstellungen beigegeben sind, bei denen sie entstanden sind.

Der Band klingt aus im letzten Interview, das Beuys zu Lebzeiten gegeben hat. Anlass für das Gespräch war die Entgegennahme des Wilhelm-Lehmbruck-Preises am 12. Januar 1986 in Duisburg, bei der Beuys eine bemerkenswerte Rede – „Mein Dank an Lehmbruck“ – gehalten hat, die, da er wenige Tage später, am 23. Januar 1986, gestorben ist, seitdem den Charakter eines Vermächtnisses hat. Das Interview erschien erstmals am 1. Februar 1986 im „Vorwärts“.

Wie in der Rede, so ist Lehmbruck auch im Gespräch nicht nur als Echo aus der Vergangenheit präsent. Für Beuys war die Beziehung zu dem „Plastiker“ eng mit seiner eigenen Entscheidung verbunden, das Studium der Naturwissenschaften aufzugeben und sich der Kunst zuzuwenden. Vermutlich auch deshalb erkennt Beuys im Werk Lehmbrucks eine „Schwellensituation“, die auf Künftiges, auch im Schaffen von Beuys, vorausweist. „Ich versuche“, erläutert Beuys abermals seinen künstlerischen Ansatz, „neue Begriffe zu schaffen, die sich auf die Umgestaltung des sozialen Ganzen beziehen und nicht mehr an den Objekten, an den Figuren kleben.“ Die Kunst, die seitdem entstanden ist, hat dem Sender Beuys Recht gegeben.

Klaus Staeck, Gerhard Steidl
Book Beuys
Steidl Verlag, Göttingen, 2012
736 S., geb.,
28 Euro
www.steidlville.com