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Nicht von Pappe
von Nora Sobich | 16. Dezember 2008
Der deutsche Sprachgebrauch meint es nicht gut mit dem vor knapp 150 Jahren von dem Amerikaner Albert L. Jones erfundenen Verpackungsmaterial. Ein weich gewordenes Brötchen, in das einige Stunden Luftfeuchtigkeit eingezogen ist, schmeckt schlicht „pappig". Und sobald etwas komplizierter als erwartet ist, heißt es: „Das ist aber nicht von Pappe". Die gewellte Erfindung von Albert L. Jones, deren Inspirationsquelle das bei Textilien angewandte Pliseeverfahren gewesen war, wurde schnell weiter entwickelt und zum unverzichtbaren Hilfsmittel in der Transportindustrie. Wellpappe ist zwar nicht feuerresistent und auch nur wasserabweisend, wenn sie mit Paraffin behandelt wird. Doch sie ist stabil, preiswert, verhältnismäßig leicht zu verarbeiten und nicht zuletzt wegen ihrer Nachhaltigkeit heute überzeugend.

Dass sich gleichsam aus jedem Material etwas gestalten lässt, selbst wenn dies ein so profaner und ästhetisch nur bedingt ansprechender Industriewerkstoff wie Wellkartonpappe ist, zeigte Frank O. Gehry Ende der sechziger Jahre mit einer Serie seltsam roh und geschnitzt wirkender Pappmöbel. Die Sessel, Hocker und Tische, die Vitra herausgibt und die längst im Museum of Modern Art in New York museale Weihen erreicht haben, kann man als kunstvoll oder experimentell beschreiben. Besonders bequem und praktisch sind sie wohl nicht, dafür aber formgewordenes „Cutting edge"-Statement für die Gestaltungspotentiale dieses Werkstoffes.

Wie kaum ein anderer schafft heute der japanische Architekt Shigeru Ban aus Industriepappe innovative Formen. Seit über zwanzig Jahren konstruiert er fantastische, an Buckminster Fuller erinnernde Raumgebilde aus Pappe - Dachgewölbe, Hallen und Häuser, mit denen er an die Grenzen des Machbaren mit diesem Material geht. Eine erfrischende Abweichung vom Gewöhnlichen sind auch seine Möbel, wie die 1998 von Cappellini herausgegebene „Carta Collection". Shigeru Ban arbeitet vornehmlich mit „Paper Tubes": Pappröhren, wie man sie in schlichter, dünnwändiger Version aus dem Alltagsgebrauch vom Verschicken von Landkarten oder Postern kennt. In Zusammenarbeit mit Frei Otto entstand der Papppavillon auf der Expo 2000 in Hannover. Im französischen Remoulin schwingt sich seit 2007 Shigeru Bans Pappröhrenbrücke in so elegantem Bogen über den Fluß, dass kaum einer Pappe als Baustoff vermuten würde.

Um zweierlei scheint es Shigeru Ban bei seiner Pionierarbeit zu gehen: um die Beweisführung, dass dieses Low-Tech-Material selbst für komplizierte Konstruktionen taugt, und dabei eine hohe Festigkeit und materialauthentische Schönheit entwickelt. Zum anderen nutzt er dessen Eigenschaften für preiswerte und provisorische Gebäudelösungen. Für das in den neunziger Jahren durch ein Erdbeben zerstörte Kobe in Japan entwarf er die „Paper Church", die dort die letzten zehn Jahre ihren Dienst getan hat und nun gerade abgebaut wurde, um weiter nach Taiwan zu reisen. In diesem Jahr entstand mit unglaublich geringem Kostenaufwand eine Grundschule im chinesischen Chengdu Hualin, bei der Shigeru Ban die „Paper Tubes" ähnlich wie Bambusröhren für die Rohbaukonstruktion einsetzte.

Als hätten japanische Gestalter mit ihrer uralten asiatischen Papiertradition einen leichteren Zugang zu dem Zellulose-Werkstoff, hat das Werk von Shigeru Ban schon einen geradezu selbstverständlichen Charakter. Andere kultivieren das Material lieber als etwas Besonderes, als Bruch mit dem Erwarteten. Um die ästhetische Andersartigkeit von Wabenpappe ging es Approach Architecture Studio bei der Einrichtung ihres Pekinger Büros im Jahr 2006, wo man High- und Low-Tech-Materialien kombinierte. Tropfsteinartig hängt dort als Licht-Mobile die Wellpappe von den Decken und bildet robuste Tresentische.

In der bräunlichen Profanität des Materials, das sich selbst dann staubig anfasst, wenn es gar nicht staubig ist, verbirgt sich eine gewisse Aura der Unfertigkeit und Provokation. Wie eine Sensation wirkte es noch 1967, als Peter Raacke sein berühmtes, mit dem Bundespreis der guten Form ausgezeichnetes Pappmöbelsystem herausgab, angepriesen mit dem antibürgerlichen Slogan „Sitz für Besitzlose". (Als Re-edition wird Raackes Sessel „Otto" inzwischen sogar wieder aufgelegt.) Der ästhetische Überraschungseffekt von Pappe, die weder lackiert, noch anderswie behandelt ist, hat sich bis heute nicht abgenutzt. Die französische Kosmetikkette „Aesop", die auf biologische Hautpflege spezialisiert ist, und bei jeder ihrer Geschäfte einen spektakulären Auftritt inszeniert, überraschte 2007 bei der Eröffnung ihrer Filiale in Melbourne mit einer gigantisch großen Wabenpappkonstruktion. In dem Kartoninterieur stehen die schlichten Kosmetikprodukte wie in einer magisch unfertigen Laborlandschaft, gestaltet von dem Büro March Studio.

Mehr um den funktionalen Nutzen des Werkstoffs ging es dem französischen Künstler Paul Coudamy. Auf 180 Quadratmetern entwarf er für eine Werbeagentur kürzlich in Paris ein komplettes Büro aus vier Zentimeter dicker, wasserresistenter Honigwaben-Pappe. Coudamy entschied sich für das Material, da das Budget begrenzt war und das Konzept schnell umgesetzt werden sollte. Seine insgesamt zwanzig „Workstations" sind einladend ohrensesselartige Strandkörbe. Auch diverse Origami-Tische und Regale, die gleichzeitig als Trennwände genutzt werden, gehören zu dem „Cardboard Office", das mit seinem Packpapier-Charme in der luftigen Atmosphäre keine falsche Gemütlichkeit vorgaukelt, und gerade wegen seiner funktionalen Unverfälschtheit eine schöne Klarheit entwickelt.

Mit Wabenpappplatten, die heute im Bühnen- wie im Messe- oder Ausstellungsbau längst Standardwerkstoff sind, wird bei solchen Inszenierungen ein provisorischer Rohzustand gleichsam zum vorübergehenden Endprodukt erklärt. Zum Beispiel entwarfen die Architekten Ro Koster und Ad Kil, Ro&Ad architecten, in Eindhoven für das Grafikdesignbüro Scherpontwerp und den Verlag De Boekenmakers ein Bürointerieur aus Wellpappe. Das Gestaltungskonzept, dessen Raumaufteilung angeblich von der stadtplanerischen Einbettung des New Yorker Central Park inspiriert wurde, teilt die rechteckige Grundfläche in einen großen Versammlungsraum und kleine Nischen ringsum. Im Widerspruch zu dem ambitionierten ökologischen Ansatz steht allein die feuerhemmende Beschichtung der Wellpappe, die vom Brandschutz und Versicherung vorgeschrieben ist. Aber immerhin ist die Interieurlösung um dreißig Prozent billiger als herkömmliche Lösungen aus Gipskartonwänden.

Dass heute Designer und Architekten mit so viel Elan immer neue Anwendungen und gestalterische Möglichkeiten für Industriepappe suchen und finden, liegt wahrscheinlich auch daran, dass dieses Material so allgegenwärtig ist. Schon allein dessen Präsenz animiert zu Experimenten und Interpretationen - es, wie auch immer, in einen neuen Kontext stellen zu wollen. Selten haben die Erfindungen allerdings einen so hohen funktionalen und ästhetischen Wert wie bei Shigeru Ban, der derzeit nicht nur der künstlerisch anspruchsvollste Pappe-Gestalter ist, sondern auch derjenige, der Wesen und Charakter dieses Materials wie kein anderer zum Programm macht.
Büro für Werbeagentur von Paul Coudamy; © Benjamin Boccas
Büro für Werbeagentur von Paul Coudamy; © Benjamin Boccas
Büro für Werbeagentur von Paul Coudamy; © Benjamin Boccas
Büro für Werbeagentur von Paul Coudamy; © Benjamin Boccas
Büro für Werbeagentur von Paul Coudamy; © Benjamin Boccas
Grafikdesignbüro Scherpontwerp von Ro&Ad architecten; © Anita Huisman
Grafikdesignbüro Scherpontwerp von Ro&Ad architecten; © Anita Huisman
Office of Approach Architecture Studio, Beijing, China; © Approach Architecture Studio
Beaver von Frank Gehry für Vitra
Grafikdesignbüro Scherpontwerp von Ro&Ad architecten; © Anita Huisman
Grafikdesignbüro Scherpontwerp von Ro&Ad architecten; © Anita Huisman
Büro für Werbeagentur von Paul Coudamy; © Benjamin Boccas
Büro für Werbeagentur von Paul Coudamy; © Benjamin Boccas
Büro für Werbeagentur von Paul Coudamy; © Benjamin Boccas
Grafikdesignbüro Scherpontwerp von Ro&Ad architecten; © Anita Huisman
Office of Approach Architecture Studio, Beijing, China; © Approach Architecture Studio
Side Chair und Wiggle Side Chair von Frank Gehry für Vitra
Cartoons von Luigi Baroli für Baleri Italia