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Rohe Wände, wie charmant
von Thomas Wagner | 14. Juni 2016
Rohbau bleibt manchmal doch Rohbau: Wenn Träume sich in Albträume verwandeln, hilft oft nur Humor. Foto © Cadelas verdes, Ana Amado, Marta Marcos, Luz Paz
Schlicht und einfach „Unfinished“ lautet der Titel der Ausstellung im Spanischen Pavillon, der mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag ausgezeichnet wurde. Trauer über das Vollendete scheint hier also von vorne herein fehl am Platze. Im Gegenteil. Man bemüht sich um Heiterkeit und Würde angesichts vieler im Lande brachliegender architektonischer Juwelen und solchen, die es erst noch werden sollen. Thematisch dreht sich alles, was gezeigt und was dazu gesagt wird, um unfertige, stillstehende, ruinöse, aufgegebene oder brachliegende Kirchen, Klöster, Paläste, Fabriken, Werkstätten, Wohnhäuser, Schwimmbäder und Kinos – aber eben nicht im Rohzustand fortschreitenden Verfalls. Aufgezeigt wird vielmehr in der Hauptsache, wo und wie Ruinen und Rohbauten architektonisch eine mehr oder weniger glanzvolle Zukunft zurückgegeben wurde.

Man kann das Wort „Front“ im Zusammenhang mit der 15. Architekturbiennale zwar fast schon nicht mehr hören. Hier aber ist es tatsächlich angebracht. Anlass, die nun präsentierte Auswahl exemplarisch renovierter, umgenutzter, umgebauter und dadurch erhaltener und einer neuen Nutzung zugeführter Gebäude zusammenzustellen, war nicht irgendein architekturhistorischer oder denkmalpflegerischer Diskurs, sondern die spanische Immobilienkrise. Man erinnere sich: Jahrelang hatten viele Spanier vom Reichtum durch Immobilien geträumt. 2008 war die Blase dann geplatzt – und fortan standen viele Bauruinen als Mahnmale der Spekulation und ohne Aussicht, zu Ende gebaut zu werden, in der Landschaft herum.
Fotografien im technischen Gestell: Blick in die Ausstellung „Unfinished“ im Spanischen Pavillon. Foto © Span. Pavillon, Fernando Maquieira
Mit einer anklagenden Geste allein aber wollten sich die beiden Kuratoren nicht zufrieden geben. Man kann lange darüber streiten, ob es deutlicher, härter, gar besser gewesen wäre, all die leeren Betonskelette, halbfertigen Häuser und Wohnparks zu dokumentieren und ins Zentrum zu rücken, die als traurige Hinterlassenschaften des wenig ruhmvollen Immobilienbooms darauf warten, abgerissen zu werden. Dass sich die Architekten Iñaqui Carnicero und Carlos Quintáns statt Politik, Finanzsystem, Bauwirtschaft, Architekten und gutgläubige Bauherren pauschal anzuklagen, dafür entschieden haben, das Thema über die Krise hinaus zu erweitern und die Aufmerksamkeit auf die vielfältigen Herausforderungen zu lenken, die mit dem Unfertigen einhergehen, erweist sich aus Sicht der Architektur als richtig.

Schon das ist eine Botschaft: Die Kuratoren bewerten die Chancen höher als die Lasten und das Desaster. Denn genau genommen gibt es – trotz Krieg, Zerstörung und der modernistischen Forderung nach permanenter Erneuerung – überall auf der Welt ohnehin mehr alte, dem Verfall anheimgegebene Gebäude als neu geplante und eben erst fertiggestellte. Für alle diese Bauten – ganz gleich, wie weit ihre Errichtung, als sie zum Stillstand kam, gediehen war, in welchem Jahrhundert sie gebaut wurden, wie lange sie schon leer standen oder wie fragmentarisch sie erhalten waren – bedurfte es, sollten sie nicht ganz aufgegeben werden, eines überzeugenden Konzepts zu ihrer Rettung.
Glaubt man den Fotografien des Kollektivs Cadelas verdes, so kann man sich durchaus auch in unfertigen Träumen einrichten.
Fotos © Cadelas verdes, Ana Amado, Marta Marcos, Luz Paz
Um Antworten darauf zu geben, wie gelungen und architektonisch angemessen auf die unterschiedlichsten Ausgangsbedingungen reagiert wurde, sind mehr als 60 Projekte ausgewählt worden. In sieben Fotoserien und 11 Interviews wird der Blick zudem auf verschiedene Facetten des Unfertigen und Ruinösen gelenkt. Das Spektrum der vorgestellten Gebäude ist dabei historisch weit gefasst. Der Zahn der Zeit nagt nun einmal nicht allein an aktuellen Bauruinen. Nachgedacht wird deshalb mehr als üblich darüber, wie sich das Vergehen der Zeit auf viele noch bestehende, aber heruntergekommene, auf tatsächlich ruinöse oder erst gar nicht vollendete Gebäude auswirkt – und wie diese wiederhergestellt und genutzt werden können.

Die Fotoserien vergegenwärtigen zunächst geplatzte Träume, stillstehende und widerständige Bauten, Räume im Übergang und im Bau befindliche Landschaften. Hier schimmert die Immobilienkrise am Deutlichsten durch. Was man sieht, regt zum Nachdenken über die Ursachen der Krise an. Dabei bleibt es freilich nicht. In Dutzenden von Projektskizzen wird sodann aufgezeigt, wie sich Ruinen alter Kirchen, Paläste oder Fabriken herrichten und wieder in Funktion setzen lassen, ohne dabei die Geschichte ihres Verfalls zu ignorieren, zu übertünchen oder gleich ganz weg zu sanieren.
Unabhängig von der Größe und dem Zustand der jeweiligen Bauten, wird der Fokus auf die Strategien zu deren Erhalt und Wiederinbesitznahme gelenkt, wird vorgeführt, wie Lücken oder Gebäudereste gefüllt, öffentliche Räume wiederbelebt, Häuser um neue Teile ergänzt und an ihre Umgebung angepasst wurden – oder das Unfertige und Unvollständige in seiner Nacktheit stehenbleiben durfte.
Ruinöses, schön gerahmt: Bilder einzelner Projekte in der Ausstellung. Foto © Thomas Wagner, Stylepark

Je mehr man sich allerdings mit einzelnen Objekten befasst, umso schmerzlicher vermisst man detailliertere Angaben: Wann wurden sie gebaut? Was an Substanz war noch vorhanden? Weshalb sind sie verfallen? Was hat es gekostet, sie wieder nutzbar zu machen? Wer davon sprechen möchte, wie den „Exzessen der Vergangenheit“ begegnet werden kann, der sollte sich nicht allein darauf verlassen, in Bildern und einigen wenigen Isometrien und Plänen die mittels einer oft raffinierten Ästhetik der Reparatur erzielten Ergebnisse vorzustellen, so vielversprechend diese auch sein mögen.

So bemerkt der Betrachter fast nebenbei: Kaum ein Projekt, das nicht vormachen würde, wie sich aus rohen Wänden und unverputztem Backstein, architektonisch Funken schlagen lassen. Keine Frage, aus dem Unfertigen erwächst ein besonderer Schick, und Ruinen entfalten ihren ganz eigenen Charme. Beides rückt etwas zu selbstverständlich in den Vordergrund. Erkennbar wird aber auch: Bei Ruinen handelt es sich gleichsam um Bauten, die in den Zustand des Unfertigen zurückgefallen sind, ohne dabei vom Charakter des Neuen und gerade Aktuellen beherrscht zu sein – und die erst deshalb gewürdigt, weitergedacht, umgebaut, erneuert werden können. Das Unfertige an ihnen, das zeigen viele der vorgestellten Beispiele, ist innig mit dem Prozess der Geschichte verschwistert. Auch wenn dieser so gewaltsam verläuft wie im Fall der spanischen Immobilienkrise. Nicht jede Bauruine hat eine so schöne Zukunft wie die hier präsentierten.

Spanischer Pavillon
15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016

http://unfinished.es

Erst war hier eine Gerberei, dann eine Garage, und zuletzt eine Druckerei. Während der Finanzkrise wurde das Gebäude aufgegeben. Nun befindet sich in der „Calle Lacy“ ein Architekturbüro. Foto © Sauquet Arquitectes

Spuren früherer Nutzungen sind zuhauf erhalten: Das von Sauquet Arquitectes renovierte Büro in der „Calle Lacy“. Foto © Sauquet Arquitectes
Der herbe Charme des Unfertigen: Das langgezogene Büro endet nun in einem filigranen Wintergarten, an den sich ein kleiner Hof anschließt. Foto © Sauquet Arquitectes
Unverputzt, aber nicht unfertig: Die aus zwei voneinander abgesetzten Bereichen bestehende „Casa 1014“ von Harquitectes steht auf einem Grundstück, das nur 6,5 Meter breit, aber sehr lang ist. Foto © Adrià Goula
Die beiden Eingänge zur „Casa 1014“ befinden sich an zwei verschiedenen Straßen. Erhalten war nur die Fassade zur Hauptstraße. Fotos © Adrià Goula
In Oropesa wurde im 15. Jahrhundert ein Schloss erbaut, wobei eine Verbindung zu einer Kirche hergestellt werden sollte, die nicht fertiggestellt wurde. Heute durchschneidet die aus Bögen und Mauern bestehende Struktur die Stadt. Foto © Luis Asín
Paredes Pedrosa arquitectos haben die beiden verfallenen, unter den Bögen und zwischen den Mauern liegenden Häuser in Oropesa wiederhergestellt. Fotos © Luis Asín
Schöne Aussichten: Die im Spanischen Pavillon versammelten Projekte zeigen, dass man sich mit dem Unfertigen allein nicht abfinden muss.
Foto © Cadelas verdes, Ana Amado, Marta Marcos, Luz Paz
News & Stories › 2016 › Juni
Rohe Wände, wie charmant
von Thomas Wagner | 14. Juni 2016
Jede Menge Bauruinen: Der Spanische Pavillon widmet sich unfertigen und brachliegenden Bauten und entdeckt dabei mehr und anderes als Hinterlassenschaften einer geplatzten Immobilienblase.
Schlicht und einfach „Unfinished“ lautet der Titel der Ausstellung im Spanischen Pavillon, der mit dem Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag ausgezeichnet wurde. Trauer über das Vollendete scheint hier also von vorne herein fehl am Platze. Im Gegenteil. Man bemüht sich um Heiterkeit und Würde angesichts vieler im Lande brachliegender architektonischer Juwelen und solchen, die es erst noch werden sollen. Thematisch dreht sich alles, was gezeigt und was dazu gesagt wird, um unfertige, stillstehende, ruinöse, aufgegebene oder brachliegende Kirchen, Klöster, Paläste, Fabriken, Werkstätten, Wohnhäuser, Schwimmbäder und Kinos – aber eben nicht im Rohzustand fortschreitenden Verfalls. Aufgezeigt wird vielmehr in der Hauptsache, wo und wie Ruinen und Rohbauten architektonisch eine mehr oder weniger glanzvolle Zukunft zurückgegeben wurde.

Man kann das Wort „Front“ im Zusammenhang mit der 15. Architekturbiennale zwar fast schon nicht mehr hören. Hier aber ist es tatsächlich angebracht. Anlass, die nun präsentierte Auswahl exemplarisch renovierter, umgenutzter, umgebauter und dadurch erhaltener und einer neuen Nutzung zugeführter Gebäude zusammenzustellen, war nicht irgendein architekturhistorischer oder denkmalpflegerischer Diskurs, sondern die spanische Immobilienkrise. Man erinnere sich: Jahrelang hatten viele Spanier vom Reichtum durch Immobilien geträumt. 2008 war die Blase dann geplatzt – und fortan standen viele Bauruinen als Mahnmale der Spekulation und ohne Aussicht, zu Ende gebaut zu werden, in der Landschaft herum.
Mit einer anklagenden Geste allein aber wollten sich die beiden Kuratoren nicht zufrieden geben. Man kann lange darüber streiten, ob es deutlicher, härter, gar besser gewesen wäre, all die leeren Betonskelette, halbfertigen Häuser und Wohnparks zu dokumentieren und ins Zentrum zu rücken, die als traurige Hinterlassenschaften des wenig ruhmvollen Immobilienbooms darauf warten, abgerissen zu werden. Dass sich die Architekten Iñaqui Carnicero und Carlos Quintáns statt Politik, Finanzsystem, Bauwirtschaft, Architekten und gutgläubige Bauherren pauschal anzuklagen, dafür entschieden haben, das Thema über die Krise hinaus zu erweitern und die Aufmerksamkeit auf die vielfältigen Herausforderungen zu lenken, die mit dem Unfertigen einhergehen, erweist sich aus Sicht der Architektur als richtig.

Schon das ist eine Botschaft: Die Kuratoren bewerten die Chancen höher als die Lasten und das Desaster. Denn genau genommen gibt es – trotz Krieg, Zerstörung und der modernistischen Forderung nach permanenter Erneuerung – überall auf der Welt ohnehin mehr alte, dem Verfall anheimgegebene Gebäude als neu geplante und eben erst fertiggestellte. Für alle diese Bauten – ganz gleich, wie weit ihre Errichtung, als sie zum Stillstand kam, gediehen war, in welchem Jahrhundert sie gebaut wurden, wie lange sie schon leer standen oder wie fragmentarisch sie erhalten waren – bedurfte es, sollten sie nicht ganz aufgegeben werden, eines überzeugenden Konzepts zu ihrer Rettung.
Um Antworten darauf zu geben, wie gelungen und architektonisch angemessen auf die unterschiedlichsten Ausgangsbedingungen reagiert wurde, sind mehr als 60 Projekte ausgewählt worden. In sieben Fotoserien und 11 Interviews wird der Blick zudem auf verschiedene Facetten des Unfertigen und Ruinösen gelenkt. Das Spektrum der vorgestellten Gebäude ist dabei historisch weit gefasst. Der Zahn der Zeit nagt nun einmal nicht allein an aktuellen Bauruinen. Nachgedacht wird deshalb mehr als üblich darüber, wie sich das Vergehen der Zeit auf viele noch bestehende, aber heruntergekommene, auf tatsächlich ruinöse oder erst gar nicht vollendete Gebäude auswirkt – und wie diese wiederhergestellt und genutzt werden können.

Die Fotoserien vergegenwärtigen zunächst geplatzte Träume, stillstehende und widerständige Bauten, Räume im Übergang und im Bau befindliche Landschaften. Hier schimmert die Immobilienkrise am Deutlichsten durch. Was man sieht, regt zum Nachdenken über die Ursachen der Krise an. Dabei bleibt es freilich nicht. In Dutzenden von Projektskizzen wird sodann aufgezeigt, wie sich Ruinen alter Kirchen, Paläste oder Fabriken herrichten und wieder in Funktion setzen lassen, ohne dabei die Geschichte ihres Verfalls zu ignorieren, zu übertünchen oder gleich ganz weg zu sanieren.
Unabhängig von der Größe und dem Zustand der jeweiligen Bauten, wird der Fokus auf die Strategien zu deren Erhalt und Wiederinbesitznahme gelenkt, wird vorgeführt, wie Lücken oder Gebäudereste gefüllt, öffentliche Räume wiederbelebt, Häuser um neue Teile ergänzt und an ihre Umgebung angepasst wurden – oder das Unfertige und Unvollständige in seiner Nacktheit stehenbleiben durfte.

Je mehr man sich allerdings mit einzelnen Objekten befasst, umso schmerzlicher vermisst man detailliertere Angaben: Wann wurden sie gebaut? Was an Substanz war noch vorhanden? Weshalb sind sie verfallen? Was hat es gekostet, sie wieder nutzbar zu machen? Wer davon sprechen möchte, wie den „Exzessen der Vergangenheit“ begegnet werden kann, der sollte sich nicht allein darauf verlassen, in Bildern und einigen wenigen Isometrien und Plänen die mittels einer oft raffinierten Ästhetik der Reparatur erzielten Ergebnisse vorzustellen, so vielversprechend diese auch sein mögen.

So bemerkt der Betrachter fast nebenbei: Kaum ein Projekt, das nicht vormachen würde, wie sich aus rohen Wänden und unverputztem Backstein, architektonisch Funken schlagen lassen. Keine Frage, aus dem Unfertigen erwächst ein besonderer Schick, und Ruinen entfalten ihren ganz eigenen Charme. Beides rückt etwas zu selbstverständlich in den Vordergrund. Erkennbar wird aber auch: Bei Ruinen handelt es sich gleichsam um Bauten, die in den Zustand des Unfertigen zurückgefallen sind, ohne dabei vom Charakter des Neuen und gerade Aktuellen beherrscht zu sein – und die erst deshalb gewürdigt, weitergedacht, umgebaut, erneuert werden können. Das Unfertige an ihnen, das zeigen viele der vorgestellten Beispiele, ist innig mit dem Prozess der Geschichte verschwistert. Auch wenn dieser so gewaltsam verläuft wie im Fall der spanischen Immobilienkrise. Nicht jede Bauruine hat eine so schöne Zukunft wie die hier präsentierten.

Spanischer Pavillon
15. Architekturbiennale Venedig
bis zum 27. November 2016

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