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Publikationen über Thonet füllen Regale, Sammlungen zur Geschichte und den
Produkten des Unternehmens gehören zum musealen Standard-Repertoire überall auf
der Welt. Sind bei einem so umfassend erforschten Themenfeld noch neue
Erkenntnisse möglich? Kann eine Schau über historische Möbel inspirierend
wirken? Und das in Zeiten der Digitalisierung und der Inflationierung des
Neuen, die ständig auf neue Bilder aus ist, originale und analoge Gegenstände
aber eher flüchtig zur Kenntnis nimmt? Hat die Gegenwart mehr zu bieten als
etwa Alexander von Vegesack, Gerhard Bott oder Karl Mang in ihren wegweisenden
Büchern und Ausstellungen über Thonet verdeutlichten? Die Probe aufs Exempel
macht gegenwärtig das Grassi Museum für Angewandte Kunst in Leipzig, das noch
bis 14. September die Ausstellung „Sitzen, Liegen, Schaukeln – Möbel von
Thonet“ zeigt.

Berühmt trifft Unbekannt

Wie der Titel sagt, wird damit eine Beschränkung angedeutet, die Tische,
Sekretäre, Regale und andere Möbeltypen ausblendet. Sollen Besucher einen
bleibenden Eindruck erhalten, sind thematische Begrenzung und Beschränkung
nicht unwesentlich.

Um es vorweg zu sagen, dies ist keine jener Präsentationen, bei der sich
eine aktuelle Marke ins Museum einkauft, um im musealen Kontext besonderen Ruhm
einzuheimsen. Allerdings hat Thonet den Museumsleuten Archive geöffnet, um
Unterlagen und Möbel zeitweise ans Licht der Öffentlichkeit holen. Anderes wäre
hier auch kaum plausibel, denn wie Designer Verner Panton einst bemerkte:
„Thonet-Stühle stehen in Palästen, Villen und in der kleinen Bar um die Ecke.
Es sind wohl die einzigen Stühle, die wirklich weltberühmt sind.“ Trifft man
also im Museum alte Bekannte?

Kuratorin Sabine Epple ging einen anderen Weg. Einige bekannte Objekte der
Industrie- und Designgeschichte gehören zu den 130 Exponaten, wenige stammen
aus Beständen des Grassi-Museums, historische Stücke steuerten das Vitra Design
Museum und der Sammler Wolfgang Thillmann bei. Vorwiegend aber zeigt die Schau
Thonet-Leihgaben, und zwar Neuentwicklungen, die zwischen Kriegsende und der
Gegenwart entstanden. Ging es in anderen Ausstellungen darum, historische Entwicklungen
zu verdeutlichen, die Basisinnovationen der Möbelproduktion nachzuzeichnen, die
Thonet zwar nicht erfunden, aber perfektioniert und zum internationalen
Durchbruch gebracht hat, wird hier ein nahezu ungefiltertes Panorama der Jahre
1945 bis 2013 ausgebreitet. Epple nimmt das westdeutsche Nachkriegsdesign der
Marke in den Blick. Hier gibt es durchaus Entdeckungen zu machen. Neben heute
geläufigen Namen wie James Irvine, Konstantin Grcic, Stefan Diez oder Piero
Lissoni kann man in der Ausstellung eine Generation von Nachkriegsdesignern
wiederentdecken, die längst in Vergessenheit geraten ist. So schufen etwa Hanno
von Gustedt, Edelhard („Eddi“) Harlis oder Eduard Levsen, um nur wenige zu
nennen, zeittypische, oftmals beachtenswerte Entwürfe mit feinen Details. Es
sind Möbel, die bislang eher bei Online-Auktionshäusern als im musealen Kontext
Beachtung fanden. Auch Pioniertaten wie der Stapelstuhl „Flex“ von Gerd Lange,
der Anfang der 1970er Jahre Buchenholz mit einer Polypropylen-Schale verband, werden
gezeigt; ebenso die kühnen Sitzobjekte und Systemmöbel von Verner Panton für
Thonet, die nicht zu nachhaltiger Berühmtheit gelangten.

Blick auf die Tafelrunde

Sie alle gruppierte man in Leipzig zu imaginären Tischgesellschaften, die
nicht chronologisch, sondern nach Materialität und Funktion geordnet sind. Im
ersten abgedunkelten Raum stehen die Stühle ebenerdig vor leuchtenden
Tischelementen. Die meisten wenden ihre Rückseite dem Betrachter zu. So
angenehm die geringe Distanz zu den Exponaten ist, so schwer sind sie im Detail
zu analysieren. Es ist ratsam, in die Hocke zu gehen und nicht von oben herab
auf die Stühle zu blicken. Denn gerade das visuelle Abtasten konstruktiver
Details macht Ausstellungen wie diese unverzichtbar. Manch’ kurioses Möbel, das
sich hier eingeschlichen hat, wäre entbehrlich. Der Präsentation gelingt es,
formale Bezüge und Verwandtschaften zwischen Möbeln verschiedener Perioden
herzustellen, etwa zwischen dem von Ferdinand Kramer entworfenen Stuhl „B 403“
mit sattelartiger Sitzfläche von 1927 und dem Modell „404“ von Stefan Diez aus
dem Jahr 2007. Auch die Gegenüberstellung von Gerd Langes Bürostuhl „Flex-Turn“
von 1982 mit dem „Loop Chair“ von James Irvine aus dem Jahr 2001 ist durchaus
reizvoll. Im zweiten Saal der Ausstellung lichtet sich die Szenerie ein wenig.
Hier sind es thematische Gruppen von Gartenmöbeln über Polstermöbel, Liegen bis
hin zu Schaukelstühlen und Kindermöbeln, die einen neuen Blick auf die
Traditionsmarke erlauben.

Allerdings gehen in dieser fröhlichen Stuhlphänomenologie andere
Zusammenhänge, etwa der Einsatzgebiete der Möbel, ihrer Zeitumstände, des
wirtschaftlichen Kontextes sowie von Produktion und Vermarktung, eher unter.
Dies gilt umso mehr für den Katalog, der lediglich zwei Aufsätze enthält. Neben
dem einleitenden Beitrag von Kuratorin Epple, der anders als die Ausstellung
chronologisch argumentiert, und dem Beitrag von Sammler Thillmann, der die
produktionstechnische Evolution der Bugholzmöbel darstellt, besteht das Buch
aus einem 145 Seiten starken Möbelkatalog. Wie in einem Werk zur
Insektenbestimmung wird nahezu jedes Sitzmöbel steckbriefartig vorgestellt, das
Thonet zwischen 1945 und heute auf den Markt brachte. Für Thonetologen mögen
sich hier wichtige neue Quellen ergeben, für den Rest der Menschheit ist das
grafisch lieblos aufbereitete Sammelsurium aus Reihen-, Polster-, Kufen-, Stil-
und Armlehnstühlen in erster Linie unübersichtlich.


Wassily ist nicht gleich Wassily


In der Ausstellung warten auf den hoch motivierten, vorinformierten
Betrachter Entdeckungen. Denn nicht nur der legendäre Stuhl „No. 14“ von 1859
oder spektakuläre Objekte wie die Wiege oder das Schlafsofa aus Bugholz sind an
Ort und Stelle, sondern auch Möbel, die heute zwar weltbekannt, aber nicht mehr
mit Thonet assoziiert werden. Dazu gehören etwa die „Sitzmaschine“ von Josef
Hoffmann (heute bei Wittmann in Produktion), die hier in einer Version von 1905
von Jakob & Josef Kohn zu sehen ist, oder der „Wassily“ genannte Clubsessel
von Marcel Breuer, der 1925 entstand. Zunächst in Kleinserie am Bauhaus Dessau
gefertigt, produzierte ihn die Firma Standard-Möbel um 1927, bevor Thonet 1930
die Produktion übernahm. 1960 vergab Breuer die Rechte zur Re-Edition des
Sessels an Diego Gavina, von diesem übernahm Knoll International 1968 die Herstellung.
Mit jedem neuen Produzenten gab es Veränderungen in Konstruktion und
Materialität. 2003 zeichnete die große Breuer-Ausstellung des Vitra Design
Museums die Geschichte detailliert nach und machte deutlich: „Wassily“ ist
nicht gleich „Wassily“. Auch Möbel von Le Corbusier, Pierre Jeanneret und
Charlotte Perriand aus dem Jahr 1929 sind in Leipzig dabei, gehören sie denn
nicht ins Portfolio von Cassina? Doch schon! Allerdings erst seit ihrer
Neuauflage Mitte der 1960er Jahre. Zuvor wurde die Liege „B 306“ von Heidi
Weber und von Embru in der Schweiz in Lizenz gefertigt, um 1930 war sie wie der
Drehsessel „B 302“ im Programm des französischen Unternehmenszweigs Thonet
Frères in Paris. Auch der verstellbare „Siesta“-Chair von Hans Luckhardt (1936
patentiert) ist weit mehr als nur ein Kuriosum. Luckhardt beschäftigte sich
über mehrere Jahrzehnte mit stufenlos verstellbaren Liegen, die Berufstätigen
den entspannenden Kurzschlaf ermöglichen sollten. Ärzte bestätigten die
Wirksamkeit. Und so durften sich Arbeiter und Angestellte entspannen, in erster
Linie um deren Produktivität zu steigern.

Insgesamt ist die Leipziger Thonet-Ausstellung empfehlenswert. Auch ein
Ausflug in die Dauerausstellung, mindestens der Abteilung „Jugendstil bis zur
Gegenwart“, lohnt. Noch immer aber zeigt sich, dass für die Präsentation von
Design nach überzeugenden Formen gesucht wird, aktuelle
Darstellungsmöglichkeiten einzubinden, ohne aufdringlich zu wirken. Selbst
traditionsreiche und bedeutende Institutionen wie das Grassi-Museum haben
leider noch immer nicht die nötige finanzielle Ausstattung, um in einer
zunehmend digitalen Gegenwart komplexe Zusammenhänge überzeugend darstellen zu
können. Thonet ist inspirierend – ganz gleich, ob es um Wirtschafts- und
Kulturgeschichte, Marketing und Design geht. Insofern wäre eine Ausstellung,
die weniger Möbel zeigt und präzisere Schlaglichter wirft, vielleicht noch
interessanter. Diese Firmen- und Familiensaga ist nie zu Ende erzählt.