transparent_layer
Blättern: First Back
von 1602 Forward End
Ausschnitte aus René Clairs Film „À Nous la Liberté“ (1931), Illustration © Sabrina Spee, Stylepark
Ausschnitt aus Billy Wilders Film „The Apartment“ (deutscher Titel „Das Appartment”, 1960), Illustration © Sabrina Spee, Stylepark
Ausschnitt aus Jacques Tatis Film „Playtime“ (1967), Illustration © Sabrina Spee, Stylepark
Ausschnitte aus Alan J. Pakulas Film „All the President’s Men“ (deutscher Titel „Die Unbestechlichen“, 1976), Illustration © Sabrina Spee, Stylepark
Ausschnitt aus der US-amerikanischen Fernsehserie „Mad Men“ (seit 2007), Illustration © Sabrina Spee, Stylepark
„M“, Leiterin des Geheimdienstes MI6, in ihrem Büro in der aktuellen James Bond Verfilmung „Skyfall“ (2012), Illustration© Sabrina Spee, Stylepark
Vom Kontor als Projektion
von Thomas Edelmann
14. November 2012
Das Büro als Lebensort und Existenzweise beschäftigt uns weit über dessen Zweckbestimmung hinaus. Der Film entdeckte das Büro früh als Sujet: Zum Beispiel im Gaunermusical „À nous la Liberté“ („Es lebe die Freiheit“) von René Clair (1931), dessen Set-Design (gestaltet von Lazare Meerson) zum bestimmenden Element dieses Films wird: Ein ebenso karges wie luxuriöses Chefbüro inmitten einer funktionalistischen Fabrik wird Teil der Handlung. Der Film nimmt respektlos Orte und Institutionen aufs Korn, die sich in ihrer „modern“ geprägten Version gerade erst durchsetzen: Gefängnis, Schule, Fabrik und Büro. René Clair geht dabei deutlich spielerischer vor, als Jahrzehnte später Michel Foucault in seinen analytischen Schriften.

Wie wir heute über das Großraumbüro denken, ist nicht zuletzt von Filmen wie Billy Wilders „Apartment“ (1960) beeinflusst. Wilders Alptraum-Büro gestaltete Set-Designer Alexandre Trauner, der zuvor in Paris mit Meerson zusammenarbeitete. Jacques Tati errichtet mit seinem Filmarchitekten Eugène Roman für „Play Time“ (1967) sodann perfektionistisch erhabene Bauwerke und Bürozonen, die sich – wie in der urbanen Realität – als überspannte Gebilde erweisen und sich im einfachen Gebrauch selbst ad absurdum führen. Eben die kaum zu entwirrende Mischung aus Erhabenheit und Dysfunktionalität ist es, die uns im Umgang mit modernen gestalterischen Hervorbringungen mal lachen, mal staunen lässt.

Ganz anders im Polit-Thriller „All the President’s Men“ von Alan J. Pakula (1976), ausgestattet von George P. Gaines, in dem das Großraumbüro wesentlichen Raum einnimmt. Hier ist es die Lebenswelt einer nervösen, modernen Existenz. Es ist Ort der Reflexion, der Recherche und Kommunikation. In ihm gibt es zwar viele aufgekrempelte Ärmel und locker sitzende Krawattenknoten, aber kaum einen Rückzugsraum, kaum eine Zone der Ruhe oder Entspannung. Wozu auch?

In der beliebten Retro-Serie „Mad Men“, geschrieben von Matthew Weiner, die seit 2007 – und mittlerweile in der fünften Staffel – läuft, malen wir uns historische Bürosituationen zwar alles andere als unhierarchich und gleichberechtigt aus, doch mit vielen Vorzügen, die inzwischen ein für alle Mal verschwunden scheinen: Oder wo sonst sind Liege, Hutständer, Kleiderschrank und Whiskey-Versteck geblieben? Art Director Christopher Brown und Set Decorateurin Amy Wells haben sie für die bislang 63 Folgen der Serie wieder hervorgezaubert.

Und selbst in „Skyfall“, dem aktuellen James Bond-Film, der neben vielem anderen auch dem Product-Placement dient, werden Bürowelten destruiert und rekonstruiert. Da fliegt das Büro von „M“ im postmodernen MI6 Building von Terry Farrell und John Laing in die Luft – und mit ihm die transparent bespannten Bürostühle „AirPad“ von Interstuhl. Inwieweit „Field Work“ für Geheimagenten überhaupt noch relevant ist, ob nicht alle besser auf leichten Sesseln Platz nähmen, auch das ist ein Thema des Films. Im Ausweichbüro des Film-Plots jedenfalls, der vermeintlich einen Teil von Churchills Weltkriegsbunker umnutzt, sind gläserne Raumabtrennungen und riesige Bildschirme der letzte Schrei – und ebenso Leuchten von Tobias Grau. Bevor schließlich ein neues Büro doch wieder ganz das alte, traditionelle ist.

Wohlfühlen in der Vergangenheit

Wie streift es sich mit Bildern aus der Film- und Kulturgeschichte im Kopf über eine „Themenmesse“ wie die kürzlich in Köln zu Ende gegangene Orgatec 2012? Wer an die „Mad Men“ denkt, stößt schon bald auf erste Retro-Projekte. Wie entstehen Neuauflagen von Möbeln, die schon Jahrzehnte vergessen waren? Oft hat das mit Lehrer-Schüler-Beziehungen zu tun. Der Architekt Adolf Krischanitz etwa hatte ein Werk seines Lehrers Karl Schwanzer (1918 bis 1975) zu renovieren. In Deutschland wurde Schwanzer vor allem durch sein BMW-Hochhaus, die Münchner Konzernzentrale in Gestalt eines Vierzylinder-Motors, bekannt, die 1972 entstand. Für die Weltausstellung 1958 in Brüssel hatte Schwanzer den Österreich-Pavillon entworfen, der später nach Wien umzog. Krischanitz transformierte und sanierte den Pavillon nun zum „21er-Haus“ für die Österreichische Galerie Belvedere. Dabei entstand die Idee, Schwanzers Wartemöbel in zeittypisch konischer Linien- und Konturenführung wieder aufzulegen. Die „Kollektion 1958“ ist bei der 2010 gegründeten Multimarken-Firma Schneeweiss AG im Programm und wurde um einen passenden Konferenztisch und Ledersofas ergänzt. Fauteuil und Tisch künden von einer anderen Zeit und von der Verwendung purer Materialien, solider Verarbeitung und einer auf Dauerhaftigkeit gerichteten Gestaltung.

Ebenfalls einem Schüler verdankt sich eine weitere Neuauflage: Designer Fritz Močnik studierte in Wien bei dem Architekten, Fotografen und Publizisten Werner Blaser (Jahrgang 1924). Der Hersteller Löffler aus Reichenschwand bei Nürnberg, vor zehn Jahren letztmals auf der Orgatec präsent, widmete Blasers Schwarz-Weiss-Fotografien eine riesige Wand seiner Messepräsentation und legte einige seiner „Entwicklungen“ neu auf – den Begriff Entwurf lehnt er ab.

Dazu gehört ein Ensemble aus Sessel und Hocker-Möbel, mit verzapften Rahmen aus massiver Eiche und Kernleder bezogen sowie dem passendem Tisch mit schwarz gebeizter Eichenfurnierplatte. Sie stammen aus den siebziger und fünfziger Jahren und wirken heute ungewöhnlich angesichts ihrer technischen Perfektion und handwerklichen Qualität. Blaser reiste erstmals 1949 nach Finnland (zu Alvar Aalto), 1951 nach Chicago (zu Ludwig Mies van der Rohe) und 1953 nach Japan. Seit seinem ersten Werk über „Tempel und Teehaus in Japan“ hat er bislang insgesamt 108 Bücher publiziert, weitere sind in Vorbereitung. Bauten und Möbel der Moderne konfrontiert er dabei mit historischen Bauten aus Asien oder der Schweiz, deren bisweilen anonyme Gestaltqualitäten er aufzeigt. Löffler und Blaser verkündeten den Beginn einer umfassenden Zusammenarbeit, die neue Ausstellungen und Bücher hervorbringen soll.

Aufbruch in der Mittelzone

Als „Themenmesse“ funktioniert die Orgatec ganz wunderbar. Die neu gestalteten, feinen „Cubicals“ sind dabei ideale Kristallisationspunkte. Sie sind nicht nur fotogen und wirken freundlich, sondern sie integrieren auch Konzepte für akustische Dämmung, neues Licht (LED-Leuchten von Belux, Nimbus und Tobias Grau), Videokonferenztechnik, Ideen für Farbe und textile Oberflächen im Büro. Dennoch sind sie Lösungen für Probleme, die sich erst durch die Nivellierung bestehender Strukturen ergeben haben. Und weil selbst diese Innovation in der Mehrzahl der Büros nicht einmal ansatzweise umgesetzt ist, spielen die „Cubicals“ in der Weiterentwicklung des Bürobestands vorerst hauptsächlich eine visionäre Rolle.

„Will it even make sense to keep an office?“ fragte Herbert Muschamp 1994 in der „New York Times“, als er das damals revolutionäre Büro von Chiat/Day in Manhattan (gestaltet von Gaetano Pesce) besprach. Bereits damals ging es um das virtuelle Büro und um die Verlagerung der Büroarbeit an andere Orte. Das ikonische Projekt mit gegossenen Kunststoffböden und stoffbekleideten Metallgestellen, in denen die Computer untergebracht waren, überlebte zwar nur kurze Zeit. Doch die Frage, warum Büros sich nicht noch viel stärker von überlieferten Standards lösen, hat vermutlich auch damit zu tun, dass die Hersteller eben doch Tisch- und Schrankplatten, Metallschienen, Polster, und Sitzmechaniken konfigurieren und verkaufen möchten.

Neben den „Cubicals“ dienen auch andere ikonische Objekte dazu, die sich ständig wiederholenden Abläufe im Büro aufzubrechen und ihre stumpfsinnige Gleichförmigkeit aufzulösen. So entwarfen Werner Aisslinger und Nicole Losos für Vitra den „Swing Chair“, eine Hollywood-Schaukel, die mit einer schwunggedämpften Mechanik strengen Büronormen entspricht, dennoch aber einen Ort der gemeinsamen Regeneration bietet. Der „Swing Chair“ bedient mit zeitgenössischen Mitteln die Sehnsucht nach einer als lässig empfunden Vergangenheit. Gerade unter Marktaspekten sind Möbel und Objekte wie diese für die so genannte „Mittelzone“ von einiger Bedeutung, da sie nicht wie Bürostühle und Standardarbeitsplätze in härtestem Wettbewerbs- und Preisdruck stehen.

Abgrenzung im Kernsegment

Nicht nur die Perspektive der Hersteller ist beachtenswert, sondern mitunter auch die der Designer. Seit ihrer Studienzeit in Schwäbisch Gmünd arbeiten Markus Jehs und Jürgen Laub zusammen. Auf der Orgatec zeigten sie Produkte gleich bei drei Herstellern. Wie kann man für mehrere Hersteller arbeiten, ohne sich selbst mit den eigenen Entwürfen ins Gehege zu kommen? Indem man für ihr Kernsegment arbeitet, lautet die Lösung der beiden. Ihr gestalterischer Ansatz zielt nicht auf Erfindung neuer, spektakulärer Formen ab, sondern auf eine Interpretation, die neue Qualitäten entstehen lässt. Ihre Entwürfe sind daher oft etwas für den zweiten Blick.

Für Brunner entwarfen sie den „A-Chair“, der hauptsächlich für Reihenbestuhlungen gedacht ist. Seine Silhouette ähnelt einem A; interessant ist die Entkoppelung der Sitzschale vom Untergestell. So können unterschiedliche Gestelle – etwa aus Aluminium-Druckguss oder Kunststoff – mit Schalen unterschiedlicher Farben und Materialien – etwa Kunststoff oder Formholz – kombiniert werden.

Für Wilkhahn wiederum schufen Jehs+Laub bereits vor zwei Jahren den Konferenz-Sessel „Graph.“, der als zeichenhaftes Objekt, ohne komplizierte Mechanik mit einer auf drei Punkten gelagerten Stahlblattfeder sanftes Wippen ermöglicht. Nun kam der passende „Graph-Tisch“ hinzu und das neue Lounge-Möbelsystem „Asienta“ mit Sessel und Sofas. Wieder werden vertraute Elemente weiterentwickelt.

Eine Aluminiumstruktur mit fein ausgearbeiteten Knoten-Elementen aus Aluminiumdruckguss ist mit Strangpressprofilen verbunden. Unsichtbar sorgt ein Kunststoffgewebe für Beweglichkeit und Stabilität der Seiten- und Rückenlehne. Die Polster (wahlweise Stoff oder Leder) zeigen nur wenige Nähte, denn sie sind nach innen eingeklappt. Das sieht nicht nur elegant aus, man kann auch in vielen Positionen bequem sitzen.

Auch für Cor haben Jehs+Laub ein neues Sitzmöbelprogramm entwickelt. „Mell“ hat eine filigrane Stahlkonstruktion, auf der die Möbelkörper schweben. Es ist ein System aus Einzelsessel (auch als Eckvariante), Zwei- oder Drei-Sitzer, Bänken und Tischen. Als freistehende Möbel funktionieren die Elemente von „Mell“ ebenso wie als raumgreifende Sitzlandschaft. Zur imm cologne 2013 werden weitere, wohnlichere Varianten von „Mell“ präsentiert.

Nicht als Büromöbelhersteller, sondern als vertriebsstarke Marke mit Internet- und Showroom-Präsenz hat sich Hay etabliert. Das Regalsystem „New Order“ von Stefan Diez und Dominik Hammer ist als wachsendes System konzipiert. Es war zunächst bei Established & Sons im Programm, konnte dort seine Qualitäten aber nicht ausspielen. „New Order“ besteht aus Aluminiumelementen und einer Reihe von Zusatzbauteilen. Seine Rasterkonstruktion erlaubt unterschiedlichste Konfigurationen vom Regal über den Beistelltisch und das Sideboard bis zum Raumteiler. Eine acht Zentimeter hohe Metallwanne ist gedacht, um den täglichen Kleinkram in Büro oder Wohnung aufzunehmen. Für Bücher, Zeitschriften und Ordner gibt es reguläre Aluminium-Borde. „New Order“ versteht sich als Standardmöbel, es hat keine Vorder- oder Rückseite und lässt sich ohne Werkzeug aufbauen und nach dem Aufbau ergänzen, beispielsweise mit Türen oder seitlichen Abschlüssen aus dünnem Sperrholz. Diese werden mit Beschlägen aus Polypropylen an die Metallstruktur „angeklippst“. Aus wenigen Elementen kann so ein vergleichsweise günstiges Staumöbel entstehen.

Einige neue Spielarten und Objekte hatte die Orgatec 2012 zu bieten. Werden diese Objekte für die „Mittelzone“ künftig unseren Alltag verändern? Darüber entscheiden nun in erster Linie Planer, Einkäufer, Bauherren und ihre Auftraggeber. Wir sollten sie nicht aus dem Auge verlieren.
addthis
Produkte
Wilkhahn: Graph Tisch @ Stylepark
Wilkhahn
Graph Tisch
jehs + laub
Interstuhl: AirPad Drehstuhl @ Stylepark
Interstuhl
AirPad Drehstuhl
Andreas Krob
Joachim Brüske
Wilkhahn: Asienta Sessel @ Stylepark
Wilkhahn
Asienta Sessel
jehs + laub
Vitra: Workbay @ Stylepark
Vitra
Workbay
Erwan Bouroullec
Ronan Bouroullec
COR: Mell Ecksessel @ Stylepark
COR
Mell Ecksessel
jehs + laub
Brunner: A-Chair 9708 @ Stylepark
Brunner
A-Chair 9708
jehs + laub
BuzziSpace: BuzziTemp @ Stylepark
BuzziSpace
BuzziTemp
Alain Gilles
Tobias Grau: Bill Standleuchte @ Stylepark
Tobias Grau
Bill Standleuchte
Tobias Grau
Interstuhl: AirPad Freischwinger @ Stylepark
Interstuhl
AirPad Freischwinger
Andreas Krob
Joachim Brüske
Bene: DOCKLANDS Dock-In Bay @ Stylepark
Bene
DOCKLANDS Dock-In Bay
Pearson Lloyd
Wilkhahn: Asienta Tisch @ Stylepark
Wilkhahn
Asienta Tisch
jehs + laub
HAY: New Order @ Stylepark
HAY
New Order
Stefan Diez
News & Stories › 2012 › November
Vom Kontor als Projektion
von Thomas Edelmann | 14. November 2012
Im Film und auf der Orgatec führen Darstellungen des Büros ein Eigenleben. Welche Vorstellung von Realtiät vermitteln sie? Ein Rundgang durch Filmarchive und Messeflure.
Das Büro als Lebensort und Existenzweise beschäftigt uns weit über dessen Zweckbestimmung hinaus. Der Film entdeckte das Büro früh als Sujet: Zum Beispiel im Gaunermusical „À nous la Liberté“ („Es lebe die Freiheit“) von René Clair (1931), dessen Set-Design (gestaltet von Lazare Meerson) zum bestimmenden Element dieses Films wird: Ein ebenso karges wie luxuriöses Chefbüro inmitten einer funktionalistischen Fabrik wird Teil der Handlung. Der Film nimmt respektlos Orte und Institutionen aufs Korn, die sich in ihrer „modern“ geprägten Version gerade erst durchsetzen: Gefängnis, Schule, Fabrik und Büro. René Clair geht dabei deutlich spielerischer vor, als Jahrzehnte später Michel Foucault in seinen analytischen Schriften.

Wie wir heute über das Großraumbüro denken, ist nicht zuletzt von Filmen wie Billy Wilders „Apartment“ (1960) beeinflusst. Wilders Alptraum-Büro gestaltete Set-Designer Alexandre Trauner, der zuvor in Paris mit Meerson zusammenarbeitete. Jacques Tati errichtet mit seinem Filmarchitekten Eugène Roman für „Play Time“ (1967) sodann perfektionistisch erhabene Bauwerke und Bürozonen, die sich – wie in der urbanen Realität – als überspannte Gebilde erweisen und sich im einfachen Gebrauch selbst ad absurdum führen. Eben die kaum zu entwirrende Mischung aus Erhabenheit und Dysfunktionalität ist es, die uns im Umgang mit modernen gestalterischen Hervorbringungen mal lachen, mal staunen lässt.

Ganz anders im Polit-Thriller „All the President’s Men“ von Alan J. Pakula (1976), ausgestattet von George P. Gaines, in dem das Großraumbüro wesentlichen Raum einnimmt. Hier ist es die Lebenswelt einer nervösen, modernen Existenz. Es ist Ort der Reflexion, der Recherche und Kommunikation. In ihm gibt es zwar viele aufgekrempelte Ärmel und locker sitzende Krawattenknoten, aber kaum einen Rückzugsraum, kaum eine Zone der Ruhe oder Entspannung. Wozu auch?

In der beliebten Retro-Serie „Mad Men“, geschrieben von Matthew Weiner, die seit 2007 – und mittlerweile in der fünften Staffel – läuft, malen wir uns historische Bürosituationen zwar alles andere als unhierarchich und gleichberechtigt aus, doch mit vielen Vorzügen, die inzwischen ein für alle Mal verschwunden scheinen: Oder wo sonst sind Liege, Hutständer, Kleiderschrank und Whiskey-Versteck geblieben? Art Director Christopher Brown und Set Decorateurin Amy Wells haben sie für die bislang 63 Folgen der Serie wieder hervorgezaubert.

Und selbst in „Skyfall“, dem aktuellen James Bond-Film, der neben vielem anderen auch dem Product-Placement dient, werden Bürowelten destruiert und rekonstruiert. Da fliegt das Büro von „M“ im postmodernen MI6 Building von Terry Farrell und John Laing in die Luft – und mit ihm die transparent bespannten Bürostühle „AirPad“ von Interstuhl. Inwieweit „Field Work“ für Geheimagenten überhaupt noch relevant ist, ob nicht alle besser auf leichten Sesseln Platz nähmen, auch das ist ein Thema des Films. Im Ausweichbüro des Film-Plots jedenfalls, der vermeintlich einen Teil von Churchills Weltkriegsbunker umnutzt, sind gläserne Raumabtrennungen und riesige Bildschirme der letzte Schrei – und ebenso Leuchten von Tobias Grau. Bevor schließlich ein neues Büro doch wieder ganz das alte, traditionelle ist.

Wohlfühlen in der Vergangenheit

Wie streift es sich mit Bildern aus der Film- und Kulturgeschichte im Kopf über eine „Themenmesse“ wie die kürzlich in Köln zu Ende gegangene Orgatec 2012? Wer an die „Mad Men“ denkt, stößt schon bald auf erste Retro-Projekte. Wie entstehen Neuauflagen von Möbeln, die schon Jahrzehnte vergessen waren? Oft hat das mit Lehrer-Schüler-Beziehungen zu tun. Der Architekt Adolf Krischanitz etwa hatte ein Werk seines Lehrers Karl Schwanzer (1918 bis 1975) zu renovieren. In Deutschland wurde Schwanzer vor allem durch sein BMW-Hochhaus, die Münchner Konzernzentrale in Gestalt eines Vierzylinder-Motors, bekannt, die 1972 entstand. Für die Weltausstellung 1958 in Brüssel hatte Schwanzer den Österreich-Pavillon entworfen, der später nach Wien umzog. Krischanitz transformierte und sanierte den Pavillon nun zum „21er-Haus“ für die Österreichische Galerie Belvedere. Dabei entstand die Idee, Schwanzers Wartemöbel in zeittypisch konischer Linien- und Konturenführung wieder aufzulegen. Die „Kollektion 1958“ ist bei der 2010 gegründeten Multimarken-Firma Schneeweiss AG im Programm und wurde um einen passenden Konferenztisch und Ledersofas ergänzt. Fauteuil und Tisch künden von einer anderen Zeit und von der Verwendung purer Materialien, solider Verarbeitung und einer auf Dauerhaftigkeit gerichteten Gestaltung.

Ebenfalls einem Schüler verdankt sich eine weitere Neuauflage: Designer Fritz Močnik studierte in Wien bei dem Architekten, Fotografen und Publizisten Werner Blaser (Jahrgang 1924). Der Hersteller Löffler aus Reichenschwand bei Nürnberg, vor zehn Jahren letztmals auf der Orgatec präsent, widmete Blasers Schwarz-Weiss-Fotografien eine riesige Wand seiner Messepräsentation und legte einige seiner „Entwicklungen“ neu auf – den Begriff Entwurf lehnt er ab.

Dazu gehört ein Ensemble aus Sessel und Hocker-Möbel, mit verzapften Rahmen aus massiver Eiche und Kernleder bezogen sowie dem passendem Tisch mit schwarz gebeizter Eichenfurnierplatte. Sie stammen aus den siebziger und fünfziger Jahren und wirken heute ungewöhnlich angesichts ihrer technischen Perfektion und handwerklichen Qualität. Blaser reiste erstmals 1949 nach Finnland (zu Alvar Aalto), 1951 nach Chicago (zu Ludwig Mies van der Rohe) und 1953 nach Japan. Seit seinem ersten Werk über „Tempel und Teehaus in Japan“ hat er bislang insgesamt 108 Bücher publiziert, weitere sind in Vorbereitung. Bauten und Möbel der Moderne konfrontiert er dabei mit historischen Bauten aus Asien oder der Schweiz, deren bisweilen anonyme Gestaltqualitäten er aufzeigt. Löffler und Blaser verkündeten den Beginn einer umfassenden Zusammenarbeit, die neue Ausstellungen und Bücher hervorbringen soll.

Aufbruch in der Mittelzone

Als „Themenmesse“ funktioniert die Orgatec ganz wunderbar. Die neu gestalteten, feinen „Cubicals“ sind dabei ideale Kristallisationspunkte. Sie sind nicht nur fotogen und wirken freundlich, sondern sie integrieren auch Konzepte für akustische Dämmung, neues Licht (LED-Leuchten von Belux, Nimbus und Tobias Grau), Videokonferenztechnik, Ideen für Farbe und textile Oberflächen im Büro. Dennoch sind sie Lösungen für Probleme, die sich erst durch die Nivellierung bestehender Strukturen ergeben haben. Und weil selbst diese Innovation in der Mehrzahl der Büros nicht einmal ansatzweise umgesetzt ist, spielen die „Cubicals“ in der Weiterentwicklung des Bürobestands vorerst hauptsächlich eine visionäre Rolle.

„Will it even make sense to keep an office?“ fragte Herbert Muschamp 1994 in der „New York Times“, als er das damals revolutionäre Büro von Chiat/Day in Manhattan (gestaltet von Gaetano Pesce) besprach. Bereits damals ging es um das virtuelle Büro und um die Verlagerung der Büroarbeit an andere Orte. Das ikonische Projekt mit gegossenen Kunststoffböden und stoffbekleideten Metallgestellen, in denen die Computer untergebracht waren, überlebte zwar nur kurze Zeit. Doch die Frage, warum Büros sich nicht noch viel stärker von überlieferten Standards lösen, hat vermutlich auch damit zu tun, dass die Hersteller eben doch Tisch- und Schrankplatten, Metallschienen, Polster, und Sitzmechaniken konfigurieren und verkaufen möchten.

Neben den „Cubicals“ dienen auch andere ikonische Objekte dazu, die sich ständig wiederholenden Abläufe im Büro aufzubrechen und ihre stumpfsinnige Gleichförmigkeit aufzulösen. So entwarfen Werner Aisslinger und Nicole Losos für Vitra den „Swing Chair“, eine Hollywood-Schaukel, die mit einer schwunggedämpften Mechanik strengen Büronormen entspricht, dennoch aber einen Ort der gemeinsamen Regeneration bietet. Der „Swing Chair“ bedient mit zeitgenössischen Mitteln die Sehnsucht nach einer als lässig empfunden Vergangenheit. Gerade unter Marktaspekten sind Möbel und Objekte wie diese für die so genannte „Mittelzone“ von einiger Bedeutung, da sie nicht wie Bürostühle und Standardarbeitsplätze in härtestem Wettbewerbs- und Preisdruck stehen.

Abgrenzung im Kernsegment

Nicht nur die Perspektive der Hersteller ist beachtenswert, sondern mitunter auch die der Designer. Seit ihrer Studienzeit in Schwäbisch Gmünd arbeiten Markus Jehs und Jürgen Laub zusammen. Auf der Orgatec zeigten sie Produkte gleich bei drei Herstellern. Wie kann man für mehrere Hersteller arbeiten, ohne sich selbst mit den eigenen Entwürfen ins Gehege zu kommen? Indem man für ihr Kernsegment arbeitet, lautet die Lösung der beiden. Ihr gestalterischer Ansatz zielt nicht auf Erfindung neuer, spektakulärer Formen ab, sondern auf eine Interpretation, die neue Qualitäten entstehen lässt. Ihre Entwürfe sind daher oft etwas für den zweiten Blick.

Für Brunner entwarfen sie den „A-Chair“, der hauptsächlich für Reihenbestuhlungen gedacht ist. Seine Silhouette ähnelt einem A; interessant ist die Entkoppelung der Sitzschale vom Untergestell. So können unterschiedliche Gestelle – etwa aus Aluminium-Druckguss oder Kunststoff – mit Schalen unterschiedlicher Farben und Materialien – etwa Kunststoff oder Formholz – kombiniert werden.

Für Wilkhahn wiederum schufen Jehs+Laub bereits vor zwei Jahren den Konferenz-Sessel „Graph.“, der als zeichenhaftes Objekt, ohne komplizierte Mechanik mit einer auf drei Punkten gelagerten Stahlblattfeder sanftes Wippen ermöglicht. Nun kam der passende „Graph-Tisch“ hinzu und das neue Lounge-Möbelsystem „Asienta“ mit Sessel und Sofas. Wieder werden vertraute Elemente weiterentwickelt.

Eine Aluminiumstruktur mit fein ausgearbeiteten Knoten-Elementen aus Aluminiumdruckguss ist mit Strangpressprofilen verbunden. Unsichtbar sorgt ein Kunststoffgewebe für Beweglichkeit und Stabilität der Seiten- und Rückenlehne. Die Polster (wahlweise Stoff oder Leder) zeigen nur wenige Nähte, denn sie sind nach innen eingeklappt. Das sieht nicht nur elegant aus, man kann auch in vielen Positionen bequem sitzen.

Auch für Cor haben Jehs+Laub ein neues Sitzmöbelprogramm entwickelt. „Mell“ hat eine filigrane Stahlkonstruktion, auf der die Möbelkörper schweben. Es ist ein System aus Einzelsessel (auch als Eckvariante), Zwei- oder Drei-Sitzer, Bänken und Tischen. Als freistehende Möbel funktionieren die Elemente von „Mell“ ebenso wie als raumgreifende Sitzlandschaft. Zur imm cologne 2013 werden weitere, wohnlichere Varianten von „Mell“ präsentiert.

Nicht als Büromöbelhersteller, sondern als vertriebsstarke Marke mit Internet- und Showroom-Präsenz hat sich Hay etabliert. Das Regalsystem „New Order“ von Stefan Diez und Dominik Hammer ist als wachsendes System konzipiert. Es war zunächst bei Established & Sons im Programm, konnte dort seine Qualitäten aber nicht ausspielen. „New Order“ besteht aus Aluminiumelementen und einer Reihe von Zusatzbauteilen. Seine Rasterkonstruktion erlaubt unterschiedlichste Konfigurationen vom Regal über den Beistelltisch und das Sideboard bis zum Raumteiler. Eine acht Zentimeter hohe Metallwanne ist gedacht, um den täglichen Kleinkram in Büro oder Wohnung aufzunehmen. Für Bücher, Zeitschriften und Ordner gibt es reguläre Aluminium-Borde. „New Order“ versteht sich als Standardmöbel, es hat keine Vorder- oder Rückseite und lässt sich ohne Werkzeug aufbauen und nach dem Aufbau ergänzen, beispielsweise mit Türen oder seitlichen Abschlüssen aus dünnem Sperrholz. Diese werden mit Beschlägen aus Polypropylen an die Metallstruktur „angeklippst“. Aus wenigen Elementen kann so ein vergleichsweise günstiges Staumöbel entstehen.

Einige neue Spielarten und Objekte hatte die Orgatec 2012 zu bieten. Werden diese Objekte für die „Mittelzone“ künftig unseren Alltag verändern? Darüber entscheiden nun in erster Linie Planer, Einkäufer, Bauherren und ihre Auftraggeber. Wir sollten sie nicht aus dem Auge verlieren.