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Über den Umgang mit Freiräumen und Leerstand
von Sandra Hofmeister | 4. September 2010
Frankreich steht schon lange für Zukunft. Als sich der Rest des Kontinents noch im vordigitalen Dornröschenschlaf befand, waren in der Grande Nation bereits Minitel, Türschlösser mit Nummerncode und öffentliche Telefonzellen üblich, die wie Weltraumkabinen aussahen und deren Apparate nur mit speziellen Karten bedient werden konnten. Zukunft hat einen festen Platz in der französischen Gesellschaft - spätestens seit Georges Pompidou ist sie auch in der Architektur und im Design zur präsidialen Chefsache avanciert. Es wundert deshalb kaum, dass auch der französische Pavillon der aktuellen Architekturbiennale sich der Zukunft widmet: Dominique Perrault, der den Pavillon kuratiert hat, stellt relevante Fragen an die Stadt von Morgen und setzt gleichzeitig voraus, dass Marseille, Paris, Bordeaux, Lyon und Nantes nicht mehr als getrennte Städte sondern als eine große Metropole wahrgenommen werden.

Leben in Zwischenräumen

Das kleine Vestibül des Pavillons ist mit langen roten Kunststoffstreifen in einen sonnengeschützten Vorraum verwandelt. In den hohen Innenräumen tauchen die Besucher sodann in eine abgedunkelte Welt mit großen Videoübertragungen ein, deren Bilder, Musik und Geräusche auf suggestive Art die Welt der Großstadt präsentieren. Das Thema - „Metropolis?" - wird dabei durch Emotionen lebendig: in den Freiräumen der Städte, auf Straßen und Plätzen, die die Menschen auf unterschiedliche Art für sich vereinnahmen, auf den Autobahnringen, den Märkten, auf Demonstrationen und in U-Bahnstationen an der Peripherie.

Für Dominique Perrault ist die Substanz der Metropole nicht die Architektur, sondern es sind die Menschen und die Freiräume in der Stadt - „People meet in architecture" heißt das Motto der diesjährigen Biennale. Perrault hat diesen Kernsatz nicht mittels Modellen oder konkreten Zukunftsvisionen umgesetzt. Was er zeigt, ist eine grundsätzliche Haltung, die nah am Menschen bleibt, Gebäude und Räume aus dessen Perspektive wiedergibt und sich den entscheidenden Fragen der Zukunft stellt: Wie geht es weiter mit den Freiräumen? Wie kann die Peripherie unserer Metropolen wiederbelebt werden?

Perrault macht in seinen Videoinstallationen die Substanz der Metropole sichtbar, er zeigt ihre empathische Essenz, geht ihrem Rhythmus nach und macht durch die unkommentierten Kameraaufnahmen glaubhaft, dass sein Vorgehen rein dokumentarischen Charakter hat. „Am wichtigsten ist das Fragezeichen hinter dem Titel ,Metropolis?'", erklärt Perrault selbst sein Konzept beim Rundgang durch den Pavillon. Bordeaux und Paris, Lyon und Nantes sowie Marseille vermischen sich in der Bildwelt zu einer einzigen, großen Metropole. Wie die Entwicklung dieser Ballungsräume weitergehen wird, dazu lässt Perrault seine Kollegen sprechen: In einem Video gibt es Interviews mit den Architekten der Planungen für ein „Grand Paris", in denen sie ihre Ansätze zur Strukturierung der Peripherie erklären.

Die Zukunft liegt in der Nutzung des Bestehenden

Erfrischend pragmatisch und ebenfalls mit Blick nach vorne zeigt sich der Pavillon der Niederlande. Im Zentrum steht auch hier eine Installation, die ebenso als Kunst durchginge. Das Konzept der beiden Kuratoren Ronald und Erik Rietveld vom Büro „Rietveld Landscape" formuliert bewusst eine klare politische Botschaft und verzichtet darauf, schmucke Neubauten zu zeigen. Da der Pavillon für die Ausstellung bis auf wenige Monate im Jahr leer steht, knüpften sich die Kuratoren den Leerstand generell vor.

Statt neuer Paläste und kühner Neubau-Modelle, wie sie auf den Biennalen viel zu oft ausgestellt wurden und auch dieses Mal gezeigt werden, geht es im niederländischen Pavillon um ungenutzte, leer stehende Gebäude in staatlichem Besitzt. Und es geht um die Möglichkeit, all diese - historischen oder modernen - Gebäude in den Niederlanden, die die Kuratoren akribisch aufgespürt und katalogisiert haben, durch neue Programme für eine temporäre Zwischennutzung brauchbar zu machen.

Betritt man den Pavillon, so zieht eine blaue Decke den Blick unweigerlich nach oben: Die einzelnen Modelle, die eine Art Zwischenebene bilden, sind lose auf Drahtseile gespannt. Die gesamte Installation erschließt sich dem Betrachter jedoch erst von einer Empore aus. Es sind hunderte leer stehender Gebäude in den Niederlanden, deren Erhalt staatlich finanziert wird, für die es aber weder eine künftige Bestimmung noch ein Konzept für eine Zwischennutzung gibt. Windmühlen und Kirchen, Industriehallen und Leuchttürme breiten sich zu einer großen Häuser-Landschaft aus, die das Kuratorenteam mit Unterstützung von Jurgen Bey, Joost Grootens, Barbara Visser, Landstra & De Vries und Claus Wiersma zu einer beeindruckenden Galerie des Leerstands aneinandergereiht hat. Der Titel der Installation „Vacant NL, where architecture meets ideas", verfolgt ein klares politisches Ziel, nämlich die holländische Regierung dazu zu bringen, temporärer Zwischennutzungen für Architekten, Designer und Künstler zu organisieren. Eine klare Perspektive, wie Architektur in Zukunft auch funktionieren kann: In erster Linie durch die Menschen, die sie beleben. Nicht durch neue Gebäude.

In unserer Serie zur Architekturbiennale sind bislang erschienen:
Oliver Elser über die zentrale Ausstellung der Biennale-Leiterin Kazuyo Sejima
Dirk Meyhöfer über „Sehnsucht" im deutschen Pavillon
Französischer Pavillon "Metropolis?" von Dominique Perrault, Alle Fotos © Dimitrios Tsatsas, Stylepark
Niederländischer Pavillon „Vacant NL, where architecture meets ideas“ von Rietveld Landscape