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Welcome Lenin!
von Daniel von Bernstorff | 19. Oktober 2008
Ist da ein Lächeln über das wächserne Gesicht von Lenin gehuscht angesichts der momentanen Verstaatlichungsaktionen rund um den Globus? Das touristische Interesse am einbalsamierten Revolutionsführer ist in jedem Fall ungebrochen. Gegenüber, im Konsumtempel GUM, ist es dagegen recht leer. Erste Anzeichen eines bevorstehenden Niedergangs des russischen Turbo-Kapitalismus? Eine merkwürdige Stimmung herrscht in diesen Herbsttagen in der russischen Hauptstadt. Mit den verheerenden Nachrichten aus der Finanzwelt weiß man nicht so recht umzugehen. Wohin treibt das Land? Schon mein Sitznachbar im Flugzeug, der in der Stahlbranche arbeitet, ahnt Schlimmes: Die Auktionen, zu denen er auf dem Weg war, wurden kurzfristig abgesagt. Die Baubranche habe massive Probleme und so sei auch der Bedarf nach Stahl zurückgegangen. Schöne Aussichten sehen anders aus. Moskau präsentiert sich Grau in Grau. Die Fahrt vom Flughafen Domodedovo ins Stadtzentrum dauert über zwei Stunden. Das ist zu jeder Tageszeit so, sagt mein Fahrer Igor. Vorbei an tristen Trabantenstädten, in denen die meisten der mittlerweile fünfzehn Millionen Einwohner leben, geht es ins Zentrum. Geduld ist die oberste Tugend im Moskauer Verkehrsinfarkt, ich nehme mir vor, etwas von Igors solcher mit zurück nach Deutschland zu nehmen.

Mein Ziel ist die Messe „iSaloni worldwide", ein Exportprodukt der Mailänder Messegesellschaft Cosmit und des Möbelverbandes Federlegno-Arredo, das fast fünfhundert italienische Design-Hersteller in die russische Hauptstadt bringt. Zeitgleich ist im Kaufhaus GUM eine riesige Ausstellung italienischer Designexponate zu sehen, die von Einheimischen sowie Touristen teils ungläubig bestaunt werden. Eine glitzernde Inszenierung, so fern von der Realität wie das Messegelände von der Stadt. Dort, im hochmodernen Crocus-Center, gibt sich das Who is Who des italienischen Designs ein Stelldichein. Am ersten Messetag sind hier vor allem Präsidenten zu sehen (in Italien ist fast jeder „presidente"), der Besucherandrang hält sich in überschaubaren Grenzen, schon wird gemutmaßt, dass der als Heilsbringer gefeierte russische Markt angesichts der Finanzkrise bedenklich ins Taumeln geraten sei. Ein Highlight ist die Präsentation des Nachwuchsforums „Salone Satellite" mit 31 jungen Designern aus Russland und den baltischen Staaten. Hier zeigt sich, besonders beim Litauer Mantas Lataitis, der mit seinem Multifunktionsmöbel „Babel", das als Tisch, Bank und Regal einsetzbar ist, den besten Eindruck hinterliess, ein beachtliches kreatives Potenzial.

Zurück in der Stadt bei einem Besuch im Kaufhaus ZUM, das noch eine Steigerung gegenüber dem Kaufhaus GUM ist, denn hier gibt es nur die absoluten Luxusmarken. Gähnende Leere bei Prada und Louis Vuitton, nur Sicherheitsleute und Hostessen, die ihre wohlriechenden Duftproben nicht los werden.
Sind das wirklich schon die ersten Anzeichen einer Krise? Oder bin ich nur einfach am falschen Tag hier? Nichts scheint sicher in diesem Land. Nur Lenin bleibt von alledem unbeeindruckt und feiert ein stilles Comeback.
Kaufhaus GUM, Moskau, © josef.stuefer (Flickr)
© range commander (Flickr)
Kaufhaus GUM, Moskau, © Marantzer (Flickr)
© Andrei_S (Flickr)
© nigel_chaloner (Flickr)