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Politik als Gesangsstunde
von Joerg Bader | 7. Juli 2011
Ein Gespenst geht um in Europa. Und nicht nur dort. Es ist das Gespenst des Gesangs, das Gespenst des Klagelieds und des Protestsongs. Wenn keine Mittel mehr helfen, wenn alle Ohren aller Regierenden taub sind, dann hilft kein Flöten mehr, dann erhebt sich die Stimme der Unerhörten: „La révolution en chantant". Mochte einst noch der Klingklang des Geldes das Volk bei guter Laune halten und das Klingeln in der Kasse manch einen zu guter Kunst inspirieren, so wie etwa Pink Floyd für ihr Lied „Money" eine sich öffnende und schließende Registerkasse aufnahmen, so ist deren Klang längst verstummt. Geblieben ist der digitale Rechner, und er ist so leise wie die Börsenbildschirme im Brokerring.

Was unsere Welt an den Abgrund führt, ist weder die tosende Fischverarbeitungsmaschinerie noch die stampfende Schwerindustrie, es sind nicht die in Gassen widerhallenden Stiefelabsätze einer im Stechschritt marschierenden Militärtroika, es sind die stummen, globalisierten, unhörbaren und von der Produktion abgekoppelten Finanzströme. In gleich drei Länderpavillons ist Oper und Gesang Mittel der Künstler diesen Weltzustand zu erfassen und zu kritisieren.

Dein Land gibt es nicht

Das seit 1997 gemeinsam arbeitende Künstlerpaar Libia Castro und Ólafur Ólafsson hat schon 2007 die isländische Verfassung von Karolina Eiríiksdóttir vertonen lassen und dann mit dem isländischen Staatsfernsehen zur Aufführung gebracht. Eine Videoversion ist im schönen, halbverwilderten Garten des Palazzo Zenobio zu sehen. Eine andere Arbeit, die gesprochenen Text über den Lärm einer Fischverarbeitungsfabrik legte, hieß „The Sound of Money" und bezog sich auf die Umstellung der isländischen Wirtschaft vom Fisch- zum Finanzmarkt. Für ihren Beitrag zum isländischen Pavillon in Venedig führen die beiden Künstler nun ihr Projekt „Your Country Doesn't Exist" weiter.

Ausgangspunkt dazu waren 2003 die Demonstrationen von Millionen von Bürgern in Spanien und England, unter anderem gegen die Irak-Invasion. Der Slogan wurde in den folgenden Jahren in verschiedensten Ländern auf unterschiedliche Weise verbreitet. Konnte die Arbeit an einem Ort die Form eines Bumerangs annehmen, mit dem weiß auf schwarz handgeschriebenen Projekttitel darauf, so war's anderswo ein T-Shirt mit der in handgefertigter Schablonenschrift auf portugiesisch gehaltenen Behauptung „Patria tua non es" – oder schließlich ein großes, wiederum handgeschriebenes Straßenplakat oder eine Getränkedose, beide auf Serbisch.

In Venedig zeigen Libia Castro und Ólafur Ólafsson in einem Video eine Sopransängerin in einer Gondel in Venedig, begleitet von einem Gitarristen und einem Trompeter. „Il Tuo Paese Non Esiste" ist wiederum von Karolina Eiríiksdóttir vertont worden. In ihrer Auseinandersetzung mit Bürgerrechten führen Castro und Òlafsson mit einem einzigen Slogan eine Kritik des „undemokratischen" Irakkrieges zu einer Kritik der europäischen Immigrationspolitik weiter – und sie tun dies zu einem Zeitpunkt, da Tausende Libyer und Tunesier im Süden Italiens, auf der Insel Lampedusa, Einlass nach Europa erhoffen. Auf den Kanälen Venedigs erklang in verschiedenen Sprachen und sich stets wiederholend: „Dies ist eine Ankündigung von Libia Castro und Òlafur Òlafsson: Dein Land gibt es nicht!"

Im Augenblick des Zusammenstoßes

Gesungen wird auch im ungarischen Pavillon, jedoch im Kollektiv. Hajnal Németh, die zu jener Künstlergeneration gehört, die im letzten Jahrzehnt des kommunistischen Systems ins Erwachsenenalter glitt, setzt sich konstant mit dem Widerspruch „im System drin sein und gleichzeitig die größte Distanz dazu bewahren" auseinander. Sie reinterpretierte auf metaphorische Weise Versatzstücke der Spektakel-Industrie. Ab 2003 wandte sie sich vermehrt der Musikindustrie als Teil unserer Gegenwartskultur zu. „Crash – Passiv Interview" ist eine musikalische Umsetzung von Erinnerung im Hier und Jetzt, ein Interview zwischen einer Frau und einem Mann im Augenblick, da sie zwischen Leben und Tod schweben, mit den unwillkürlichen Nebenfolgen des Erinnerns, vor allem jener, Erlebtes abermals zu begreifen und zu interpretieren.

Auszüge des Interviews hängen auf Autonummerschildern gedruckt auf einer Wand im Eingang, denn der Tod der Protagonisten ist Folge eines Autounfalls. Im ersten Ausstellungsraum taucht aus dem Halbdunkeln ein halbzerdrückter schwarzer BMW auf. Im nächsten Raum, ertönt aus einer 8-Kanal-Ton-Installation die experimentelle Oper „Crash – Passiv Interview" in zwölf Akten. Das imaginäre, von Hajnal Némeths geschriebene Libretto in Form eines Interviews hat Reggi Moore vertont.

Der Autounfall als im Sekundenbruchteil eintretender, katastrophaler Einbruch ins Leben eines Individuums oder eines Paares, der zur Krise einer ganzen Familie werden kann, ist für Hajnal Németh auch Metapher für die Krise des postkommunistischen Ungarns. Noch heute sind die sozialen und kulturellen Folgen des Einbruchs ultraliberaler Wirtschaftspraktiken in Ungarn und ganz Osteuropa zu spüren. Ist die Autoindustrie häufig die Blutpumpe im Kreislauf kapitalistischer Wirtschaft, so zeigt die Künstlerin konsequent auf Flachbildschirmen nigelnagelneue Limousinen, die aus dem Leipziger BMW-Werk fahren.

Hajnal Némeths Venedig-Beitrag in drei Teilen lebt von der Spannung einer äußerst kargen Installation, die das Unfallauto in keiner Weise als Glamour-Objekt – wie etwa Sylvie Fleury oder Bertrand Lavier – vorstellt, ergänzt diese aber mit einer sinnlichen und sublimierenden Musik, die bis ins Religiöse reicht – auch wenn die Tonaufnahmen in einem BMW-Werk und auf Autobahnbrücken gemacht wurden.

Oper als Arbeitsform

Im niederländischen Pavillon ist die Oper mehr Modell für eine Arbeitsform, denn Präsentationsform selbst. Versuchen die Künstler im isländischen und im ungarischen Pavillon mit Gesängen dem aktuellen Raubtierkapitalismus Paroli zu bieten, greift das Kollektiv der zehn in Holland lebenden Gestalter und Autoren auf die Oper zurück, um, mit Blick auf den Nationenwettbewerb der Biennale, das Modell der Nation als Arbeitsgemeinschaft entgegen zu stellen. Die Holzkonstruktion, die sich auch als Erweiterung der Architektur versteht, (der Pavillon wurde von 1952 bis 1954 nach Plänen von Gerrit Rietveld erbaut), ist im wahrsten Sinne ein Bauplatz, und entspricht auf gelungene Art und Weise dem Anspruch eines „Work in Progress", das als Plattform für die Präsentation der Beiträge verschiedener Künstler dient.

Gleichzeitig ist diese Gedanken-Baustelle ein Manifest und Plädoyer für Hollands vielseitige Kunstszene, die in diesen Tagen einem Frontalangriff rechtspopulistischen Politiker ausgesetzt ist. „Opera Aperta / Loose Work", so der Titel des vielfältigen Werks, bezieht sich einerseits auf den italienischen Ausdruck „Opera" für Werk und spielt zugleich auf Umberto Ecos „Offenes Kunstwerk" an, versteht sich aber gleichzeitig als Oper, auch wenn der Musikteil weniger dominant erscheint. Die Musik ist auf eine „Tonspur" reduziert, die sich oberflächlich verstanden wie eine Geräuschkulisse ausnimmt. Dass auch Geräusche, ja sogar Lärm, eine politische Konnotation haben können, hat uns nicht nur John Cage, sondern auch der Londoner Kunsttheoretiker und Co-Kurator der Documenta 11, Sarat Maharaj, näher gebracht, von der wundervolle Gedanke stammt: „Noise is the refugee of the sound system"!

www.icelandicartcenter.is/Projects/Venicebiennale
www.crash-passiveinterview.c3.hu
www.venicebiennale.nl

In unserer Reihe zur 54. Kunstbiennale von Venedig sind bisher erschienen:
> „Jenseits von Angst und Afrika" von Thomas Wagner
> „Taubenverteilen im Park" von Thomas Wagner
> „Wir verlassen den amerikanischen Sektor..." von Joerg Bader und Thomas Wagner
> „Mitgefangen, mitgehangen" von Annette Tietenberg
> „Amerikanische Turnstunde" von Thomas Wagner
> „Widerstand - erstarrt oder verflüssigt?" von Barbara Basting
> Schlinge, Schlinge über alles" von Barbara Basting
> Tintoretto - einer von uns?" von Annette Tietenberg
> „Das übermalte Feuilleton" von Joerg Bader
> Venezia, Piazza Tahrir" von Barbara Basting
> „Auf in die Karawanserai " von Joerg Bader
Isländischer Pavillon: „Your country doesn´t exist” von Libia Castro und Ólafur Ólafsson, Foto: Lilja Gunnarsdottirottir
Isländischer Pavillon: „Your country doesn´t exist” von Libia Castro und Ólafur Ólafsson, Foto: Lilja Gunnarsdottir
Ungarischer Pavillon: „Crash – Passiv Interview“ von Hajnal Németh, Foto: Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Ungarischer Pavillon: „Crash – Passiv Interview“ von Hajnal Németh, Foto: Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Ungarischer Pavillon: „Crash – Passiv Interview“ von Hajnal Németh, Foto: Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Niederländischer Pavillon: “Opera Aperta / Loose Work”, Copyright: Aussteller des niederländischen Pavillons, Mondriaan Foundation
Niederländischer Pavillon: “Opera Aperta / Loose Work”, Copyright: Aussteller des niederländischen Pavillons, Mondriaan Foundation
Isländischer Pavillon: „Constitution of The Republic of Iceland” von Libia Castro und Ólafur Ólafsson, Foto: Lilja Gunnarsdottir
Isländischer Pavillon: „Constitution of The Republic of Iceland” von Libia Castro und Ólafur Ólafsson, Foto: Lilja Gunnarsdottir
Isländischer Pavillon: „Exorcising Ancient Ghosts” von Libia Castro und Ólafur Ólafsson, Foto: Lilja Gunnarsdottir
Ungarischer Pavillon: „Crash – Passiv Interview“ von Hajnal Németh, Foto: Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Ungarischer Pavillon: „Crash – Passiv Interview“ von Hajnal Németh, Foto: Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Niederländischer Pavillon: „The Night Watch” von Alexander van Slobbe, Foto: Johannes Schwartz
Niederländischer Pavillon: “Opera Aperta / Loose Work”, Copyright: Aussteller des niederländischen Pavillons, Mondriaan Foundation
Niederländischer Pavillon, Foto: Jan Versnel