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von 2143 Forward End
Häuser auf dem Rückflug in den Barock
von Thomas Wagner | 10. Juli 2008
Christoph Brech Punto - 60 Sekunden Ausschnitt Punto - 10´09, loop, colour, sound, Italy, 2006 – IT0406 courtesy of Christoph Brech

Wir trauen unseren Augen nicht. Plötzlich setzt sich das Bild in Bewegung, beginnen die Fassaden zu tanzen, zu taumeln und zu laufen. In Ocker und Umbra getaucht, machen sie sich auf den Weg. Häuser blähen sich auf vor der Wüste des Himmels, andere schnurren mit einem Mal zusammen, als würden sie einfach vom Azur verschluckt oder von einer unsichtbaren Hand unter eine blaue Decke gezogen. Dann zeigen sich Palmenspitzen und Pinienschirme – und auch sie kippen ins Nichts, umspült vom Lärm der Straße. Dann stockt das Bild, hält inne, und mit ihm die Fassade eines modernistischen Gebäudes, die sich gerade noch streckte und dehnte, als wolle sie zurück in den Barock. Überhaupt werden die Bilder in Christoph Brechs Video-Film „Punto“ auf einmal alle „barocco“ – etwas merkwürdig und verrückt, eben so schief wie unregelmäßig geformte Perlen.

Nach und nach erkennt der Betrachter, dass er vermutlich in einen bewegten, konkav und konvex gekrümmten Spiegel blickt, in einen fahrenden Geisterspiegel, in dem die Gebäude ihrer Faktur und ihren Architekten eine Nase drehen. Aus dem Off hört man, wie sich Mopeds und Vespas nähern und sogleich wieder verschwinden und begreift: Christoph Brech braucht nur einen Fiat „Punto“, um die Stadt in eine barocke Phantasmagorie zu verwandeln. Mehr als eines Stücks industriell geformten Blechs bedarf es nicht, und schon mischen sich Räume und Zeiten im Lauf der Bilder. Bis sich die Stadt auflöst – im tiefen, tiefen Blau des Himmels. Bis wir den Bildern folgen wie einem Strom. Bis wir all das hinter uns lassen, was unser Auge für gewöhnlich trübt – um einzutauchen in eine Tiefe, die sich nichts anderem als einer Oberfläche verdankt.

Die Filme „Ritratto Romano“ und „Break“ von Christoph Brech sind bis zum 21. September in der Ausstellung „Favoriten 08 – Neue Kunst in München“ im Kunstbau der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München zu sehen.

www.christophbrech.com

News & Stories › 2008 › Juli
Häuser auf dem Rückflug in den Barock
von Thomas Wagner | 10. Juli 2008
Manchmal bedarf es nur eines kleinen Drehs, einer simplen Veränderung der Perspektive – und schon entsteht eine völlig neue Welt. Christoph Brech macht nicht einfach nur Filme. Er macht Dinge sichtbar, die uns für gewöhnlich entgehen. Als der Künstler im vergangenen Jahr als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom weilte, entstand unter anderem der Film „Punto“, aus dem wir einen Ausschnitt zeigen.
Wir trauen unseren Augen nicht. Plötzlich setzt sich das Bild in Bewegung, beginnen die Fassaden zu tanzen, zu taumeln und zu laufen. In Ocker und Umbra getaucht, machen sie sich auf den Weg. Häuser blähen sich auf vor der Wüste des Himmels, andere schnurren mit einem Mal zusammen, als würden sie einfach vom Azur verschluckt oder von einer unsichtbaren Hand unter eine blaue Decke gezogen. Dann zeigen sich Palmenspitzen und Pinienschirme – und auch sie kippen ins Nichts, umspült vom Lärm der Straße. Dann stockt das Bild, hält inne, und mit ihm die Fassade eines modernistischen Gebäudes, die sich gerade noch streckte und dehnte, als wolle sie zurück in den Barock. Überhaupt werden die Bilder in Christoph Brechs Video-Film „Punto“ auf einmal alle „barocco“ – etwas merkwürdig und verrückt, eben so schief wie unregelmäßig geformte Perlen.

Nach und nach erkennt der Betrachter, dass er vermutlich in einen bewegten, konkav und konvex gekrümmten Spiegel blickt, in einen fahrenden Geisterspiegel, in dem die Gebäude ihrer Faktur und ihren Architekten eine Nase drehen. Aus dem Off hört man, wie sich Mopeds und Vespas nähern und sogleich wieder verschwinden und begreift: Christoph Brech braucht nur einen Fiat „Punto“, um die Stadt in eine barocke Phantasmagorie zu verwandeln. Mehr als eines Stücks industriell geformten Blechs bedarf es nicht, und schon mischen sich Räume und Zeiten im Lauf der Bilder. Bis sich die Stadt auflöst – im tiefen, tiefen Blau des Himmels. Bis wir den Bildern folgen wie einem Strom. Bis wir all das hinter uns lassen, was unser Auge für gewöhnlich trübt – um einzutauchen in eine Tiefe, die sich nichts anderem als einer Oberfläche verdankt.

Die Filme „Ritratto Romano“ und „Break“ von Christoph Brech sind bis zum 21. September in der Ausstellung „Favoriten 08 – Neue Kunst in München“ im Kunstbau der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München zu sehen.

www.christophbrech.com