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Mäusekino mit Lenkrad
von Thomas Wagner | 21. September 2015
IAA für die IAA: „Intelligent Aerodynamic Automobil“ nennt Mercedes sein tropfenförmiges Concept Car für die IAA 2015 in Frankfurt am Main.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Höher, schneller, weiter, zulande und gegen die Luft – an den gewohnten Mustern, nach denen die Automobilindustrie agiert, hat sich überraschend wenig geändert. Auch im Jahr 2015 versprechen Erfolg noch mehr PS bei noch weniger Verbrauch, eine umweltbewusst ausgeklügelte Hybrid-Technik und mehr Leichtbau durch neuartige Materialien vom Chassis bis zu den Sitzen. SUVs gibt’s allerorten, klein, mittel, groß – oder gern übergroß wie der nagelneue Bentley „Bentayga“, bei dessen Anblick man sich dann doch fragt, ob man so ein Fahrzeug nun ganz unumwunden eine Oligarchenschleuder nennen soll oder nicht? Auch haben viele Modelle, von BMW bis Hyundai, jetzt einen Knick – oder sagen wir besser: einen Schwung – auf der Hüfte unterhalb der Fenster, der die Silhouette dynamischer erscheinen lassen soll. Ansonsten stellt man einigermaßen ernüchtert fest: Design bleibt ein wichtiger Faktor, tritt derzeit aber mal wieder zurück hinter die ganz große Technik. Und dürfen die Designer doch mal loslegen, so kommen die immer gleichen Extreme aus der Playstation dabei heraus.

Jedenfalls steht überall Innovationen drauf – oder eben Sprüche wie „Neu ist relaxed“ und „Neu ist spannend“. Doch ach, fast überall wird – natürlich abhängig vom Preis, c’est vrai – mehr oder weniger dasselbe Niveau oder annähernd derselbe Stand der Technik geboten. Das führt dazu, dass bei genauer Betrachtung die Unterschiede innerhalb, aber auch zwischen den einzelnen Fahrzeugen und Fahrzeugklassen verschwimmen. So mancher Unterschied steht ohnehin nur noch auf dem Papier, das bekanntlich geduldig ist. Auch an einer anderen Tatsache hat sich wenig geändert: Die neuesten Entwicklungen im Bereich von Sicherheit und Komfort werden schrittweise (seit Jahrzehnten geht das so) von der Oberklasse zu den Kleinwagen durchgereicht. Was am Ende auch die kleinen Modelle teuer werden lässt, ihnen dafür aber das Prädikat „Premium“ einträgt.

Und doch ist etwas hinzugekommen, was die Transformation der Branche von reinen Autoproduzenten hin zu „Mobilitätsanbietern“ erheblich beschleunigt: die Digitalisierung. Durch sie verändert sich das gesamte Konzept „Automobil“. Sie hat das System individueller Automobilität erfasst und tritt als wesentliches Element des sogenannten Fortschritts auf. Glaubt man Matthias Wissmann, dem Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie VDA, so zeige die IAA als weltweit wichtigste Leitmesse: „Die Digitalisierung der Mobilität ist das Megathema, das die Automobilindustrie mit hoher Innovationsgeschwindigkeit vorantreibt. Autofahren wird dadurch noch sicherer, noch komfortabler, noch effizienter. Allein die deutsche Automobilindustrie investiert in den kommenden drei bis vier Jahren 16 bis 18 Milliarden Euro in das vernetzte und automatisierte Fahren.“ Bereitwillig stimmen die Lenker großer Konzerne in den Chor ein und preisen „totale Vernetzung“ und „absolute connectivity“. Wäre Filippo Tommaso Marinetti, der streitbare Futurist und Oberguru beschleunigter Mobilmachung, bei einer der Pressekonferenzen auf der IAA zugegen gewesen, er hätte eine Kanone abgefeuert.

Worum geht es bei der Digitalisierung des Automobils? Beileibe nicht allein um weitere Assistenzsysteme für noch mehr Sicherheit, Komfort und Effizienz. Indem das vernetzte Auto künftig selbständig einen freien Parkplatz aufspürt, von alleine einparkt, auf Sehenswürdigkeiten hinweist, Hotels bucht, Konzertkarten bestellt, den Weg zur Arbeit, den Musikgeschmack und andere Gewohnheiten seines Lenkers kennenlernt, aber auch gern als Dr. aut. den Gesundheitszustand des Fahrers überwacht, mutiert es zu einem beweglichen Interface und einem virtuellen Gegenüber. Das Auto empfängt und sendet also nicht nur Daten, es generiert auch welche. Und als Fernziel über der totalen Vernetzung leuchtet das vollständig autonome Fahren.

Was die Kunden davon halten, muss sich erst noch zeigen. Sicher aber scheint schon jetzt, dass nicht nur der Fahrer die Kontrolle über sein Spielzeug einbüßt, sondern er selbst und sein Verhalten jederzeit – zum Beispiel von seiner Versicherung – überwacht werden wird. Wollen wir das? Offenbart der Wandel des Automobils von einem Symbol der Freiheit hin zu einem der Sicherheit und Kontrolle einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch? Wird hier Individualisierung gepriesen, heimlich aber an der Anpassung an den Schwarm gearbeitet?

Lassen wir Zukunft für den Moment Zukunft sein und schauen wir uns in den Innenräumen aktueller Modelle um. Sichtbar wird dabei, wo sich – neben den unsichtbaren Helferlein – die Digitalisierung zuallererst zeigt: an den Bedienelementen, sprich den Interfaces – und zuallererst in der Gestalt des Armaturenbretts. Hier gibt es zwei Überraschungen. Erstens: Das Schema ist in allen Modellen nahezu gleich. Die Rückständigeren halten für den Fahrer noch analoge Instrumente bereit, der neue Standard aber besteht aus einem Instrumentenmonitor und einem (möglichst großen) Tablet auf, vor oder im Mittelteil des Armaturenbretts. Zweites: Auch wenn überall im Mäusekino vor der Nase die bunten Symbole tanzen und permanent Informationen einlaufen, so dementiert die aktuelle Gestalt und Orientierung der Innenräume bislang noch den so wortstark propagierten Aufbruch in eine Zukunft automatisierten Fahrens.

Wer erwartet hatte, die Industrie werde jede Menge Show-Cars aufbieten, um coram publico über neue Fahrzeugkonzepte oder zumindest über die Veränderung der Innenraumgestaltung beim autonomen Fahren nachzudenken, wird bitter enttäuscht. Allein Mercedes mit seinem Forschungsauto F015, das bereits Anfang des Jahres auf der CES in Las Vegas vorgestellt wurde, prescht hier vor. Überhaupt ist Mercedes der einzige namhafte Hersteller, der – nun in Sachen Aerodynamik und Innenraumgestaltung – sich mit der Studie Concept IAA (Intelligent Aerodynamic Automobil) auf das Terrain inspirierender Phantasien vorwagt. Ein Kühlergrill wie die Barten eines Wals, langgestreckte Tropfenform, Felgen, die sich fliehkraftgesteuert verschließen und ein ab 80 km/h ausfahrendes Heck, das in Verbindung mit dem Rot der Heckleuchten wie ein Strahltriebwerk mit eingeschaltetem Nachbrenner wirkt – man hat schon weniger aufregende Studien gesehen.

Ob und wann Autos, wie wir sie kennen, durch „digitale Transformer“ ersetzt werden, ist derweil noch völlig offen. Noch gilt es, große ethische und haftungsrechtliche Hürden zu überwinden. Aber auch die Physik setzt einer völlig neuen Architektur des Innenraums und einem anderen Verhalten enge Grenzen. Man muss nur mit jenen Zulieferern sprechen, die schon heute innerhalb vorgegebener Raumangebote an Armaturentafeln und Sitzen arbeiten, um über solche Limitationen aufgeklärt zu werden.

In den nächsten 30 Jahren, bekommt man dann zu hören, werde es wohl im Prinzip bei der gewohnten Sitzordnung im Fahrzeug bleiben. Die Gründe dafür sind so einfach wie nachvollziehbar: Auch wenn man von seinem digitalen Transformer gefahren wird und die Karre ohne menschliches Zutun die Kurve kratzt, wird man angeschnallt bleiben müssen. Und man wird, außer man steht im Stau oder auf dem Parkplatz, nicht liegen, sondern aufrecht sitzen, weil die bei einem Aufprall auftretenden Kräfte auf einen liegenden Passagier wesentlich stärker einwirken. Was nichts anderes bedeutet als: Wir werden künftig vielleicht beim Stop-and-go in der Stadt Zeitung lesen (vielleicht auch noch auf Papier) oder unsere Mails checken können (oder eher müssen) – viel mehr wird sich zunächst aber nicht verändern. In den Innenräumen wird auch künftig nach oben hin alles edler in Material und fließender und skulpturaler in der Form gestaltet, das Grundkonzept aber dasselbe sein. Wer das nötige Geld hat, der kann sein Fahrzeug ja noch „individualisieren“. Was allerdings die elektronischen Helferlein eines Fahrzeugs angeht, haben wir von Individualisierung noch wenig gehört. Die Farbe der Displays ändern zu können oder die Innenbeleuchtung von der Lieblingsmusik steuern zu lassen – ob das nicht recht schnell langweilt?

www.iaa.de
Was das Grundschema angeht, gleichen sich heutzutage fast alle Interieurs: Im neuen Mercedes GLC sitzt der Bildschirm markentypisch auf dem Armaturenbrett.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Im neu vorgestellten Jaguar F-Pace ist der Bildschirm unterhalb der Lüftung in die Mittelkonsole integriert. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Citroën setzt bei seinem C4 auf eine eher konventionelle Anmutung. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Frischer Wind und jede Menge Sonne: Citroën gestaltet seinen Cactus M als luftiges Sommer-Mobil à la Mehari. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Auch der Innenraum des Cactus fällt mit einer durchgehenden Sitzbank und aufgesetzten Displays erfrischend anders aus. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Martialisch, aber bunt gestreift: Der Innenraum des mächtigen Concept Cars „Aircross“ von Citroën setzt auf Sitze im Format „King-Size“. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Toyotas Mirai, die erste in Serie gebaute Limousine mit Brennstoffzellenantrieb, wartet mit gleich drei Bildschirmen auf. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Bei Rolls Royce ist die Armaturentafel noch immer ein ganz besonderes Brett. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Alles fein: Auch Bentley setzt beim Innenraum des mächtigem SUV mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen „Bentayga“ auf das bekannte Grundschema.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Auch wenn das große Rundinstrument in der Mitte des Armaturenbretts nun ganz zum Display mutiert ist und keinen Tacho mehr beinhaltet – ein Mini bleibt auch im Innenraum anders. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Große Geste: Im neunen 7er von BMW besitzt das Armaturenbrett einen eleganten Schwung. Nur der ausgefahrene Bildschirm wirkt etwas deplatziert.
Foto © Thomas Wagner, Stylepark
„Freeform & Geometry“ nennt man bei Mercedes eine skulpturale, dreidimensionale Flächengestaltung. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Im Innenraum des neuen S-Klasse Cabriolets von Mercedes sieht „Freeform & Geometry“ so aus. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Beim Zulieferer kann man – ohne S-Klasse drum herum – das komplette Armaturenbrett bestaunen. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Jenseits der Serie: Volkswagen hat seinem Golf GTE Sport ein Interieur nach Rennwagenmanier verpasst. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Beim Mercedes „IAA“ mit einem cw-Wert von 0,19 verschließen sich die Felgen fliehkraftgesteuert (links).
Für den Innenraum werden von Zuliefern „unbegrenzte Dekorationslösungen“ angeboten (rechts). Foto © Thomas Wagner, Stylepark
Fenster zu, Bildschirme an: Der autonom fahrende F015 von Mercedes, der bereits bei der CES in Las Vegas vorgestellt wurde, gibt einen Vorgeschmack darauf, wie sich die Automobilindustrie die Zukunft pilotierten Fahrens vorstellt. Foto © Thomas Wagner, Stylepark
BMW persönlich: Wird sich individuelles Fahren irgendwann auf die Wahl der Farbe und der Leders für den Innenraum beschränken? Foto © Thomas Wagner, Stylepark
News & Stories › 2015 › September
Mäusekino mit Lenkrad
von Thomas Wagner | 21. September 2015
Wie sieht sie aus, die automobile Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt? Von Digitalisierung reden alle, trotzdem bleiben die Innenausstattungen überraschend konventionell.
Höher, schneller, weiter, zulande und gegen die Luft – an den gewohnten Mustern, nach denen die Automobilindustrie agiert, hat sich überraschend wenig geändert. Auch im Jahr 2015 versprechen Erfolg noch mehr PS bei noch weniger Verbrauch, eine umweltbewusst ausgeklügelte Hybrid-Technik und mehr Leichtbau durch neuartige Materialien vom Chassis bis zu den Sitzen. SUVs gibt’s allerorten, klein, mittel, groß – oder gern übergroß wie der nagelneue Bentley „Bentayga“, bei dessen Anblick man sich dann doch fragt, ob man so ein Fahrzeug nun ganz unumwunden eine Oligarchenschleuder nennen soll oder nicht? Auch haben viele Modelle, von BMW bis Hyundai, jetzt einen Knick – oder sagen wir besser: einen Schwung – auf der Hüfte unterhalb der Fenster, der die Silhouette dynamischer erscheinen lassen soll. Ansonsten stellt man einigermaßen ernüchtert fest: Design bleibt ein wichtiger Faktor, tritt derzeit aber mal wieder zurück hinter die ganz große Technik. Und dürfen die Designer doch mal loslegen, so kommen die immer gleichen Extreme aus der Playstation dabei heraus.

Jedenfalls steht überall Innovationen drauf – oder eben Sprüche wie „Neu ist relaxed“ und „Neu ist spannend“. Doch ach, fast überall wird – natürlich abhängig vom Preis, c’est vrai – mehr oder weniger dasselbe Niveau oder annähernd derselbe Stand der Technik geboten. Das führt dazu, dass bei genauer Betrachtung die Unterschiede innerhalb, aber auch zwischen den einzelnen Fahrzeugen und Fahrzeugklassen verschwimmen. So mancher Unterschied steht ohnehin nur noch auf dem Papier, das bekanntlich geduldig ist. Auch an einer anderen Tatsache hat sich wenig geändert: Die neuesten Entwicklungen im Bereich von Sicherheit und Komfort werden schrittweise (seit Jahrzehnten geht das so) von der Oberklasse zu den Kleinwagen durchgereicht. Was am Ende auch die kleinen Modelle teuer werden lässt, ihnen dafür aber das Prädikat „Premium“ einträgt.

Und doch ist etwas hinzugekommen, was die Transformation der Branche von reinen Autoproduzenten hin zu „Mobilitätsanbietern“ erheblich beschleunigt: die Digitalisierung. Durch sie verändert sich das gesamte Konzept „Automobil“. Sie hat das System individueller Automobilität erfasst und tritt als wesentliches Element des sogenannten Fortschritts auf. Glaubt man Matthias Wissmann, dem Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie VDA, so zeige die IAA als weltweit wichtigste Leitmesse: „Die Digitalisierung der Mobilität ist das Megathema, das die Automobilindustrie mit hoher Innovationsgeschwindigkeit vorantreibt. Autofahren wird dadurch noch sicherer, noch komfortabler, noch effizienter. Allein die deutsche Automobilindustrie investiert in den kommenden drei bis vier Jahren 16 bis 18 Milliarden Euro in das vernetzte und automatisierte Fahren.“ Bereitwillig stimmen die Lenker großer Konzerne in den Chor ein und preisen „totale Vernetzung“ und „absolute connectivity“. Wäre Filippo Tommaso Marinetti, der streitbare Futurist und Oberguru beschleunigter Mobilmachung, bei einer der Pressekonferenzen auf der IAA zugegen gewesen, er hätte eine Kanone abgefeuert.

Worum geht es bei der Digitalisierung des Automobils? Beileibe nicht allein um weitere Assistenzsysteme für noch mehr Sicherheit, Komfort und Effizienz. Indem das vernetzte Auto künftig selbständig einen freien Parkplatz aufspürt, von alleine einparkt, auf Sehenswürdigkeiten hinweist, Hotels bucht, Konzertkarten bestellt, den Weg zur Arbeit, den Musikgeschmack und andere Gewohnheiten seines Lenkers kennenlernt, aber auch gern als Dr. aut. den Gesundheitszustand des Fahrers überwacht, mutiert es zu einem beweglichen Interface und einem virtuellen Gegenüber. Das Auto empfängt und sendet also nicht nur Daten, es generiert auch welche. Und als Fernziel über der totalen Vernetzung leuchtet das vollständig autonome Fahren.

Was die Kunden davon halten, muss sich erst noch zeigen. Sicher aber scheint schon jetzt, dass nicht nur der Fahrer die Kontrolle über sein Spielzeug einbüßt, sondern er selbst und sein Verhalten jederzeit – zum Beispiel von seiner Versicherung – überwacht werden wird. Wollen wir das? Offenbart der Wandel des Automobils von einem Symbol der Freiheit hin zu einem der Sicherheit und Kontrolle einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbruch? Wird hier Individualisierung gepriesen, heimlich aber an der Anpassung an den Schwarm gearbeitet?

Lassen wir Zukunft für den Moment Zukunft sein und schauen wir uns in den Innenräumen aktueller Modelle um. Sichtbar wird dabei, wo sich – neben den unsichtbaren Helferlein – die Digitalisierung zuallererst zeigt: an den Bedienelementen, sprich den Interfaces – und zuallererst in der Gestalt des Armaturenbretts. Hier gibt es zwei Überraschungen. Erstens: Das Schema ist in allen Modellen nahezu gleich. Die Rückständigeren halten für den Fahrer noch analoge Instrumente bereit, der neue Standard aber besteht aus einem Instrumentenmonitor und einem (möglichst großen) Tablet auf, vor oder im Mittelteil des Armaturenbretts. Zweites: Auch wenn überall im Mäusekino vor der Nase die bunten Symbole tanzen und permanent Informationen einlaufen, so dementiert die aktuelle Gestalt und Orientierung der Innenräume bislang noch den so wortstark propagierten Aufbruch in eine Zukunft automatisierten Fahrens.

Wer erwartet hatte, die Industrie werde jede Menge Show-Cars aufbieten, um coram publico über neue Fahrzeugkonzepte oder zumindest über die Veränderung der Innenraumgestaltung beim autonomen Fahren nachzudenken, wird bitter enttäuscht. Allein Mercedes mit seinem Forschungsauto F015, das bereits Anfang des Jahres auf der CES in Las Vegas vorgestellt wurde, prescht hier vor. Überhaupt ist Mercedes der einzige namhafte Hersteller, der – nun in Sachen Aerodynamik und Innenraumgestaltung – sich mit der Studie Concept IAA (Intelligent Aerodynamic Automobil) auf das Terrain inspirierender Phantasien vorwagt. Ein Kühlergrill wie die Barten eines Wals, langgestreckte Tropfenform, Felgen, die sich fliehkraftgesteuert verschließen und ein ab 80 km/h ausfahrendes Heck, das in Verbindung mit dem Rot der Heckleuchten wie ein Strahltriebwerk mit eingeschaltetem Nachbrenner wirkt – man hat schon weniger aufregende Studien gesehen.

Ob und wann Autos, wie wir sie kennen, durch „digitale Transformer“ ersetzt werden, ist derweil noch völlig offen. Noch gilt es, große ethische und haftungsrechtliche Hürden zu überwinden. Aber auch die Physik setzt einer völlig neuen Architektur des Innenraums und einem anderen Verhalten enge Grenzen. Man muss nur mit jenen Zulieferern sprechen, die schon heute innerhalb vorgegebener Raumangebote an Armaturentafeln und Sitzen arbeiten, um über solche Limitationen aufgeklärt zu werden.

In den nächsten 30 Jahren, bekommt man dann zu hören, werde es wohl im Prinzip bei der gewohnten Sitzordnung im Fahrzeug bleiben. Die Gründe dafür sind so einfach wie nachvollziehbar: Auch wenn man von seinem digitalen Transformer gefahren wird und die Karre ohne menschliches Zutun die Kurve kratzt, wird man angeschnallt bleiben müssen. Und man wird, außer man steht im Stau oder auf dem Parkplatz, nicht liegen, sondern aufrecht sitzen, weil die bei einem Aufprall auftretenden Kräfte auf einen liegenden Passagier wesentlich stärker einwirken. Was nichts anderes bedeutet als: Wir werden künftig vielleicht beim Stop-and-go in der Stadt Zeitung lesen (vielleicht auch noch auf Papier) oder unsere Mails checken können (oder eher müssen) – viel mehr wird sich zunächst aber nicht verändern. In den Innenräumen wird auch künftig nach oben hin alles edler in Material und fließender und skulpturaler in der Form gestaltet, das Grundkonzept aber dasselbe sein. Wer das nötige Geld hat, der kann sein Fahrzeug ja noch „individualisieren“. Was allerdings die elektronischen Helferlein eines Fahrzeugs angeht, haben wir von Individualisierung noch wenig gehört. Die Farbe der Displays ändern zu können oder die Innenbeleuchtung von der Lieblingsmusik steuern zu lassen – ob das nicht recht schnell langweilt?

www.iaa.de