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Moderne via Katsura
von Horant Fassbinder | 10. Oktober 2011
Alle Fotos: Dimitrios Tsatsas, Stylepark

Bruno Taut – das ist in unserer Vorstellung der Schöpfer des Pavillons der Kölner Werkbundausstellung von 1914 mit seiner filigranen Kuppel aus Stahl und buntem Glas, der Autor des 1919 veröffentlichten Projektes, die Alpen mit einem kristallinen, völkerverbindenden Bauwerk zu krönen. Er ist der Architekt der Hufeisensiedlung und zahlreicher anderer Großprojekte des Berliner sozialen Wohnungsbaus der zwanziger Jahre, deren mit großer Sorgfalt gestalteten öffentlichen Räume Taut als Beitrag zu einer künftigen, harmonischeren Gesellschaft verstand.

Von den Nazis als „Kulturbolschewist" verfolgt, floh Bruno Taut 1933 nach Japan, wo er dreieinhalb Jahre verbrachte, in denen er zwar nicht bauen konnte, sich dafür aber umso intensiver in die Architektur und Kultur seines Gastlandes vertiefte. Als Frucht dieser Studien publizierte er zahlreiche Aufsätze in englischen, französischen und japanischen Fachzeitschriften und drei Bücher, von denen zwei in japanischer Übersetzung hohe Auflagen erreichten. Alle diese Texte waren bis vor Kurzem hierzulande unzugänglich, mit Ausnahme eines 1936 in Deutsch und Englisch veröffentlichten kurzen Vortrages zur Architekturgeschichte Japans und der umfangreichen Studie „Das japanische Haus und sein Leben", die nur in englischer Übersetzung 1937 und nochmals 1958 in Tokio gedruckt wurde.

Auf der Basis seiner glücklicherweise erhaltenen deutschsprachigen Manuskripte sind nun in den letzten Jahren die Schriften Tauts zur japanischen Architektur und Kultur zum ersten Mal in der Sprache erschienen, in der sie geschrieben wurden, mit den originalen Abbildungen, herausgegeben und kommentiert von Manfred Speidel. Als jüngster von vier Bänden liegt jetzt auch Bruno Tauts „Japans Kunst mit europäischen Augen gesehen" vor. Von der Architektur über die Bildenden Künste bis zum Kunsthandwerk, der Musik und dem Theater, ja sogar der Poesie untersucht Taut in diesem Werk, weit in die Geschichte zurückblendend, alle Bereiche der japanischen Kultur seiner Gegenwart. Deren Schönheiten, die er vor allem in der Reduktion und Konzentration auf das Notwendige erkennt, zeigt Taut dem Leser mit großem Einfühlungsvermögen an zahlreichen Beispielen.

Heftig kritisiert er alle Erscheinungen seiner Zeit, welche die „reine" japanische Kultur bedrohen, wie Profitgier, Billigproduktion, Orientierung am Geschmack der neuen mit der Industrialisierung und Militarisierung Japans aufsteigenden Schichten, Nachahmung westlicher Modelle. Durchgängig spürt man – wie in allen Japan-Texten Tauts – die Hoffnung, dass sein ebenso bewundernder wie zugleich warnender europäischer Blick den Japanern die Augen öffnen werde für die großen Leistungen ihrer Kultur wie auch für deren Bedrohung durch die gesellschaftlichen Umbrüche, deren Zeuge Taut ist. Speidels Erläuterungen helfen dem Leser, ein wenig Abstand zu gewinnen zu Tauts stürmischer Japan-Liebe, die uns allerdings den Architekten, Beobachter und Menschen Taut nur umso näher bringt, der im magischen Spiegel Japans seine eigenen Ideale entdeckt.

Bereits am Tag nach seiner Ankunft besucht Taut die aus dem 17. Jahrhundert stammende kaiserliche Villa in Katsura. In diesem von einem weitläufigen Park umgebenen Bau begegnet er seinem Ideal einer materialgerechten, schlichten, klaren Architektur in vollkommener Übereinstimmung mit den materiellen und spirituellen Bedürfnissen ihrer Bewohner. „Erfüllung heutiger Sehnsucht", schreibt er ins Tagebuch. Die frei gruppierten Räume des Holzskelettbaus können mit halbtransparenten Schiebewänden allseits geschlossen werden. In geöffnetem Zustand liegt vor ihnen die gestaltete und doch „natürlich", scheinbar zwanglos geordnete Natur. Den äußerst sparsam möblierten Wohn- und Empfangsräumen angefügt ist stets eine Nische für ein Rollbild, ein Blumengesteck und vielleicht ein bronzenes Weihrauchgefäß, manchmal einen Ahnenaltar, ein Raum mit rein geistiger Funktion, wie Taut bewundernd betont, das sogenannte „Tokonoma". Immer wieder feiert Taut fortan die Villa von Katsura – nicht, um sie nachzuahmen, sondern als Ausgangspunkt für eine vom gleichen Geist durchdrungene, trotz Aneignung der im Westen entwickelten Technik dennoch spezifisch japanische Architektur und Kultur. Diesem Ziel einer künftigen japanischen Moderne widmet er alle Kraft seiner Jahre im Fernen Osten.

Taut findet in unzähligen Bauten seines Gastlandes den Geist von Katsura. Aber er erkennt daneben eine entgegengesetzte, im Japan der dreißiger Jahre wiederauflebende Tradition, die sich durch Monumentalität, Triumphgebärde und überreichen Dekor auszeichnet. Als deren Nährboden identifiziert er den Polizeistaat der Shogune, welche die Herrschaft über Japan um 1600 erobern und bis 1868 mit brutaler Gewalt halten konnten. Damit steht auch die von den Shogunen geförderte „barocke" Kunst außerhalb der „wahren" japanischen Tradition, die Taut im Tokonoma und in Katsura verkörpert sieht und die allein er in die Zukunft hinein retten oder – richtiger – transformieren möchte. Indem er die Bedrohung seiner geliebten, „reinen", japanischen Kultur durch Macht und Gewalt betont, warnt er kaum verhüllt vor dem aggressiven japanischen (und nebenbei auch deutschen) Nationalismus, der sich einer mit pseudo-traditionellen Versatzstücken verbrämten Monumentalarchitektur bedient.

Taut gelangt in einem historischen Augenblick nach Japan, in dem die Industrialisierung „mit Volldampf" eingesetzt hat, während außerhalb der großen Städte die alten Traditionen noch bestehen, auch wenn sie bereits vom Untergang bedroht sind. Taut sieht überall einen schnell an Kraft gewinnenden „Amerikanismus", wie er die rasch um sich greifende Haltung des puren Nützlichkeitsdenkens und der Profitgier nennt, der alle Lebensäußerungen unterworfen werden. Tauts in Japan verfasste Schriften sind flammende Aufrufe, der reinen Zweckrationalität ebenso wie der nationalistischen Protzgebärde Widerstand zu leisten und stattdessen an der Entwicklung einer verfeinerten Moderne „via Katsura", wie er sich ausdrückt, zu arbeiten.

Bei aller Feier der „echten" Traditionen seines Gastlandes denkt Taut keinen Augenblick lang an ein Zurück zum Holzhaus und zum Strohdach, an die Verwendung traditioneller Dekorationsformen oder den Verzicht auf Glasfenster und Zentralheizung. Mit seiner ganzen Energie setzt er sich ein für eine im Hinblick auf die technische Basis avancierte, dennoch den besonderen Bedingungen des geistigen und materiellen Lebens präzise angepasste spezifisch japanische Kultur. Was er an deren Traditionen bewundert und ihrer massiven Bedrohung durch Macht und Mammon zum Trotz in die Zukunft hinein retten möchte, ist ihre Spiritualität, ihre selbstverständliche Berücksichtigung der vorhandenen Ressourcen, des Klimas und der Lebensweise, ihre Schlichtheit und Klarheit, ihre Perfektion, der Verzicht auf alles Überflüssige. Unwiderstehlich werden auch wir von diesen Idealen in den Bann gezogen, kaum, dass wir begonnen haben, uns in eines von Tauts Japanbüchern zu vertiefen.

Japans Kunst mit europäischen Augen gesehen
Herausgegeben von Manfred Speidel
Softcover, 231 Seiten, deutsch
Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 2011
49,00 Euro

Nippon mit europäischen Augen gesehen
Herausgegeben von Manfred Speidel
Softcover, 216 Seiten, deutsch
Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 2009
59,00 Euro

Ich liebe die japanische Kultur!
Herausgegeben von Manfred Speidel
Softcover, 240 Seiten, deutsch
Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 2. Auflage, 2004
48,00 Euro

Das japanische Haus und sein Leben
Herausgegeben von Manfred Speidel
Hardcover, 358 Seiten, deutsch
Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 5. Auflage, 2010
79,00 Euro

www.reimer-mann-verlag.de

News & Stories › 2011 › Oktober
Moderne via Katsura
von Horant Fassbinder | 10. Oktober 2011
Von Japan ließen sich eine Vielzahl an westlichen Künstlern, Designern und Architekten für ihre Arbeiten inspirieren. Bruno Taut verbrachte dreieinhalb Jahre in Japan und verfasste in dieser Zeit eine Vielzahl an Schriften, die seit Kurzem erstmals in Deutsch verlegt werden. Die kaiserliche Villa Katsura etwa betrachtete Taut als idealen Ausdruck einer detailliert durchdachten, verfeinerten Moderne.
Bruno Taut – das ist in unserer Vorstellung der Schöpfer des Pavillons der Kölner Werkbundausstellung von 1914 mit seiner filigranen Kuppel aus Stahl und buntem Glas, der Autor des 1919 veröffentlichten Projektes, die Alpen mit einem kristallinen, völkerverbindenden Bauwerk zu krönen. Er ist der Architekt der Hufeisensiedlung und zahlreicher anderer Großprojekte des Berliner sozialen Wohnungsbaus der zwanziger Jahre, deren mit großer Sorgfalt gestalteten öffentlichen Räume Taut als Beitrag zu einer künftigen, harmonischeren Gesellschaft verstand.

Von den Nazis als „Kulturbolschewist" verfolgt, floh Bruno Taut 1933 nach Japan, wo er dreieinhalb Jahre verbrachte, in denen er zwar nicht bauen konnte, sich dafür aber umso intensiver in die Architektur und Kultur seines Gastlandes vertiefte. Als Frucht dieser Studien publizierte er zahlreiche Aufsätze in englischen, französischen und japanischen Fachzeitschriften und drei Bücher, von denen zwei in japanischer Übersetzung hohe Auflagen erreichten. Alle diese Texte waren bis vor Kurzem hierzulande unzugänglich, mit Ausnahme eines 1936 in Deutsch und Englisch veröffentlichten kurzen Vortrages zur Architekturgeschichte Japans und der umfangreichen Studie „Das japanische Haus und sein Leben", die nur in englischer Übersetzung 1937 und nochmals 1958 in Tokio gedruckt wurde.

Auf der Basis seiner glücklicherweise erhaltenen deutschsprachigen Manuskripte sind nun in den letzten Jahren die Schriften Tauts zur japanischen Architektur und Kultur zum ersten Mal in der Sprache erschienen, in der sie geschrieben wurden, mit den originalen Abbildungen, herausgegeben und kommentiert von Manfred Speidel. Als jüngster von vier Bänden liegt jetzt auch Bruno Tauts „Japans Kunst mit europäischen Augen gesehen" vor. Von der Architektur über die Bildenden Künste bis zum Kunsthandwerk, der Musik und dem Theater, ja sogar der Poesie untersucht Taut in diesem Werk, weit in die Geschichte zurückblendend, alle Bereiche der japanischen Kultur seiner Gegenwart. Deren Schönheiten, die er vor allem in der Reduktion und Konzentration auf das Notwendige erkennt, zeigt Taut dem Leser mit großem Einfühlungsvermögen an zahlreichen Beispielen.

Heftig kritisiert er alle Erscheinungen seiner Zeit, welche die „reine" japanische Kultur bedrohen, wie Profitgier, Billigproduktion, Orientierung am Geschmack der neuen mit der Industrialisierung und Militarisierung Japans aufsteigenden Schichten, Nachahmung westlicher Modelle. Durchgängig spürt man – wie in allen Japan-Texten Tauts – die Hoffnung, dass sein ebenso bewundernder wie zugleich warnender europäischer Blick den Japanern die Augen öffnen werde für die großen Leistungen ihrer Kultur wie auch für deren Bedrohung durch die gesellschaftlichen Umbrüche, deren Zeuge Taut ist. Speidels Erläuterungen helfen dem Leser, ein wenig Abstand zu gewinnen zu Tauts stürmischer Japan-Liebe, die uns allerdings den Architekten, Beobachter und Menschen Taut nur umso näher bringt, der im magischen Spiegel Japans seine eigenen Ideale entdeckt.

Bereits am Tag nach seiner Ankunft besucht Taut die aus dem 17. Jahrhundert stammende kaiserliche Villa in Katsura. In diesem von einem weitläufigen Park umgebenen Bau begegnet er seinem Ideal einer materialgerechten, schlichten, klaren Architektur in vollkommener Übereinstimmung mit den materiellen und spirituellen Bedürfnissen ihrer Bewohner. „Erfüllung heutiger Sehnsucht", schreibt er ins Tagebuch. Die frei gruppierten Räume des Holzskelettbaus können mit halbtransparenten Schiebewänden allseits geschlossen werden. In geöffnetem Zustand liegt vor ihnen die gestaltete und doch „natürlich", scheinbar zwanglos geordnete Natur. Den äußerst sparsam möblierten Wohn- und Empfangsräumen angefügt ist stets eine Nische für ein Rollbild, ein Blumengesteck und vielleicht ein bronzenes Weihrauchgefäß, manchmal einen Ahnenaltar, ein Raum mit rein geistiger Funktion, wie Taut bewundernd betont, das sogenannte „Tokonoma". Immer wieder feiert Taut fortan die Villa von Katsura – nicht, um sie nachzuahmen, sondern als Ausgangspunkt für eine vom gleichen Geist durchdrungene, trotz Aneignung der im Westen entwickelten Technik dennoch spezifisch japanische Architektur und Kultur. Diesem Ziel einer künftigen japanischen Moderne widmet er alle Kraft seiner Jahre im Fernen Osten.

Taut findet in unzähligen Bauten seines Gastlandes den Geist von Katsura. Aber er erkennt daneben eine entgegengesetzte, im Japan der dreißiger Jahre wiederauflebende Tradition, die sich durch Monumentalität, Triumphgebärde und überreichen Dekor auszeichnet. Als deren Nährboden identifiziert er den Polizeistaat der Shogune, welche die Herrschaft über Japan um 1600 erobern und bis 1868 mit brutaler Gewalt halten konnten. Damit steht auch die von den Shogunen geförderte „barocke" Kunst außerhalb der „wahren" japanischen Tradition, die Taut im Tokonoma und in Katsura verkörpert sieht und die allein er in die Zukunft hinein retten oder – richtiger – transformieren möchte. Indem er die Bedrohung seiner geliebten, „reinen", japanischen Kultur durch Macht und Gewalt betont, warnt er kaum verhüllt vor dem aggressiven japanischen (und nebenbei auch deutschen) Nationalismus, der sich einer mit pseudo-traditionellen Versatzstücken verbrämten Monumentalarchitektur bedient.

Taut gelangt in einem historischen Augenblick nach Japan, in dem die Industrialisierung „mit Volldampf" eingesetzt hat, während außerhalb der großen Städte die alten Traditionen noch bestehen, auch wenn sie bereits vom Untergang bedroht sind. Taut sieht überall einen schnell an Kraft gewinnenden „Amerikanismus", wie er die rasch um sich greifende Haltung des puren Nützlichkeitsdenkens und der Profitgier nennt, der alle Lebensäußerungen unterworfen werden. Tauts in Japan verfasste Schriften sind flammende Aufrufe, der reinen Zweckrationalität ebenso wie der nationalistischen Protzgebärde Widerstand zu leisten und stattdessen an der Entwicklung einer verfeinerten Moderne „via Katsura", wie er sich ausdrückt, zu arbeiten.

Bei aller Feier der „echten" Traditionen seines Gastlandes denkt Taut keinen Augenblick lang an ein Zurück zum Holzhaus und zum Strohdach, an die Verwendung traditioneller Dekorationsformen oder den Verzicht auf Glasfenster und Zentralheizung. Mit seiner ganzen Energie setzt er sich ein für eine im Hinblick auf die technische Basis avancierte, dennoch den besonderen Bedingungen des geistigen und materiellen Lebens präzise angepasste spezifisch japanische Kultur. Was er an deren Traditionen bewundert und ihrer massiven Bedrohung durch Macht und Mammon zum Trotz in die Zukunft hinein retten möchte, ist ihre Spiritualität, ihre selbstverständliche Berücksichtigung der vorhandenen Ressourcen, des Klimas und der Lebensweise, ihre Schlichtheit und Klarheit, ihre Perfektion, der Verzicht auf alles Überflüssige. Unwiderstehlich werden auch wir von diesen Idealen in den Bann gezogen, kaum, dass wir begonnen haben, uns in eines von Tauts Japanbüchern zu vertiefen.

Japans Kunst mit europäischen Augen gesehen
Herausgegeben von Manfred Speidel
Softcover, 231 Seiten, deutsch
Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 2011
49,00 Euro

Nippon mit europäischen Augen gesehen
Herausgegeben von Manfred Speidel
Softcover, 216 Seiten, deutsch
Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 2009
59,00 Euro

Ich liebe die japanische Kultur!
Herausgegeben von Manfred Speidel
Softcover, 240 Seiten, deutsch
Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 2. Auflage, 2004
48,00 Euro

Das japanische Haus und sein Leben
Herausgegeben von Manfred Speidel
Hardcover, 358 Seiten, deutsch
Gebrüder Mann Verlag, Berlin, 5. Auflage, 2010
79,00 Euro

www.reimer-mann-verlag.de