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Missing Link
von Guido Schröpel | 26. Februar 2014
Die neue Ölhafenbrücke, entworfen von Schneider+Schumacher, spannt über die Hafeneinfahrt in Raunheim am Main. Foto © Jörg Hempel
Rüsselsheim, Raunheim und Kelsterbach: Der gemeinsame Grünraum der drei südwestlich von Frankfurt gelegenen Städte ist das Mainufer – vernetzt durch einen überregionalen Spazier- und Radweg. Bis vor wenigen Monaten besaß dieser jedoch einen entscheidenden Schönheitsfehler: Der Raunheimer Ölhafen, eine von Tanklagern des Frankfurter Flughafens gesäumte Ausbuchtung des Flusses, der Erholungssuchende zu Umwegen durch das weitaus weniger beschauliche Ambiente der angrenzenden Industrie zwang.

Seit Mai 2013 ist dieser Umweg Geschichte: Die neue Ölhafenbrücke, entworfen von den Frankfurter Architekten Schneider+Schumacher, überspannt seitdem die Hafeneinfahrt auf insgesamt 170 Metern Länge und führt den Uferweg ohne Unterbrechung weiter. Herausragend wird die Brücke jedoch nicht durch ihre unbestrittene Funktionalität, sondern durch eine ebenso selbstbewusste wie heitere Ästhetik, die souverän allen Bauauflagen trotzt: Als beinahe kalligrafisch wirkender Schwung streckt sie sich über den Ölhafen und verdichtet sich östlich von diesem in einer Spindel, die das Bauwerk wieder auf das Höhenniveau des Ufers herunterdreht. Weiß wie die umliegenden Silos und mit subtilem Bezug auf deren Grundrisse liegt die Brücke parallel zum Main – in unmittelbarer Nähe der Lagerfläche und doch von dieser bestens abgeschirmt.

Nahe Gefahren und weite Ausblicke

Gerade der letzte Punkt verdient genauere Betrachtung, denn schließlich entstand die Brücke in sicherheitstechnisch anspruchsvollem Gebiet zwischen Flusslauf und hochentzündlichem Material. Obwohl die Nutzer der Brücke dem Tanklager und den Abfüllanlagen nahe kommen, musste gewährleistet sein, dass – sei es durch kriminelle Energie oder ungünstige Windverhältnisse – keine brennenden Gegenstände auf das Gelände gelangen können. Tankschiffe mussten auch in Zukunft außer Reichweite bleiben und ganz nebenbei sollte die Brücke ihre Besucher im Fall etwaiger Unfälle schützen. Vielfache Herausforderungen also, die die Architekten lösten, indem sie die Brüstung von Brücke und Spindel zum Tanklager hin in Form einer knapp drei Meter hohen Sicherheitswand ausbildeten. Zum Main hin öffneten sie das Bauwerk hingegen und ließen durch ein filigranes Geländer aus Edelstahl-Netzgewebe Blickbeziehungen zum Fluss zu. Denn genau wegen diesem kommen schließlich die meisten Besucher.

In Zukunft könnte sich dies jedoch ändern und die Brücke selbst zur Attraktion werden: Im Rahmen des Wettbewerbs „Zusammen gebaut – Leben mit Wasser“ wurde die Ölhafenbrücke im September als erstes Brückenbauwerk überhaupt mit der Plakette der „Landesinitiative Baukultur“ in Hessen ausgezeichnet. Die Kriterien Innovation, Gestaltung, Funktionalität, Nachhaltigkeit und Kooperation sahen die Juroren vorbildlich erfüllt, weswegen sich ein Regierungsvertreter gar zu einem ambitionierten Vergleich hinreißen ließ: Vom „Bilbao-Effekt“ war die Rede – dem Potenzial der Brücke als Besuchermagneten ähnlich des Guggenheim-Museums in der spanischen Provinzhauptstadt. Auch wenn diese Analogie verwegen erscheinen mag: Die Rolle als Ausflugsziel für architekturinteressierte Besucher aus dem Rhein-Main-Gebiet könnte der Brücke durchaus zufallen.

Zweigeteilte Einheit

Das weiße Bauwerk, das die möglicherweise erscheinenden Architekturtouristen vorfinden, entpuppt sich vor Ort übrigens als zweigeteilt: Abgesehen von der Betonspindel ist die Ölhafenbrücke nämlich eine Stahlkonstruktion mit dem Querschnitt eines L-förmigen Hohlkastens. Dessen Seitenwand bildet den erforderlichen Schutz zum Ölhafen, übernimmt jedoch auch eine statische Funktion und minimiert so die Bauhöhe des horizontalen Teils des Hohlkastens. Die gesamte Konstruktion ruht auf einer bis zu 20 Meter tiefen Pfahlgründung, bei der die bestehenden rückverankerten Hafenspundwände berücksichtigt werden und zudem nicht mit zusätzlichen Kräften belastet werden durften. Eine anspruchsvolle Aufgabe, für die Schneider + Schumacher mit den Ingenieuren von Schüßler-Plan aus Düsseldorf zusammenarbeiteten.

Die Ölhafenbrücke entstand für rund fünf Millionen Euro. Neben den kooperierenden Städten Raunheim, Rüsselsheim und Kelsterbach beteiligten sich auch die Regionalpark RheinMain-Gesellschaft, der Bund, das Land Hessen sowie die Fraport Real Estate Mönchhof-Gesellschaft am Projekt.

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Wie ein kalligrafisch wirkender Schwung mit 170 Metern Länge. Foto © Jörg Hempel
Bestens abgeschirmt durch eine drei Meter hohe Sicherheitswand, um das Gebiet des Ölhafens vor Bränden zu schützen. Foto © Jörg Hempel
Die gesamte Konstruktion ruht auf einer bis zu 20 Meter tiefen Pfahlgründung. Foto © Jörg Hempel
Ganz nebenbei sollte die Brücke ihre Besucher im Fall etwaiger Unfälle schützen. Foto © Jörg Hempel
Dynamik-Total: Die Ölhafenbrücke erinnert mit ihrer Spindel an ein Tempodrom oder eine Wasserrutsche. Foto © Jörg Hempel
Ein filigranes Geländer aus Edelstahl-Netzgewebe lässt die Sicht frei auf den Fluss. Foto © Helen Schiffer
Die Ölhafenbrücke wurde mit der Plakette der „Landesinitiative Baukultur“ in Hessen ausgezeichnet. Foto © Helen Schiffer
Der Bau kostete rund fünf Millionen Euro. Foto © Jörg Hempel
Wohl bald Ausflugsziel für architekturinteressierte Besucher im Rhein-Main-Gebiet: die Ölhafenbrücke in Raunheim. Foto © Jörg Hempel
Architektur › 2014 › Februar
Missing Link
von Guido Schröpel | 26. Februar 2014
Ein Hafengebiet voller Öltanklager für den Frankfurter Flughafen und eine Lücke im Radwegenetz, die es genau hier zu schließen galt: Die Ölhafenbrücke in Raunheim ist ein Bauwerk, das auf einen unwirklichen Ort mit einer selbstbewussten Geste reagiert.
Rüsselsheim, Raunheim und Kelsterbach: Der gemeinsame Grünraum der drei südwestlich von Frankfurt gelegenen Städte ist das Mainufer – vernetzt durch einen überregionalen Spazier- und Radweg. Bis vor wenigen Monaten besaß dieser jedoch einen entscheidenden Schönheitsfehler: Der Raunheimer Ölhafen, eine von Tanklagern des Frankfurter Flughafens gesäumte Ausbuchtung des Flusses, der Erholungssuchende zu Umwegen durch das weitaus weniger beschauliche Ambiente der angrenzenden Industrie zwang.

Seit Mai 2013 ist dieser Umweg Geschichte: Die neue Ölhafenbrücke, entworfen von den Frankfurter Architekten Schneider+Schumacher, überspannt seitdem die Hafeneinfahrt auf insgesamt 170 Metern Länge und führt den Uferweg ohne Unterbrechung weiter. Herausragend wird die Brücke jedoch nicht durch ihre unbestrittene Funktionalität, sondern durch eine ebenso selbstbewusste wie heitere Ästhetik, die souverän allen Bauauflagen trotzt: Als beinahe kalligrafisch wirkender Schwung streckt sie sich über den Ölhafen und verdichtet sich östlich von diesem in einer Spindel, die das Bauwerk wieder auf das Höhenniveau des Ufers herunterdreht. Weiß wie die umliegenden Silos und mit subtilem Bezug auf deren Grundrisse liegt die Brücke parallel zum Main – in unmittelbarer Nähe der Lagerfläche und doch von dieser bestens abgeschirmt.

Nahe Gefahren und weite Ausblicke

Gerade der letzte Punkt verdient genauere Betrachtung, denn schließlich entstand die Brücke in sicherheitstechnisch anspruchsvollem Gebiet zwischen Flusslauf und hochentzündlichem Material. Obwohl die Nutzer der Brücke dem Tanklager und den Abfüllanlagen nahe kommen, musste gewährleistet sein, dass – sei es durch kriminelle Energie oder ungünstige Windverhältnisse – keine brennenden Gegenstände auf das Gelände gelangen können. Tankschiffe mussten auch in Zukunft außer Reichweite bleiben und ganz nebenbei sollte die Brücke ihre Besucher im Fall etwaiger Unfälle schützen. Vielfache Herausforderungen also, die die Architekten lösten, indem sie die Brüstung von Brücke und Spindel zum Tanklager hin in Form einer knapp drei Meter hohen Sicherheitswand ausbildeten. Zum Main hin öffneten sie das Bauwerk hingegen und ließen durch ein filigranes Geländer aus Edelstahl-Netzgewebe Blickbeziehungen zum Fluss zu. Denn genau wegen diesem kommen schließlich die meisten Besucher.

In Zukunft könnte sich dies jedoch ändern und die Brücke selbst zur Attraktion werden: Im Rahmen des Wettbewerbs „Zusammen gebaut – Leben mit Wasser“ wurde die Ölhafenbrücke im September als erstes Brückenbauwerk überhaupt mit der Plakette der „Landesinitiative Baukultur“ in Hessen ausgezeichnet. Die Kriterien Innovation, Gestaltung, Funktionalität, Nachhaltigkeit und Kooperation sahen die Juroren vorbildlich erfüllt, weswegen sich ein Regierungsvertreter gar zu einem ambitionierten Vergleich hinreißen ließ: Vom „Bilbao-Effekt“ war die Rede – dem Potenzial der Brücke als Besuchermagneten ähnlich des Guggenheim-Museums in der spanischen Provinzhauptstadt. Auch wenn diese Analogie verwegen erscheinen mag: Die Rolle als Ausflugsziel für architekturinteressierte Besucher aus dem Rhein-Main-Gebiet könnte der Brücke durchaus zufallen.

Zweigeteilte Einheit

Das weiße Bauwerk, das die möglicherweise erscheinenden Architekturtouristen vorfinden, entpuppt sich vor Ort übrigens als zweigeteilt: Abgesehen von der Betonspindel ist die Ölhafenbrücke nämlich eine Stahlkonstruktion mit dem Querschnitt eines L-förmigen Hohlkastens. Dessen Seitenwand bildet den erforderlichen Schutz zum Ölhafen, übernimmt jedoch auch eine statische Funktion und minimiert so die Bauhöhe des horizontalen Teils des Hohlkastens. Die gesamte Konstruktion ruht auf einer bis zu 20 Meter tiefen Pfahlgründung, bei der die bestehenden rückverankerten Hafenspundwände berücksichtigt werden und zudem nicht mit zusätzlichen Kräften belastet werden durften. Eine anspruchsvolle Aufgabe, für die Schneider + Schumacher mit den Ingenieuren von Schüßler-Plan aus Düsseldorf zusammenarbeiteten.

Die Ölhafenbrücke entstand für rund fünf Millionen Euro. Neben den kooperierenden Städten Raunheim, Rüsselsheim und Kelsterbach beteiligten sich auch die Regionalpark RheinMain-Gesellschaft, der Bund, das Land Hessen sowie die Fraport Real Estate Mönchhof-Gesellschaft am Projekt.

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