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Stadt-Schloss-Verein
von Thomas Wagner
26. Mai 2015
Wer schlechte Laune hat, aus welchen Grund auch immer, dem kommt es fast zwangsläufig so vor, als sei die ganze Welt und das Leben in ihr ein einziges Desaster. Woraus unweigerlich die Frage erwächst, wie diesem wenig zuträglichen Zustand beizukommen sei, ohne auf gängige Antidepressiva wie Gin zurückgreifen zu müssen, die bei der Einnahme größerer Mengen leicht ins Gegenteil dessen ausschlagen können, was sie verheißen. Lachen ist sicher die beste Methode, um sich der Düsternis zu entwinden. Doch leider kann schon das Gefühl, inmitten eines allgemeinen Desasters zu stehen als derart überwältigend empfunden werden, dass einem das Lachen gründlich vergeht, noch bevor es seine krampflösende Wirkung entfalten kann.

In solchen Fällen kann man sich an Menschen wie Constantin Boym halten. Boym, 1955 in Moskau geboren, dort und in Mailand zum Designer ausgebildet, hat mit seiner 1986 gegründeten Firma Boym Partners Inc in New York nach eigenen Angaben für Alessi, Authentics, Swatch und Flos gearbeitet. Er hat sich, was für uns wichtiger ist, aber auch durch eine, gemeinsam mit Laurene Leon Boym konzipierte Serie kleiner Architekturmodelle hervorgetan – die er „Buildings of Disaster“ genannt hat.

Ob der Reaktor auf Three Mile Island, das Federal Buildung in Oklahoma City, die Hütte des Unabombers oder die Twin Towers der World Trade Centers, Boym hat sich nicht gescheut, Gebäude, an denen sich menschliche Tragödien und Katastrophen abgespielt haben, ebenso in Souvenirs zu verwandeln wie das sonst nur mit dem Eiffelturm oder dem Kölner Dom geschieht. Jüngstes Beispiel: Das Haus in Abbottabad, in dem Osama Bin Laden 2011 von US Navy SEALs erschossen wurde.

Was nun all diese Gebäude angeht, so mögen sie schon zuvor berühmt, beachtet, ausgezeichnet gewesen oder vollkommen übersehen worden sein, was sich in ihnen abgespielt hat, veränderte alles und prägte sie dem kollektiven Gedächtnis für immer ein. Boym hat zweifellos ein Gespür für die Eigenart kollektiver Rituale der Erinnerung. Sein Faible für die Semantik unglücksbehafteter Objekte lässt ihn aber auch als jemanden erscheinen, der irgendwo zwischen Kritik und Ressentiment stecken geblieben ist. Wer seine „Desaster Buildings“ geschmacklos findet, wird vielleicht ausrufen: Klar, ein Russe! Vielleicht fängt er aber auch an, über den recht seltsamen Umgang des Menschen mit Gebäuden, Vergangenheit und Souvenirs nachzudenken.

Boyms Idee macht aber nicht nur nachdenklich, sie hat auch das Zeug dazu, weitergesponnen zu werden. Wer sagt denn, dass nur all jene Desastergebäude erwähnenswert sind, die Boym – und mit ihm eine globale Menge anderer Leute – mit Anschlägen, Verbrechen, Morden oder Unfällen verbinden. Nicht dass wir beim Betrachten der Miniaturen die Opfer und das Ausmaß der Desaster vergessen würden. Aber es gibt, sagen wir es bescheiden, unterhalb dieser existentiellen Eskalationsschwelle eben auch noch andere Architekturen des Desasters.

Sie ahnen es schon: Es sind solche, in denen sich zwar nichts Besonderes ereignet hat, die aber trotzdem aus dem einen oder anderen Grund desaströs genannt werden müssen. Wessen Phantasie nicht ganz eingerostet ist, dem werden vor seinem geistigen Auge sofort einige Gebäude erscheinen – je nach Lebensgeschichte, Geschmack, Erregbarkeit und Weltgegend ganz verschiedene. Und ich meine jetzt nicht irgendwelche Plattenbauten in Kirgisien, Sparkassen im Sauerland, die neue Altstadt von Frankfurt am Main oder eine der zahllosen Klötze in bundesdeutschen Industriegebieten – nein, über diese Kategorie reden wir hier nicht. Ich meine, nun, zum Beispiel, den Deutschen Dom in Berlin. Oder (seltsam, dass sich das architektonische Desaster gerade hier, mitten in Berlin, derart verdichtet; ob die Strahlung hier so schlecht ist?) das neuerbaute Berliner Stadtschloss, das, wie wir wissen, ja kein oder nur zum Teil wirklich ein Schloss ist – und auch nicht mehr als solches genutzt werden wird, jetzt wo der regierende Berliner (Party)-König Wowereit sein Amt aufgegeben hat.

Was eben dieses Stadtschloss angeht, so entstand – es ist schon viele Jahr her und reicht in jene Zeit zurück, als in den Feuilletons überhaupt zum ersten Mal über einen möglichen Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses diskutiert wurde – bei Gelegenheit einer Preisverleihung an einen Übersetzer und in Gegenwart eines bekannten Schauspielers, der überdies ein wunderbarer Autor und ein Freund des Übersetzers ist, der ebenfalls Schriftsteller und obendrein noch ein recht anarchischer Künstler ist, – also in Gegenwart solch wunderbarer Menschen entstand aus dem Geist des gemeinsamen Gesprächs folgende Idee: Wie wäre es, einen Verein zu gründen, dessen einziger Zweck der sofortige Wiederabriss des wieder aufgebauten Berliner Stadtschlosses wäre? Selbst wenn – und es ist noch nicht zu spät – das Vorhaben scheitern sollte: Es gibt auf der Welt sicher noch viele Gebäude, die es lohnten, durch so einen Verein gewürdigt zu werden. Womit ganz nebenbei etwas Licht auf eine Tätigkeit fällt, die man demokratisches Desastermanagement nennen könnte.

www.boym.com
www.sbs-humboldtforum.de

Das Building of Desaster "Osama Bin Laden House, Abbottabad, Pakistan, May 2, 2011" ist in limitierter Auflage hier erhältlich:
www.editions.boym.com

„The World Trade Center, September 11, 2001”, aus der Serie „Buildings of Disaster“ von Constantin Boym und Laurene Leon Boym, 1998-2008 © Constantin Boym, Laurene Leon Boym, Boym Partners Inc.
„Oklahoma City Federal Building, April 19, 1995”, aus der Serie „Buildings of Disaster“ von Constantin Boym und Laurene Leon Boym, 1998-2008 © Constantin Boym, Laurene Leon Boym, Boym Partners Inc.
„Three Mile Island”, aus der Serie „Buildings of Disaster“ von Constantin Boym und Laurene Leon Boym, 1998-2008 © Constantin Boym, Laurene Leon Boym, Boym Partners Inc.
„The Unabomber’s cabin, 1997”, aus der Serie „Buildings of Disaster“ von Constantin Boym und Laurene Leon Boym, 1998-2008 © Constantin Boym, Laurene Leon Boym, Boym Partners Inc.
„Osama Bin Laden House, Abbottabad, Pakistan, May 2, 2011”, aus der Serie „Buildings of Disaster“ von Constantin Boym und Laurene Leon Boym, 1998-2008 © Constantin Boym, Laurene Leon Boym, Boym Partners Inc.
Berliner Stadtschloss, Webcam-Aufnahme vom 17. Mai Foto © Stiftung Berliner Stadtschloss Humboldtforum
News & Stories › 2015 › Mai
Stadt-Schloss-Verein
von Thomas Wagner | 26. Mai 2015
Es gibt viele Gründe und manch furchtbare Geschichte, weshalb man ein Gebäude sofort wiedererkennt. Wie aber soll man damit umgehen? Und was hat das mit dem Berliner Stadtschloss zu tun?
Wer schlechte Laune hat, aus welchen Grund auch immer, dem kommt es fast zwangsläufig so vor, als sei die ganze Welt und das Leben in ihr ein einziges Desaster. Woraus unweigerlich die Frage erwächst, wie diesem wenig zuträglichen Zustand beizukommen sei, ohne auf gängige Antidepressiva wie Gin zurückgreifen zu müssen, die bei der Einnahme größerer Mengen leicht ins Gegenteil dessen ausschlagen können, was sie verheißen. Lachen ist sicher die beste Methode, um sich der Düsternis zu entwinden. Doch leider kann schon das Gefühl, inmitten eines allgemeinen Desasters zu stehen als derart überwältigend empfunden werden, dass einem das Lachen gründlich vergeht, noch bevor es seine krampflösende Wirkung entfalten kann.

In solchen Fällen kann man sich an Menschen wie Constantin Boym halten. Boym, 1955 in Moskau geboren, dort und in Mailand zum Designer ausgebildet, hat mit seiner 1986 gegründeten Firma Boym Partners Inc in New York nach eigenen Angaben für Alessi, Authentics, Swatch und Flos gearbeitet. Er hat sich, was für uns wichtiger ist, aber auch durch eine, gemeinsam mit Laurene Leon Boym konzipierte Serie kleiner Architekturmodelle hervorgetan – die er „Buildings of Disaster“ genannt hat.

Ob der Reaktor auf Three Mile Island, das Federal Buildung in Oklahoma City, die Hütte des Unabombers oder die Twin Towers der World Trade Centers, Boym hat sich nicht gescheut, Gebäude, an denen sich menschliche Tragödien und Katastrophen abgespielt haben, ebenso in Souvenirs zu verwandeln wie das sonst nur mit dem Eiffelturm oder dem Kölner Dom geschieht. Jüngstes Beispiel: Das Haus in Abbottabad, in dem Osama Bin Laden 2011 von US Navy SEALs erschossen wurde.

Was nun all diese Gebäude angeht, so mögen sie schon zuvor berühmt, beachtet, ausgezeichnet gewesen oder vollkommen übersehen worden sein, was sich in ihnen abgespielt hat, veränderte alles und prägte sie dem kollektiven Gedächtnis für immer ein. Boym hat zweifellos ein Gespür für die Eigenart kollektiver Rituale der Erinnerung. Sein Faible für die Semantik unglücksbehafteter Objekte lässt ihn aber auch als jemanden erscheinen, der irgendwo zwischen Kritik und Ressentiment stecken geblieben ist. Wer seine „Desaster Buildings“ geschmacklos findet, wird vielleicht ausrufen: Klar, ein Russe! Vielleicht fängt er aber auch an, über den recht seltsamen Umgang des Menschen mit Gebäuden, Vergangenheit und Souvenirs nachzudenken.

Boyms Idee macht aber nicht nur nachdenklich, sie hat auch das Zeug dazu, weitergesponnen zu werden. Wer sagt denn, dass nur all jene Desastergebäude erwähnenswert sind, die Boym – und mit ihm eine globale Menge anderer Leute – mit Anschlägen, Verbrechen, Morden oder Unfällen verbinden. Nicht dass wir beim Betrachten der Miniaturen die Opfer und das Ausmaß der Desaster vergessen würden. Aber es gibt, sagen wir es bescheiden, unterhalb dieser existentiellen Eskalationsschwelle eben auch noch andere Architekturen des Desasters.

Sie ahnen es schon: Es sind solche, in denen sich zwar nichts Besonderes ereignet hat, die aber trotzdem aus dem einen oder anderen Grund desaströs genannt werden müssen. Wessen Phantasie nicht ganz eingerostet ist, dem werden vor seinem geistigen Auge sofort einige Gebäude erscheinen – je nach Lebensgeschichte, Geschmack, Erregbarkeit und Weltgegend ganz verschiedene. Und ich meine jetzt nicht irgendwelche Plattenbauten in Kirgisien, Sparkassen im Sauerland, die neue Altstadt von Frankfurt am Main oder eine der zahllosen Klötze in bundesdeutschen Industriegebieten – nein, über diese Kategorie reden wir hier nicht. Ich meine, nun, zum Beispiel, den Deutschen Dom in Berlin. Oder (seltsam, dass sich das architektonische Desaster gerade hier, mitten in Berlin, derart verdichtet; ob die Strahlung hier so schlecht ist?) das neuerbaute Berliner Stadtschloss, das, wie wir wissen, ja kein oder nur zum Teil wirklich ein Schloss ist – und auch nicht mehr als solches genutzt werden wird, jetzt wo der regierende Berliner (Party)-König Wowereit sein Amt aufgegeben hat.

Was eben dieses Stadtschloss angeht, so entstand – es ist schon viele Jahr her und reicht in jene Zeit zurück, als in den Feuilletons überhaupt zum ersten Mal über einen möglichen Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses diskutiert wurde – bei Gelegenheit einer Preisverleihung an einen Übersetzer und in Gegenwart eines bekannten Schauspielers, der überdies ein wunderbarer Autor und ein Freund des Übersetzers ist, der ebenfalls Schriftsteller und obendrein noch ein recht anarchischer Künstler ist, – also in Gegenwart solch wunderbarer Menschen entstand aus dem Geist des gemeinsamen Gesprächs folgende Idee: Wie wäre es, einen Verein zu gründen, dessen einziger Zweck der sofortige Wiederabriss des wieder aufgebauten Berliner Stadtschlosses wäre? Selbst wenn – und es ist noch nicht zu spät – das Vorhaben scheitern sollte: Es gibt auf der Welt sicher noch viele Gebäude, die es lohnten, durch so einen Verein gewürdigt zu werden. Womit ganz nebenbei etwas Licht auf eine Tätigkeit fällt, die man demokratisches Desastermanagement nennen könnte.

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Das Building of Desaster "Osama Bin Laden House, Abbottabad, Pakistan, May 2, 2011" ist in limitierter Auflage hier erhältlich:
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