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Noch bis zum 14. September sind in der Ausstellung „Sitzen, Liegen, Schaukeln – Möbel von Thonet“ im Grassi Museum in Leipzig schwerpunktmäßig Sitzmöbel zu sehen, die zwischen Kriegsende und der Gegenwart entstanden und bisweilen zum unentdeckten Kapitel von Thonet gehören. Foto © Grassi Museum Leipzig
Thonetologie
von Thomas Edelmann
4. Mai 2014
Publikationen über Thonet füllen Regale, Sammlungen zur Geschichte und den Produkten des Unternehmens gehören zum musealen Standard-Repertoire überall auf der Welt. Sind bei einem so umfassend erforschten Themenfeld noch neue Erkenntnisse möglich? Kann eine Schau über historische Möbel inspirierend wirken? Und das in Zeiten der Digitalisierung und der Inflationierung des Neuen, die ständig auf neue Bilder aus ist, originale und analoge Gegenstände aber eher flüchtig zur Kenntnis nimmt? Hat die Gegenwart mehr zu bieten als etwa Alexander von Vegesack, Gerhard Bott oder Karl Mang in ihren wegweisenden Büchern und Ausstellungen über Thonet verdeutlichten? Die Probe aufs Exempel macht gegenwärtig das Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, das noch bis 14. September die Ausstellung „Sitzen, Liegen, Schaukeln – Möbel von Thonet“ zeigt.

Berühmt trifft Unbekannt

Wie der Titel sagt, wird damit eine Beschränkung angedeutet, die Tische, Sekretäre, Regale und andere Möbeltypen ausblendet. Sollen Besucher einen bleibenden Eindruck erhalten, sind thematische Begrenzung und Beschränkung nicht unwesentlich.

Um es vorweg zu sagen, dies ist keine jener Präsentationen, bei der sich eine aktuelle Marke ins Museum einkauft, um im musealen Kontext besonderen Ruhm einzuheimsen. Allerdings hat Thonet den Museumsleuten Archive geöffnet, um Unterlagen und Möbel zeitweise ans Licht der Öffentlichkeit holen. Anderes wäre hier auch kaum plausibel, denn wie Designer Verner Panton einst bemerkte: „Thonet-Stühle stehen in Palästen, Villen und in der kleinen Bar um die Ecke. Es sind wohl die einzigen Stühle, die wirklich weltberühmt sind.“ Trifft man also im Museum alte Bekannte?

Kuratorin Sabine Epple ging einen anderen Weg. Einige bekannte Objekte der Industrie- und Designgeschichte gehören zu den 130 Exponaten, wenige stammen aus Beständen des Grassi-Museums, historische Stücke steuerten das Vitra Design Museum und der Sammler Wolfgang Thillmann bei. Vorwiegend aber zeigt die Schau Thonet-Leihgaben, und zwar Neuentwicklungen, die zwischen Kriegsende und der Gegenwart entstanden. Ging es in anderen Ausstellungen darum, historische Entwicklungen zu verdeutlichen, die Basisinnovationen der Möbelproduktion nachzuzeichnen, die Thonet zwar nicht erfunden, aber perfektioniert und zum internationalen Durchbruch gebracht hat, wird hier ein nahezu ungefiltertes Panorama der Jahre 1945 bis 2013 ausgebreitet. Epple nimmt das westdeutsche Nachkriegsdesign der Marke in den Blick. Hier gibt es durchaus Entdeckungen zu machen. Neben heute geläufigen Namen wie James Irvine, Konstantin Grcic, Stefan Diez oder Piero Lissoni kann man in der Ausstellung eine Generation von Nachkriegsdesignern wiederentdecken, die längst in Vergessenheit geraten ist. So schufen etwa Hanno von Gustedt, Edelhard („Eddi“) Harlis oder Eduard Levsen, um nur wenige zu nennen, zeittypische, oftmals beachtenswerte Entwürfe mit feinen Details. Es sind Möbel, die bislang eher bei Online-Auktionshäusern als im musealen Kontext Beachtung fanden. Auch Pioniertaten wie der Stapelstuhl „Flex“ von Gerd Lange, der Anfang der 1970er Jahre Buchenholz mit einer Polypropylen-Schale verband, werden gezeigt; ebenso die kühnen Sitzobjekte und Systemmöbel von Verner Panton für Thonet, die nicht zu nachhaltiger Berühmtheit gelangten.

Blick auf die Tafelrunde

Sie alle gruppierte man in Leipzig zu imaginären Tischgesellschaften, die nicht chronologisch, sondern nach Materialität und Funktion geordnet sind. Im ersten abgedunkelten Raum stehen die Stühle ebenerdig vor leuchtenden Tischelementen. Die meisten wenden ihre Rückseite dem Betrachter zu. So angenehm die geringe Distanz zu den Exponaten ist, so schwer sind sie im Detail zu analysieren. Es ist ratsam, in die Hocke zu gehen und nicht von oben herab auf die Stühle zu blicken. Denn gerade das visuelle Abtasten konstruktiver Details macht Ausstellungen wie diese unverzichtbar. Manch’ kurioses Möbel, das sich hier eingeschlichen hat, wäre entbehrlich. Der Präsentation gelingt es, formale Bezüge und Verwandtschaften zwischen Möbeln verschiedener Perioden herzustellen, etwa zwischen dem von Ferdinand Kramer entworfenen Stuhl „B 403“ mit sattelartiger Sitzfläche von 1927 und dem Modell „404“ von Stefan Diez aus dem Jahr 2007. Auch die Gegenüberstellung von Gerd Langes Bürostuhl „Flex-Turn“ von 1982 mit dem „Loop Chair“ von James Irvine aus dem Jahr 2001 ist durchaus reizvoll. Im zweiten Saal der Ausstellung lichtet sich die Szenerie ein wenig. Hier sind es thematische Gruppen von Gartenmöbeln über Polstermöbel, Liegen bis hin zu Schaukelstühlen und Kindermöbeln, die einen neuen Blick auf die Traditionsmarke erlauben.

Allerdings gehen in dieser fröhlichen Stuhlphänomenologie andere Zusammenhänge, etwa der Einsatzgebiete der Möbel, ihrer Zeitumstände, des wirtschaftlichen Kontextes sowie von Produktion und Vermarktung, eher unter. Dies gilt umso mehr für den Katalog, der lediglich zwei Aufsätze enthält. Neben dem einleitenden Beitrag von Kuratorin Epple, der anders als die Ausstellung chronologisch argumentiert, und dem Beitrag von Sammler Thillmann, der die produktionstechnische Evolution der Bugholzmöbel darstellt, besteht das Buch aus einem 145 Seiten starken Möbelkatalog. Wie in einem Werk zur Insektenbestimmung wird nahezu jedes Sitzmöbel steckbriefartig vorgestellt, das Thonet zwischen 1945 und heute auf den Markt brachte. Für Thonetologen mögen sich hier wichtige neue Quellen ergeben, für den Rest der Menschheit ist das grafisch lieblos aufbereitete Sammelsurium aus Reihen-, Polster-, Kufen-, Stil- und Armlehnstühlen in erster Linie unübersichtlich.

Wassily ist nicht gleich Wassily

In der Ausstellung warten auf den hoch motivierten, vorinformierten Betrachter Entdeckungen. Denn nicht nur der legendäre Stuhl „No. 14“ von 1859 oder spektakuläre Objekte wie die Wiege oder das Schlafsofa aus Bugholz sind an Ort und Stelle, sondern auch Möbel, die heute zwar weltbekannt, aber nicht mehr mit Thonet assoziiert werden. Dazu gehören etwa die „Sitzmaschine“ von Josef Hoffmann (heute bei Wittmann in Produktion), die hier in einer Version von 1905 von Jakob & Josef Kohn zu sehen ist, oder der „Wassily“ genannte Clubsessel von Marcel Breuer, der 1925 entstand. Zunächst in Kleinserie am Bauhaus Dessau gefertigt, produzierte ihn die Firma Standard-Möbel um 1927, bevor Thonet 1930 die Produktion übernahm. 1960 vergab Breuer die Rechte zur Re-Edition des Sessels an Diego Gavina, von diesem übernahm Knoll International 1968 die Herstellung. Mit jedem neuen Produzenten gab es Veränderungen in Konstruktion und Materialität. 2003 zeichnete die große Breuer-Ausstellung des Vitra Design Museums die Geschichte detailliert nach und machte deutlich: „Wassily“ ist nicht gleich „Wassily“. Auch Möbel von Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand aus dem Jahr 1929 sind in Leipzig dabei, gehören sie denn nicht ins Portfolio von Cassina? Doch schon! Allerdings erst seit ihrer Neuauflage Mitte der 1960er Jahre. Zuvor wurde die Liege „B 306“ von Heidi Weber und von Embru in der Schweiz in Lizenz gefertigt, um 1930 war sie wie der Drehsessel „B 302“ im Programm des französischen Unternehmenszweigs Thonet Frères in Paris. Auch der verstellbare „Siesta“-Chair von Hans Luckhardt (1936 patentiert) ist weit mehr als nur ein Kuriosum. Luckhardt beschäftigte sich über mehrere Jahrzehnte mit stufenlos verstellbaren Liegen, die Berufstätigen den entspannenden Kurzschlaf ermöglichen sollten. Ärzte bestätigten die Wirksamkeit. Und so durften sich Arbeiter und Angestellte entspannen, in erster Linie um deren Produktivität zu steigern.

Insgesamt ist die Leipziger Thonet-Ausstellung empfehlenswert. Auch ein Ausflug in die Dauerausstellung, mindestens der Abteilung „Jugendstil bis zur Gegenwart“, lohnt. Noch immer aber zeigt sich, dass für die Präsentation von Design nach überzeugenden Formen gesucht wird, aktuelle Darstellungsmöglichkeiten einzubinden, ohne aufdringlich zu wirken. Selbst traditionsreiche und bedeutende Institutionen wie das Grassi-Museum haben leider noch immer nicht die nötige finanzielle Ausstattung, um in einer zunehmend digitalen Gegenwart komplexe Zusammenhänge überzeugend darstellen zu können. Thonet ist inspirierend – ganz gleich, ob es um Wirtschafts- und Kulturgeschichte, Marketing und Design geht. Insofern wäre eine Ausstellung, die weniger Möbel zeigt und präzisere Schlaglichter wirft, vielleicht noch interessanter. Diese Firmen- und Familiensaga ist nie zu Ende erzählt.


„Sitzen, Liegen, Schaukeln – Möbel von Thonet“
Vom 17.04. bis 14.09.2014
Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig
www.grassimuseum.de

Katalog zu Ausstellung:
„Sitzen, Liegen, Schaukeln – Möbel von Thonet“
Hrsg. Grassi Museum für Angewandte Kunst
224 Seiten
Kerber Verlag, April 2014
44 Euro
www.grassi-shop.de

www.thonet.de
www.thillmann-collection.de


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Im Universum der Stühle: Trotz vieler technischer Neuerungen dominiert momentan die Vorstellung des Substanziellen und Supernormalen.
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Verner Panton für Thonet: Stuhl „270 F“, um 1965/66. Foto © Constantin Meyer
Mehr als ein Kuriosum: Liegestuhl „Siesta“ von Hans Luckhardt, 1936. Foto © Constantin Meyer
Bislang eher bei Online-Auktionshäusern zu finden: Gartenschaukelstuhl „ST 459“ von Hanno von Gustedt, 1958/59. Foto © Constantin Meyer
Pionierwerk: Stapelstuhl „Flex“ von Gerd Lange, vor 1974, aus Buchenholz mit einer Polypropylen-Schale. Foto © Constantin Meyer
Auch ein eher unbekanntes Kapitel: Polstermöbel von Thonet, etwa der „ST 683“ von Edelhard („Eddi“) Harlis, 1956. Foto © Constantin Meyer
Seit 2007 ergänzt der „404” von Stefan Diez das Portfolio. Foto © Constantin Meyer
Insgesamt 130 Exponate aus Beständen des Grassi-Museums, des Vitra Design Museums und der Sammlung Thillmann sind in Leipzig zu sehen. Foto © Grassi Museum Leipzig
Produkte
Thonet: 130 @ Stylepark
Thonet
130
Naoto Fukasawa
Thonet: 210 R @ Stylepark
Thonet
210 R
Thonet
Thonet: S 843 @ Stylepark
Thonet
S 843
Lepper Schmidt Sommerlade
Thonet: S 5002 @ Stylepark
Thonet
S 5002
James Irvine
Thonet: S 361 @ Stylepark
Thonet
S 361
Delphin Design
Thonet: 214 @ Stylepark
Thonet
214
Thonet
Thonet: 214 K @ Stylepark
Thonet
214 K
Thonet
Thonet: S 411 @ Stylepark
Thonet
S 411
Thonet
Thonet: S 60 @ Stylepark
Thonet
S 60
Glen Oliver Löw
Thonet: 404 H @ Stylepark
Thonet
404 H
Stefan Diez
Thonet: S 35 @ Stylepark
Thonet
S 35
Marcel Breuer
Thonet: S 533 R @ Stylepark
Thonet
S 533 R
Ludwig Mies van der Rohe
Thonet: 404 F @ Stylepark
Thonet
404 F
Stefan Diez
Thonet: S 43 @ Stylepark
Thonet
S 43
Mart Stam
News & Stories › 2014 › Mai
Thonetologie
von Thomas Edelmann | 4. Mai 2014
Kann eine Schau über Thonet neue Erkentnisse bringen? Das Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig zeigt noch bis 14. September in „Sitzen, Liegen, Schaukeln – Möbel von Thonet“, welche Kapitel es in der „Saga Thonet“ noch zu entdecken gibt.
Publikationen über Thonet füllen Regale, Sammlungen zur Geschichte und den Produkten des Unternehmens gehören zum musealen Standard-Repertoire überall auf der Welt. Sind bei einem so umfassend erforschten Themenfeld noch neue Erkenntnisse möglich? Kann eine Schau über historische Möbel inspirierend wirken? Und das in Zeiten der Digitalisierung und der Inflationierung des Neuen, die ständig auf neue Bilder aus ist, originale und analoge Gegenstände aber eher flüchtig zur Kenntnis nimmt? Hat die Gegenwart mehr zu bieten als etwa Alexander von Vegesack, Gerhard Bott oder Karl Mang in ihren wegweisenden Büchern und Ausstellungen über Thonet verdeutlichten? Die Probe aufs Exempel macht gegenwärtig das Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, das noch bis 14. September die Ausstellung „Sitzen, Liegen, Schaukeln – Möbel von Thonet“ zeigt.

Berühmt trifft Unbekannt

Wie der Titel sagt, wird damit eine Beschränkung angedeutet, die Tische, Sekretäre, Regale und andere Möbeltypen ausblendet. Sollen Besucher einen bleibenden Eindruck erhalten, sind thematische Begrenzung und Beschränkung nicht unwesentlich.

Um es vorweg zu sagen, dies ist keine jener Präsentationen, bei der sich eine aktuelle Marke ins Museum einkauft, um im musealen Kontext besonderen Ruhm einzuheimsen. Allerdings hat Thonet den Museumsleuten Archive geöffnet, um Unterlagen und Möbel zeitweise ans Licht der Öffentlichkeit holen. Anderes wäre hier auch kaum plausibel, denn wie Designer Verner Panton einst bemerkte: „Thonet-Stühle stehen in Palästen, Villen und in der kleinen Bar um die Ecke. Es sind wohl die einzigen Stühle, die wirklich weltberühmt sind.“ Trifft man also im Museum alte Bekannte?

Kuratorin Sabine Epple ging einen anderen Weg. Einige bekannte Objekte der Industrie- und Designgeschichte gehören zu den 130 Exponaten, wenige stammen aus Beständen des Grassi-Museums, historische Stücke steuerten das Vitra Design Museum und der Sammler Wolfgang Thillmann bei. Vorwiegend aber zeigt die Schau Thonet-Leihgaben, und zwar Neuentwicklungen, die zwischen Kriegsende und der Gegenwart entstanden. Ging es in anderen Ausstellungen darum, historische Entwicklungen zu verdeutlichen, die Basisinnovationen der Möbelproduktion nachzuzeichnen, die Thonet zwar nicht erfunden, aber perfektioniert und zum internationalen Durchbruch gebracht hat, wird hier ein nahezu ungefiltertes Panorama der Jahre 1945 bis 2013 ausgebreitet. Epple nimmt das westdeutsche Nachkriegsdesign der Marke in den Blick. Hier gibt es durchaus Entdeckungen zu machen. Neben heute geläufigen Namen wie James Irvine, Konstantin Grcic, Stefan Diez oder Piero Lissoni kann man in der Ausstellung eine Generation von Nachkriegsdesignern wiederentdecken, die längst in Vergessenheit geraten ist. So schufen etwa Hanno von Gustedt, Edelhard („Eddi“) Harlis oder Eduard Levsen, um nur wenige zu nennen, zeittypische, oftmals beachtenswerte Entwürfe mit feinen Details. Es sind Möbel, die bislang eher bei Online-Auktionshäusern als im musealen Kontext Beachtung fanden. Auch Pioniertaten wie der Stapelstuhl „Flex“ von Gerd Lange, der Anfang der 1970er Jahre Buchenholz mit einer Polypropylen-Schale verband, werden gezeigt; ebenso die kühnen Sitzobjekte und Systemmöbel von Verner Panton für Thonet, die nicht zu nachhaltiger Berühmtheit gelangten.

Blick auf die Tafelrunde

Sie alle gruppierte man in Leipzig zu imaginären Tischgesellschaften, die nicht chronologisch, sondern nach Materialität und Funktion geordnet sind. Im ersten abgedunkelten Raum stehen die Stühle ebenerdig vor leuchtenden Tischelementen. Die meisten wenden ihre Rückseite dem Betrachter zu. So angenehm die geringe Distanz zu den Exponaten ist, so schwer sind sie im Detail zu analysieren. Es ist ratsam, in die Hocke zu gehen und nicht von oben herab auf die Stühle zu blicken. Denn gerade das visuelle Abtasten konstruktiver Details macht Ausstellungen wie diese unverzichtbar. Manch’ kurioses Möbel, das sich hier eingeschlichen hat, wäre entbehrlich. Der Präsentation gelingt es, formale Bezüge und Verwandtschaften zwischen Möbeln verschiedener Perioden herzustellen, etwa zwischen dem von Ferdinand Kramer entworfenen Stuhl „B 403“ mit sattelartiger Sitzfläche von 1927 und dem Modell „404“ von Stefan Diez aus dem Jahr 2007. Auch die Gegenüberstellung von Gerd Langes Bürostuhl „Flex-Turn“ von 1982 mit dem „Loop Chair“ von James Irvine aus dem Jahr 2001 ist durchaus reizvoll. Im zweiten Saal der Ausstellung lichtet sich die Szenerie ein wenig. Hier sind es thematische Gruppen von Gartenmöbeln über Polstermöbel, Liegen bis hin zu Schaukelstühlen und Kindermöbeln, die einen neuen Blick auf die Traditionsmarke erlauben.

Allerdings gehen in dieser fröhlichen Stuhlphänomenologie andere Zusammenhänge, etwa der Einsatzgebiete der Möbel, ihrer Zeitumstände, des wirtschaftlichen Kontextes sowie von Produktion und Vermarktung, eher unter. Dies gilt umso mehr für den Katalog, der lediglich zwei Aufsätze enthält. Neben dem einleitenden Beitrag von Kuratorin Epple, der anders als die Ausstellung chronologisch argumentiert, und dem Beitrag von Sammler Thillmann, der die produktionstechnische Evolution der Bugholzmöbel darstellt, besteht das Buch aus einem 145 Seiten starken Möbelkatalog. Wie in einem Werk zur Insektenbestimmung wird nahezu jedes Sitzmöbel steckbriefartig vorgestellt, das Thonet zwischen 1945 und heute auf den Markt brachte. Für Thonetologen mögen sich hier wichtige neue Quellen ergeben, für den Rest der Menschheit ist das grafisch lieblos aufbereitete Sammelsurium aus Reihen-, Polster-, Kufen-, Stil- und Armlehnstühlen in erster Linie unübersichtlich.

Wassily ist nicht gleich Wassily

In der Ausstellung warten auf den hoch motivierten, vorinformierten Betrachter Entdeckungen. Denn nicht nur der legendäre Stuhl „No. 14“ von 1859 oder spektakuläre Objekte wie die Wiege oder das Schlafsofa aus Bugholz sind an Ort und Stelle, sondern auch Möbel, die heute zwar weltbekannt, aber nicht mehr mit Thonet assoziiert werden. Dazu gehören etwa die „Sitzmaschine“ von Josef Hoffmann (heute bei Wittmann in Produktion), die hier in einer Version von 1905 von Jakob & Josef Kohn zu sehen ist, oder der „Wassily“ genannte Clubsessel von Marcel Breuer, der 1925 entstand. Zunächst in Kleinserie am Bauhaus Dessau gefertigt, produzierte ihn die Firma Standard-Möbel um 1927, bevor Thonet 1930 die Produktion übernahm. 1960 vergab Breuer die Rechte zur Re-Edition des Sessels an Diego Gavina, von diesem übernahm Knoll International 1968 die Herstellung. Mit jedem neuen Produzenten gab es Veränderungen in Konstruktion und Materialität. 2003 zeichnete die große Breuer-Ausstellung des Vitra Design Museums die Geschichte detailliert nach und machte deutlich: „Wassily“ ist nicht gleich „Wassily“. Auch Möbel von Le Corbusier, Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand aus dem Jahr 1929 sind in Leipzig dabei, gehören sie denn nicht ins Portfolio von Cassina? Doch schon! Allerdings erst seit ihrer Neuauflage Mitte der 1960er Jahre. Zuvor wurde die Liege „B 306“ von Heidi Weber und von Embru in der Schweiz in Lizenz gefertigt, um 1930 war sie wie der Drehsessel „B 302“ im Programm des französischen Unternehmenszweigs Thonet Frères in Paris. Auch der verstellbare „Siesta“-Chair von Hans Luckhardt (1936 patentiert) ist weit mehr als nur ein Kuriosum. Luckhardt beschäftigte sich über mehrere Jahrzehnte mit stufenlos verstellbaren Liegen, die Berufstätigen den entspannenden Kurzschlaf ermöglichen sollten. Ärzte bestätigten die Wirksamkeit. Und so durften sich Arbeiter und Angestellte entspannen, in erster Linie um deren Produktivität zu steigern.

Insgesamt ist die Leipziger Thonet-Ausstellung empfehlenswert. Auch ein Ausflug in die Dauerausstellung, mindestens der Abteilung „Jugendstil bis zur Gegenwart“, lohnt. Noch immer aber zeigt sich, dass für die Präsentation von Design nach überzeugenden Formen gesucht wird, aktuelle Darstellungsmöglichkeiten einzubinden, ohne aufdringlich zu wirken. Selbst traditionsreiche und bedeutende Institutionen wie das Grassi-Museum haben leider noch immer nicht die nötige finanzielle Ausstattung, um in einer zunehmend digitalen Gegenwart komplexe Zusammenhänge überzeugend darstellen zu können. Thonet ist inspirierend – ganz gleich, ob es um Wirtschafts- und Kulturgeschichte, Marketing und Design geht. Insofern wäre eine Ausstellung, die weniger Möbel zeigt und präzisere Schlaglichter wirft, vielleicht noch interessanter. Diese Firmen- und Familiensaga ist nie zu Ende erzählt.


„Sitzen, Liegen, Schaukeln – Möbel von Thonet“
Vom 17.04. bis 14.09.2014
Grassi Museum für Angewandte Kunst, Leipzig
www.grassimuseum.de

Katalog zu Ausstellung:
„Sitzen, Liegen, Schaukeln – Möbel von Thonet“
Hrsg. Grassi Museum für Angewandte Kunst
224 Seiten
Kerber Verlag, April 2014
44 Euro
www.grassi-shop.de

www.thonet.de
www.thillmann-collection.de


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(30. Oktober 2011)

Sushi trifft Sauerkraut: Wenn sich zwei Marken zusammentun, ist Überraschendes zu erwarten: Thonet und Muji haben auf der Tokyo Design Week ihre Zusammenarbeit vorgestellt.
(15. Februar 2009)