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Nichts ist so grün, wie es scheint
von Amelie Znidaric | 27. Mai 2010
Die ICFF, International Contemporary Furniture Fair, gilt gemeinhin als die wichtigste Möbelmesse in den USA. Ziel ist, dem Besucher aktuelle und zukünftige Trends der Branche näher zu bringen. Dieser Anspruch kann jedoch nicht durchgängig aufrecht erhalten werden. Und so stellen sich dem Besucher schnell die ersten Fragen: Wenn sich etwa die Innenarchitektin Ginger Krieg Dosier so lange ins Thema Biotechnologie einliest, bis sie aus Sand und Bakterien Ziegelsteine „züchten" kann - ist das dann Biotechnologie oder Design? Und reicht diese Experiment tatsächlich dafür aus, den ersten Platz des bei der ICFF verliehenen „The Next Generation of Design"-Preises zu gewinnen?

In den USA steht das nicht zur Debatte. Design wird dort wesentlich breiter definiert als im nicht-englischsprachigen Europa, wo unter dem Terminus „Design" meist Entwurf und Gestaltung von Möbeln und Produkten verstanden wird. Noch deutlicher wird der Unterschied zwischen Europa und den USA wenn es um die Frage nach gutem Design geht. Gut, das heißt heute in Amerika: gut fürs Gewissen. Schönheit ist unwesentlich, Qualitätskriterium Nummer eins ist Nachhaltigkeit - ungeachtet dessen, ob es sich tatsächlich um ernst gemeintes Umweltbewusstsein oder lediglich um Schönmalerei handelt.

Wie unterschiedlich das Thema Nachhaltigkeit definiert und bewertet werden kann, war etwa bei der inzwischen vierten Ausgabe der „National Design Triennial" zu sehen. Rechtzeitig zur ICFF startete sie im Cooper-Hewitt National Design Museum und widmete sich - wenig überraschend - dem Thema Nachhaltigkeit. Unter diesem Aspekt sollten 135 Exponate die Frage der Schau beantworten: „Why Design Now?". Dabei werden spannende Projekte gezeigt, die auch bei uns als gutes Design durchgehen würden, etwa das „CityCar" vom MIT, dem Massachusetts Institute of Technology: Der kleine Elektroflitzer ist für Carsharing-Systeme gedacht und lässt sich beim Parken quasi falten, so dass drei bis vier davon so viel Platz einnehmen wie heute ein einziges Auto. Es sind aber auch etliche Stücke ausgestellt, die nur mit viel gutem Willen, wenn überhaupt, als ökologisch durchgehen, das iPhone etwa, der Kindle, Twitter oder auch das „Celebrity Wallpaper" von Mieke Gerritzen: ein Stück Tapete, auf dem Miniaturen der Gesichter von Berühmtheiten ein Muster ergeben - handgemalt, in China. Auch bei Issey Miyakes „Color Hunting Collection" stellt sich die Frage, ob 3.000 im Amazonas gesammelte Farbproben und eine daraus resultierende Modekollektion tatsächlich „die klare und fundamentale Botschaft vermitteln, dass wir den Regenwald schützen müssen".

Ebenso wenig vermochte die Ausstellung „Personalissimo: ethical design > italian style" zu überzeugen, in der vierzig lombardische Unternehmen eine willkürlich zusammengestellte Produktauswahl präsentierten. In den begleitenden Texten wurden die ethischen Eigenschaften der Produkte aufgezählt, jedoch ohne über plakative Schlagworte hinaus zu gehen und Begriffe wie „Ethic of language communication" sinnvoll zu definieren. Die wichtigen lombardischen Hersteller waren bei der Sammelausstellung ohnehin nicht vertreten.

So stellten Cappellini, Molteni&C, Minotti, Agape & Co in ihren eigenen, teilweise neuen Showrooms aus und verzichteten auch auf einen Stand auf dem Messegelände, so wie im Übrigen die meisten anderen bedeutenden europäischen Produzenten. Der italienische Leuchtenhersteller Flos beispielsweise eröffnete seinen Showroom neben der Designgalerie Moss, eine Tür verbindet beide Geschäfte, eine weitere führt in den Showroom von Moroso ein Haus weiter. Fast alle dieser Schauräume liegen in New Yorks Designbezirk Soho, wodurch das ganze Viertel zum place to be wurde.

Ein bisschen abseits, nämlich im Concept Store Project No. 8 in der Lower East Side, zeigte der deutsche Hersteller e15 die neue Sitzmöbelfamilie von Stefan Diez - allerdings in Zuckerguss anstatt in Holz. Die echten Möbel standen zu Beginn der Messe wegen der Aschewolke noch in Amsterdam in einem Container. Der Zucker ist jedenfalls, so wie alle anderen für e15-Möbel verwendeten Materialien, recyclebar. Extra hingewiesen wurde darauf nirgends. Endlich der Beweis, dass gut und schön einander keineswegs ausschließen.

Mitten in New Yorks heißestem Modeviertel, dem Meatpacking District, liegt ein dreistöckiger Showroom, den sich Vitra mit dem Schweizer Textilhersteller Création Baumann teilt. Letzter zeigte spannende Lasercut-Stoffinstallationen zeigte und besitzt für seine Produkte so ziemlich jedes relevante Öko-Zertifikat. Vitra legte den Schwerpunkt auf den „Panton Chair", der in diesem Jahr seinen fünfzigsten Geburtstag feiert. Er ist, so wie der ebenfalls ausgestellte „Vegetal" von Ronan und Erwan Bouroullec, aus Kunststoff und trotzt damit dem New Yorker Öko-Trip. Allerdings wirft man einen Panton oder einen Vegetal auch nicht weg, sondern vererbt sie weiter. Auch das ist eine Form der Nachhaltigkeit.

www.icff.com
Barrington Chair by Asher Dunn
Barrington Chair by Asher Dunn, ICFF 2010 New Designer Award
Coventry Stool by Asher Dunn, ICFF 2010 New Designer Award
National Design Triennial: Why Design Now? bioWAVE Ocean-Wave Energy System, prototype. Timothy Finnigan
Cumberland by Asher Dunn, ICFF 2010 New Designer Award
Amaridian gallery in New York: Sansa Chair by Cheick Diallo
Poppy hanging lamp by hive
Fresh air chair by Richard Schultz Design
National Design Triennial: Why Design Now? Veil Curtain by Ritva Puotila for Woodnotes OY, 2008, Photo: Woodnotes OY
National Design Triennial: Why Design Now? Maison Martin Margiela Artisanal line, plastic fur jacket, 2009, Photo: Marina Faust
National Design Triennial: Why Design Now? Maison Martin Margiela Artisanal line, plastic fur jacket, 2009, Photo: Marina Faust
National Design Triennial: Why Design Now? Heath Ceramics Tableware. Catherine Bailey, Robin Petravic and Christina Zamora, Photo: Jeffery Cross
National Design Triennial: Why Design Now? Artificial Biological Clock, concept. Revital Cohen, Photo: Revital Cohen
Amaridian gallery in New York: Platters and bowls by Marisa Fick-Jordaan
Amaridian gallery in New York: Chair by Ronel Jordaan
Wing by Richard Schultz Design
Richard Schultz Design