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Im Hier und Jetzt oder Rückkehr in den Raum
von Thomas Wagner | 11. Juli 2011
Selbst eingefleischte Apologeten einer digitalen Kultur beschleicht vor ihren Displays zuweilen ein Gefühl körperlosen Entrücktseins in eine Art Paralleluniversum. Kritiker des „kybernetischen Totalitarismus" wie Jaron Lanier, der in optimistischeren Zeiten selbst den Begriff der „virtuellen Realität" geprägt hat, treten der neuen Techno-Orthodoxie neuerdings entschieden entgegen. Schließlich habe sich der Computer zu einer Lebensform entwickelt, „die den Menschen angeblich besser versteht als er selbst" und mit der Erfindung von Programmen, mit deren Hilfe wir eine Verbindung zur Welt und zu anderen Menschen herstellen, seien Strukturen geschaffen worden, die, indem sie unsere kognitiven Erfahrungen manipulieren, unsere Erfahrung direkt verändern. „Information" aber, so Lanier, sei „entfremdete Erfahrung" – und Erfahrung mithin der einzige Vorgang, „der die Entfremdung von Information rückgängig zu machen vermag".

Wie immer man zu solch tief greifenden Veränderungen steht, man muss nur fernsehen oder ein iPad zur Hand nehmen, um zu bemerken, dass die Raumzeit, so etwas wie das Rückgrat unserer Erfahrung von Welt, in zunehmendem Maße instabil zu werden beginnt. In der Sphäre des Digitalen verdampft die Realität, sie wird abstrakt; eine Konstruktion von Maschinen für Maschinen. Auf die Dominanz einer Technikumwelt, in der das Entfernte als Bild und Datenstrom beliebig herbeizitiert werden kann, reagiert auch die Kunst. Ihre Mitstreiter sind der Körper und der Raum. So trifft man in Venedig auf einige Installationen und Environments, die sich mit der Unreduzierbarkeit des Raumes und seinen „imaginären" Qualitäten herumschlagen.

Wo bin ich?

Die Erfahrung, die man in solchen Raumverschachtelungen macht, ist so irritierend wie elementar: Man weiß nicht, wo man ist. Besonders im Britischen Pavillon mischen sich seltsame Orte und vergangene Zeiten. Mike Nelsons Installation aus vielen verschachtelten Räumen stellt unser Raumgefühl und unsere Raumwahrnehmung auf den Prüfstand. Die Orientierung ist aus den Fugen. Wo bin ich? – so lautet die Frage, nicht: Wer bin ich? Das Gefühl, plötzlich woanders, also mit einem Mal disloziert oder transloziert zu sein, geht soweit, dass man sich selbst auf die Größenverhältnisse von Dingen und Räumen nicht mehr verlassen kann. So wandert man, zusehends in eine fremde Welt entrückt, von Raum zu Raum. Falls man das Aroma solcher Räume schon einmal gekostet hat, begreift man langsam, dass man sich in einer nachgebauten Karawanserei befindet, also in einem Handelsposten und Warenlager, wie ihn Nelson in ähnlicher Weise bereits vor acht Jahren in Istanbul in ein Haus aus dem 17. Jahrhundert eingebaut hat.

Realität wird imaginär, Imagination real

Ausschlaggebend dabei ist nicht, dass man sich mit einem Mal in einem fiktiven Raum, in einer Art von Illusion bewegt und das Ensemble stellenweise wie eine Filmkulisse wirkt. Entscheidend ist vielmehr, dass die Installation einen realen Raum schafft und gerade kein Bild, keine Schimäre, keine bloße Zeichenfolge, die man durchwandert. Der Raum ist, bei aller Fremdheit, wirklich da, trägt aber zugleich halluzinatorische Züge. Zweierlei scheint hier zu einem Amalgam verschmolzen: Eine imaginär gewordene Realität und eine real gewordene Imagination. Besonders wenn man innerhalb des Environments ein Zimmer betritt, in dem ein Fotolabor eingerichtet wurde, beginnt man darüber nachzudenken, in welchem Verhältnis verschiedene Arten der Repräsentation zueinander stehen. Die Raumwahrnehmung jedenfalls changiert permanent zwischen Realität und Fiktion, Raum und Bild. Reales erscheint plötzlich irreal, doch schon im nächsten Moment bedrängt einen etwas Irreales mit der Macht des Realen. In Mike Nelsons Installation stößt man also auf vielerlei Verschiebungen räumlicher, historischer und ökonomischer Art.

Der Raum verschwimmt

Ähnlich, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, ergeht es dem Besucher im Luxemburger Pavillon unweit der Accademia. Hier greifen Martine Feipel und Jean Bechameil in ihrer In-Situ-Installation „Le Cercle fermé" unsere Raumwahrnehmung direkt an. Als befände man sich in einem Ableger des manieristischen „Parco dei Mostri" von Bomarzo aus dem 16. Jahrhundert, wird unsere gewohnt stabile Wahrnehmung des Gebauten hinweggefegt. Wie in dem Turm mit schrägem Boden und schiefen Wänden im Park des Fürsten Orsini, in dem einen plötzlich Schwindel ergreift, weil der Blick jede Orientierung verliert, so scheint auch in diesen Raumfluchten jede stabile Beziehung zum Raum dahinzuschwinden. Man taucht ein in ein reines, weißes, abstraktes und zugleich ganz und gar konkretes Arkadien voll subtiler Schauer. Blickt man, den Spiegelkabinetten und den gewellten Wänden in der Ca' del Duca gerade entronnen, auf den wässrigen Spiegel des Canal Grande, so entpuppt sich das Environment zugleich als subtiler Kommentar zur gebauten Schönheit Venedigs und zur Vedutenmalerei, die diese verherrlicht. Wie im Wasser, so verschwimmen die Fassaden der stolzen Palazzi auch hier zu flüchtigen, wie Wellen verfließenden Schemen. Der Raum, in dem man sich bewegt, ist real, Venedig aber imaginär. Wo beide Erfahrungen zusammenkommen, wird die Krise des Raumes erlebbar.

Rückkehr aus dem Bild

Wohin man heute im Alltag auch blickt, es dominieren Daten und Zeichen. Live und in Echtzeit blicken wir nach Japan oder China oder navigieren auf Ozeanen voller Informationen. Das Ausgedehnte indes schrumpft. Der Raum ist zu einer fast zu vernachlässigenden Größe geworden. Räumliche Abstände, die einst als schier unüberwindbar galten, wurden durch Telekommunikation und Internet weitgehend neutralisiert. Selbst in der Kunst scheint das Ausgedehnte Bild und Zeichen geworden. Auch hier verschwindet die trennende Wirkung von Zwischenräumen. „Die klebrige Allgegenwart der Nachrichten", stellt der Philosoph Peter Sloterdijk nüchtern fest, „hat dafür gesorgt, dass Unzählige die vormals weite Welt wie eine schmutzige kleine Kugel erleben. Wer nicht vor dem Fernseher gelebt hat, weiß nichts von der Süße des Lebens in der entgrenzten Welt."

Darin, Raum als Erfahrungsmedium festzuhalten und vorzuführen, findet die Kunst im Zeitalter der Medien eine Aufgabe. Sie kehrt aus dem elektronischen Bild als einem Satz komprimierter Daten zurück ins Unkomprimierbare, in den Raum mit seinen eigenen Sensationen. Dieser aber ist längst vom Imaginären infiziert. Also wendet sich die Kunst einem Raum zu, der, anders als in den „site specific works" der siebziger bis neunziger Jahre, kein fester Ort mehr ist. Trotzdem versuchen Künstler konkrete Nachbarschaften im Hier und Jetzt herzustellen und reagieren so darauf, dass sich der Raum mittels digitaler Kommunikation in etwas Künstliches verwandelt hat und unfühlbar geworden ist. Die Kunst reflektiert also mittels erfahrbarer Raumordungen, so fiktiv sie auch sein mögen, die generelle Auflösung fester Ortsbezüge. Dabei bettet sie den Betrachter ein und schickt ihn auf die Suche nach einem Ort, an dem Sinn wieder ortsfest zu werden vermag. Die Lehre der Einbettung ist so einfach wie unersetzbar: Was es zu erfahren gibt, ist nur hier zu erfahren. In der Präsenz dieses Ortes und der Magie dieses Raumes. Auf das Verlassen eines Territoriums folgt die Rückkehr in ein anderes. Oder, in der Sprache der jüngeren Philosophie gesprochen: Deterritorialisierung bedeutet Loslösung vom gewohnten Terrain. Dem muss eine Reterritorialsierung folgen.

Selbst im deutschen „Egomania" erfährt man so etwas wie eine Translokation; hier freilich eine ins religiös grundierte Erinnerungstheater und in den feierlichen Raum der Heroisierung der Künstlers. Und auch Thomas Hirschhorns „Kristallpalast" im Pavillon der Schweiz negiert das banale Draußen und setzt an seine Stelle eine „Geode", in der Bilder eines medial befeuerten Schreckens wie Kristalle aus dem Boden oder von der Decke herab wachsen.

Anders als auf den Monitoren, die heute die Grenzen unserer Welt bedeuten, wird in den räumlichen Translokationen der Kunst aber nichts aufgerufen, kombiniert, manipuliert, gesichert und gelöscht; keiner entkommt dem auf einen einströmenden Realen durch einen Klick. Jeder steckt mittendrin – hier, an diesem Ort, in diesem Raum, im Schmutz, im Kristall, im Taumel, im Schmerz, in all dem Schlamassel der Bilder und der Orte, von denen man bestenfalls ahnt, was sie bedeuten, und in den Geschichten, bei denen man Regie führt, ohne zu wissen, was aus ihnen folgt. Der Aufstand gegen die digital geschrumpfte Welt schafft Räume, in denen man verloren geht, um sich wiederzufinden.

http://venicebiennale.britishcouncil.org

www.casino-luxembourg.lu
www.deutscher-pavillon.org
www.crystalofresistance.com


In unserer Reihe zur 54. Kunstbiennale von Venedig sind bisher erschienen:
> „Jenseits von Angst und Afrika" von Thomas Wagner
> „Taubenverteilen im Park" von Thomas Wagner
> „Wir verlassen den amerikanischen Sektor..." von Joerg Bader und Thomas Wagner
> „Mitgefangen, mitgehangen" von Annette Tietenberg
> „Amerikanische Turnstunde" von Thomas Wagner
> „Widerstand - erstarrt oder verflüssigt?" von Barbara Basting
> Schlinge, Schlinge über alles" von Barbara Basting
> Tintoretto - einer von uns?" von Annette Tietenberg
> „Das übermalte Feuilleton" von Joerg Bader
> „Venezia, Piazza Tahrir" von Barbara Basting
> „Auf in die Karawanserai" von Joerg Bader
Martine Feipel und Jean Bechameil mit ihrer In-Situ-Installation „Le Cercle fermé“ im Luxemburger Pavillon
Luxemburger Pavillon
Luxemburger Pavillon
Luxemburger Pavillon
Luxemburger Pavillon
Luxemburger Pavillon
"teleco-soup" von Tabaimo im Japanischen Pavillon
"teleco-soup" von Tabaimo im Japanischen Pavillon zur Kunstbiennale 2011
Japanischer Pavillon
Schweizer Pavillon
Mike Nelsons Installation „I, Impostor“ im Britischen Pavillon, Venedig 2011, alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Britischer Pavillon, Venedig 2011
Britischer Pavillon, Venedig 2011
Britischer Pavillon, Venedig 2011
Britischen Pavillon, Venedig 2011
Luxemburger Pavillon
Luxemburger Pavillon
Bühneninstallation von Christoph Schlingensief im Deutschen Pavillon
Deutscher Pavillon
Deutscher Pavillon mit dem Schriftzug "Egomania" am Portal
„Crystal of Resistance“ von Thomas Hirschhorn für den Schweizer Pavillon
Schweizer Pavillon