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Möbelfrühling mit Geschmack
von Thomas Wagner | 4. April 2012
Ich weiß, ich weiß, es wird nicht gelingen. Aber man könnte es immerhin versuchen. Nacht für Nacht wie ein Heering in der Büchse in oder vor der „Bar Basso" abzuhängen, um den neuesten Klatsch rund um den Salone del Mobile und seine Stars auszutauschen, mag nett und kommunikativ sein, wie man heute sagt, kulturell gesehen wird es auf Dauer aber etwas monoton. Weshalb eigentlich reist man nach Mailand? Der Mode, Stoffe oder Möbel wegen, in unseren touristischen Zeiten vielleicht auch noch des Doms, der Galleria Vittorio Emanuele II. und des Einkaufens wegen. Doch vergisst man dabei regelmäßig, dass diese Stadt, die so unvergleichlich kultiviert ist, auch beim Essen und Trinken „bella figura" macht. Schon am frühen Abend gibt es für wenig Geld kleine Buffets, auf denen sich Schinken, Käse, Tomaten und jede Menge anderer Leckereien türmen.

Andrea De Chirico (es handelt sich um den Bruder des Malers der „Pittura metafisica", Giorgio De Chirico), der seit 1914 unter dem Pseudonym Alberto Savinio malte und schrieb, hat 1944 in „Stadt, ich lausche deinem Herzen" Mailand nicht nur als eine große Wohnung beschrieben, in der die Lebenden und die Toten aus- und eingehen, er hat, auf seiner Schaukel der Erinnerung durch die Jahrhunderte schwingend, auch die Gaumenfreuden nicht vergessen. Also stellt er fest: „Die Grundlage der Mailänder Essenskultur ist der Käse." Nicht, dass einer nun Schlechtes dabei denkt. Ganz im Gegenteil. „Milch und Milchprodukte", so Savinio, „nährten die ersten Menschengruppen, denen eine größere und ruhmreichere Entwicklung vorherbestimmt war, oder besser gesagt, ,stillten' sie." Und er fügt hinzu: „Den königlichen Charakter der alten Käsekulturen bezeugt das Wort Tyrann, das ursprünglich Käser bedeutete und die Würde dessen bezeichnete, der als Häuptling des Hirtenstammes den Käse verwahrte."

Eine Familie besonderer Charaktere hätte ein Häuptling, so es ihn noch gäbe, noch heute zu verwahren: „Der Parmesan ist ein Basiskäse. Er ist in der Käsefamilie, was der Kontrabass in der Familie der Saiteninstrumente ist. Auf den Grundton im tiefen, väterlichen Bass des Parmesans stützen sich die leichteren Mitglieder des Käsequartetts: Taleggio und Crescenza, die Bratschen und Altstimmen der Familie, die Schar der Robiola und Stracchino (der Stracchino: ein ,müder' Käse, der wie ein Mädchen in der Pubertät auf dem Teller ,umsinkt'), zu ihnen gesellt sich der Kleinkram der hohen Töne, die zarten Flöten- und Pikkolokollegen, der kleine, weiße Montevecchia-Käse, der, winzig, untersetzt und mit Pfefferaugen versehen, in einem grünen Ölsee weicht."

Merken Sie, wie Ihnen das Wasser im Munde zusammenläuft? Warum ich das erzähle? Nun, nicht nur die Augen, sondern auch den Gaumen werden alle Design-Aficionados brauchen können, wenn sie nun wieder einmal nach Mailand zum „Salone" mit all seinen Ablegern und Filiationen reisen. Auch Möbel wollen geschmeckt werden. Und ließen sich, ist man erst einmal auf den Geschmack gekommen, nicht auch die verschiedenen Sorten von Möbeln wie eine kleine Familie beschreiben? Dann wäre der Stuhl vielleicht der väterliche Bass, Sessel und Sofa spielten Geige und Bratsche, der Tisch trommelte, der Schrank gäbe die Oboe und dazwischen pfiffen und trillerten die Garderoben.

Auch pfefferscharfe Augen lassen sich gut brauchen, wo es gilt, das Allerneueste der Möbelbranche zu begutachten. Überhaupt könnte – jetzt, wo Italien nach all dem Berlusconi-Bunga-Bunga wieder begonnen hat, sich auf seine Stärken zu besinnen – die Hauptstadt der Lombardei abermals zum Synonym werden für eine erfolgreiche Synthese aus neuester Technik, solidem Handwerk und unbestechlichem Geschmack, wie sie sich nirgendwo finden lässt. Wird etwas davon zu spüren sein?

Was auch immer die Messehallen draußen in Rho, die Zona Tortona mit dem Superstudio Più und dem Design Village, die Straßen von Ventura Lambrate an Neuem und Bewährtem zu bieten haben werden, es wird sich nicht über einen Kamm scheren lassen. Möbeldesign ist heutzutage Mode, die nicht jedes Jahr wechselt, sich aber – besonders in Mailand – in jedem Frühling neu erfindet. Worin es fast etwas Natürliches hat. Zugleich besteht der Stil unserer Zeit, wenn man überhaupt noch von Stil sprechen kann, eben darin, keinen zu haben. Trotzdem gibt es eben nicht alles. Worum es lohnt, genau hinzuschauen, wie die aktuelle Mixtur ausfällt.

Was werden die Stars der Szene dieses Mal aus der Kiste ziehen? Welche Talente werden für Furore sorgen, welche Rolle handwerkliche Techniken spielen? Sind es allerneuste Materialien, die für überraschende Formen und innovative Produktionsweisen stehen? Besinnen sich viele Hersteller auf Bewährtes, oder setzen sie auf eine Italianità, die sich, in den hybrid gestimmten Zeiten globaler Märkte, Holz, Geist und Verarbeitungsqualität von den Traditionalisten aus Japan und Skandinavien leiht? Wie bescheiden tritt der neue Luxus auf?

Sicher ist nur: Auch diesmal werden sich allerlei Verrücktheiten mit jeder Menge gut gestalteten und solide produzierten Stühlen, Tischen, Sesseln, Sofas, Regalen, Betten und Schränken darum streiten, wer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Schließlich bietet Mailand jedes Jahr im April ein Festival des Designs, dessen Aufgebot an Extravaganzen, Klassikern, Überraschungen und Banalitäten einem in seiner Überfülle vorkommt, als wären im Kunstbetrieb Documenta und venezianische Biennale plötzlich zusammengelegt worden.

Für Alberto Savinio sind es noch die Handwerker, die das Innere unserer Häuser erzeugen, den Wänden unserer Zimmer und den Möbeln, in deren Mitte wir leben und die unsere treuesten Gefährten sind, Form und Farbe geben. Heute sind es die Designer, die mit ihren Interieurs unsere Laune bestimmen und unsere Gedanken inspirieren. Nirgendwo tun sie es so frühlingshaft wie in Mailand. Auf geht's!

www.cosmit.it
www.tortonadesignweek.com
www.superstudiogroup.com
www.venturaprojects.com
News & Stories › 2012 › April
Möbelfrühling mit Geschmack
von Thomas Wagner | 4. April 2012
Vom 17. bis zum 20. April ist es wieder so weit: In Mailand versammeln sich rund um den Salone del Mobile alle, die etwas mit Design zu tun haben.
Ich weiß, ich weiß, es wird nicht gelingen. Aber man könnte es immerhin versuchen. Nacht für Nacht wie ein Heering in der Büchse in oder vor der „Bar Basso" abzuhängen, um den neuesten Klatsch rund um den Salone del Mobile und seine Stars auszutauschen, mag nett und kommunikativ sein, wie man heute sagt, kulturell gesehen wird es auf Dauer aber etwas monoton. Weshalb eigentlich reist man nach Mailand? Der Mode, Stoffe oder Möbel wegen, in unseren touristischen Zeiten vielleicht auch noch des Doms, der Galleria Vittorio Emanuele II. und des Einkaufens wegen. Doch vergisst man dabei regelmäßig, dass diese Stadt, die so unvergleichlich kultiviert ist, auch beim Essen und Trinken „bella figura" macht. Schon am frühen Abend gibt es für wenig Geld kleine Buffets, auf denen sich Schinken, Käse, Tomaten und jede Menge anderer Leckereien türmen.

Andrea De Chirico (es handelt sich um den Bruder des Malers der „Pittura metafisica", Giorgio De Chirico), der seit 1914 unter dem Pseudonym Alberto Savinio malte und schrieb, hat 1944 in „Stadt, ich lausche deinem Herzen" Mailand nicht nur als eine große Wohnung beschrieben, in der die Lebenden und die Toten aus- und eingehen, er hat, auf seiner Schaukel der Erinnerung durch die Jahrhunderte schwingend, auch die Gaumenfreuden nicht vergessen. Also stellt er fest: „Die Grundlage der Mailänder Essenskultur ist der Käse." Nicht, dass einer nun Schlechtes dabei denkt. Ganz im Gegenteil. „Milch und Milchprodukte", so Savinio, „nährten die ersten Menschengruppen, denen eine größere und ruhmreichere Entwicklung vorherbestimmt war, oder besser gesagt, ,stillten' sie." Und er fügt hinzu: „Den königlichen Charakter der alten Käsekulturen bezeugt das Wort Tyrann, das ursprünglich Käser bedeutete und die Würde dessen bezeichnete, der als Häuptling des Hirtenstammes den Käse verwahrte."

Eine Familie besonderer Charaktere hätte ein Häuptling, so es ihn noch gäbe, noch heute zu verwahren: „Der Parmesan ist ein Basiskäse. Er ist in der Käsefamilie, was der Kontrabass in der Familie der Saiteninstrumente ist. Auf den Grundton im tiefen, väterlichen Bass des Parmesans stützen sich die leichteren Mitglieder des Käsequartetts: Taleggio und Crescenza, die Bratschen und Altstimmen der Familie, die Schar der Robiola und Stracchino (der Stracchino: ein ,müder' Käse, der wie ein Mädchen in der Pubertät auf dem Teller ,umsinkt'), zu ihnen gesellt sich der Kleinkram der hohen Töne, die zarten Flöten- und Pikkolokollegen, der kleine, weiße Montevecchia-Käse, der, winzig, untersetzt und mit Pfefferaugen versehen, in einem grünen Ölsee weicht."

Merken Sie, wie Ihnen das Wasser im Munde zusammenläuft? Warum ich das erzähle? Nun, nicht nur die Augen, sondern auch den Gaumen werden alle Design-Aficionados brauchen können, wenn sie nun wieder einmal nach Mailand zum „Salone" mit all seinen Ablegern und Filiationen reisen. Auch Möbel wollen geschmeckt werden. Und ließen sich, ist man erst einmal auf den Geschmack gekommen, nicht auch die verschiedenen Sorten von Möbeln wie eine kleine Familie beschreiben? Dann wäre der Stuhl vielleicht der väterliche Bass, Sessel und Sofa spielten Geige und Bratsche, der Tisch trommelte, der Schrank gäbe die Oboe und dazwischen pfiffen und trillerten die Garderoben.

Auch pfefferscharfe Augen lassen sich gut brauchen, wo es gilt, das Allerneueste der Möbelbranche zu begutachten. Überhaupt könnte – jetzt, wo Italien nach all dem Berlusconi-Bunga-Bunga wieder begonnen hat, sich auf seine Stärken zu besinnen – die Hauptstadt der Lombardei abermals zum Synonym werden für eine erfolgreiche Synthese aus neuester Technik, solidem Handwerk und unbestechlichem Geschmack, wie sie sich nirgendwo finden lässt. Wird etwas davon zu spüren sein?

Was auch immer die Messehallen draußen in Rho, die Zona Tortona mit dem Superstudio Più und dem Design Village, die Straßen von Ventura Lambrate an Neuem und Bewährtem zu bieten haben werden, es wird sich nicht über einen Kamm scheren lassen. Möbeldesign ist heutzutage Mode, die nicht jedes Jahr wechselt, sich aber – besonders in Mailand – in jedem Frühling neu erfindet. Worin es fast etwas Natürliches hat. Zugleich besteht der Stil unserer Zeit, wenn man überhaupt noch von Stil sprechen kann, eben darin, keinen zu haben. Trotzdem gibt es eben nicht alles. Worum es lohnt, genau hinzuschauen, wie die aktuelle Mixtur ausfällt.

Was werden die Stars der Szene dieses Mal aus der Kiste ziehen? Welche Talente werden für Furore sorgen, welche Rolle handwerkliche Techniken spielen? Sind es allerneuste Materialien, die für überraschende Formen und innovative Produktionsweisen stehen? Besinnen sich viele Hersteller auf Bewährtes, oder setzen sie auf eine Italianità, die sich, in den hybrid gestimmten Zeiten globaler Märkte, Holz, Geist und Verarbeitungsqualität von den Traditionalisten aus Japan und Skandinavien leiht? Wie bescheiden tritt der neue Luxus auf?

Sicher ist nur: Auch diesmal werden sich allerlei Verrücktheiten mit jeder Menge gut gestalteten und solide produzierten Stühlen, Tischen, Sesseln, Sofas, Regalen, Betten und Schränken darum streiten, wer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Schließlich bietet Mailand jedes Jahr im April ein Festival des Designs, dessen Aufgebot an Extravaganzen, Klassikern, Überraschungen und Banalitäten einem in seiner Überfülle vorkommt, als wären im Kunstbetrieb Documenta und venezianische Biennale plötzlich zusammengelegt worden.

Für Alberto Savinio sind es noch die Handwerker, die das Innere unserer Häuser erzeugen, den Wänden unserer Zimmer und den Möbeln, in deren Mitte wir leben und die unsere treuesten Gefährten sind, Form und Farbe geben. Heute sind es die Designer, die mit ihren Interieurs unsere Laune bestimmen und unsere Gedanken inspirieren. Nirgendwo tun sie es so frühlingshaft wie in Mailand. Auf geht's!

www.cosmit.it
www.tortonadesignweek.com
www.superstudiogroup.com
www.venturaprojects.com