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Hoyerswerda ist typischer als München
von Jochen Paul | 30. Juli 2009
Aufgrund einer ablehnenden Entscheidung des Münchner Stadtrats im Oktober 2007 wird keine Werkbundsiedlung entstehen. Alle Fotos © Arbeitsgemeinschaft Werkbundsiedlung Wiesenfeld

Als der Deutsche Werkbund im Frühsommer nach München einlud, ging es nicht um irgendeinen Termin, sondern um die erste gemeinsame Veranstaltung seit der „Wiedervereinigung" der regionalen Werkbünde im März 2009. Die Presseerklärung gab sich denn auch grundsätzlich: „Wohnen in der Stadt ist ein unmittelbarer Spiegel des sozialen Miteinanders sowie seiner politischen Grundbedingungen. Zu beobachten sind grundlegende demographische, ökonomische und strukturelle Umwälzungen, die drängende Herausforderungen für Politik, Bauwirtschaft, Architektur und Städtebau darstellen."

Die (selbst)kritisch-kämpferische Begrüßung des neuen Vorsitzender Dieter Koppe dagegen klang wie ein vorweggenommenes Fazit: Wohnen sei nicht nur das Werkbundthema par excellence, sondern auch eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben überhaupt. Deshalb halte man auch an dem Anspruch fest, eine Werkbundsiedlung zu errichten. Allerdings müsse sich der Werkbund dafür eine breitere Basis suchen, sich besser vernetzen und wieder stärker den Schulterschluss mit der Industrie üben.

Das Highlight des Eröffnungsabends aber setzte Julian Nida-Rümelin, der in seinem Vortrag „Stadtluft macht frei?" nicht nur Aristoteles' Nikomachische Ethik als Gründungsdokument der Stadt als Labor interpretierte, sondern auch pointiert die aktuelle Krise der Urbanität mit ihrer Ökonomisierung erklärte: Während der Markt nach maximaler Konkurrenz und Transparenz verlange - kollektive Güter wie Bildung und Umwelt werden von ihm nicht nur nicht bereitgestellt, sondern im Gegenteil zerstört -, beruhe die Bürgergesellschaft auf einer klaren Handlungslogik der Kooperation.

Nida-Rümelins damit einhergehender Appell an die Verantwortung der Stadt(väter) hätte neben der Krise des Kollektiven zentrales Thema der Veranstaltung werden können. Stattdessen ging es um kulturwissenschaftliche Untersuchungen zum Habitus von Städten, um das Verhältnis zwischen Gesetzgebung und aktuellen städtebaulichen Entwicklungen sowie um Visionen vom Wohnen der Zukunft. Ansonsten war viel die Rede von der Europäischen Stadt, von nachhaltigem Denken, von Kultur als Standortfaktor, von Stadtmarketing, Planungsparadigmen, Berlin, Dresden und Wien.

Allerdings ist die Thematik der Europäischen Stadt in naher Zukunft nur noch für die wenigen Boomregionen von praktischer Bedeutung, im Rest des Landes sind an die Stelle von Wachstums- längst Schrumpfungsprozesse getreten: Viele Städte in den neuen Bundesländern haben bald nicht einmal mehr die Mittel für einen geordneten Rückbau - laut Muck Petzet, der sich erstaunt darüber zeigte, wie viel Vergangenheit unter dem Thema „Die Zukunft des Wohnens" diskutiert wurde, ist „Hoyerswerda typischer als München, Paris, Rom und Siena." Aber auch dort führt die demografische Entwicklung zu einer Überlastung des Generationenvertrags und lässt die Gefahr einer Entsolidarisierung der Gesellschaft zunehmen: Die Altersarmut wird steigen, die anhaltende Landflucht verstädtert das Problem ohne es zu lösen, und der Zuzug von sozial Schwachen trifft die Städte in einer Situation, in denen ihnen die Finanzkrise und ihre Folgen auf Jahrzehnte die Handlungsspielräume nehmen. Ein neues Wirtschaftswunder ist jedenfalls nicht in Sicht.

Was bleibt? Zwar hatten die Podiumsdiskussionen mitunter Schwierigkeiten, an das Niveau der Vorträge anzuknüpfen, und der Anspruch, „im Spannungsbogen von Theorie und Praxis den Städtebau der Zukunft zwischen schrumpfenden und wachsenden Städten zu beleuchten" und „die Qualitäten künftigen Lebens zwischen Wohnen und Arbeiten" zu untersuchen, war von vornherein zu groß, um in anderthalb Tagen abgehandelt zu werden. Eine solide Basis für ein Erfolg versprechendes Comeback war der Werkbundtag 2009 aber dennoch: Jetzt geht es darum, die angerissenen Themen auf ihre praktische Relevanz zu prüfen und diejenigen zu vertiefen, die für die angestrebte Werkbundsiedlung von Bedeutung sind.

Zum Beispiel die Fragen, was Wohnen für das Existenzminimum („Du bist ein armes Schwein, und dann sollst Du es wie in der Gropius-Stadt und im Märkischen Viertel auch noch sehen, wenn Du nach Hause kommst - das ist zynisch." Paul Kahlfeldt) in Zukunft bedeutet, wie der am „Wohnen mit Anderen" orientierte Hoffnungsträger creative industry zum sozialen Miteinander im Quartier beitragen kann, wie sich nach „Geiz ist geil" eine Kultur des Asketischen etablieren lässt, und was geschehen muss, damit ökologische, ästhetische und ökonomische Aspekte zusammen gedacht und diskutiert werden.

www.werkbundtag-2009.de

Werkbundsiedlung Wiesenfeld, Entwurf des japanischen Architekten Kazunari Sakamoto
News & Stories › 2009 › Juli
Hoyerswerda ist typischer als München
von Jochen Paul | 30. Juli 2009
Wie sieht die Zukunft des Wohnens aus? Wie werden sich die europäischen Städte entwickeln und wie lassen sich Ökologie, Ästhetik und Ökonomie dabei verbinden? Eine Tagung des Werkbundes lieferte zwar nur wenige Antworten, stellte aber die richtigen Fragen.
Als der Deutsche Werkbund im Frühsommer nach München einlud, ging es nicht um irgendeinen Termin, sondern um die erste gemeinsame Veranstaltung seit der „Wiedervereinigung" der regionalen Werkbünde im März 2009. Die Presseerklärung gab sich denn auch grundsätzlich: „Wohnen in der Stadt ist ein unmittelbarer Spiegel des sozialen Miteinanders sowie seiner politischen Grundbedingungen. Zu beobachten sind grundlegende demographische, ökonomische und strukturelle Umwälzungen, die drängende Herausforderungen für Politik, Bauwirtschaft, Architektur und Städtebau darstellen."

Die (selbst)kritisch-kämpferische Begrüßung des neuen Vorsitzender Dieter Koppe dagegen klang wie ein vorweggenommenes Fazit: Wohnen sei nicht nur das Werkbundthema par excellence, sondern auch eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben überhaupt. Deshalb halte man auch an dem Anspruch fest, eine Werkbundsiedlung zu errichten. Allerdings müsse sich der Werkbund dafür eine breitere Basis suchen, sich besser vernetzen und wieder stärker den Schulterschluss mit der Industrie üben.

Das Highlight des Eröffnungsabends aber setzte Julian Nida-Rümelin, der in seinem Vortrag „Stadtluft macht frei?" nicht nur Aristoteles' Nikomachische Ethik als Gründungsdokument der Stadt als Labor interpretierte, sondern auch pointiert die aktuelle Krise der Urbanität mit ihrer Ökonomisierung erklärte: Während der Markt nach maximaler Konkurrenz und Transparenz verlange - kollektive Güter wie Bildung und Umwelt werden von ihm nicht nur nicht bereitgestellt, sondern im Gegenteil zerstört -, beruhe die Bürgergesellschaft auf einer klaren Handlungslogik der Kooperation.

Nida-Rümelins damit einhergehender Appell an die Verantwortung der Stadt(väter) hätte neben der Krise des Kollektiven zentrales Thema der Veranstaltung werden können. Stattdessen ging es um kulturwissenschaftliche Untersuchungen zum Habitus von Städten, um das Verhältnis zwischen Gesetzgebung und aktuellen städtebaulichen Entwicklungen sowie um Visionen vom Wohnen der Zukunft. Ansonsten war viel die Rede von der Europäischen Stadt, von nachhaltigem Denken, von Kultur als Standortfaktor, von Stadtmarketing, Planungsparadigmen, Berlin, Dresden und Wien.

Allerdings ist die Thematik der Europäischen Stadt in naher Zukunft nur noch für die wenigen Boomregionen von praktischer Bedeutung, im Rest des Landes sind an die Stelle von Wachstums- längst Schrumpfungsprozesse getreten: Viele Städte in den neuen Bundesländern haben bald nicht einmal mehr die Mittel für einen geordneten Rückbau - laut Muck Petzet, der sich erstaunt darüber zeigte, wie viel Vergangenheit unter dem Thema „Die Zukunft des Wohnens" diskutiert wurde, ist „Hoyerswerda typischer als München, Paris, Rom und Siena." Aber auch dort führt die demografische Entwicklung zu einer Überlastung des Generationenvertrags und lässt die Gefahr einer Entsolidarisierung der Gesellschaft zunehmen: Die Altersarmut wird steigen, die anhaltende Landflucht verstädtert das Problem ohne es zu lösen, und der Zuzug von sozial Schwachen trifft die Städte in einer Situation, in denen ihnen die Finanzkrise und ihre Folgen auf Jahrzehnte die Handlungsspielräume nehmen. Ein neues Wirtschaftswunder ist jedenfalls nicht in Sicht.

Was bleibt? Zwar hatten die Podiumsdiskussionen mitunter Schwierigkeiten, an das Niveau der Vorträge anzuknüpfen, und der Anspruch, „im Spannungsbogen von Theorie und Praxis den Städtebau der Zukunft zwischen schrumpfenden und wachsenden Städten zu beleuchten" und „die Qualitäten künftigen Lebens zwischen Wohnen und Arbeiten" zu untersuchen, war von vornherein zu groß, um in anderthalb Tagen abgehandelt zu werden. Eine solide Basis für ein Erfolg versprechendes Comeback war der Werkbundtag 2009 aber dennoch: Jetzt geht es darum, die angerissenen Themen auf ihre praktische Relevanz zu prüfen und diejenigen zu vertiefen, die für die angestrebte Werkbundsiedlung von Bedeutung sind.

Zum Beispiel die Fragen, was Wohnen für das Existenzminimum („Du bist ein armes Schwein, und dann sollst Du es wie in der Gropius-Stadt und im Märkischen Viertel auch noch sehen, wenn Du nach Hause kommst - das ist zynisch." Paul Kahlfeldt) in Zukunft bedeutet, wie der am „Wohnen mit Anderen" orientierte Hoffnungsträger creative industry zum sozialen Miteinander im Quartier beitragen kann, wie sich nach „Geiz ist geil" eine Kultur des Asketischen etablieren lässt, und was geschehen muss, damit ökologische, ästhetische und ökonomische Aspekte zusammen gedacht und diskutiert werden.

www.werkbundtag-2009.de