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Warum soll ich ein Hühnchen sein?
von Sandra Hofmeister | 26. Oktober 2009
Kreative Ursprungsmythen und Geistesblitze sind bekanntlich vielfältig, manche davon gehen weit über unser Vorstellungsvermögen hinaus. Nun mag die Eingebung von den Göttern selbst kommen, aus der Beobachtung der Natur oder nur aus einer Laune heraus - Nacho Carbonells Vorstellung vom Ursprung der Inspiration ist sicherlich eine der originellsten: Sein „Fertility Cave" zeigt eine dunkle Höhle aus mythischen Schleim und behaarten Häuten, die sich irgendwo in Nacho Carbonells Gehirn befinden, dort, wo alle kreativen Ideen des Spanischen Designers entstehen. Ein symbolischer Raum für die Fruchtbarkeit, ganz nah an Mutter Natur, an der Ursubstanz von Gehirnwindungen und an der neurologischen Schnittstelle zwischen Körper und Idee.

Der Mensch ist eben auch Materie, postulierte Arthur Schopenhauer in „Die Welt als Wille und Vorstellung" - und Nacho Carbonell verbildlicht diese Materie mit einem Blick auf den organischen Grund der Welt der Vorstellung. „Der „Designer of the Future"-Award gab mir Gelegenheit, mein Gehirn selbst zu projizieren statt die Produkte, die es kreiert", sagt Carbonell. Seine Installation auf der letzten Art Basel/Design Miami, die den Absolventen der Design Academy Eindhoven mit dem Zukunftspreis für junge Designer auszeichnete, bleibt unvergesslich authentisch. Ein Experiment mit nicht-industriellen Techniken und Materialien. Eine Erkundung der Grenzen zwischen Materie und Inspiration, die einen erfrischenden Blick auf die Welt des Designs wirft.

Am tierischen Urgrund der Materie

Die einzelnen Elemente im dunklen Universum der Fruchtbarkeitshöhle sind nicht aus simplem Pappmaschee, sondern aus Gips - samt einer tragenden Metallstruktur als Unterschicht - gefertigt. „Der Käfig hat zwei kleine Eingänge, durch die Besucher kriechen müssen. Sie müssen diese Anstrengung auf sich nehmen, um tief in mein Gehirn vorzudringen, genauso wie sie sich abmühen, in die Tiefen ihres eigenen Ichs vorzustoßen", meint Carbonell. Eine Einladung, die ernst gemeint ist und von einer Performance des jungen Spaniers begleitet wurde: Nacho ganz allein mit der Uridee, einem Fruchtbarkeitssack über den Oberkörper gestülpt. Nacho im Gewand eines behaarten Vogeltieres, tief in der Höhle der Materie, am Urgrund aller Ideen. Vielleicht gleicht die Welt als Wille und Vorstellung der eines Hühnchens. Vielleicht lag Arthur Schopenhauer richtig, nur das die Materie, die er meinte, auch einen ornithologischen Ursprung haben kann.

Mit vogelfreiem Blick nach vorne

Schon seine Abschlussarbeit in Eindhoven „Pump It Up" und „Dream of Sand" (2007) sorgte für Furore. Carbonell (*1980) hat sein Atelier in einer Kirche in Eindhoven eingerichtet, und auch wenn er seine Experimente bislang in kleiner Stückzahl umsetzt, die nicht für den Massenmarkt gedacht sind, so zeigen sie doch die Zukunft des Designs. Spätestens seit Brad Pitt dieses Jahr Teile der „Evolution"-Serie im Spazio Rossana Orlandi in Basel erwarb, ist Nacho Carbonell berühmt. Ein vogelfreier Nachwuchsdenker unter den Designern, der das Zeug für eine wilde Zukunft hat. Für die nächsten Jahre hat sich Carbonell vorgenommen, seine Ideen reif für die Serienproduktion zu machen. Man darf also gespannt sein, ob es den mythischen Evolutions- und Hühnchenfantasien gelingen wird, die Welt des praktischen Alltags zu erobern.

www.nachocarbonell.com
All photos © Nacho Carbonell, Eindhoven